
© Texte, Bilder und Cover: Beatrice Kobras
Langeweile im Paradies
Es war an einem Morgen im Herbst, an dem die Blätter von den Bäumen fielen und auch sogleich vom Wind wieder empor gewirbelt wurden. Deika lag auf ihrer Wolke im Paradies, ließ ihre Pfoten über den Rand ihrer Wolke hängen und sah auf die Erde herab. Sie zählte die Blätter im Wind und langweilte sich zu Tode.
Was sollte sie nur anfangen hier oben, weit weg von ihrem Frauchen und ihm doch ganz nah?
Sie konnte jederzeit zu ihr auf die Erde, an ihr hochspringen, sie begrüßen, ihr das ganze Gesicht ablecken. Aber ihr Frauchen konnte sie nicht wahrnehmen und weinte immer noch bitterlich, da sie glaubte, sie verloren zu haben.
Auf den Bäumen des Hundeparadieses im Himmel wuchsen Hundeleckerchen in allen erdenklichen Sorten. Doch Deika hatte sie schon unzählige Male durchprobiert. Vor allem am Anfang, als sie auf die andere Seite hinübergeschwebt ist, konnte sie nicht genug davon bekommen. Doch wenn die Leckereien nicht verboten sind, dann schmecken sie nur halb so gut, als wenn ein Mensch, den man liebt, sich Sorgen um seine Figur macht und Schokoladennikoläuse in unerreichbarer Nähe deponiert werden und man die Hilfe seiner Katze in Anspruch nehmen muss, die einem die verbotenen Nikoläuse hinunterwirft.
Deika träumte von ihrem Leben auf Erden bei ihrem Frauchen, ihrem Herrchen, ihrer Katze, als wieder einmal eine gebratene Taube direkt auf sie zu schwebte.
Gewohnheitsgemäß öffnete sie ihr Mäulchen und die Leckerei legte sich direkt auf ihrer Zunge nieder, sodass sie nur noch zu schlucken brauchte, denn Zeit zum Kauen nehmen sich Hunde höchst selten.
Der Münchner im Himmel, den sie kennengelernt hatte und den sie oft besuchte und sie sich dann über ihre Biererfahrungen austauschten und gelegentlich gemeinsam Halleluja sangen, wurde inzwischen zurück auf die Erde geschickt, da er Petrus und dem lieben Gott den letzten Nerv geraubt hatte.
So darf er mit seinem roten Käppi im Hofbräuhaus in München sitzen und eine Maß Bier nach der anderen leeren.
Deika selbst hatte bereits alles Mögliche ausprobiert, damit man sie wieder zu ihrer Familie schicken würde, doch nichts hat funktioniert. Alle Bemühungen waren vollkommen umsonst und sinnlos.
Sie hat diverse Pfützen an diversen Stellen gesetzt, doch diese sind im Himmelsreich sofort verdunstet oder haben sich als Regen auf die Erde niedergelassen. Sie hat in falschesten Tonlagen gesungen und gejault. Sie hat Leckerchen im Rekordtempo von den Bäumen geholt, doch diese sind sofort wieder nachgewachsen. Sie hat ihrem Huhn Elschen alle Federn vom Po gerupft, doch auch diese sind ruck zuck auch wieder da gewesen. Und zum Glück hat es Elschen auch nicht wehgetan, denn im Paradies verspürt man keinen Schmerz.
Deika hat sogar Petrus in den Allerwertesten gezwickt. Doch Petrus war nicht einmal böse und hat nur gelacht.
„Schickst du mich jetzt zurück zu meinem Frauchen?“, fragte Deika hoffnungsvoll.
„Nein!“, hat er ihr gesagt.
„Du musst dich schon gedulden, bis die Zeit reif ist und dein Frauchen zu dir hier heraufkommt.“
„Und wie lange muss ich darauf warten?“, wollte Deika wissen.
„Nicht die Ewigkeit!“, hat er ihr geantwortet. Und da war sie genau so schlau wie vorher.
„Wie lange genau?“, wollte sie wissen. Doch Petrus antwortete ihr nicht und widmete sich wieder den Aufgaben an seinem Schreibtisch, denen er sich im Himmel widmen musste. Denn es gab viel Buch zu führen über all die Seelen, die hier verweilten.
Deika atmete tief durch, als ihr Bazi, ihr Wellensittich entgegenflog und sich auf ihrem Kopf niederließ, doch da kam ihr eine Idee, was sie gegen ihre Langeweile unternehmen konnte.
Sie konnte mit der Himmelsrutsche in Lichtgeschwindigkeit zu ihrem Frauchen rutschen und deren Leben ein bisschen auf die Sprünge helfen, damit sie an das Meer fahren konnte und sie könnte mit ihrem Auto fahren und in einem Zug die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen.
Sie könnte alles tun, wonach sie sich sehnte. Alles, was sie so sehr aus ihren Lebzeiten vermisste. Sie könnte sogar mit ihrem Frauchen kuscheln. Auch, wenn diese es nicht bemerkte und nicht zurück kuscheln konnte, aber Deika konnte sie spüren und das war die Hauptsache.
Nur was sollte sie als Erstes unternehmen?
Der Zeitungsleser
Deika sprang von ihrer Wolke, drehte den Leckerchen und den gebratenen Tauben den Rücken zu und rutschte in Lichtgeschwindigkeit die Himmelsrutsche hinab zu ihrem Frauchen.
Sie war sich nicht ganz schlüssig, ob sie zuerst mit ihrem Frauchen Auto fahren wollte oder in dem Zug sitzen.
Jedenfalls sprang sie auf ihr Frauchen zu, dass diese trotz Deikas Geistergestalt ins Wanken geriet und nicht wusste, wie ihr geschah. Schließlich konnte sie Deika nicht mehr sehen und auch nicht hören. Doch Deika lebte nach wie vor in ihrem Herzen weiter.
