
© Texte, Bilder und Cover: Beatrice Kobras
Viele Mohrrüben für Rosi
„Ihr beiden seid heute wieder echt spitze gewesen!“, sagte René zu Pia, während Pia ihre Stute Rosi in die Box brachte und ihr eine große Portion Möhren in ihren Trog kippte. „Rosi ist einfach die Beste!“, sagte Pia und lehnte sich an die Boxentüre ihres Haflingers und sah zu, wie sie sich über die Sonderration Möhren hermachte. Sie liebte die helle Mähne ihres Pferdes, das hellbraune Fell, das ihren Körper schmückte, die Blässe, die sich breit über ihren Nasenrücken bis zu ihren rosa Nüstern zog, ihre weißen Beine, die wie weiße Stiefel aussahen und ihr Schweif, der ebenso hell wie ihre Mähne war. Pia kannte jedes einzelne Haar am Körper ihrer Stute Rosi auswendig und hätte am liebsten jedes einzelne beweint, welches sie verlor. In ihren geheimsten Gedanken überlegte Pia schon, ob sie das Fell, welches Rosi verlor nicht zu Wolle verspinnen sollte und sich davon einen Pullover stricken. So hätte sie Rosi und den Duft ihrer Stute immer um sich gehabt. Auch, wenn sie nicht bei ihr sein konnte, aber dann hätte René sie wohl in eine Irrenanstalt einweisen lassen.
René war der begehrteste Junge ihrer Schule und Pia hatte ihn im vergangenen Sommer im Stall kennen gelernt. Plötzlich stand er hinter ihr und hatte ihr erklärt, dass ihr Charly, wie Rosi bis dahin von ihrem Besitzer genannt wurde, eine Rosi sei und auch so hieß. Hans, der Besitzer ihres Pferdes nannte jedes seiner Pferde Charly. Egal, ob Stute, oder Hengst – sein Pferd war Charly.
Pia bekam im vergangenen Frühjahr sofort starkes Herzklopfen, als René sie ansprach und jede seiner Berührungen durchzuckte jede einzelne Ader in Pias Körper. Das hat sich allerdings nicht geändert. Am Ende des Sommers waren sie ein richtiges Dreiergespann – Pia, René und Rosi. Sie wurden unzertrennlich und René hütete Pia wie seinen Augapfel – und Pia hütete Rosi ebenso.
„Ihr habt es den anderen ja wieder ganz schön gezeigt!“, rief Hans die Stallgasse entlang, als er diese betreten hatte. „Lass mal eure Schleife sehen!“, rief Norbert, ihr Reitlehrer, der die drei sehr unterstützt hat, als sie Pias erstes Reitturnier vorbereitet haben. „Wer hätte das gedacht!“, philosophierte Hans. „Letztes Jahr hast du erst das Reiten gelernt und heute gewinnst du jedes Turnier!“. „Rosi gewinnt jedes Turnier!“, verbesserte Pia. „Du bist schon auch daran beteiligt!“, sagte René, legte seinen Arm um sie und lächelte. „Ohne dich hätte ich das sowieso nie geschafft!“, sagte Pia. „Und ohne Hans, ohne Robert …“, ergänzte Pia. „Und ohne uns?“, fragte Pias Mutter, die soeben zusammen mit Pias Oma die Stallgasse betrat. „Nein, was ich wieder gezittert habe!“, sagte Pias Oma.
„Dass du mir ja nicht doch einmal herunterfällst!“, ergänzte sie ihren Satz, da sie von Natur aus sehr ängstlich war und immer um ihre Enkelin bangte, gleichzeitig aber der zu Fleisch gewordene Stolz war und jedem auf dem Turnierplatz erzählte, dass es ihre Enkelin war, die die gelbe Siegesschleife verliehen bekam.
Obwohl Pia Zusammenkünfte dieser Art vor Rosis Box sehr peinlich waren, war sie auch sehr stolz und genoss es, all die Menschen, die ihr, René und Rosi so wohl gesonnen waren und sie unterstützten, wo sie nur konnten, mit ihr beisammen Standen, um mit ihr gemeinsam das schönste Ereignis des Tages zu feiern.
„Hunger?“, fragte Pias Mutter. „Bärenhunger!“, antworteten René und Pia wie aus einem Munde. „Dann spendiere ich eine Runde Pizza für alle!“, beschloss Pias Mutter. „Hm!“, machte Pias Oma. „Pizza ist doch so ungesund!“. „Aber oberlecker!“, sagte Pia und ihre Mutter nahm die einzelnen Wünsche auf und notierte, wer welche Pizza haben wollte. „Ich spendiere Bier und Cola!“, beschloss Hans. Da strahlte Pias Oma über das ganze Gesicht. „Gell, das macht uns beiden mehr Freude!“, sagte Hans zu Pias Oma und versetzte ihr einen kleinen freundschaftlichen Stoß in die Seite.
Dieser Abend wurde für Pia die schönste Feier, die sie jemals gefeiert hatte, obwohl sie zusammen mit den Erwachsenen stattfand. Doch ihre große Sorge war, dass Rosi bereits vierundzwanzig Jahre alt war, was ein sehr hohes Alter für ein Pferd ist. Rosi war damit doppelt so alt wie sie selbst. Pia schlich sich aus dem Aufenthaltsraum, in welchem ihre Siegesfeier stattfand und ging zu Rosis Box. Rosi wieherte, als sie Pia sah und kam sofort an die Türe. Pia öffnete die Boxentüre und Rosi stupste sie sofort in den Bauch und durchsuchte ihre Hosentaschen, ob sie dort noch ein verstecktes Leckerchen erschnüffeln konnte. Pia umarmte ihre Stute und sagte: „Wir bleiben für immer zusammen! Ich werde dich nie im Stich lassen und du wirst ganz alt werden!“. Rosi wieherte zustimmend und begrüßte René, der soeben gekommen war, um nach Pia zu sehen. „Ich habe so große Angst, dass Rosi etwas zustoßen könnte in ihrem Alter.“, sagte Pia. „Hab keine Angst! Genieße jeden Tag mit ihr, als wäre es der Letzte.“, sagte René in seiner verständnisvollen Art. „Aber vergiss mich dabei nicht!“, sagte er drohend und küsste Pia auf die Wange und Rosi schob sofort drohend ihre Nase zwischen die beiden und so küssten sie Rosi gleichzeitig auf ihre Rosa Nüstern.
Hartes Training für das nächste Turnier
René wartete schon am Schultor, als Pia die Treppen herunter gelaufen kam, nachdem endlich die Schulglocke geläutet hatte. Ihr langes blondes Haar glänzte wie Gold, als die Sonne darauf schien.
„Hi!“, sagte Pia, als sie direkt vor René stehen blieb. „Hi!“, sagte René. „Komm! Lass uns gleich los! Rosi wartet!“, sagte Pia und zog René am Ärmel zum Fahrradkeller. „Du hast es aber eilig!“, sagte René. „Willst wohl nächstes Jahr Weltmeister werden und Schockemöhle besiegen, was?“, scherzte René. „Mindestens!“, antwortete Pia. Sie sperrten ihre Fahrräder auf, die sie immer nebeneinander abstellten, schoben sie die Fahrradrampe nach oben und begannen in die Pedale zu treten. „Ich bin vor dir am Stall!“, rief Pia René zu, während sie ihn überholte. „Das werden wir ja sehen!“, rief René ihr zu und trat etwas fester in die Pedale und hatte Pia rasch eingeholt. Kurz, bevor sie ihr Ziel erreichten, legte Pia sich nochmals richtig ins Zeug und René gewährte ihr, als erste am Stall anzukommen, damit sie ihrer Rosi schnell um den Hals fallen konnte. Die beiden stellten ihre Räder an den Zaun und sperrten sie ab, liefen zu ihren Spinden und holten die Halfter und Führstricke, um ihre Pferde von der Koppel zu holen.
„Ich bin zuerst da!“, rief Pia wieder und lief in Richtung der Koppel. René stellte den Strom des Weidezaunes ab, damit sie von der Litze des Zaunes keinen Stromschlag bekommen konnten und lief Pia hinterher.
Als René den Stall verließ, hatte Pia die Koppel bereits erreicht und René hörte, wie sie Rosis Namen rief. Da hob die Stute ihren Kopf, wieherte und kam auf Pia zugetrabt. So leicht hatte er es mit seinem Gauner nicht. Der Bursche war viel zu verfressen und musste jede Sekunde ausnutzen, die er noch an den Grashalmen knabbern konnte. Mit allen möglichen Leckereien in seinem Trog hatte er schon versucht, den Burschen schneller von der Koppel zu bekommen, doch Gauner schien sich nur zu denken: „Was ich hab, das habe ich! Und was ich habe, das gebe ich nicht mehr her!“. Wie konnte er wissen, was ihn in seinem Trog erwartete und ob überhaupt etwas darin war? Schließlich wuchs das Futter nicht automatisch in seinem Trog und als René im letzten Jahr im Krankenhaus lag, kam es oft genug vor, dass sein Trog leer war. Warum sollte er sich also freiwillig von seinen Grashalmen trennen?
Während Pia ihrer Rosi bereits das Halfter angelegt hatte, nachdem sie sich ausführlich begrüßt hatten, stapfte René missmutig zu Gauner. „Hi, alter Junge!“, begrüßte er ihn. „Könntest ruhig auch mal etwas entgegenkommender sein!“, fügte er seiner Begrüßung hinzu, grinste und klopfte Gauner ausgiebig den Hals. Pia wartete mit Rosi bereits am Zaun, als René Gauner sein Halfter anlegte. „Du bist eine treue Seele!“, sagte René zu Rosi und klopfte ihr den Hals. „Wenn dein Mensch dir ruft, dann kommst du gleich angelaufen und freust dich, sie zu sehen!“. Die beiden führten ihre Pferde auf die Stallgasse zu ihren Boxen, die zwischenzeitlich direkt nebeneinander lagen, banden sie mit ausreichend großem Abstand an die Gitter der Box und holten ihre Putzkisten aus dem Spind, bevor sie begannen, den vielen Staub der Koppel, auf der sie sich ausführlich gewälzt hatten aus dem Fell ihrer Pferde zu putzen.
René hatte es sehr viel leichter als Pia, da Gauners dunkelbraunes Fell sehr kurz war. Rosi hingegen hatte sehr viel längeres Fell und im Frühjahr verlor sie ihr Winterfell bergeweise, was das Putzen zu einem reinen Kraftakt werden ließ. Unter ihr türmte sich ein kniehoher Berg Pferdefell und Pia dachte, sie könne mit dem Fell die reinste Pulloverproduktion eröffnen, wenn sie es spinnen und verstricken würde. Da René mit Gauner längst fertig war, während Pia sich immer noch mit Rosis dichten Zotteln plagte, übernahm er die zweite Seite und sie traktierten Rosi von beiden Seiten mit dem Striegel und als sie die Berge von Rosis Winterfell wegräumten, berührten sich zufällig ihre Hände und Pia wurde es noch genau so warm um ihr Herz, wie vor einem Jahr, als René sie zum ersten Mal berührte. In diesem Moment sahen sie sich tief in die Augen und sie wussten, dass sie nichts auf der Welt mehr trennen konnte und sie schenkten sich ein schüchternes Lächeln. Die beiden fegten die Stallgasse, sattelten ihre Pferde, legten ihnen die Trensen an, führten sie auf den Hof, saßen auf und ritten nebeneinander auf den Springplatz. Eine viertel Stunde lang bogen sie ihre Pferde nebeneinander um die Hindernisse herum, um deren Muskulatur geschmeidig und warm werden zu lassen.
„Fertig?“, fragte René. „Fertig!“, sagte Pia. „Dann lass uns Nachgurten und loslegen!“, forderte René Pia auf. Gleichzeitig legten sie ein jeder sein linkes Bein vor das Sattelblatt, hoben dieses an und zogen ihre Sattelgurte ein ganzes Stück enger um die Bäuche ihrer Pferde. „Fertig!“, sagte Pia und klopfte ihrer Stute den Hals. Zuerst überquerten sie ein paar Mal die Cavalletti, dann legte René die Reihenfolge der einzelnen Hindernisse fest und Pia sprang als erste den Parcours, während René seinen Gauner im Schritt warm hielt.
