
© Texte, Bilder und Cover: Beatrice Kobras
Karlchen besuchte eine Klosterschule. Kurz bevor seine Eltern ihn am letzten Schultag vor den großen Ferien abholen kamen, geriet er noch einmal in Schwierigkeiten.
Beim Abschlussgottesdienst schwenkte der Pfarrer den Weihrauchkessel an ihm vorbei. Karlchen begann laut zu husten, schnappte nach Luft und röchelte:
„Drogen haben mir meine Eltern verboten!“
Dann rannte er hustend und keuchend aus der Kirche.

Bruder Jacob, sein Religionslehrer, folgte ihm wütend, packte ihn am Arm und schimpfte streng: „Wenn du dich im nächsten Schuljahr nicht besser benimmst und ein besserer Junge wirst, dann wirst du dein blaues Wunder erleben! Nur eine besonders gute Tat kann dein schlechtes Benehmen wiedergutmachen!“

„Und merk dir eins!“, rief er hinterher.
„Das tut mir mehr weh als dir!“
Als Karlchen seine Eltern begrüßte, sagte er kein Wort davon. Doch die Worte des Bruders hallten in seinem Kopf nach: „Schreckliches wird dir widerfahren! In der Hölle wirst du schmoren!“
Da wurde dem kleinen Karlchen doch etwas mulmig
In den Ferien fuhr Karlchen mit seiner Familie an die Ostsee.
Am Strand langweilte er sich. Er warf Steine ins Meer, fing Quallen und erschreckte damit die Mädchen, die sich sonnten.

Doch immer wieder hörte er die Worte des Bruders: „Nur eine besonders gute Tat kann dich erlösen!“
Karlchen saß auf dem Steg, ließ die Füße ins Wasser baumeln und dachte nach.

Wie mochte es wohl in der Hölle sein? Ob es dort wärmer war als im Hochsommer? Ob der Teufel vielleicht sogar sein Freund sein könnte?
„Plöpp!“, machte ein Stein.
„Plöpp!“, der nächste.
„Autsch!“, hörte er plötzlich dumpf aus dem Wasser.
Karlchen erstarrte.
Noch ein Stein.
„Autsch!“
Und plötzlich schoss eine Gestalt aus dem Wasser empor.
„Rette Schorsch! Oder du wirst in der Hölle enden!“, rief sie.
„Dafür werde ich sorgen! Lass dir das von Neptun gesagt sein!“

Dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war.
Erschrocken lief Karlchen davon.
Er wollte nicht mehr an den Strand.
Und auch die Quallen ließ er von nun an in Ruhe.
Am Abend gingen seine Eltern mit ihm in ein Fischrestaurant.
Überall standen Aquarien mit Fischen, Hummern und Krebsen.
Karlchen setzte sich zögernd.
„Rette Schorsch…“, hörte er es leise blubbern.
Er blickte sich um.
„Rette Schorsch…“
Jetzt kam es aus mehreren Becken gleichzeitig.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.

Ein Krebs krabbelte direkt auf ihn zu und starrte ihn an.
Egal wohin Karlchen sich bewegte – die Augen folgten ihm.
Da kam ein Koch mit einem Netz und holte einen Fisch aus dem Becken.
Karlchen schlich hinterher und sah, wie der Fisch zubereitet wurde.

„Blubb…“, hörte er es wieder.
„Rette Schorsch…“, blubberte ein alter Karpfen.
„Der Fisch war alt und krank. Für ihn war es eine Erlösung. Aber rette Schorsch!“
Karlchen wusste nicht mehr, was er denken sollte.

Er ging auf die Toilette und ließ sich kaltes Wasser über den Kopf laufen.
„Rette Schorsch…“, hörte er es aus dem Wasserhahn.
„Rette Schorsch…“, aus der Toilettenschüssel.
„Wer ist Schorsch?!“, rief Karlchen verzweifelt.
„Miesmuschel-Schorsch!“, hallte es zurück.
„Und hüte dich vor Luzifer, dem schwarzen Krebs!“

Karlchen ging zurück zu den Aquarien.
„Wer ist Schorsch?“, flüsterte er.
„I-ich…“, kam es leise aus einem Becken.
Dort zitterte eine kleine Miesmuschel.
„Du?“, fragte Karlchen.
„Ja…“, bibberte sie. „Bitte hilf mir!“
„Lass ihn. Iss ihn!“, knurrte der Krebs.

Da hatte Karlchen genug.
„Das ist mein Freund, der Miesmuschelschorsch!“, rief er.
Er griff nach seinem Schulranzen, angelte Schorsch aus dem Becken und rannte los – hinaus zum Meer.

„Danke, Karlchen!“, rief Schorsch und verschwand im Wasser.
Das Meer teilte sich und Neptun erschien.
„Das werde ich dir nie vergessen“, sagte er ruhig.
„Ich werde dich beschützen.“
Karlchen lächelte.
Zum ersten Mal fühlte er sich nicht mehr wie ein schlechter Junge.

Als er zurück ins Restaurant kam, war es still.
Die Tiere zwinkerten ihm zu.
Nur der schwarze Krebs hob drohend seine Schere.
Doch da wurde er vom Koch aus dem Becken gefischt.

Die anderen Tiere jubelten – und plötzlich liefen sie alle zurück ins Meer.
Karlchen rannte hinterher und lachte.

Von da an durfte er jeden Sommer an die Ostsee reisen, um seinen Freund Schorsch zu besuchen.
Und jedes Mal, wenn er am Meer saß, wusste er:
Eine gute Tat kann alles verändern.