Doch manchmal konnte sie sie riechen und dann musste sie lachen. Denn Deika hatte herausgefunden, dass Frauchen sie wahrnahm, wenn sie kräftig pupste. Dann sagte ihr Frauchen immer: „Hallo Deika!“
Und im Pupsen, da war Deika schon immer absolute Spitzenklasse.
Zu ihren Lebzeiten ging sie oft zu ihrem Frauchen und Herrchen, kuschelte sich an, pupste und verschwand in ihrem Körbchen, damit sie ihre eigenen Düfte nicht einholen konnten. Dazu hat sie stets ihre aller größte Unschuldsmiene aufgesetzt und eigenartigerweise hat das ihre Menschen immer zum Lachen gebracht.
So pupste Deika und wie immer schmunzelte ihr Frauchen und sagte: „Hallo Deika!“
Deikas Frauchen saß an ihrem Schreibtisch in ihrem Büro und war wie meistens mit dem Telefon und ihrem Computer beschäftigt, und während Deika noch überlegte, ob sie mit ihrem Frauchen als Erstes mit dem Auto oder dem Zug fahren sollte, kam ihr ein glücklicher Zufall zu Hilfe, denn das Telefon läutete und sie sollte auf eine weite Geschäftsreise von München nach Hamburg fahren, und weil sie so viel Autofahren musste, tat sie das mit dem Zug. Aber weil sie auf ihren Geschäftsreisen ihr Auto immer bis unter das Dach vollpacken musste, fuhr sie mit dem Auto und dem Zug. Nämlich mit dem Autozug. Dabei konnte Deika gleich beides auf einmal genießen.
Als ihr Frauchen das Auto bepackt und sich von Deikas Herrchen verabschiedet hatte, nahm sie Deikas Katze Mogli noch einmal auf den Arm, um sich auch von ihr zu verabschieden. Die Gelegenheit nahm Deika wahr, um für Mogli die Schranktüre zu öffnen, hinter der sich der Sack mit dem Katzenfutter verbarg, damit ihr armes Kätzchen nicht Hunger leiden musste. Denn Deika wusste, was es bedeutete, wenn man fressen wollte und nicht durfte und vor allem nicht konnte. Und wie es war, wenn jemand auf seine Figur achtete, damit einem der Pelz nicht um den Bauch spannte.
Ihr Frauchen nahm den Autoschlüssel und ging in die Garage und Deika folgte ihr auf Schritt und tritt.
Ihr Frauchen packte ihre schwere Reisetasche auf den Beifahrersitz und Deika nahm direkt oben drauf Platz. Es war ein sehr weicher Platz, denn ihr Frauchen packte ihre vielen Felle dort hinein, da Menschen ja immer einige Austauschfelle brauchten, damit sie andere, die sie ablegten gelegentlich in eine große Maschine packen konnten, aus der sie die Felle dann pudelnass wieder herausholten und sie mit Klämmerchen an eine Leine hingen.
Deika war sehr froh, dass Frauchen zu ihren Lebzeiten nie auf die Idee gekommen ist, ihr Fell zu waschen, denn ihres konnte sie nicht vom Körper lösen und dann hätte sie Deika am Stück in die Waschmaschine packen müssen und dann wäre Deika bestimmt schwindelig geworden, da sich die Trommel darin immer so schnell drehte. Deika wurde immer schon beim Zusehen ganz schwindelig. Und sie weiß nicht, wie sie sich gefühlt hätte, hätte ihr Frauchen sie an ihrem Pelz oder womöglich an den Ohren an einer Wäscheleine aufgehängt.
Es war schon unangenehm genug, wenn sie etwas ausgefressen hatte, und ihr Frauchen sie am Nackenfell hochgehoben hat, um die zu schimpfen. An so einer Leine hätte sie bestimmt länger hängen müssen, um zu trocknen und es hat immer sehr lange gedauert, bis ihr Fell trocken war.
Auch die Wäscheklammern wären nicht sehr angenehm gewesen, denn auch mit Wäscheklammern hat Deika ihre Erfahrungen gemacht.
Da Deika so lange Schlappohren hat, sind diese immer in ihren Fressnapf gehangen oder in den Kochtopf, wenn sie diesen ausschlecken durfte, wenn ihr Frauchen ihr einen Rest darin gelassen hatte und dieser abgekühlt war. Und wenn es sich um Reis mit Soße oder Suppe handelte, dann rochen ihre Ohren sehr lange nach dem feinen Mahl. So hatte ihr Frauchen ihre Ohren hinter ihrem Kopf mit einer Wäscheklammer zusammengeklammert. Deika ließ sich das auch stets gnädig gefallen, denn sonst wäre sie nie an die Leckereien gekommen. Doch hinterher schüttelte sie sich so kräftig, dass die Wäscheklammer in hohem Bogen von ihren Ohren flog und so fest vom Kühlschrank abprallte, dass sie je nach Heftigkeit ihres Schüttelns schon einmal wie ein Pingpongball durch die Küche sprang und einmal hat Mogli sogar die Klammer verfolgt und ist ihr, wie einer flinken Maus hinterher gehuscht.
So saß Deika auf ihrem durch die Reisetasche erhöhten Autositz, schaute aus dem Fenster und freute sich, wie die Landschaft an ihr vorüberzog.
Jedoch endete der erste Teil der Fahrt recht bald, da sie am Bahnhof angekommen waren, an dem ihr Auto auf den Zug verladen werden sollte.
Das dauerte Deika viel zu lange.
Ihr Frauchen war aufgeräumt und musste kurzfristig nicht bewacht werden und hinter dem Lenkrad mit Frauchen zu kuscheln war auch ein wenig eng. Auch, wenn sie als Geisterhund ihr Dasein fristete.
So sprang sie aus dem Auto hinaus, was sie zu Lebzeiten nie gekonnt hätte und wanderte über den Bahnsteig.
Verwundert besah sie sich das Treiben auf dem Bahnhof.