„Du hast wieder ein paar Hindernisse in der Reihenfolge verwechselt!“, sagte René. „Ich denke, ich werde sparen und dir zum Geburtstag ein Navigationssystem schenken, damit du dich auf dem Parcours nicht mehr verreitest.“ „Das ist eine gute Idee!“, sagte Pia. „Ich könnte es an Rosis Hals befestigen. Dann bekäme ich die richtige Richtung angesagt und wenn es vom Wind her zu laut wäre, würde es mir die richtige Richtung auch noch anzeigen.“. „Wahrscheinlich würdest du nicht hinsehen und trotzdem ein Hindernis deiner Wahl nehmen.“, scherzte René. „Es würde sich dann automatisch abschalten. Ich denke, ich spare mein Taschengeld besser für etwas Sinnvolleres!“. Wenn Pia gekonnt hätte, hätte sie ihn in die Seite gekniffen, aber René war zu weit weg und über die Pferde hinweg, wäre es nicht sinnvoll gewesen. So verkniff sie sich die Geste, und biss die Zähne zusammen.
„Komm Dicke! Dem zeigen wir es!“, sagte sie zu Rosi und ritt auf das erste Hindernis auf dem Parcours zu, ritt es allerdings zu schräg an, so dass sie in letzter Minute ausweichen musste, da sie ihr Pferd sonst direkt vor die Halterung gelenkt hätte oder mit dem Steigbügel an der Seite hängen geblieben wäre. „Konzentriere Dich!“, ermahnte René sie. „Man reitet nicht einfach los, ohne sich zu konzentrieren und seine Gedanken zusammen zu haben!“, schimpfte er. „Das hätte böse ausgehen können!“. Pia sagte sicherheitshalber nichts mehr und galoppierte mit Rosi drei Runden um den Springplatz herum. Dann hatte sie ihrer Wut Luft gemacht und ritt zurück zu René. „Geht es dir jetzt besser?“, fragte er. „Ja!“, antwortete Pia. „Dann ist es ja gut!“. Nun zeigte Pia René einen Parcours auf und er ritt diesen, natürlich ohne sich zu verreiten. In diesem Moment kam Robert, ihr Reitlehrer des Weges. „Jetzt stellen wir die Hindernisse aber ein bisschen höher. Schließlich hat Pia große Pläne und will das Turnier am Wochenende gewinnen.“, sagte er zu den beiden. „O. K.!“, sagte René. „O. K.!“, sagte Pia. „Jetzt ist aber noch mehr Konzentration angesagt und ihr dürft das Hindernis nicht von der Seite her anreiten, sondern müsst es haarscharf in der Mitte erwischen.“, erklärte Robert. Sie führten ihre Aufgabe aus und Robert war sehr zufrieden mit seinen beiden Schützlingen. „Das übt ihr jetzt jeden Tag bis zum Turnier am Wochenende!“, ordnete Robert an. „Wird gemacht!“, antworteten René und Pia wieder wie aus einem Munde. Dann führten sie ihre Pferde zurück in die Stallgasse, sattelten ab, rieben sie trocken, gaben ihnen reichlich Möhren zur Belohnung und brachten sie zurück auf die Koppel, wo sie endlich weiter grasen durften. Dann setzten sie sich auf ihre Räder und fuhren nach Hause, um ihre Hausaufgaben zu machen. „Wir sehen uns später!“, rief René Pia zu, bevor er zu seinem Haus abbog. „Ciao!“, rief Pia. Beschwingt sprang Pia von ihrem Fahrrad und ging freudestrahlend in das Haus hinein, wo ihre Oma sie schon erwartete.
„Hi!“, rief sie ihrer Oma zu und fiel ihr um den Hals. „Was gibt es zu essen?“. „Du bist aber gut gelaunt!“, stellte Pias Oma fest. „Robert hat uns die Hindernisse heute höhergestellt!“, antwortete Pia. „Was? Noch höher?“, fragte Pias Oma entsetzt. „Pass nur auf, damit du nicht herunterfällst!“, sagte sie besorgt. „Noch höher!“, sagte sie, als sie in die Küche ging. Pia aß, und lief gleich danach nach oben in ihr Zimmer, wo sie ihre Hausaufgaben machte. Schließlich wollte sie René am Abend noch sehen und selbst ihre Oma hatte schon festgestellt, dass sie, seitdem sie Rosi und René hatte, sehr viel zuverlässiger geworden war. Pia machte ihre Hausaufgaben freiwillig und sogar ihre Noten wurden besser. So bemühte sie sich, die Angst um ihre Enkeltochter in Grenzen zu halten und war stolz, wenn sie siegte. Und sie freute sich, dass sie endlich eine Aufgabe hatte, die ihr so viel Freude bereitete.
Obwohl sie Pia für noch sehr viel zu jung für einen Freund hielt, war sie trotzdem froh, dass sie René hatte. Er war klug und vernünftig und übte einen guten Einfluss auf Pia aus.
Anstrengende Vorbereitungen
Pia trainierte mit Renés und Roberts Hilfe die ganze Woche hart für das Turnier am Wochenende und fast war es auch schon soweit. Der Tag vor dem Turnier stand nun bevor und es waren jede Menge Vorbereitungen zu treffen. Den Tag vor einem Turnier gab Pia ihrer Rosi meist frei, damit sie sich noch einmal ausruhen konnte und sie am nächsten Tag frisch war. Außerdem war Rosi nicht mehr die Jüngste und ein bisschen Ausspannen konnte nie schaden. Außerdem hatte Pia mehr als genug zu tun, um Rosi für das Turnier schön zu machen. Am Vortag putzte sie ihre Rosi immer ganz ausgiebig und dann flocht sie ihr die Mähne so ein, wie René es ihr beigebracht hatte. Das dauerte meist mehrere Stunden und Rosi war mit dieser Prozedur meist mehr als genug beansprucht. Die Pferdeverschönerung nahm Pia meist am Vorabend des Turniers vor, damit Rosi sich auf der Koppel keine neuen Grasflecke einholen konnte. Sie war froh, dass die Turniere meistens recht früh begannen, so dass Pia Rosis grüne Flecken des Tages bereits am Vorabend aus ihr herausgeputzt hatte und sie sich so keine neuen holen konnte. Hätte sie kurz vor dem Turnier wieder neue Schmutzflecke gehabt, hätte Pia noch unmittelbar davor einen Nervenzusammenbruch erlitten. Während Pia Rosi putzte hatte René Gauner zum Training fertig gemacht und war mit ihm auf den Springplatz geritten. „Viel Spaß!“, hatte René ihr mit einem Zwinkern zugerufen und Pia hätte ihm am liebsten den Striegel, den sie in der Hand hielt, hinterhergeworfen. René hatte leicht reden. Von seinem Gauner schien der Dreck von selbst herunter zu rieseln und der Dreck war meist schneller verschwunden, als Gauner ihn in seinem Fell platziert hatte. Sie dagegen striegelte und schrubbte stundenlang und manchmal musste sie sogar Wasser und Pferdeshampoo zur Hilfe nehmen, um ihre Stute durch den Dreck hindurch wieder zu erkennen. Als René nach zweistündigem Training mit Gauner wieder zur Stallgasse hereinkam, hatte Pia endlich den letzten Zopf an Rosis Kopf geflochten. „Was hast du da denn gemacht?“, fragte René. „Wo?“, fragte Pia. „Du hast ihr ja eine Wellenlinie geflochten!“, sagte René und zeigte auf Rosis Mähne.
Vor lauter Flechten und Mähne fest zusammenziehen, hatte Pia gar nicht bemerkt, wie schief die Zöpfe an Rosis Kopf standen. René stellte Gauner ab und sagte: „Komm, mach du Gauner fertig, ich kümmere mich um die Schönheitskorrekturen.“. Dankbar übernahm Pia Gauner und René korrigierte die Zöpfe, die krumm und schief Rosis Haupt zierten. „Jetzt passt es!“, sagte René und Rosi schnaubte ungeduldig.
Pia stellte Rosi in ihre Box zurück und machte einen großen Eimer Möhren für sie fertig. „Hier, dicke!“, sagte sie liebevoll zu ihrer Stute und schüttete ihr die Möhren in den Trog.
„Du siehst müde aus!“, stellte René fest. „Du solltest heute etwas früher schlafen gehen!“. Doch Pia ließ sich nur müde in seinen Arm sinken. „Weißt du noch, als wir letztes Jahr mit Rosi in der alten Scheune schliefen?“, fragte sie René. „Wie könnte ich das jemals vergessen?“, fragte er verschmitzt zurück. „Wie sehr würde ich mir das heute Nacht noch einmal wünschen.“, schwärmte Pia. „Beruhige Deine Rosi ein wenig!“, sagte René. „Ihr hattet beide ein paar anstrengende Stunden.“. Dann ging René in Richtung des Hauses des Bauern.
„Na Röschen!“, sagte Pia zu ihrer Stute. „Du hast heute mal wieder eine ganz schöne Tourtour über dich ergehen lassen, damit du morgen schön bist und glänzt. Ich hoffe nur, die Turniere machen dir genau so viel Spaß wie mir.“. Rosi schnaubte und wetzte ihren Hals am Trog.
„Ich hab dich soooo lieb, Rosi!“, sagte Pia. „Versprich mir, dass du mich nie verlassen wirst!“, sagte sie mit sehr sorgvoller Stimme. Dann kam René zurück.
„Überraschung!“, strahlte er. Pia sah ihn fragend an. „Wir schlafen heute Nacht hinten, im Stroh. Deine Mutter bringt morgen früh die Turnierklamotten vorbei und meine Mutter weiß auch Bescheid.“, prophezeite René. „Wie schaffst du das immer?“, fragte Pia. Pia wünschte sich etwas und René erfüllte prompt ihre Wünsche. Ihre Mutter hätte ihr nie erlaubt im Stall zu schlafen, wenn sie sie selbst gefragt hätte.
René legte den Arm um sie und Pia genoss es, in seinen Armen zu liegen. „Der Charly sieht aber wieder schick aus!“, hörte Pia Hans sagen, der soeben auf die Stallgasse kam und als sie sich umdrehte, sah sie, dass er ein paar Warme Decken unter dem Arm trug. „Damit ihr nicht friert heute Nacht!“, sagte er und hielt ihnen die Decken entgegen.
Eine glückbringende Überraschung
Pia schlief am besten, wenn sie in Renés Armen nächtigte, doch sie wurde schon sehr früh wach an diesem Morgen. Vorsichtig tastete sie zur Seite, doch das Stroh neben ihr war leer. Verschlafen tastete sie auf der anderen Seite, doch dort konnte sie René auch nicht erreichen. Voller Schock fuhr sie in die Höhe und rief nach ihm. Da kam René auch schon mit einem Grinsen im Gesicht um die Ecke gebogen und hielt ein großes Tablett vor sich, auf welchem eine große Kanne mit heißem Kakao dampfte, zwei Müslischalen darauf standen und ein Glas, in dem René einen selbst gepflückten Blumenstrauß vor dem Verdursten rettete. „Guten Morgen!“, rief René vergnügt. „Hast du mich vermisst?“, fragte er. „Als ob ich schlafen könnte, wenn du dich aus unserer Umarmung befreist und einfach abhaust!“, warf Pia ihm vor. „Einfach abhaust!“, sagte René enttäuscht. „Ich war auf der Jagd nach Essen! Wie in der Steinzeit habe ich das Frühstück für dich erlegt!“, sagte er. Pia lächelte ihn liebevoll an. „Aber ich muss gestehen, es war diesmal einfacher als vergangenes Jahr!“, fügte er entschuldigend hinzu. Schließlich hatten sie Rosi entführt, da es einen Käufer für sie gab und sie mussten sie für Pia retten und beweisen, was für ein tolles Turnierpferd sie war, bis Willi ihr Rosi letztendlich schenkte.
René breitete das Tablett mit dem heißen Kakao, dem Müsli und den Blumen auf den Decken aus und hungrig machten sie sich darüber her. Schließlich hatten sie kein Abendessen am Vorabend. „Komm!“, sagte René. „Jetzt verpassen wir Rosi noch den letzten Schliff und dann holt ihr euch was euch zusteht! Die nächste gelbe Schleife!“, forderte René Pia auf. „Auf in die Schlacht!“, rief Pia und sprang von ihrem gemütlichen Strohlager auf und lief zu ihrer Stute.