Da stand ein Mann in Mantel und Hut und einer Zeitung in der Hand, in die er angestrengt hinein starrte und immer wieder sagte: „Hmmm!“ oder „Mmmh!“ und dazu gelegentlich den Kopf schüttelte.
Deika schnüffelte in die Richtung der Zeitung und konnte ganz und gar nicht verstehen, was daran so interessant sein konnte. So hob sie sich ein wenig vom Boden ab und schwebte näher an die Zeitung. Doch weder Geruch noch Aussehen änderte sich. Nur viele schwarze Buchstaben standen kerzengerade nebeneinander. So, wie Perlen auf einer Kette aufgereiht werden oder Soldaten hintereinanderstehen.
Deika streckte ihre Nase immer näher und näher, sodass sich die Zeitung auf mysteriöse Weise von ihrem Leser entfernte und sich ihrer Nase näherte.
Dieser ging einen Schritt zurück, doch Deika folgte mit ihrer Nase und der Zeitungsleser ging wieder und wieder einen Schritt zurück, bis der Herr am Rande des Bahnsteiges gefährlich zu kippeln begann.
Da hörte sie plötzlich einen Zug anfahren.
Was hatte sie nur getan?
Sie hatte den ahnungslosen Zeitungsleser in eine unwahrscheinlich große Gefahr gebracht und was konnte sie ausrichten als Geist in Hundegestalt?
Das Einzige, wie sie sich auf Erden bemerkbar machen konnte, war pupsen, aber das half in dieser Situation auch nicht weiter.
Wie aus einem Reflex heraus schnappte sie nach dem Zeitungsleser, der nun am Abgrunde des Bahnsteigs zu fallen drohte und Gefahr lief, vor dem einfahrenden Zug mitten auf die Gleise zu fallen.
Wie durch ein Wunder bekam sie den Mann zu fassen und packte ihn noch während des Falles am Kragen seines Mantels und flog mit ihm in die Höhe. Der Zug ratterte an, der Mann schwebte über dem Zug und Deika ließ ihn vorsichtig auf dem Bahnsteig wieder hinab.
Der Zeitungsleser wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn und einige Passanten, die zwischenzeitlich zusammengelaufen waren, starrten ihn mit heruntergeklappter Kinnlade an.
Der Zeitungsmann streifte sich den Mantel glatt, rückte seinen leicht in die Stirn gerutschten Hut zurecht und eilte davon.
Deika schnaufte tief durch und setzte sich völlig atemlos auf ihren Hundepopo, als sich über ihr der Himmel auftat, ein Engel auf einer Wolke, der gerade seinen Heiligenschein polierte, zu ihr herab geschwebt kam und verkündete: „Der Chef will dich sprechen!“
Da schluckte Deika und fragte: „Sofort?“
„Sofort!“, bestätigte der Engel, der nun seinen Heiligenschein anhauchte, um die Wirkung seines Poliervorganges zu verstärken.
Deika schluckte nochmals und stieg zu dem Engel auf die Wolke, der nun seinen Heiligenschein gegen das Licht hielt, um festzustellen, ob er auch blank genug geputzt war.
Langsam schwebte sie mit dem Engel empor zu dem unglaublich wunderbaren Lichtschein, der durch das Himmelstor zu ihnen hinaus drang.
Begegnung mit dem Himmelschef
Langsam schwebte Deika mit dem Engel, der sie vom Bahnsteig geholt hatte, dem Himmelstor entgegen, das Deika bislang immer nur von außen gesehen hatte.
Seitlich des Tores waren Bazi und Muckerl, ihre Wellensittiche und ihr Huhn Elschen angeflogen und schlugen aufgeregt mit den Flügeln.
Die Pferde Gauner und Rosi scharrten nervös mit ihren Hufen und die Oma ihres Frauchens, die sie zu Lebzeiten mit Weihnachtsplätzchen gefüttert hatte, da sie zu alt war und diese nicht mehr beißen konnte, rief verzweifelt: „Mein Gott Deika!“
Von der entfernten Wolke mit dem vielen Gras und den vielen bunten Blumen sah sie Lisa und Mücke, ihre Pflegehasen anhoppeln, auf welche sie zu ihren gemeinsamen Lebzeiten immer aufpassen durfte und mit ihnen zusammen durch die Wohnung hoppeln, wenn die Menschen der beiden verreist waren.
„Deika!“, hörte sie den Chef grimmig rufen.
„Ja?“, fragte Deika und setzte ihren unschuldigsten Blick auf.
„Was hast du denn auf dem Bahnsteig mit Fritz Müller angestellt?“
„Fritz Müller?“, fragte Deika ahnungslos.
„Der Mann mit der Zeitung!“, erklärte der Chef drohend.
Deika konnte ihn durch das helle Licht noch nicht richtig sehen, doch langsam gewöhnte sie sich an die Helligkeit und blinzelte und dann konnte sie den Chef erkennen.
Es war ein Mann höheren Alters mit langem grauem Haar, das er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte und einem Stoppelbart. Neben ihm schwebte ein Engel mit einem Rasierapparat in der Hand, der vom Chef laufend mit einer Handbewegung, wie man lästige Fliegen verjagt, abgewimmelt wurde. Und als dieser mühevoll versuchte, dem Chef des Himmels die heiligen Bartstoppeln abzurasieren, rief dieser erbost: „Jetzt nicht! Später!“
Da kam von der anderen Seite ein Engel mit einem Waschlappen angerauscht, doch dieser erkannte die Situation zu spät und konnte seinen Flügelschlag nicht mehr bremsen und klatschte mitsamt dem Waschlappen dem viel größeren Himmelschef mitten in das Gesicht.
„Verflixt und zugenäht!“, rief der Chef erbost.
Und da merkte er, was er gerufen hatte. Als Gott durfte er nicht fluchen und fügte leicht errötet ein schnelles: „Pardon!“ hinzu und der Engel mit dem Waschlappen entfernte sich vorsichtig rückwärts.
„Deika!“, begann der Chef erneut.
„So etwas, wie heute dort unten auf dem Bahnsteig darf nie wieder passieren! Sonst sperre ich dir die Himmelsrutsche!“
Deika war erleichtert, dass ihr die Himmelsrutsche nicht sofort gesperrt wurde und es entkam ihr ein Seufzer.
„Sorry!“, sagte sie verschämt.
„Nie wieder!“, mahnte der Himmelschef nochmals mit strenger Stimme.
„Nie wieder!“, bestätigte Deika.
Deika warf einen eiligen Blick auf die Erde hinab und sah, wie ihr Frauchen das Auto auf dem Zug verladen hatte und ausstieg, um sich im vorderen Teil des Zuges einen Sitzplatz zu suchen.
„War es das?“, frage sie schnell.
„Das war es! Aber denke daran! Bringe nie wieder einen Menschen in Gefahr!“
Und schon war Deika durch das Himmelstor zurückgelaufen und mit der Himmelsrutsche unterwegs zu ihrem Frauchen.
Gerade noch konnte sie durch die geöffnete Türe des Zuges huschen, bevor sich diese schloss.
Sie streckte ihre Nase in die Luft und konzentrierte sich auf den Geruch ihres Frauchens, bis sie ihre Fährte aufnahm und dieser rasch folgte.
Die Spur endete vor einer Türe und trotzdem, dass diese verschlossen war, steckte Deika ihren Kopf hindurch, was ihr als Geist ja ohne Weiteres möglich war. Und was sah sie? Ihr Frauchen markierte den Zug auf der Zugtoilette.
„Typisch!“, sagte sie.
„Frauchen ist da wie ein Hund. Überall, wo sie hinkommt, muss sie als Erstes einmal markieren!“ Und Deika tat es ihr gleich und setzte gleich ein Bächlein an die Toilettentüre des Zuges, das langsam den Gang entlang rann.
Praktischerweise kam gerade ein Mann in Lederhose und Seppelhut des Weges, der in Deikas Pfütze trat und ihre Pfütze an seinen Schuhsohlen durch den Zug trug und ihre Markierung verbreitete.
Eine alte Frau mit viel zu schwerem Koffer hielt einen Dackel an der Leine und dieser zog und zerrte sein Frauchen in Deikas Richtung und sie stolperte ihm hinterher.
Als der Dackel am Ende der Spur angelangt war, wunderte er sich, dass er auf keinen Kollegen traf. Nur auf Deikas Frauchen, das gerade die Zugtoilette verließ. So sprang er eben freudig an ihr herauf und sein Frauchen hatte Mühe, ihn zurückzuhalten.
Doch Deikas Frauchen hat sich gefreut, endlich wieder einmal einen Hund zu treffen, der sie stürmisch begrüßte. Dann setzte sie sich auf ihren Sitz im Zug und sah verträumt aus dem Zugfenster und Deika spürte, dass sie an sie dachte und sich an ihre schöne Zeit miteinander zurückerinnerte. So sprang Deika auf den Schoß ihres Frauchens, die sie natürlich nicht sehen konnte und Deika pupste so fest sie konnte, um ihr Frauchen wissen zu lassen, dass sie bei ihr war.
Es stiegen noch weitere Menschen in das Zugabteil. Eine Mutter mit einem Kleinkind, ein Bundeswehrsoldat in Uniform und großem Rucksack und der Zeitungsleser von vorhin, den Deika in so große Gefahr gebracht hatte und letztendlich doch noch retten konnte.
Er sah immer noch ziemlich verwirrt aus und hielt sich krampfhaft an seiner Zeitung fest, die er zwischenzeitlich zusammengerollt hatte und nahm gegenüber von Deikas Frauchen platz.
„Grüß Gott!“, sagte Frauchen zu ihm.
„Tag, tag!“, stotterte er mit hochrotem Kopf.
Deikas Frauchen dachte bei sich: Was ist denn das für einer? Schließlich konnte sie nicht ahnen, was der Arme für ein schreckliches Erlebnis hinter sich hatte.
Die Türen des Zuges schlossen sich, es war ein Pfiff zu hören und langsam rollte der Zug an.
Deika rollte sich wie in früheren Zeiten auf dem Schoß ihres Frauchens ein und schob ihre Hundeschnauze unter ihren Bauch und als sie merkte, wie ihr Frauchen an ihre vergangenen Zeiten dachte, als sie noch in Fleisch und Blut bei ihr war. Da zog Deika ihre Nase unter ihrem Bauch hervor und pupste noch einmal ganz kräftig.
Der Mann mit der Zeitung, der ihnen gegenübersaß schien es auch gerochen zu haben, denn er rümpfte seine Nase, faltete seine Zeitung auseinander und versuchte den unerträglichen Gestank mit dieser unauffällig von sich abzuhalten.
Aufgrund des Unfalles auf dem Bahngleis wusste Deika immer noch nicht, was es an einer Zeitung so Aufregendes zu sehen gab. So schnüffelte sie erneut. Da sie abermals nichts Interessantes erkennen konnte, schnüffelte sie so fest, dass die Zeitung wie von einem Sog in die Richtung ihrer Nase gezogen wurde, sodass der Mann die Zeitung nicht mehr halten konnte. Die Zeitung klebte durch den letzten starken Luftzug durch Deikas Nase an ihrer Hundeschnauze fest, und als sie fest ausatmete, um diese wieder los zu werden, fiel die Zeitung auf den Boden.
Der Zeitungsleser errötete, stammelte ein verlegenes: „Entschuldigung“, als Deikas Frauchen ihn verwirrt ansah, und er hob seine Zeitung wieder auf.
Deika verdrehte die Augen und bemerkte, dass die Buchstaben auf der Rückseite der Zeitung, auf die sie sah, zu purzeln begannen.
Wenn Deika ihre Augen nach oben bewegte, purzelten die Buchstaben nach oben, wenn sie die Augen zur Seite bewegte, purzelten diese seitlich davon, und wenn sie ihre Augen starr geradeaus richtete, standen sie still.