„Guten Morgen, Rosi!“, rief sie, als sie ihre Box erreicht hatte und Rosi wieherte fröhlich. Pia befestigte den Führstrick an Rosis Halfter und führte sie auf die Stallgasse, wo sie sie an die Gitterstäbe ihrer Box band. Sie holte den Putzkasten und striegelte Rosi die losen Haare vom Körper, die sich wie immer in Form eines kleinen Berges unter ihrem Körper ansammelten. Dann nahm sie ein Staubtuch, das ihre Oma ihr für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hatte und fuhr über Rosis Fell, bis es glänzte. Rosis Frisur saß noch und war perfekt und Pia hatte nur noch ihren Schweif zu verlesen. „Nicht mehr wieder zu erkennen, das Pferd!“, murmelte Walter, als er mit der Futterkarre die Stallgasse entlangkam, um den Pferden ihre morgendliche Futterration zu geben. „Ist eben gute Pflege!“, sagte Robert, der seinen Bruder gehört hatte, als er auch eben in die Stallgasse bog, um bei René, Pia und Rosi nach dem Rechten zu sehen.
„Na, seid ihr fit?“, fragte Robert und grinste Pia an. „Kannst du mich das hinterher fragen?“, bat Pia, die immer noch sehr nervös war, wenn ein Turnier bevorstand. „Wann seid ihr denn dran heute?“, wollte Robert wissen. „Um zehn!“, sagte Pia mit schlotternder Stimme. „Na, dann haltet euch mal ran!“, sagte er und René und warf einen Blick auf die Uhr. „Ich muss aufs Klo!“, jammerte Pia nur zur Antwort, denn sie musste vor lauter Nervosität vor einem Turnier laufend zur Toilette. „Deine Mutter müsste bald mit den Turnierklamotten da sein!“, sagte René. „Jetzt geh du dich mal langsam putzen! Rosi ist ja bereits fertig.“, forderte er sie auf. Pia sah an sich herunter und stellte fest, dass eine Säuberung von sich selbst mehr als dringend erforderlich war und ging auf die Toilette im Stall. Sie wusch sich nicht ganz so gründlich, wie Rosi sich der Vorturnierssäuberungsaktion unterziehen musste, aber durch einen Blick in den Spiegel beschloss sie, dass es ausreichend sein musste.
Als sie die das Stallklo verließ, war ihre Mutter gerade eingetroffen und packte auf dem Nachtlager der beiden Pias Turnierbekleidung aus, die sie auch gleich anzog. Pias Mutter packte eine Bürste aus und machte sich über Pias zersaustes Haar her. „Halte doch mal still!“, befahl sie ihrer Tochter und zog eine schwarze Haarschleife aus ihrer Tasche, dessen Knoten ein silbernes Pferd zierte und ein Haarnetz daran angebracht war, in welchem Pias Pferdeschwanz untergebracht wurde und befestigte dies in dem Haar ihrer Tochter. „Wow!“, gab René beeindruckt von sich. „Es soll euch Glück bringen!“, sagte Pias Mutter. „Danke Mami! Das habe ich mir so sehr gewünscht!“, stieß Pia begeistert hervor. So oft war sie im benachbarten Reitsportgeschäft schon vor dieser Schleife gestanden, doch sie investierte ihr Taschengeld lieber in Leckereien für ihre Stute, als dass sie sich diesen Wunsch erfüllt hätte.
Pias Mutter hatte sich extra eine Hängerkupplung an ihr Auto montieren lassen, damit sie ihre Tochter und Rosi zu den Turnieren fahren konnte. Hans hatte seinen Pferdehänger, den er dem Gespann zu den Turnieren immer zur Verfügung stellte bereits angebracht, als sie auf den Hof kamen und die Klappe heruntergelassen. Pia holte Rosi und führte sie in den Hänger hinein. Zum Glück ging Rosi zwischenzeitlich freiwillig über die wackelige Brüstung. Anfangs war ihr dieser Gang nicht so recht geheuer, ließ sich aber von einem Heusack, der sie im inneren des Hängers erwartete und einem Eimer Möhren davon überzeugen. Gauner dagegen war dem Hänger gegenüber dermaßen misstrauisch, dass René es zurückgestellt hatte, mit ihm auf ein Turnier zu fahren. Er wollte ihn erst langsam und ohne Zwang an den Hänger gewöhnen. Eines Tages würde bestimmt auch Gauner freiwillig in den Hänger steigen und dann würden sie gemeinsam auf den Turnieren antreten können.
Ein großer Schock
Als das Vierergespann, welches aus Pia, ihrer Mutter, René und Rosi bestand den Turnierplatz erreichten, erwartete sie dort eine besonders schöne Atmosphäre. Der Parcours war mit Blumen geschmückt, auf dem Vorplatz befanden sich Stände mit Getränken und Essen, mit Stühlen und Tischen davor und einem extra Bereich, wo die Pferde auf das Turnier vorbereitet wurden. Es war fast so, wie auf den großen Turnieren, welche im Fernsehen übertragen wurden und nur die Weltspitze startete.
Während Pia Rosi aus dem Hänger holte und zu dem Platz brache, wo sie Rosi den letzten Glanz verpasst konnte, ging René zum Startbüro, wo er Pia meldete und die richtige Startnummer für Rosis Halfter zusammensetzte. Er ging zurück zu Pia und Rosi und brachte die Startnummern an Rosis Halfter an. Langsam füllte sich der Turnierplatz. „Wie fühlst du dich?“, fragte René. „Irgendwie eigenartig. Gar nicht wie immer!“, sagte Pia. „Das wird sich ändern, wenn du auf dem Parcours bist!“, sagte Robert, der die kleine Gruppe inzwischen erreicht hatte.
René ging mit Pia den Parcours ab, damit sie ihn sich einprägte und sich nicht verreiten konnte. Sie gingen von Hindernis zu Hindernis und noch ein Mal und noch ein weiteres Mal, damit Pia nur kein Hindernis verwechseln würde. Pia stieg auf Rosis Rücken, klopfte ihr den Hals und ritt zu dem Abreitplatz, um sich und ihr Pferd langsam aufzuwärmen und für das Turnier vorzubereiten. Noch waren nur wenige Reiter auf dem Abreitplatz, denn die Prüfung, an der Pia teilnahm, war eine der ersten. Je später es wurde und je fortgeschrittener das Turnier, umso mehr Reiter würden es werden. Pia hörte, wie ihre Prüfung aufgerufen wurde. „Reite schon mal rüber!“, rief René ihr zu. „Und gehe in Gedanken noch mal den Parcours durch!“, riet Robert. „Du startest an achter Stelle!“, rief René. Pia nickte und konzentrierte sich. Sie beugte sich zu ihrer Stute über den Hals und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich hab dich auch lieb, wenn wir nicht gewinnen! Wenn es dir zu viel wird, dann bleibst du einfach stehen! In Ordnung?“, sagte Pia, die sich vermehrt Sorgen um das Tier machte.
Das erste Startzeichen ertönte und eine Reiterin auf einem Fuchs, dessen Fell und Mähne rotbraun in der Sonne glänzte ritt hinein. Es schien, als hätte sie ihr Pferd absolut nicht im Griff. Es stieg, verweigerte Hindernisse, machte Bocksprünge und was ihm sonst noch so alles einfiel, bis ein Zeichen ertönte, welches sie disqualifizierte. Trotzdem hatte sich die Reiterin tapfer im Sattel gehalten. Als sie von dem Springplatz geritten kam, sprang sie wütend vom Rücken ihres Pferdes, riss es an den Zügeln, so dass dieses noch mehr stieg und schrie es an. Es war ein eigenartiger Tag. Es lag seltsames in der Luft.
Als nächstes ritt eine große schlanke Reiterin auf einem Schimmel ein. Sie wirkte sehr ruhig. Ganz entgegengesetzt zu ihrem Pferd, was allerdings auch notwendig war, da es unruhig unter ihr herumtänzelte. Sie hatten den Parcours mit nur einer gefallenen Stange in einer ganz akzeptablen Zeit zurückgelegt. Die Reiterin ritt vor die Wertungsrichter, um sich zu verabschieden und galoppierte zu dem Tor, um vom Parcours herunter zu reiten. Die weiteren Sprünge der Teilnehmer sah sich Pia gar nicht mehr an. Sie musste sich konzentrieren. War überraschend unruhig und wusste nicht, woher das kam. Es war ein anderes Gefühl, als die übliche Nervosität.
Als der siebte Start aufgerufen wurde, ritt sie zu dem Zaun, um sich für ihren eigenen Start bereit zu halten. Ein Rappe mit einer etwas fülligeren Reiterin nahm Anlauf und lief auf das erste Hindernis zu. Es begann zu regnen und die Zuschauer spannten ihre Regenschirme auf. In diesem Moment scheute der Rappe zurück. Regenschirme waren immer ein heikles Thema bei Pferden und man musste es regelmäßig mit ihnen trainieren und beim Training immer wieder Regenschirme aufspannen, Schirme in eine Ecke stellen oder mit ihnen herumfuchteln, damit die Pferde merkten, dass ein Regenschirm sie nicht angreifen würde und keine Bedrohung war, genau so, wie Robert sie und die anderen Reiter regelmäßig über Planen und Tüten laufen ließ, um Unfälle im Gelände oder auf Turnieren zu vermeiden. Kurz bevor der Rappe das erste Hindernis erreichte, zog ein Zuschauer ruckartig ein gelbes Regencape aus seiner Tasche und schüttelte es schwungvoll aus. Da scheute der Rappe, bäumte sich auf, buckelte und spielte vollkommen verrückt. Seine Reiterin hatte keine Chance und wurde schwungvoll aus dem Sattel befördert und landete sehr unsanft auf der anderen Seite des Hindernisses. Eigentlich sollten die Reiter ihre Pferde bei einem Sprung mit auf die andere Seite des Hindernisses nehmen, aber das war dieser Reiterin leider nicht gelungen. Sie wurde noch vor dem Hindernis abgeworfen und ihr Rappe rannte vollkommen panisch über den Parcours zwischen den Hindernissen hin und her und versuchte vor den Regenschirmen zu flüchten, die sich zwischenzeitlich rund um den Turnierplatz versammelt hatten. Doch es schien ihm nicht zu gelingen. Seine Reiterin war immer noch nicht aufgestanden. So waren einige Leute, die sie begleiteten zu ihr gelaufen und noch bevor sie sie erreichten, sprang der Rappe über das Hindernis, welches er noch mit seiner Reiterin auf dem Rücken verweigert hatte. Allerdings verkehrt herum und traf er sie bei der Landung mit dem rechten Hinterhuf mitten am Rücken so dass diese laut aufschrie. Pia war schockiert. Ihr Atem stockte und ihre Knie wurden zu Pudding. Wenn sie auf dem Boden gestanden hätte, wäre sie zu Boden gesunken. In der Zwischenzeit waren auch die Sanitäter bei der verunfallten Reiterin eingetroffen und hielten sie ruhig, gaben ihr Spritzen und taten alles, was sie für notwendig hielten. Das Pferd hatte sich in der Zwischenzeit beruhigt und konnte eingefangen werden. Dann ertönte eine Durchsage, dass in wenigen Minuten ein Rettungshubschrauber eintreffen würde und die Pferde in ihre Hänger gebracht werden sollten, damit unter den Tieren nicht noch mehr Panik ausbrechen würde. Die meisten Reiter taten das auch, doch ein paar hatten sich unter die Schaulustigen gemischt, die unter gar keinen Umständen auch nur einen Atemzug verpassen wollten.
Als Pia Rosi mit Renés und Roberts Hilfe im Hänger verstaut hatte, kam auch schon der Rettungshubschrauber angeflogen, landete auf der benachbarten Wiese und die Sanitäter liefen eilig mit einer Trage zu der verletzten Reiterin. Die Sanitäter, welche die Reiterin bereits versorgt hatten, erklärten die Lage und was sie bisher unternommen hatten. Dann wurde ein Rettungskissen, das alle Knochen der Verletzten so halten würde, wie sie waren um sie herum aufgepumpt und das Paket aus Reiterin und Rettungskissen wurde eilig in den Rettungshubschrauber verfrachtet und abgeflogen. Alle Teilnehmer und Zuschauer waren schockiert.