Dieses Spiel gefiel Deika. Sie sprang vom Schoß ihres Frauchens und kletterte seitlich auf den Sitz des Zeitung lesenden Mannes und setzte dort ihr Zeitungsbuchstabenspiel fort.
Der Zeitungsleser kniff seine Augen fest zusammen, und als er diese wieder öffnete, drehte Deika ihre Augen wild kreisend auf und ab, sodass sich die Buchstaben aus der Zeitung erhoben und am Fenster des Zuges wieder abprallten.
Der Mann ließ vor Schreck seine Zeitung fallen und begann schwer zu atmen.
Da öffnete sich wieder das Himmelstor und der helle Lichtschein fiel auf Deika nieder.
„Deika!“, hörte sie die mahnende Stimme des Himmelschefs.
„Ja, ja!“, sagte sie. „Es kann ja nichts passieren!“
„Ich warne dich!“, dröhnte die Stimme des Chefs zu ihr herunter und das Himmelstor verschloss sich wieder.
Deika sprang vom Sitz des Mannes herab und stemmte ihre Vorderpfoten gegen die Fensterscheibe, drückte ihre Nase dagegen und beobachtete wieder, wie die Landschaft an ihnen vorbeiraste.
Da öffnete sich die Türe des Zugabteils und ein Mann mit vielen Zeitungen stand vor ihnen.
„Zeitung?“, fragte er.
Da rang der Zeitungsleser in Mantel und Hut nach Luft, sprang auf, drängte den Mann mit den vielen Zeitungen zur Seite, zog die Notbremse, die Türen öffneten sich, er sprang aus dem Zug und schrie: „Zeitung! Zeitung! Der Teufel hat die Zeitung gesehen!“
Und man sah nur noch, wie er ziellos über die Wiesen lief und „Zeitung“ schrie und mit seinem Exemplar durch die Luft wedelte und sich einzelne Seiten daraus lösten, die hinter ihm langsam Blatt für Blatt zu Boden fielen.
Wieder schien das Licht des Himmelschefs auf Deika und noch bevor er sie ermahnen konnte, rief sie: „Hab nichts gemacht!“
Und das Licht des Himmels verdunkelte sich wieder.
Die Hundearmee
Nachdem der Zeitungsleser im Dunkeln verschwunden war, der Zug angefahren, die Zuggäste sich wieder beruhigt hatten, zog Deikas Frauchen ihren Computer aus der Tasche, den sie immer bei sich trug, um an einem ihrer Manuskripte arbeiten zu können. Da beschloss Deika, ihr ein neues Buch zu diktieren über das, was sie erlebt hat, seitdem sie aus dem Leben geschieden ist.
Als dieses Unglück geschah, steckten ihr Frauchen und ihr Herrchen mitten in einem Umzug. Da die Frau, der die Wohnung gehörte, sich in der von ihr bewohnten von einem Zimmerbrunnen, drei Etagen unter ihr gestört fühlte.
Deika hatte ihre Menschen vom Himmel aus gerächt. Sie konzentrierte sich ganz fest und pupste dazu. Ihr Frauchen lächelte, öffnete eine neue Datei in ihrem Computer und begann zu schreiben, was Deika ihr von ihren Erlebnissen diktierte:
Während Deika durch die Wolken hindurch schwebte, hörte sie plötzlich eine Stimme, die rief: „Haleluja, haleluja, haleluja!“
„Halleluja sog i!“.
„Zefix haleluja!“.
Und sie sah einen Engel vorbei schweben, der sich über die Ausdrucksweise des kleinen dicken Mannes mit Flügeln und Käppi beschwerte.
„Wer bist du denn?“, fragte Deika.
„Wer i bin?“, fragte der kleine Dicke.
„I bin der Münchner im Himmel! Und i wart scho a Ewigkeit auf mei Manna!“.
„Manna?“, fragte Deika nach.
Doch da kam bereits ein Engel herbei geschwebt, der dem Münchner im Himmel sein Manna brachte.
Er probierte und spuckte es wieder aus.
„Pfui daife!“, schimpfte er.
„Darf ich mal probieren?“, fragte Deika vorsichtig.
„Ja freili! Derfstas hom! I wui mei Bier!“.
„Bier?“, fragte Deika.
„Bier habe ich auch schon probieren dürfen!“, erinnerte sie sich sehnsüchtig zurück.
„Aber jetzt muss ich erst einmal mein Frauchen und mein Herrchen rächen!“
„Deika!“, hörte sie plötzlich eine laute, tiefe Stimme hinter sich und sah Petrus durch das Himmelstor treten.
Doch Deika legte nur ihren Kopf schief und setzte den unschuldigsten Blick auf, den sie jemals aufgesetzt hat. Da konnte Petrus nicht anders, als zu lächeln und wegzusehen.
Da traf Deika auf andere Hunde. Richtig viele Hunde und dabei kam sie auf eine Idee.
„He! Kommt mal alle her!“, rief sie und die anderen Hunde versammelten sich um sie herum.
„Mein Frauchen und mein Herrchen müssen gerächt werden. Sie müssen umziehen wegen einer Frau, die sich an einem Zimmerbrunnen stört und sie nun aus der Wohnung geworfen hat, um selbst dort einzuziehen. Diese Frau packt gleich ihre Sachen in den Möbelwagen.“
Doch die Hunde reagierten nicht.
In diesem Moment zog eine Gewitterwolke unter ihnen her und Deika rief streng: „Gewitterwolke leer trinken marsch!“
Und alle Hunde tranken all das Wasser aus der Gewitterwolke aus. Und als der letzte Tropfen aufgeleckt war, rief Deika: „Links zwo drei vier, links zwo drei vier!“
Und alle Hunde folgten ihr im Gleichschritt.
„Ich muss mal!“, winselte eine ganz kleine Hundeseele.