Da sich leider nicht alle Reiter an die Anweisungen der Turnierleitung gehalten hatten und ihre Pferde nicht in die Hänger gebracht hatten, hatten einige Reiter beim hastigen Abflug des Hubschraubers mit ihren Pferden zu kämpfen, da sie stiegen, ihre Reiter abwarfen oder sich von den Pfosten los rissen, an welche ihre Reiter sie gebunden hatten. Es herrschte das reinste Chaos und die Reiter versuchten ihre Pferde wieder einzufangen, die verstreut auf die nahegelegene Straße zu galoppierten. Doch glücklicher Weise konnten sie alle wieder eingefangen werden und vorbeifahrende Autos konnten rechtzeitig abbremsen und rund herum ertönte lautes Hupen, welches wiederum die Pferde in den Hängern unruhig werden ließ. „Gut, dass die Oma nicht dabei ist!“, sagte Pias Mutter, die soeben angelaufen kam. „Sie würde nie mehr aufhören, Angst um dich zu haben.“. „Ich fürchte, sie wird durch die Zeitung davon erfahren!“, warf Pia ein. Da ertönte eine Durchsage. Das Turnier wurde abgebrochen, da Reiter und Pferde durch diesen Unfall bereits sehr unruhig waren, und um einen weiteren Unfall durch dieses heillose Durcheinander zu vermeiden.
„Das ist sehr vernünftig!“, sagte Pias Mutter. „Neues Spiel, neues Glück!“, sagte Robert. „Dann trainieren wir für das Turnier nächste Woche!“. „Darf ich dann wieder mit René im Stall schlafen?“, fragte Pia ihre Mutter. „Wenn Hans nichts dagegen hat!“, antwortete diese. „Das glaube ich nicht!“, sagte Robert und zwinkerte Pias Mutter spitzbübisch zu.
Die Aufregungen nehmen kein Ende
Pia erwachte, als sie ein Strohhalm in der Nase kitzelte. Sie streckte alle Glieder von sich und gähnte laut. Es war noch dunkel und man hörte leises Schnauben aus der Stallgasse. René entkam ein einzelnes leises Schnarchgeräusch. Vorsichtig kroch Pia aus den Decken, die sie so schön gewärmt hatten und schlich zu Rosis Box. Rosi lag im Stroh und wieherte müde, als sie Pia erblickte. Behutsam betrat Pia Rosis Box, kniete sich neben die Stute und strich ihr über den Kopf. „Müde?“, fragte sie die Stute. Diese schnaubte zur Antwort und legte ihren Kopf auf Pias Schoß. „Ich hab dich so lieb!“, flüsterte sie ihrer Stute in das Ohr. Sie blieb noch eine Weile sitzen, bis sie sagte: „Du musst jetzt aber langsam aufwachen, Dicke! Wir haben heute einen anstrengenden Tag vor uns.“l „Da bist du!“, hörte Pia Renés Stimme hinter sich ertönen und schreckte auf. „Mann hast du mich erschreckt!“, sagte Pia. „Sorry! Aber ich konnte ohne Dich nicht schlafen!“, entschuldigte sich René. „Aber ich dachte mir schon, dass ich dich bei meiner Nebenbuhlerin finde.“, scherzte er in liebevollem aber noch sehr müdem Ton. In diesem Moment wurde die Stalltüre aufgestoßen.
„Guten Morgen!“, rief Hans munter. „Guten Morgen!“, antworteten Pia und René müde. „Ihr seid ja schon auf!“, stellte Hans fest. „Mmmmh!“, summten Pia und René im Chor. „Jawohl! Heißt das!“, korrigierte Hans munter. „Jawohl! Wir sind schon auf! Guten Morgen!“, antworteten die beiden wunschgemäß. „So ist es schon besser!“, lobte Hans. „Jetzt aber auf, die Zähne geputzt und dann die Pferde geputzt!“, forderte Hans die beiden auf. „Jawohl!“, riefen Pia und René und liefen lachend zu Haus.
Als Pia ihre morgendliche Reinigungsprozedur vollendet hatte, wartete sie, bis René fertig war. Gut gelaunt liefen sie zum Stall und holten Rosi aus ihrer Box, die gerade ihr Frühstück beendet hatte, um ihr den Staub der Nacht aus dem Fell zu striegeln.
„Was ist denn mit Frühstücken?“, fragte Klara, als diese zum Stall hereinkam. „Kein Hunger!“, rief Pia. „Riesen Hunger!“, rief René. „Ohne Stärkung gehst du mir nicht auf das Pferd!“, beschloss Klara fürsorglich, wie sie war.
Bald glänzte Rosi so schön, wie sie noch nie zuvor geglänzt hatte. Die eingeflochtenen Zöpfe saßen, wie sie noch nie gesessen hatten und ihr Schweif wehte im Morgenwind, wie man es sich in einem Märchen vorstellt. Hans kam mit dem Hänger vorgefahren und rief: „Geht ihr Frühstücken! Ich bringe Charly auf den Hänger.“. Pia und René gehorchten und schlangen hastig das Frühstück hinunter, das Klara ihnen hingestellt hatte.
„Auf zum Sieg!“, rief René, sprang vom Frühstückstisch auf und zog Pia mit sich, die ihre Tasse nicht mehr rechtzeitig absetzen konnte und den warmen Kakao über sich ergoss. „Ooops!“, sagte René verlegen. „Zum Glück hast du noch nicht deine weiße Reithose an!“. „Zum Glück!“, sagte Pia grimmig und warf ihm einen mörderischen Blick zu.
Als sie sich in ihr Tournieroutfit geworfen hatte, sprangen sie rasch in Hans Auto, der sie zum Turnier brachte. „Ist Rosi jetzt wacher?“, fragte Pia besorgt. „Sie war ganz schön müde heute Morgen.“. Hans schwieg besorgt.
Pia war sehr unruhig und sie erschrak förmlich, als das erste Startzeichen ertönte. Sie klopfte ihrer Stute den Hals und ritt langsam zum Abreitplatz, auf dem sie sich warm ritt. „Ihr seid bald dran!“, rief René aufgeregt. „Gib jetzt alles!“, flüsterte Pia Rosi ins Ohr und diese wieherte zur Bestätigung.
Als sich das Tor für sie öffnete, der letzte Reiter heraus geritten kam, ritt Pia langsam vor die Wertungsrichter, zog ihre Kappe zum Gruß, das Startzeichen ertönte und Rosi lief, wie sie noch nie zuvor gelaufen war. So als hätte sie Flügel, wie ein Engel. Sie schwebten über die Hindernisse, die Hupe ertönte zum Abschluss, das Publikum tobte und jubelte ihr zu und Rosi sank langsam mit Pia auf ihrem Rücken zu Boden. Pia sprang herab und Rosi legte sich zur Seite und ließ ihren Kopf zu Boden sinken. Pia lief zu ihr, legte Rosis Kopf auf ihren Schoß und streichelte sie. „Du bist mein gutes Mädchen!“, sagte sie und Tränen liefen ihr über das Gesicht. René kroch unter dem Zaun hindurch und rannte zu den beiden. Rosi machte einen tiefen Atemzug und verstummte. Pia umklammerte ihre Stute am Hals und weinte bitterlich. „Rosi!“, weinte sie. „Rosi!“, versuchte sie es erneut. „Dicke, du kannst mich doch nicht einfach alleine lassen!“, flehte sie das Tier an, doch Rosi regte sich nicht mehr. Inzwischen hatte Hans das Trio erreicht. „Gutes altes Mädchen!“, sagte er und schloss Rosis Augen.
Große Trauer
Aus dem Publikum war wildes Stimmengewirr zu vernehmen und ein paar Helfer waren an den Toren beschäftigt, die Leute vom Springplatz fern zu halten. Pias Mutter und Oma hatten schwer zu kämpfen, dass man sie hindurch ließ, doch mit einiger Mühe konnten Sie die Jungen davon überzeugen, dass es ihre Tochter und Enkelin war, die dort weinend bei der Stute kniete. „Du lieber Gott! Lieber Gott!“, murmelte Pias Oma, als sie ihrer Tochter hinterher zu Pia lief. Pias Mutter legte den Arm um sie. „Komm!“, sagte sie zu ihrem Kind. „Rosi!“, schluchzte Pia.
„Komm mit!“, bat Pias Mutter. „Nein! Ich will bei Rosi bleiben!“, erwiderte Pia. Hans nahm Pias Mutter beiseite. „Bringen Sie Pia weg. Charly wird gleich abtransportiert!“. Pias Mutter nickte und redete ruhig auf ihre Tochter ein. Doch Pia sagte gar nichts mehr. Weinte und rührte sich keinen Millimeter von Rosi. René kniete sich stumm neben sie und legte den Arm um sie. Im Hintergrund hörte man, wie das Turnier abgebrochen wurde. Die Menschenmenge murmelte immer noch aufgeregt und die Helfer schafften es nicht, die Leute nach Hause zu schicken. In mehreren Reihen standen die Zuschauer inzwischen an der Bande, um das grauenvolle Geschehen zu beobachten, doch Pia bekam in ihrer Trauer nichts von all dem mit. Inzwischen war ein Geländewagen mit einem Hänger eingetroffen, in welchem Rosi abtransportiert werden sollte, doch er kam nicht durch die Menschenmenge hindurch. Die Helfer hatten nun auch schwer zu tun, um die Menschen vom Tor zu vertreiben, doch diese wollten ihren Platz in der ersten Reihe nicht freiwillig räumen. Hans, René, Pias Mutter und Oma waren immer noch bemüht, Pia von Rosi wegzuholen, doch sie wollte ihre Stute nicht loslassen und umarmte immer noch das tote Tier Tränen überströmt. Der Hänger hatte sich durch die Menschenmenge hindurch gekämpft und war schließlich bei der kleinen Truppe angelangt. Schweigend, traurig und weinend löste Pia sich von der Stute und acht Männer schafften das schwere Tier auf den Hänger. René stellte sich vor Pia, damit sie den Abtransport nicht mit ansehen musste und hielt sie fest in seinen Armen. Der Himmel begann sich zu verdunkeln.
Als der Hänger abfuhr, sah Pia mit leerem Blick an René vorbei. Ihre Augen waren tiefblau und wirkten wie die unendlichen unergründlichen Tiefen des Meeres. Inzwischen hat es zu regnen begonnen und das Wetter hatte sich Pias Stimmung voll und ganz angepasst und in der Ferne hörte man es Donnern und konnte die ersten Blitze vernehmen. Erst da begannen sich die Schaulustigen zu entfernen, da sie keine Regenschirme dabeihatten und verströmten in alle Richtungen zu ihren Autos. Pia stand immer noch regungslos am Ort des Geschehens und sah dem Hänger, in dem Rosi sich befand nach. Sie fühlte sich absolut leer und kraftlos. Und als der Hänger um die Kurve auf der Straße gefahren war, fiel Pia kraftlos auf ihre Knie zu Boden und weinte, wie sie noch niemand weinen sah.
Das Gewitter hatte den Turnierplatz nun erreicht und ein starker Platzregen prasselte auf die kleine Gruppe nieder. Die Erde wurde zu Matsch und ein kleiner See bildete sich um Pia herum. René ließ sich zu Pia in den Matsch hinein sinken und hielt sie so fest er konnte, doch sie hörte nicht zu weinen auf. Als sie vollkommen durchweicht waren, hob René sie vom Boden. „Lass uns gehen. Sonst wirst du mir noch krank.“. Langsam zog er das kraftlose Mädchen auf die Beine. Ihre weiße Reithose war vom Schlamm durchtränkt und Schlammspritzer hatten sich bis hinauf auf ihr Sakko verteilt. René sah in seiner Jeans auch nicht besser aus, aber es störte niemanden. Nicht einmal Pias Oma schimpfte, wie sie aussah. René brachte sie zum Auto ihrer Mutter und sie fuhren direkt nach Hause zu Pia, wo ihre Mutter ihr gleich ein heißes Bad einlaufen ließ. René wurde unter die Dusche im Dachgeschoss gesteckt. Pias Jeans und T-Shirts waren ihm alle viel zu klein, so dass Pias Mutter Renés Mutter anrief und sie bat, trockene Sachen für ihren Sohn zu bringen.
Aufgelöst läutete diese an der Türe. „Warum duscht mein Sohn bei ihnen?“, wollte sie aufgebracht erfahren. Pias Mutter erklärte die Situation nochmals, doch Renés Mutter bestand darauf, sofort zu ihrem Sohn geführt zu werden. René rubbelte gerade seine Haare trocken, als seine Mutter in das Bad hineinplatzte. „Ich habe dir doch gesagt, diese Verbindung taugt nichts!“, schimpfte sie. „Ziehe dich sofort an und komme hinunter! Ich warte auf dich!“, ergänzte sie in giftigem Ton. „Ich bleibe hier!“, teilte René seiner Mutter mit.
„Ich bringe René später nach Hause!“, sagte Pias Mutter, als sie die Treppe hinaufkam. Seine Mutter holte tief Luft, drehte sich auf dem Absatz um, lief die Treppe hinunter und warf die Türe hinter sich ins Schloss. René, Pias Mutter und Pias Oma hatten ihr mit hängender Kinnlade hinterher gesehen und Pias Mutter fragte verwirrt: „Was ist denn los?“. „Sie duldet kein anderes weibliches Wesen neben sich!“, erklärte René. „Aha!“, brachte Pias Mutter nur hervor.
Pias Oma hatte zwischenzeitlich heißen Kakao gekocht und ihn im Wohnzimmer bereitgestellt und Pia eine Tasse an die Badewanne gebracht. Eine halbe Stunde später, als sie wieder nach ihr sah, war das Badewasser bereits kalt geworden und der Kakao stand immer noch unberührt an der Ablagefläche der Badewanne. „Du kühlst ja vollkommen aus!“, sagte die Oma besorgt. Doch Pia antwortete nicht und sah nur starr in ihre Richtung. „Rosi ist jetzt im Pferdehimmel und schaut zu dir herunter.“, versuchte sie, ihre Enkeltochter zu beruhigen. Doch Pia regte sich nicht. Nur ein neuer Fluss Tränen rann ihr über das Gesicht hinweg zu dem bereits kühlen Badewasser. Als sie herunter kam zu René und ihrer Tochter, sagte sie verzweifelt: „Ich weiß gar nicht, was ich tun soll. Den Kakao hat sie nicht angerührt und das Wasser ist ganz kalt.“. Da ging Pias Mutter hinauf zu Pia.
„Magst du nicht herauskommen aus dem kalten Wasser?“. Doch Pia blieb stumm. So drehte sie den Wasserhahn auf und ließ ihr heißes Wasser in die Wanne laufen. Sie saß an der Wanne und sah ihre Tochter an. Sie wusste nicht mehr, was sie tun oder sagen sollte. Pia begann durch das heiße Wasser der Schweiß auf die Stirn zu treten. Da drehte ihre Mutter den Wasserhahn wieder zu. „Rufe mir, wenn du etwas brauchst.“, sagte sie sanft.
„Ich weiß nicht, was ich noch machen soll.“, sagte Pias Mutter beunruhigt, als sie wieder ins Wohnzimmer zurückkam. „Gehe du zu ihr.“, bat sie René. „Darf ich?“, fragte er schüchtern. „Geh ruhig.“, sagte Pias Mutter. René stand auf, ging die Treppe hinauf, öffnete langsam die Badtüre und trat ein. Da zeigte Pia das erste Mal eine Regung, indem sie zu ihm zur Tür sah.
„Darf ich?“, fragte René. Pia nickte. Er ging zu ihr an die Badewanne, strich ihr mit der Hand über den Kopf und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann griff er nach Pias Hand und hielt sie im Wasser fest. So dass der Ärmel seines Sweatshirts nass wurde.
Pias Oma warf sicherheitshalber von Zeit zu Zeit einen Blick in das Badezimmer, denn es war ihr nicht sehr wohl, ihre Enkelin im Badezimmer mit einem männlichen Wesen zu wissen. Doch sie sah nur ihre Enkelin starr in der Wanne liegen und René davor knien und die Hand ihrer kleinen Pia im Wasser halten. Das Badewasser war zwischenzeitlich wieder abgekühlt und Pias Zähne begannen zu klappern. „Komm heraus!“, forderte René Pia auf. Stumm stand Pia auf und René hielt ihr ein großes, weißes flauschiges Handtuch entgegen und brachte sie zu ihrem Bett, wo ihre Oma ihr bereits einen Schlafanzug entgegenhielt. „Du bist ja noch ganz nass!“, sagte sie und rubbelte Pia trocken. „Zieh jetzt was an!“, sagte sie erneut.
Pias Mutter brachte eine neue Tasse mit heißem Kakao und hielt sie ihrer Tochter entgegen. Pia schlotterte immer noch am ganzen Körper. Da steckte sie sie gleich ins Bett und schloss die Bettdecke luftdicht um sie herum und machte eine Wärmflasche heiß, die sie ihr unter die Decke steckte. „Musst du nicht nach Hause?“, fragte sie René. „Das ist jetzt egal. Meine Mutter bockt und da kriegt sie gar nicht mit, ob ich da bin oder nicht.“, antwortete er. „Macht sie sich keine Sorgen?“, fragte Pias Mutter. „Sie weiß ja, wo ich bin!“, sagte René trotzig. „Du bist erst vierzehn!“, sagte sie und wandte sich zum Gehen.
René saß noch lange da und streichelte Pias Kopf, der das Einzige war, was aus der Decke hervor spitzte. Irgendwann ist sie vor Erschöpfung von dem vielen Weinen eingeschlafen. René schlich leise aus ihrem Zimmer und ging hinunter zu Pias Eltern, die immer noch besorgt im Wohnzimmer saßen. „Sie schläft jetzt!“, sagte er. „Dann fahre ich dich jetzt nach Hause.“, sagte Pias Mutter. René nickte. „Du kannst morgen früh wiederkommen. Du bist jederzeit willkommen.“, bot Pias Mutter an. „Gerne!“, sagte er.
Die Gemeinde trauert um Charly
„Wie geht es dir?“, fragte Pias Oma, als sie am nächsten Morgen Pias Zimmer betrat. In der Hand hielt sie die Morgenzeitung und legte sie auf Pias Bettdecke. Pia sah ihre Oma mit leerem Blick an und nahm die Zeitung an sich. Darin war ein langer Bericht über die schrecklichen Geschehnisse des letzten Tages.
„Komm Frühstücken!“, forderte Pias Oma ihre Enkeltochter auf. Pia folgte ihrer Oma wortlos in die Küche, wo ihre Mutter bereits auf sie wartete. „René kommt gleich und wird dich zur Schule begleiten.“, sagte Pias Mutter und schob ihr einen Teller mit einem Marmeladenbrot hin. Pia sah wortlos auf ihren Teller, konnte aber nichts herunterbringen. „Du musst etwas essen!“, sagte ihre Oma. Doch Pias Blick war leer. „Dann trinke wenigstens den Kakao, damit du etwas im Bauch hast.“, bat ihre Oma.
Es läutete an der Türe. „Das wird René sein.“, sagte Pias Mutter. Doch Pia rührte sich nicht vom Fleck und starrte auf ihr Marmeladenbrot. „Willst du ihm nicht aufmachen?“, fragte sie weiter. Doch Pia rührte sich nicht vom Fleck. So ging ihre Oma zur Haustür. „René ist so ein netter Junge.“, sagte sie noch auf dem Weg. Doch als sie die Türe öffnete, stand ein Reporter vor der Türe.
„Guten Tag!“, sagte er. „Mein Name ist Pöhler vom Kurier. Ich würde gerne mit Pia sprechen.“, erklärte er. „Lassen sie das Kind in Ruhe!“, entgegnete sie Barsch und schloss die Türe. „Halt!“, hörte sie René noch rufen, der gerade um die Ecke kam und sie öffnete die Türe wieder. „Hallo!“, sagte der Reporter zu René.
„Warst du nicht dabei bei dem Unglück?“, wollte er wissen. „Lassen sie den Jungen in Ruhe!“, fauchte Pias Oma den Reporter noch einmal an und ließ René herein.
„Möchtest du einen Kakao?“, fragte Pias Oma René. „Gerne!“, antwortete dieser und folgte ihr in die Küche, wo Pia immer noch wortlos ihr Marmeladenbrot anstarrte. René ging zu ihr, legte den Arm um sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Na, na, na!“, machte Pias Oma, sah aber weg, als Pias Mutter ihr einen bösen Blick zuwarf. „Wie geht es dir?“, fragte René. Pia sah von ihrem Marmeladenbrot auf und sie sah direkt in Renés Augen. Ihre Tränen waren über Nacht immer noch nicht versiegt und sie begann erneut zu weinen. René nahm sie in seine Arme und strich mit seiner Hand liebevoll über ihr langes blondes Haar.
Es läutete wieder. Diesmal öffnete Pias Mutter. Es war wieder der Reporter, der nicht lockerlassen wollte.
„Darf ich ihnen meine Karte dalassen?“, fragte er hoffnungsvoll. „Vielleicht rufen sie mich an, wenn der Zeitpunkt besser ist, damit ich darüber berichten kann.“, sagte er und überreichte Pias Mutter seine Visitenkarte. „Ich melde mich, wenn es ihr besser geht.“, versprach Pias Mutter. Kurz darauf läutete es wieder an der Haustüre.
„Gibt dieser Reporter denn nie Ruhe?“, schimpfte Pias Oma und schoss zur Türe. „Jetzt reicht es aber!“, schimpfte sie, während sie die Türe öffnete. „Lassen sie uns in Ruhe!“, schimpfte sie weiter. Doch als sie genau hinsah, entdeckte sie den Bürgermeister, der vor ihrer Türe stand.
„Guten Tag!“, sagte er. „Störe ich?“, fragte er vorsichtig. „Oh, äh Herr Bürgermeister!“, stammelte Pias Oma. „Kommen sie doch herein.“. Der Bürgermeister betrat das Haus und Pias Oma bat ihn ins Wohnzimmer.
„Der Grund meines Besuches ist …“, begann er seinen Satz. „Nehmen sie doch Platz.“, forderte Pias Oma ihn auf. Der Bürgermeister setzte sich und fuhr seinen Satz fort: „Es ist ein schreckliches Unglück.“. „Schrecklich!“, bestätigte Pias Oma.
„Wie geht es Pia?“, fragte der Bürgermeister. „Sie isst nicht und sie spricht nicht.“, erklärte die Oma besorgt. „Kann ich sie sprechen?“, fragte der Bürgermeister. „Ich hole sie.“, sagte die Oma.
René hielt Pia noch in seinen Armen und sie weinte immer noch herzzerreißend. „Der Bürgermeister will dich sprechen.“, sagte ihre Oma zu ihr. Behutsam führte René Pia ins Wohnzimmer. „Ich nehme mir heute frei!“, sagte Pias Mutter und ging zum Telefon. „Und du gehst heute auch nicht zur Schule. Ich werde den Arzt rufen. Er soll dir etwas zur Beruhigung geben.“.
„Wie geht es dir?“, fragte der Bürgermeister, als Pia das Zimmer betrat. Doch Pia war zu schwach und traurig, etwas zu sagen oder ihm die Hand zur Begrüßung entgegenzustrecken. Fast, als hätte sie sich selbst aufgegeben. „Heute Nachmittag findet eine Gedenkfeier am Turnierplatz zu Ehren von Charly statt.“, sagte der Bürgermeister. „Fühlst du dich im Stande zu kommen?“, fragte er weiter. Pia nickte abwesend.
Der Bürgermeister verabschiedete sich im Flur von Pias Mutter und ihrer Oma und sie murmelten etwas, was Pia und René vom Wohnzimmer aus nicht verstehen konnten. Bald darauf kam der Hausarzt der Familie, der Pia eine Beruhigungsspritze gab und ihren Eltern und René einige Instruktionen. „Du musst jetzt zur Schule.“, sagte Pias Mutter zu René. Dieser nickte, gab Pia einen dicken Kuss auf die Wange und verabschiedete sich von deren Eltern. „Du kannst nach der Schule kommen und mit uns essen, wenn deine Mutter einverstanden ist.“, sagte Pias Oma. „Sie ist sowieso bei der Arbeit. Ich komme gerne!“, bestätigte René die Einladung. Warf noch einen Blick zu Pia, die sich immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte und ging schweren Herzens.
Rosis Gedenkfeier
Nach der Schule kam René wie abgemacht direkt zu Pia. „Sie schläft.“, sagte Pias Mutter. „Der Arzt hat ihr eine Beruhigungsspritze gegeben. Aber schau ruhig zu ihr hinauf.“, sagte sie weiter. Leise schlich René die Treppe hinauf.
„Ein netter Junge!“, sagte Pias Oma. „Es wird ihr gut tun, wenn René nach ihr sieht.“, sagte Pias Mutter. René ging in Pias Zimmer und setzte sich an ihre Bettkante. Gab ihr einen Kuss auf ihr blondes Haar und streichelte dieses, bis sie die Augen öffnete. „Hallo!“, sagte René zärtlich. Pia nahm seine Hand und drückte sie.