Doch Deika hatte ihr Ziel vor Augen und rief: „Zusammenkneifen! Wir brauchen jeden Tropfen!“
Als sie über der Wohnsiedlung der Frau angekommen waren, rief Deika: „Halt!“
Und als sie sah, wie sie begannen die Möbel heraus zu tragen rief sie: „Linkes Bein hoch!“
Und alle Hunde hoben ihr linkes Bein.
Da rief die kleine Hundeseele wieder: „Aber ich muss mal!“
Da rief Deika endlich: „Laufen lassen!“
So leerten alle Hunde ihre Blasen und der Umzug der Frau fand in strömendem Regen statt und ihre Kartons weichten auf und der Regen, den die Hunde im Himmel verursachten, rann über ihre Möbel und tränkte ihr Sofa.
Und als sie in ihre neue Wohnung und Deikas und ihrer Menschen alten Wohnung eingezogen war, da besuchte Deika sie jeden Abend, als sie versuchte einzuschlafen. Und dann hob Deika ihr Bein an dem Fenster ihres Schlafzimmers und ließ es plätschern …
Da fiel Deika ein, dass sie ja noch eine Aufgabe zu erledigen hatte und die Frau besuchen musste, um sie mit ihrem allabendlichen Plätschern in den Wahnsinn zu treiben, und beendete ihr Diktat.
Deikas Frauchen schloss die Datei, lächelte und legte den Computer beiseite.
Sie zog die Sitze des Liegewagenabteils auseinander, sodass diese zu einer Liege wurden, rückte sich ihr Kissen zurecht und wickelte sich in die wärmende Decke, die für die Nacht bereit lag, und schlief sofort ein.
Deika gab ihr einen dicken und feuchten Hundekuss und schwebte von dannen, um ihrer Aufgabe, ihr Frauchen und ihr Herrchen zu rächen nachzukommen.
Nächtliches Plätschern
Nachdem Deikas Frauchen friedlich schlief, stelle Deika ihre Hundeengelsflügel auf, rutschte ihren Heiligenschein zurecht und machte sich auf zu der Frau, die ihre Menschen aus der Wohnung geworfen hatte.
Sie drückte ihre Nase gegen die Scheibe der Wohnung im ersten Stock und sah, dass sie gerade dabei war, vor dem Fernseher einzuschlafen.
Deika überlegte nicht lange und hob ihr Bein und ließ einen ausgiebigen Bach gegen die Fensterscheibe plätschern.
Die Wohnungsdiebin öffnete die Augen und jammerte: „Nein! Nicht schon wieder dieses Plätschern!“
Seit ihrem Umzug hatte sie kein Auge mehr zugetan, denn das Plätschern raubte ihr den Schlaf, denn immer, wenn ihr ihre müden Augen zufielen, war Deika stets zur Stelle, und ließ es an ihrem Fenster plätschern.
Die Miesmacherin hatte bereits alle möglichen Nachforschungen innerhalb des Hauses angestellt und bei jedem anderen Bewohner nachgefragt, ob diese einen Zimmerbrunnen hätten, doch alle haben diese Frage verneint.
Die Frau war wütend und hat ihre Nachbarn beschimpft, sie wollen sie tyrannisieren. Sie hatte sie in ihrer Not und ihrer Verzweiflung und ihrer andauernden Schlaflosigkeit sogar als Lügner beschimpft.
Durch das erneute Plätschern in dieser Nacht wurde sie durch ihre ansteigende Wut hellwach und robbte bäuchlings über den Boden und war der festen Überzeugung, unter ihr musste sich ein Zimmerbrunnen befinden.
Zwischenzeitlich war es zwei Uhr morgens und Schlafen war ihr bei diesem Plätschern unmöglich.
Wütend lief sie aus der Wohnung und schlug die Türe hinter sich zu. Wütend stapfte sie eine Etage tiefer und läutete Sturm und schlug gegen die Wohnungstüre der Nachbarn unter ihr und schrie: „Stellen sie ihren Zimmerbrunnen ab! Sofort! Sonst hole ich die Polizei!“
Andere Nachbarn steckten verschlafen ihre Köpfe aus ihren Wohnungen und fragten, was los sei, doch die Zimmerbrunnengeschädigte schrie weiter, sie sollen ihre Zimmerbrunnen abstellen! Sofort!
Kopfschüttelnd trotteten die Nachbarn zurück in ihre Wohnungen. Zurück in ihre Betten, doch die Gute schrie und tobte weiter durch den Flur des Hauses.
Doch plötzlich begann sie zu frieren und stellte fest, dass sie barfuß und im Bademantel aus ihrer Wohnung gelaufen war. Vor lauter Wut hat sie dies nicht bemerkt. So stapfte sie die Treppen zurück zu ihrer Wohnungstüre und dort stellte sie fest, dass sie sich in der Rage, in die sie sich hineingeredet hatte, ihren Wohnungsschlüssel zurückgelassen hat.
So lief sie zu einem Nachbarn und läutete so lange, bis dieser öffnete.
„Darf ich telefonieren?“, fragte sie.
„Um diese Zeit?“, fragte der Nachbar und gähnte.
„Ich habe mich ausgesperrt!“, jammerte sie.
„Ich habe kein Telefon!“, sagte der Nachbar und grinste.
„Sie Lügner!“, schrie sie ihn an.
„Ich weiß!“, sagte dieser. „So haben sie mich ja schon öfter geheißen!“, fügte er hinzu und schloss die Türe vor ihrer Nase.
Wütend trat sie gegen die Türe des Nachbarn und läutete beim nächsten. Doch die Szene wiederholte sich immer wieder und wieder, bis sie alle Nachbarn wach geläutet hatte.
Verzweifelt ließ sie sich vor ihrer Wohnungstüre auf der Fußmatte nieder.
Da hob Deika ihr Bein an der Innenseite der Wohnungstüre und ließ ihren laut plätschernden Bach laufen und laufen und laufen und laufen.