„Unten riecht es schon ganz toll. Wollen wir in die Küche gehen?“, fragte René. Pia legte ihre Arme um ihn und ließ ihn nicht mehr los. „Na komm! Du musst etwas essen!“, sagte René. „Ich habe jedenfalls einen Bärenhunger!“, sagte er und sein Magen knurrte, als ihm der Essensduft erneut in die Nase stieg und stand auf. Pia folgte ihm gehorsam. Pias Oma stellte das Essen auf den Tisch und alle bedienten sich. Außer Pia. So füllte René ihren Teller. Doch sie rührte es nicht an. Schien es nicht einmal wahr zu nehmen.
„In der Schule haben sie echt genervt!“, sagte René. „Alle wollten Einzelheiten wissen. Es war gar nicht so leicht, sie mir alle vom Hals zu halten.“. Erzählte er weiter. „Ich habe ihnen aber gesagt, dass sie dich bloß in Ruhe lassen sollen!“.
René erzählte, was in der Schule alles los war. Er hatte sich sogar mit einem von Pias Klassenkameraden getroffen, der ihm die Hausaufgaben für sie mitgegeben hat und ihn informierte, was sie an diesem Tag durchgenommen hatten. „Das können wir nachher zusammen durchgehen.“, bot René an. Doch Pia antwortete immer noch nicht.
„Das hätte ich fast vergessen!“, sagte René und zog einen Teddybären aus seiner Schultasche. „Der soll auf dich aufpassen, wenn ich nicht bei dir sein kann.“, sagte er und gab ihn Pia. Pia sah René dankbar an und drückte den Teddy fest an sich.
Nach dem Essen fuhren sie gemeinsam zu dem Ort des schrecklichen Geschehens. Es war schon eine große Menschenschar eingetroffen, die bemitleidende Blicke auf Pia warf. Der Bürgermeister begrüßte Pia und legte den Arm um sie. Dann begann er seine Ansprache. „Hier ist gestern ein tragischer Unfall geschehen.“, begann er seine Rede. Dann berichtete er von Charly und wie sie sich gefunden hatten und von Pia, wie sie mit René und Charly heimlich trainiert hatte. Von der Entführung des Pferdes und dem ersten Turnier und allen Erfolgen, die das Mädchen und das Pferd durch Zusammenhalt und Ehrgeiz erreicht hatten. „Und dann dieses schreckliche Unglück, dass dieses Tier unter den Händen seiner Reiterin auf einem Turnier stirbt. Beim letzten Sieg.“, schloss er seine Rede und legte einen Kranz auf dem Unglücksort nieder.
Pia stand starr und mit verzweifeltem Gesichtsausdruck neben ihm und ließ geschehen, was geschah und die Tränen, die nicht versiegen konnten, rannen ihr in Bächen über ihr hübsches Gesicht. Ein gutaussehender schlanker Mann Anfang dreißig näherte sich Pias Mutter. „Friedrich Müller mein Name!“, stellte er sich vor. „Ich bin der Arzt, der Pia im vergangenen Jahr nach ihrem Sturz behandelt hat.“. „Guten Tag!“, begrüßten ihn auch Mutter und Oma. René entdeckte ihn auch und winkte ihm zu. „Sie sollten dringend mit ihrer Tochter verreisen. Sie hat schwere Depressionen. Vielleicht kann ihr ein Tapetenwechsel helfen.“, sagte er. „Das ist keine schlechte Idee!“, sagte Pias Mutter. „René sollte vielleicht mit ihr verreisen. Er tut ihr gut.“, ergänzte er seinen Satz. „Das ist eine gute Idee.“, wiederholte Pias Mutter. „Bald sind Ferien, da könnten wir ans Meer.“.
René versuchte noch den ganzen Tag seine Freundin aufzumuntern. Er machte Späße, erzählte ihr von den Geschehnissen in der Schule und erklärte ihr, was in ihrer Klasse durchgenommen wurde. Doch Pia saß nur stumm da und hielt Renés Hand. Als Pias Mutter das Zimmer betrat, sah sie René hoffnungsvoll an. Doch René blickte sie nur Hilfe suchend an und zuckte die Achseln. „Wisst ihr was?“, fragte Pias Mutter fröhlich und legte den Arm um die beiden. „Was haltet ihr davon, wenn wir in den Ferien ans Meer fahren?“, fragte sie und sah ihre Tochter erwartungsvoll an. Pia wollte schon so lange einmal Urlaub am Meer machen, aber sie zeigte keine Reaktion. „Wir können baden gehen und in der Sonne liegen und vielleicht könnt ihr deinen lang ersehnten Ritt am Strand machen.“ Da sah Pia sie verständnislos an und schrie: „Was denkst du? Meinst du, ich kann mein Pferd vergessen, indem ich auf dem Rücken irgendeines anderen Pferdes am Strand entlang reite? Meinst du, ich kann Rosi vergessen, wenn ich schwimmen gehe oder in der Sonne brate? Meinst du, ich könnte mein Pferd jemals vergessen?“. Dann rannte sie hinaus, schlug die Türe hinter sich zu und lief in den Garten, wo sie sich auf die Stufe der Terrasse setzte. Ihre Mutter war ihr gefolgt.
„Niemand will, dass du Rosi vergisst.“, sagte sie und setzte sich neben ihre Tochter. „Aber das Leben geht weiter!“, versuchte sie ihrer Tochter zu erklären. „Rosi wird immer in deinen Gedanken sein und das ist auch gut so. Niemand will dir die Erinnerung oder die Liebe zu diesem Tier nehmen.“, sagte Pias Mutter sanft. „Doch!“, schrie Pia. „Das versuchst du doch laufend!“. Pia sprang auf und lief zurück in ihr Zimmer.
„Zwingen können wir sie nicht!“, sagte Pias Mutter zu René, der inzwischen auch die Treppe heruntergekommen war. „Wie hieß der Arzt, der Pia letztes Jahr verarztet hatte, der mich heute angesprochen hat?“, fragte sie. „Friedrich Müller.“, antwortete René. „Ich werde ihn anrufen. Er scheint ganz vernünftig zu sein.“, ergänzte Pia.
„Ich habe doch immer gewusst, warum ich ein Tier abgelehnt habe!“, sagte Pias Oma kopfschüttelnd, als sie auf ihre Tochter und René traf. „So etwas musste ja einmal passieren, dass ein Tier stirbt. Das kann sie nicht verkraften!“.
Pias Mutter ging zum Telefon und rief die Auskunft an, um die Telefonnummer des Arztes zu erfragen, da sie die Visitenkarte nicht mehr finden konnte. Sie erhielt sie und rief ihn sofort unter seiner Privatnummer an. Sie hatte Glück. Er war zu Hause.
„Sie braucht unbedingt Ablenkung!“, sagte der Arzt. „Ich kann sie doch nicht zwingen zu verreisen.“, sagte Pias Mutter. „Dann hilft nur eines!“, überlegte er. „Was?“, fragte Pias Mutter hoffnungsvoll. „Ein neues Pferd!“, sagte der Arzt. „Wir können uns kein Pferd leisten!“, sagte Pias Mutter. „So ein Pferd kostet viel Geld im Unterhalt.“, sagte sie verzweifelt. „Warten Sie ab!“, sagte der Arzt. „Ich habe da eine Idee.“.
Ein neues Pferd muss her
Am nächsten Morgen läutete es schon früh am Morgen an der Türe des Hauses, in dem Pia mit ihrer Oma und ihrer Mutter lebte. Als Pias Oma öffnete, war Pias Mutter bereits zur Arbeit gefahren. Vor der Tür stand der Arzt Friedrich Müller zusammen mit Hans Übbing und wedelte aufgeregt mit der Zeitung. „Dürfen wir hereinkommen?“, fragte Friedrich Müller. Pias Oma war etwas verdutzt. Ließ die beiden Männer aber eintreten. „Wie geht es Pia?“, fragte Hans. „Sie schläft noch. Sie will nicht mehr essen und sprechen tut sie auch nicht viel!“, sagte Pias Oma besorgt. „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll!“. „Aber wir!“, sagte Friedrich Müller und schlug die Zeitung auf. „Wir haben einen Artikel in die Zeitung bringen können, in der über Pias Schicksal genau berichtet wird und über den Zustand, in dem sie sich befindet. „Ihm als Arzt hat man zugehört.“, warf Hans Übbing aufgeregt ein.
Pias Oma nahm die Zeitung und las den Artikel, der über eine ganze Seite reichte und die beiden Männer sahen ihr aufgeregt zu. „Aber wir können uns kein Pferd mehr leisten!“, sagte Pias Oma. „Lassen sie uns erst eines finden. Für den Rest sorgen wir!“, sagte Friedrich Müller. „Aber das können wir nicht annehmen!“, sagte Pias Oma verwirrt. „Doch! Das können Sie!“, sagte Friedrich Müller. „Für Pia!“, fügte er hinzu. „Sie wollen doch, dass es ihr bald wieder besser geht und die Depressionen verschwinden, oder?“. „Aber natürlich!“, sagte Pias Oma. „Dann lassen Sie uns nur machen!“, sagte Friedrich Müller. „Aber die Stallmiete, das Futter und was so ein Pferd alles braucht!“, sagte Pias Oma besorgt. „Das lassen sie meine Sorge sein!“, sagte Hans Übbing. „Das geht nicht!“, sagte Pias Oma verschämt. „Sie kann ja nach der Schule und an den Wochenenden im Stall mithelfen. Da gibt es jede Menge zu tun und sie ist ja sowieso meistens bei uns.“, entgegnete er. „Warum tun sie das alles für uns?“, fragte Pias Oma. „Wir tun es für Pia!“, sagte Friedrich Müller. „Aber warum?“, hakte Pias Oma nach. „Wissen sie, …“, begann Friedrich Müller, „Ich war auch einmal in Pias alter. Und ich liebe Pferde ebenso wie Pia. Dann hatte ich einen schweren Reitunfall, bei dem ich mir einen Wirbel gebrochen hatte und das Pferd sich zwei Beine. Wir mussten es einschläfern lassen. Mir hätte damals nichts so sehr helfen können, wie die Aussicht auf ein neues Pferd. Neue Abenteuer mit dem besten Freund eines Reiters und die Aussicht, wieder reiten und trainieren zu können. Doch mein Vater verlor seine Arbeit und begann zu trinken. Wir hatten kein Geld mehr und konnten uns kein Pferd mehr leisten. Ich verfiel in tiefe Depressionen und fand erst wieder heraus, als ich den Beschluss gefasst hatte, nach meinem Schulabschluss zu studieren und hart für meinen Traum zu arbeiten, um mir wieder ein Pferd kaufen zu können. Jetzt besteht meine Aufgabe darin, Menschen zu helfen und das geht meinem Privatvergnügen vor. Aber ich weiß, dass ich eines Tages wieder die Zeit finden werde, mir ein Pferd zu kaufen und meinen Jugendtraum wahr werden zu lassen. Das, wofür ich Tag für Tag gearbeitet habe.“, schloss Friedrich Müller seine Ausführungen. „Da muss ich erst mit Pias Mutter reden!“, sagte Pias Oma. „Dann lassen sie uns das gleich tun. Wie ist ihre Nummer?“. Pias Oma war verwirrt, suchte aber die Nummer heraus und gab sie Friedrich Müller. Sofort rief er sie an und schilderte den Fall. Als er aufgelegt hat, sagte er: „Gut, dann kann es losgehen!“. Die Männer verabschiedeten sich und gingen.
Bereits mittags waren aufgrund des Artikels unzählige Anrufe bei der Zeitung eingegangen, wo verschiedenste Pferde zu günstigen Preisen angeboten wurden. Eine ganze Stadt teilte Pias Leid und suchte nach Lösungen. So hatte sich Friedrich Müller wieder auf den Weg zu Pias Haus gemacht, wo er auch ihre Oma und René antraf, der nach der Schule gleich wiedergekommen war und versuchte, Pia aufzumuntern.
„Kommt mit!“, forderte er René und Pia auf. „Wohin?“, fragte René verdutzt. „Überraschung!“, sagte der Arzt. Pia und René stiegen in das Auto des Arztes. „Hoffentlich behalten sie Recht!“, sagte Pias Oma zum Abschied. „Es ist ein Versuch. Und wir sollten jede Chance nutzen.“. So fuhren sie ab und Pias Oma sah ihnen nach, bis das Auto hinter einer Kurve verschwand. Sie fuhren auf ein großes Gestüt. Doch Pia ließ den Kopf mehr und mehr hängen. „Wow!“, sagte René. „Das ist ein Stall!“, fügte er beeindruckt hinzu. „Da wären wir!“, sagte Friedrich Müller. „Kommt, steigt aus und genießt den Duft der Stallluft!“. Pia rührte sich nicht vom Fleck. „Na komm schon!“, sagte René und zog sie mit sich aus dem Auto. „Geht ihr ruhig in die Stallungen! Ich komme gleich nach!“. René zerrte Pia zum Stall und Friedrich Müller wechselte ein paar Worte mit einem Mann, der ihm über den Hof entgegengekommen war.
René öffnete die Boxentüre eines wunderschönen Schimmels. „Wow, ist das ein Prachtpferd!“, sagte er beeindruckt. Ging hinein und streichelte das Pferd am Hals. „Sein Fell fühlt sich wie Seide an!“, sagte er. „Komm! Fühle es einmal! So etwas findest du im Stall Übbing nicht!“. Doch Pia rührte sich nicht.
Der Schimmel untersuchte zwischenzeitlich Renés Hose nach Leckereien. Und als er nichts fand, versuchte er sein Glück bei Pia. Doch als der Schimmel Pia berührte, sie seinen Duft einatmete und die Wärme des Pferdes spürte, sackte sich in sich zusammen. In diesem Moment hatte Friedrich Müller und der Mann vom Hof den Stall betreten und eilten zu ihr.
„Pia, was ist los?“, fragte Friedrich Müller. „Was ist passiert?“, fragte der Mann. „Charly!“, weinte Pia. „Charly! Ich vermisse ihn so sehr!“ René legte den Arm um ihre Schulter und ging mit ihr in Richtung des Autos.
Friedrich Müller verabschiedete sich von dem Mann und sagte: „Wir kommen ein anderes Mal wieder. Vielen Dank! Ich rufe sie an!“, und folgte den beiden. „Möchtest du kein neues Pferd haben?“, fragte Friedrich Müller. „Charly!“, schluchzte Pia. René und Friedrich Müller sahen sich ratlos an und fuhren zu Pia nach Hause.
Stallluft als Therapieversuch
Wie jeden Tag kam René gleich nach der Schule zu Pia geradelt und aß mit ihr und ihrer Oma und sah zu, wie sie immer mehr und mehr abnahm und das Essen verweigerte.
„Ich muss mich jetzt unbedingt wieder um Gauner kümmern!“, sagte René. „Er ist bestimmt schon ganz beleidigt!“. Pia nickte verständnisvoll. „Ich würde mir wünschen, dass du mit mir kommst. Ohne dich ist es nicht mehr schön im Stall!“, bat er Pia. Pia nickte. Sie wusste, wie René sich für sie aufopferte und jede freie Minute bei ihr verbrachte. Sie wusste auch, dass sein Pferd ihn braucht und nicht immer nur von anderen geritten werden kann oder in den Konditrainer gestellt werden kann. René und Pias Oma sahen sich hoffnungsvoll an. „Wollen wir gleich morgen zusammen hinfahren?“. Pia nickte wieder und ihre Oma seufzte erleichtert auf.
Am nächsten Vormittag kam René um Pia abzuholen. „Ich fahre euch!“, sagte Pias Mutter. „Sie hat nichts gegessen und ist zu schwach, um mit dem Fahrrad in den Stall zu fahren.“. „Bitte iss doch ein wenig, damit wir nicht immer Anstandswauwaus dabei haben müssen!“, flüsterte er Pia ins Ohr und sie biss in ihr Frühstücksbrot.
Im Stall angekommen, führte René Pia geschickt um die Stallgasse herum, in der Rosi früher gestanden hatte und holte Gauner aus seiner Box. „Hilfst du mir, ihn zu putzen? Er ist sehr verwahrlost, seit ich nicht mehr bei ihm war.“. Pia nickte und nahm den Striegel, den René ihr entgegenhielt. Schwach begann sie, den Striegel über Gauners Fell zu bewegen, der dankbar schnaubte. Doch sie sah immer in die Richtung der Stallgasse, wo sich Rosis Box befand. Der Striegel fiel Pia aus der Hand und die Tränen liefen ihr erneut über ihr zartes Gesicht. Wie in Hypnose wurde sie angezogen von Rosis Box. Sie konnte nicht anders. Sie musste dort hinlaufen.
„Du warst sehr tapfer, dass du mit mir hierhergekommen bist!“, sagte René und nahm Pia in ihren Arm. „Weißt du noch, wie es war, wie ich Rosi gefunden habe?“, sagte Pia. „Die Pferde waren ausgebrochen und ich habe geholfen, sie einzufangen. Rosi blieb ganz brav bei mir und ließ sich artig in ihre Box führen.“, sagte Pia. „Und jetzt, jetzt ist die Box leer und Rosi ist fort und nie wieder kann ich den Duft ihres Felles riechen und nie wieder kann ich ihr Schnauben hören. Sie nie wieder streicheln und umarmen. Nie wieder wird sie mich anstupsen, mich ansehen oder wiehern, wenn ich herkomme.“
In diesem Moment kam Hans zur Türe herein. „Das ist deine Box!“, sagte er. „Sie steht für dich leer! Für dein Pferd!“, sagte Hans weiter. „Du kannst uns im Stall helfen, dann ist sie bezahlt. Aber du musst dich bald entscheiden. Ich kann sie nicht ewig leer stehen lassen, denn sonst muss ich eine Arbeitskraft einstellen und wenn du wolltest, du wärst genau recht.“. „Und bis dahin reitest du Gauner!“, bot René an. „Damit du nicht verlernst, was du dir so hart erarbeitet hast!“. „Aber ich würde doch Rosi hintergehen!“, sagte Pia traurig. „Sie würde es so wollen!“, sagte René. „Gib mir bitte noch Zeit!“, bat Pia. „Es ist in Ordnung!“, sagte René. Da beginnt Pia wieder zu weinen. René umarmt sie und es läuft ihm eine Träne über die Wange. „Komm zurück zu den lebenden!“, sagte er verzweifelt. „Ich liebe Dich!“, flüsterte er und zog Pia noch fester an sich. „Bitte verlasse du mich nicht auch!“, sagte Pia. „Es ist so schwer!“, sügte sie noch hinzu. „Ich weiß!“, sagte René und sie begannen beide bitterlich zu weinen. Doch beide hatten sie neue Hoffnung. Pia hatte das erste Mal wieder gesprochen und aufgenommen, was man ihr sagte. Und Pia hatte unendliche Angst, dass René sie wieder alleine lassen würde, wenn sie sich nicht zusammen riss und ihm zeigte, dass sie froh war, dass er bei ihr war und für sie da war. So einen Jungen würde sie in ihrem Leben kein zweites Mal treffen und sie wollte es nicht riskieren, ihn wieder zu verlieren. Aber es war schwer in ihrem Leid und ihrem Unglück.
Ein zweiter Charly
Am nächsten Morgen kam Friedrich Müller aufgeregt zu Pias Haus gelaufen und läutete Sturm. „Um Gottes willen!“, rief Pias Oma aus, als sie die Türe öffnete. „Was ist denn passiert?“. „Ich habe ein Pferd!“, rief Friedrich Müller völlig außer Atem. „Ein Pferd für Pia!“, keuchte er weiter. „Ein Fohlen von Rosi!“, prustete er. Pias Oma schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Ein zweiter Charly!“, rief sie erfreut und lief in Pias Zimmer und ließ Friedrich Müller vollkommen unbeachtet in der Türe stehen.
„Pia!“, rief ihre Oma. „Pia!“, wiederholte sie ihren Ausruf. „Charly!“, keuchte sie, als sie nun ebenfalls vollkommen außer Atem in Pias Zimmer ankam. Pia setzte sich erstaunt auf und ihre Oma berichtete von der freudigen Nachricht.
„Oh Gott! Herr Müller! Den habe ich ja ganz vergessen!“, sagte sie und lief die Treppen wieder herunter, wo Friedrich Müller immer noch in der geöffneten Türe außerhalb des Hauses stand. „Entschuldigen Sie!“, sagte Pias Oma. „Kommen Sie doch herein! Wie unhöflich von mir.“. Friedrich Müller lächelte und betrat das Haus. Pia war auch schon die Treppe heruntergelaufen.
„Ich habe ein Fohlen von Charly gefunden!“, erklärte Friedrich Müller. „Eine Stute. Zehn Jahre alt!“, erklärte er weiter. „Ein Fohlen von Charly?“, fragte Pia und lächelte das erste Mal seit langem. „Kann ich es sehen?“, fragte Pia. „Klar!“, sagte Friedrich Müller. „Zieh dich an, dann fahren wir gleich los!“. Eilig zog Pia ihre Turnschuhe an und ihre Jacke und ihre Oma war froh und erleichtert. So hatte sie Pia nun schon lange nicht mehr erlebt. Und als die beiden aus dem Haus waren, rief sie sofort ihre Tochter an, um ihr von den Neuigkeiten zu berichten. „Ich gebe ihr meine Ersparnisse für meine Beerdigung!“, sagte sie zu ihrer Tochter. „Wenn das Kind nur endlich wieder froh ist. Ich werde schon nicht gleich sterben!“
Pia und Friedrich Müller waren nun auf einem Bauernhof angekommen, der reichlich verwahrlost aussah. Die Außenfassade war stark bemoost und die Holztüre sehr verwittert. Es roch unangenehm und auf dem Hof lag überall glitschiges Stroh herum, das schon lange nicht mehr weggefegt wurde. Als sie auf die Türe zugingen, öffnete sich diese und ein alter Mann kam leicht taumelnd hindurchgewankt. „Herr Lenting!“, rief Friedrich Müller. „Ah!“, murmelte er. „Dat is se also!“, murmelte er weiter. „Da hinten! Da steht der Klepper!“, lallte er und zeigte auf den Weg, der an dem Stall vorbeiführte.
Pia und Friedrich Müller schlugen den Weg ein und sahen ein Pferd, das so verdreckt und verwahrlost war, dass man nicht mehr feststellen konnte, ob es ein Schimmel oder ein Rappe war. Die Hufe hatten schon lange keinen Hufschmied mehr gesehen und man konnte sich nicht sicher sein, ob das Pferd überhaupt wusste, was eine Bürste oder ein Striegel war. Friedrich Müller seufzte. Und als er eine starke Alkoholfahne vernahm, drehte er sich um und sah Herrn Lenting, der dicht hinter ihm stand. „Was soll der denn kosten?“, fragte er. „Für Sie?“, fragte der Bauer nach. „Hmmm! Für Sie zehntausend!“. „Zehntausend?“, rief Friedrich Müller. „Das Tier in diesem Zustand ist keine fünfhundert wert!“. „Zehntausend!“, beharrte der Bauer. Erbost nahm er Pia am Arm und zog sie mit sich in Richtung Auto. „Wenn sie wollen, dass sie weiter nicht mehr redet!“, schimpfte der Saufbold hinterher. „Sie werden schon bezahlen! Es steht doch in allen Zeitungen!“.
Wütend fuhr Friedrich Müller mit Pia ab brachte sie nach Hause und eilte rasch davon. Als er immer noch wütend in seiner Wohnung ankam, nahm er sofort den Telefonhörer zur Hand und wählte die Nummer seines Freundes bei der Zeitung und berichtete von der Gaunerei des Alten. Dieser setzte sich sofort an seinen Computer und schrieb einen entsprechenden Artikel. Und bereits am nächsten Morgen erschien die Schlagzeile in allen Zeitungen. Gaunerei mit Pias Leid. Diese Schlagzeile lag auch bei Hans Übbing auf dem Frühstückstisch und noch bevor er den ersten Schluck seines Morgenkaffees getrunken hatte griff er zum Telefon, um Friedrich Müller anzurufen. Dieser hatte im Krankenhaus in der Nachtschicht gearbeitet und war gerade dabei einzuschlafen, als ihn das Telefon hochschreckte. Hans machte seinem Unmut bezüglich dieses Saufboldes Luft und schwor noch am selben Vormittag den Bauern in der Nachbarschaft aufzusuchen.