Die Wutentbrannte nahm nun das Plätschern im Inneren ihrer eigenen Wohnung war und schrie: „Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa…!“
Bis sich die Haustüre öffnete, zwei Sanitäter der nahe gelegenen Nervenanstalt hereinkamen, die schreiende Frau in eine weiße Jacke steckten, deren Ärmel sich hinter ihrem Rücken verschlossen und die protestierende Frau aus dem Haus trugen und in die Klinik brachten, die sie so schnell nicht mehr verließ. Auch Deika verließ die Plätscherwahnsinnige nicht mehr und war stets zur Stelle, wenn diese versuchte zu schlafen.
Auf eine Maß
Nach getaner Arbeit und erreichtem Ziel der nicht endenden Rache für Deikas Frauchen und ihr Herrchen, streckte Deika ihre Nase in die Luft und nahm die Witterung ihres Frauchens im Autozug auf, dem sie schnell wie der Wind hinterher geeilt.
Gerade als Deika ihr Frauchen erreicht hatte, öffnete diese die Augen und streckte und reckte sich. Sie streckte ihre Nase in die Höhe, so wie Deika es immer tat, wenn sie eine Witterung aufnahm, und nahm einen wunderbaren Duft von Kaffee wahr, noch bevor der Mitarbeiter des Zuges ihren Waggon mit seinem Wägelchen, auf welchem er Kaffee und Tee anbot erreicht hatte.
Deika erinnerte sich, wie gerne sie Kaffee getrunken hat und wie sie ihn das erste Mal probierte.
Als ihr Frauchen auf einen längeren Lehrgang musste, durfte sie eine Familie mit eigenem Hund besuchen, die auf sie aufpassen, sie füttern und unterhalten sollten.
Noch als ihr Frauchen mit der Familie am Tisch saß, Kaffee trank und ihnen eine Gebrauchsanweisung für Deika gab, hatte sie unwahrscheinlich gebettelt und wollte unbedingt probieren.
Ihr Frauchen hatte ihr nur gesagt, dass sie sowieso keinen Kaffee mögen würde, doch das hat Deika nicht beeindruckt und sie bettelte eifrig weiter, bis ihre Aufpasserin ihr die Kaffeetasse herunter hielt und Deikas Frauchen sagte, dass Deika es gleich merken würde, dass sie keinen Kaffee mag. Doch Deika schlabberte die halbe Tasse des heißen Kaffees leer.
Später, bei ihrem Pflegefrauchen, der Mutter ihres Frauchens, die sie sehr oft besuchen durfte, bekam sie immer den letzten Rest Kaffee zum Ausschlabbern aus der Tasse. Dort hat ihr das Heißgetränk viel besser geschmeckt, denn sie trank ihren Kaffee mit Zucker und Sahne. Und sie trank viel Kaffee.
Noch während Deika von ihren Kaffee-Erlebnissen träumte, hatte ihr Frauchen ihren Kaffee geleert, der Zug verlangsamte sein Tempo und kam letztendlich zum Stehen.
Während Deikas Frauchen wartete, bis sie ihr Auto von dem Zug wieder herunterholen konnte, schlenderte Deika den Bahnsteig entlang und traf auf die alte Frau mit ihrem Dackel, der sie schon einmal aufgespürt hatte.
Deika bellte den Dackel an und da Hunde ein sehr viel feineres Gehör haben als Menschen, konnte er sie hören und Deika rief: „Fang mich, wenn du kannst!“
Sie lief in Windeseile den Bahnsteig entlang und der Dackel folgte ihr in rasend schnellem Tempo. Sein Frauchen konnte kaum noch Schritt halten mit ihrem Hund. Gerade noch rechtzeitig griff sie nach ihrem schweren Koffer und wurde von ihrem Hund so schnell hinterher gerissen, dass sie fast den Boden unter den Füßen verlor und er zog sie um Säulen, Bänke, Mülleimer und herumstehende Passanten herum und mitten durch eine Schulklasse hindurch.
Wenn Deikas Frauchen in der großen fremden Stadt Hamburg ein wenig Freizeit hatte, dann sorgte Deika dafür, dass sie weiter an dem Buch mit ihren Erlebnissen schrieb und nach viertägigem Aufenthalt hielt ihr Frauchen stolz ein fertiges Manuskript in den Händen.
Die Rückreise nach München verlief sehr viel ruhiger, denn ihr Frauchen war vom Schreiben vollkommen erschöpft und Deika vom Diktieren und so lagen sie ineinander verschlungen in ihrem Liegewagen, bis sie wieder in München eintrafen.
Wieder schlenderte Deika den Bahnsteig entlang, während ihr Frauchen mit dem Ausladen des Autos beschäftigt war, bis sie auf dem ihr so bekannten Münchner im Himmel traf, der damit beschäftigt war, einem alten Herrn den Koffer auf sein Wägelchen zu stellen und damit von dannen fuhr.
„Wau!“, begrüßte Deika ihn freundlich.
Da blickte sich der Münchner im Himmel zu ihr um und begrüßte sie ebenfalls: „Hallo Deika! Was machst denn du hier auf dem Bahnsteig!“
Deika erzählte ihm von ihrem Ausflug mit ihrem Frauchen, der Zugfahrt und der Autofahrt.
„Und was macht die Rache an deinen Menschen? Hast du sie schon in den Wahnsinn getrieben?“
„Und wie!“, bestätigte Deika.
„Das erzählst du mir bei einer Maß Bier!“, sagte der Münchner im Himmel und ließ seinen Kofferwagen und die alte Dame kopfschüttelnd zurück, denn nur er konnte Deika sehen und hören.
So führte er Deika ins Hofbräuhaus und bestellte zwei Maß Bier.