Als Hans sich auch noch am ersten Schluck seines Kaffees verschluckte, wurde er noch wütender und ließ das Frühstücken sein und fuhr sofort zu dem alten Halsabschneider, wie er ihn nannte. Er ließ den Motor aufheulen und fuhr flotter als sonst zu dem naheliegenden Bauernhof, den er mit quietschenden Reifen erreichte. Als er aus seinem alten Mercedes stieg und geräuschvoll die Autotüre zuschlug, sah er, wie sich der Vorhang des Küchenfensters bewegte und mit großem und entschlossenem Schritt marschierte er zur Tür des verwahrlosten Hauses. Laut und ungehalten klopfte er an die Türe. Man musste fast befürchten, dass er das Holz durchschlug. Doch der Hausherr kam nicht zum Vorschein. „Komm raus, du alter Gauner!“, rief Hans Übbing erbost. Doch nichts rührte sich. „Komm raus!“, rief er abermals. Und genau in dem Moment, als er mit Schwung ansetzte, um erneut gegen die Türe des Bauernhauses zu klopfen, öffnete sich diese und die starke Alkoholfahne des Besitzers blies ihm ins Gesicht.
„Was ist denn los?“, lallte der Alte. „Was los ist?“, brüllte Hans Übbing und hielt ihm die Zeitung entgegen. „Du bist ein alter versoffener Gauner!“, schrie er weiter. „Schau dir doch das Pferd an, wie verwahrlost es auf der Koppel steht. Es ist sogar auf der Titelseite der Zeitung. Du kannst froh sein, wenn du in diesem Zustand fünfhundert Euro für das Tier bekommst!“, schimpfte er und zog sein Scheckbuch aus der Jackentasche. „Fünfhundert Euro und keinen Cent mehr!“, sagte er und begann, den Scheck auszufüllen. „Ist doch euer Problem, wenn das Kind nicht redet!“, lallte der Betrüger. Doch Hans ging nicht mehr weiter auf das Gerede des Alten ein, drückte ihm den Scheck in die Hand, welchen er über fünfhundert Euro ausgestellt hatte und ging zur Koppel, um Charlys Fohlen von der Koppel zu holen. Zum Glück war er am Vorabend zu müde, den Hänger vom Auto zu montieren, so dass er diesen auf seiner wilden Fahrt noch am Auto hängen hatte. Er nahm das Tier an seinem mit Schmutz verkrusteten Halfter und führte es zum Hänger. Zu seiner Überraschung ging es gehorsam mit und wehrte sich nicht. Es schien, als würde es spüren, dass bessere Zeiten auf sich zukommen würden, wenn er nur mitginge. „So!“, sagte Hans Übbing. „Dich werde ich jetzt erst einmal putzen und aufpäppeln! Bist ja total verdreckt und abgemagert. Er führte das Tier behutsam auf den Hänger und fuhr sehr viel zaghafter als zuvor zurück auf seinen Hof.
„Mach mal eine Box fertig!“, sagte er, als ihm sein Sohn Robert über den Weg lief. Dann öffnete er die Klappe des Hängers und Robert klappte die Kinnlade herunter. „Ich dachte, das sei eine Fatamorgana!“, sagte er. Dann ging er in den Stall, um die Box für das neue Tier herzurichten. Er streute es extra dick ein, damit es das Tier besonders gemütlich haben würde. Er war der festen Überzeugung, dass das Tier eine bequeme Box gar nicht kannte.
Hans hat das Tier inzwischen auf den Waschplatz geführt, es dort angebunden und den Putzkasten geholt. „Na Charly,“, sagte er. „Jetzt wäre eine Waschanlage für Pferde angenehm. Aber die muss wohl erst noch erfunden werden. Dann machen wir es eben auf die herkömmliche Weise.“. Hans öffnete den Kasten und nahm den Striegel in die Hand und begann Hand an dem verkrusteten Fell Hand anzulegen. Die Stute schien es zu genießen, wie man ihm die Lehmklumpen entfernte und schnaubte zufrieden. Eine Stunde später war der grobe Dreck aus dem Fell gestriegelt und Hans Übbing begann das Tier abzuspritzen, damit es nun auch entfärbt wurde und man sehen konnte, wie es wirklich aussah. Dann griff er zum Hufmesser und schnitt ihm die viel zu lang gewachsenen Hufe notdürftig zurecht, bevor er den Hufschmied rief. Er fettete das spröde Horn und brachte die Stute in seine neue Box, wo sie sich sofort in das frische Heu fallen ließ und freudig schnaubte und sich unaufhörlich wälzte.
„Du fühlst dich also wohl!“, stellte er zufrieden fest und kippte eine große Portion Hafer in seine Box. „Dann sage ich dem Junior, dass er dir einen großen Eimer Rübenschnitzel einweicht. Ist ja nichts mehr dran an dir.“, murmelte er und ging zum Haus, um zu Mittag zu essen, nachdem an diesem Tage schon das Frühstück ausgefallen war und er sehr zufrieden mit seiner Arbeit war.
Die erste Begegnung
Hans Übbing hatte Friedrich Müller über den aktuellen Stand telefonisch informiert und dieser hat sich auch sogleich mit Pias Mutter in Verbindung gesetzt und holte Pia und René von der Schule ab. Als er die beiden aus dem Gebäude kommen sah, lief er ihnen entgegen und rief: „Überraschung!“. Überrascht sahen sich Pia und René an. „Habt ihr Lust auf einen kleinen Ausflug?“, fragte Friedrich Müller mit spitzbübischem Gesicht. Wieder sahen die beiden sich fragend an. „Eure Eltern wissen Bescheid!“, sagte Friedrich Müller und hielt ihnen die Autotüre auf.
„Das ist doch der Weg zum Stall!“, sagte René. „Ja!“, sagte Friedrich Müller fröhlich. „Was machen wir denn da?“, fragte Pia. „Lasst euch überraschen!“.
Als sie angekommen waren, kam Hans bereits über den Hof gelaufen und begrüßte das Trio fröhlich. „Na, wie war euer Tag?“, fragte er. „Ging so!“, antworteten die beiden wie aus einem Munde. „Dann kann er ja nur noch besser werden!“, beschloss Hans. „Kommt mit! Ich habe eine Überraschung für Euch!“. Die drei folgten ihm im Gänsemarsch. Friedrich Müller war ganz aufgeregt und war gespannt, was die beiden wohl zu dem neuen Charly sagen würden. Vor der Box blieben sie stehen und René klappte die Kinnlade herunter.
„Wow!“, sagte er fassungslos. „Charly ist auferstanden!“, sagte er vollkommen baff und Hans grinste zufrieden. „Charly?“, fragte Pia. Diese Stute glich ihrem Charly auf das Haar. Es war Charlys Ebenbild, doch das Pferd sagte nichts. Es schnaubte nicht und wieherte nicht. Neugierig schnupperte es an der kleinen Gruppe. Pia wurde sofort wieder traurig. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihren Charly kennen gelernt hat. Wie sie ihn das erste Mal geritten hat und René ihr mitteilte, dass ihr Charly eine Stute sei und Rosi hieß. Sie erinnerte sich daran, wie René und sie sich nähergekommen waren und wie sie ihr erstes Turnier geritten und gewonnen hatten und eine Träne lief über ihr zartes Gesicht.
„Da haben wir wohl das Gegenteil von dem erreicht, was wir uns erhofft hatten!“, sagte Friedrich Müller traurig und leise zu Hans. „Abwarten!“, sagte dieser und zwinkerte ihm zu. „Gut Ding will eben Weile haben.“
Vorsichtige Annäherungsversuche
Pia sträubte sich nun wieder in den Stall zu fahren und gab René bei jeder Anfrage einen Korb. Dieses Pferd, das nun dort in Rosis Box stand erinnerte sie zu sehr an ihren Charly. Es sah aus wie er, aber er war es nicht. Und alle nannten ihn Charly. Das konnte sie nicht verkraften. So hatte Pias Mutter sich entschlossen ihre Überstunden abzufeiern und kam nun jeden Tag zwei Stunden früher aus dem Büro nach Hause, packte ihre Tochter ins Auto und fuhr sie in den Stall. René war meist schon dort und arbeitete mit Gauner.
Pia sah René traurig zu und weigerte sich in den Stall zu gehen, wo dieses Pferd stand, welches sie so sehr an ihren Charly erinnerte. Eines Tages hatte Hans sie jedoch ausgetrickst und den neuen Charly auf der Wiese stehen lassen, während die anderen Pferde schon in ihren Boxen standen und fraßen. René hatte Gauner bereits abgesattelt und ihn in seine Box gebracht. „Lass uns ein wenig spazieren gehen!“, sagte er zu Pia, als sie sich begrüßten. René legte den Arm um Pia und sie schlenderten über die Wiesen. Plötzlich standen sie vor Charlys Fohlen. Charly wieherte und stupste Pia mit seiner großen weichen Schnauze an und sah nach, ob sich nicht ein Leckerchen in Pias Hosentasche versteckte.
„Er braucht dich!“, sagte René. „Genauso, wie ich dich brauche!“, ergänzte er seinen Satz leise. Pia war vollkommen hin und her gerissen. Dieses Pferd glich ihrer Rosi aufs Haar.
René nahm Charly am Halfter und sie führten ihn zu seiner Box. Da warf sich die Stute ins Stroh und wälzte sich ausgiebig und als sie wieder aufgestanden war, hing ihr ein Büschel Stroh zwischen den Ohren. Dann drängte das Pferd die beiden zur Seite und sich an ihnen vorbei und schlenderte die Stallgasse entlang. Vor einem Sack Möhren blieb es stehen und vertilgte genüsslich eine Möhre nach der anderen.
Als Pia und René Charly erreicht hatten, sah er kurz hoch und streckte Pia den Huf entgegen. Pia konnte nicht mehr anders, als zu lachen und legte ihre Arme um das Tier und sagte: „Du bist ein liebes Pferd!“. „Lass uns morgen zusammen ausreiten!“, bat René. „O. K.!“, bab Pia nach. Und René umarmte Pia freudig.
Der erste Ausritt auf Charlys Nachfolger
Am nächsten Tag holte René Pia mit dem Fahrrad ab und wie in alten Zeiten fuhren sie zusammen zum Stall. Als sie dort angekommen waren, stand vor Charlys Box ein neuer Sattel, Zaumzeug und ein nagelneuer Putzkasten samt Inhalt. „Wow!“, entkam es Pia. „Das ist von deiner Mutter und von deiner Oma!“, klärte René sie auf. „Was? Echt?“, fragte Pia erstaunt. „Und Charly gehört dir!“, sagte Hans, der gerade um die Ecke kam.
„Was? Mir?“, fragte Pia noch erstaunter. „Der alte Gauner hatte noch eine Rechnung bei mir offen.“, sagte Hans. „Eigentlich wollte er ihn zum Pferdemetzger bringen. Wäre doch schade um das Tier!“. „Zum Pferdemetzger?“, fragte Pia und fiel der Stute um den Hals. „Nie und nimmer kommst du zum Pferdemetzger!“, sagte sie zu Charly. „Aber wir können uns doch gar kein Pferd leisten!“. „Dann hilfst du mir eben abends im Stall!“, sagte Hans. „Danke!“, sagte Pia schüchtern.
Da sattelten die beiden ihre Pferde und machten einen langen ausgiebigen Ausritt. „Weißt du noch, als wir Charly auf das erste Turnier vorbereitet haben?“, fragte René. „Du hast mich auf mein erstes Turnier vorbereitet!“, korrigierte Pia ihn. „Nein, nein!“, widersprach René. „Du hast schon auch deinen Teil dazu beigetragen. Charly war ja ursprünglich ein Kutschpferd!“, erinnerte er Pia. „Ja!“, sagte Pia und schwelgte gedanklich in den Erinnerungen mit Charly. „Und mit diesem Charly wirst du genau so tolle Erlebnisse haben, wenn du ihm nur eine Chance gibst!“, sagte René. „Wahrscheinlich hast du Recht!“, sagte Pia nachdenklich. Als sie aus dem Wald herausgeritten waren, blieb René stehen und sagte: „Komm, steig ab!“. Sie stiegen von ihren Pferden, ließen sie grasen, setzen sich ins hohe Gras und sahen in die Ferne. „Ich habe ganz schön Angst gehabt, ich würde dich verlieren!“, gestand René. Pia sah ins Gras und errötete leicht. „Danke, dass du für mich da warst und mich nicht aufgegeben hast!“. René legte den Arm um Pia und zog sie ins Gras. Er sah sie lange an. Dann küsste er sie.
Langsam schlich Charly sich an die beiden verliebten Teenager an und stupste Pia unsanft in die Seite. „Er ist wohl eifersüchtig!“, stellte René grinsend fest. „Schön, dass es euch beide gibt!“, sagte Pia. Und streichelte ihre Stute sanft über ihr pelziges Gesicht.