Die eine trank er selbst schnell leer und die zweite Maß leerte sich auf mysteriöse Weise, denn Deika sprang gleich mitten auf den Tisch hinauf und schlabberte das feine Nass genau so schnell. Dann berichtete sie, wie die Wohnungstante barfuß und nur im Bademantel bekleidet und ohne Schlüssel im Treppenhaus stand und schrie und sich ihr alle Türen wieder verschlossen, und wie sie abgeholt wurde von den netten Männern in den Hab-Dich-Lieb-Jacken, bei der sich ihre Arme hinter ihrem Rücken verschränkten und sie lachten und lachten und hörten nicht mehr auf zu lachen, bis es dunkel wurde und Deika sich wieder auf den Weg machte, die wehrte Dame, mit ihrem Plätschern zu beglücken. Dieses Mal an anderem Ort und anderer Stelle …
Hundepfotendruckmassage
Kaum zu Hause angekommen rief Deikas Frauchen einen befreundeten Schriftsteller an und berichtete stolz von ihrem Manuskript, das sie während ihrer Reise zu nachtschlafender Zeit erstellt hat. Dieser las es sofort.
„Das hast du geschrieben?“, fragte er begeistert.
„Deika hat es mir diktiert!“, erklärte sie stolz und er schmunzelte.
„Du musst es unbedingt zu einem Schreibwettbewerb einsenden, der zurzeit ausgeschrieben ist!“, beschloss er.
Und trotz aller Bedenken und Zweifel sagte Deikas Frauchen das auch zu.
Sie druckte ihr Manuskript aus, doch da lag es erst eine ganze Weile, da sie selbst sehr an sich zweifelte, bis es den Weg zur Jury auf mysteriöse Weise schaffte, denn Deika hat dem Ganzen ein wenig nachgeholfen.
Sie wollte unbedingt, dass ihr Frauchen das Manuskript bei dem Wettbewerb einreichte, denn sie wollte all den kleinen und großen Menschen mitteilen, dass ihre geliebten Hunde, die sie beweinten, bei ihnen waren und weiter existierten. Es waren so viele Hundeseelen im Himmel, die nun von dort aus auf ihre Frauchen und Herrchen aufpassten, doch die zurück gebliebenen weinten um ihre geliebten Tiere und vermissten sie. Deika musste sie einfach wissen lassen, dass sie nicht traurig sein müssen und so beförderte sie das Manuskript persönlich durch die Lüfte auf den Schreibtisch der Jury.
Einer der lesenden Schiedsrichter hatte gerade ein Manuskript zu Ende gelesen und legte es erschöpft und mit müden Augen beiseite. Er notierte sich seine Bewertung und griff gerade zu seinem hohen Stapel mit den noch zu lesenden Manuskripten, als Deika zum Fenster herein schwebte.
Der beurteilende Mensch schlug die Mappe des nächsten Manuskriptes auf und Deika holte tief Luft und pustete alle Manuskriptseiten so fest an, dass diese durch das geöffnete Fenster hinausflogen.
Verzweifelt hantierte der Schiedsrichter und versuchte, die davonfliegenden Blätter wieder einzusammeln, doch Deika pustete noch einmal hinterher und sie verteilten sich in alle Himmelsrichtungen.
Der Schiedsrichter war verzweifelt. Was sollte er tun. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als das nächste Manuskript hervor zu holen und trotz Verzweiflung weiter zu lesen, denn der Stapel war noch hoch und seine Zeit begrenzt.
Als er sich zu seinem Schreibtisch zurückbegab und sich auf seinem Stuhl niederließ, hatte Deika den Text, den sie ihrem Frauchen diktiert hatte, bereits auf seinem Schreibtisch aufgeschlagen niedergelegt.
Verwundert sah der Schiedsrichter vom Fenster zu seinem Schreibtisch und von seinem Schreibtisch zum Fenster.
Hatte er es sich eingebildet, dass das Manuskript zum Fenster hinausgeflogen war? War er eingenickt und wurde lediglich von einem Albtraum heimgesucht?
So begann er zu lesen und Deika sorgte dabei für sein Wohlergehen. Plötzlich fand er eine Tasse heißen Kaffee auf seinem Tisch vor, sein Korrekturstift schwebte ihm wie durch Geisterhand in die Hand und Deika verpasste seinem schmerzenden Rücken eine wohltuende Hundepfotendruckmassage.
Bei den restlichen Manuskripten, die er sich durchsah, war Deika nicht ganz so fürsorglich zu ihm. Wie bei dem Zeitungsleser ließ sie die Buchstaben vor seinen müden Augen durcheinander purzeln, schubste seine Kaffeetasse um, die sich über das ein oder andere Manuskript ergoss, und pupste gelegentlich einmal recht kräftig.
So passierte es, dass der Schiedsrichter ausschließlich Deikas literarische Ergüsse, die ihr Frauchen für sie nieder schrieb in guter Erinnerung behielt.
Dieselbe Methode wandte Deika auch bei der restlichen Jury an und zu guter Letzt wurde ihr Frauchen benachrichtigt, dass sie den ersten Preis gewonnen hatte, ihr Buch veröffentlicht werden sollte und eine Geldprämie erhalten würde.
Deikas Frauchen wurde zu einer Lesung der Preisverleihung eingeladen und sie war entsetzlich nervös, doch Deika pupste sie einmal liebevoll an, sodass sie wusste, dass sie nicht alleine war. Und als ihr Frauchen vor dem großen Publikum den letzten Satz verlas:
… und wenn ihr einmal denkt, einen Hundepups zu riechen, dann seid aufmerksam, denn dann ist Deika vielleicht ganz in eurer Nähe …
Und als Dank für das aufmerksame Publikum schwebte Deika durch die Reihen und pupste leise vor sich hin und vorsichtig hob sich die ein oder andere Nase aus den Reihen und leises Murmeln war z hören.
„Warst du das?“
„Nein! Ich dachte, du!“
„Nein!“
Und dann hörte man die ein oder andere leise Frage: „Deika?“
Deika in der Hängematte
Als Deikas Frauchen den Gewinnerscheck erhielt, hat sie sofort für sich und Deikas Herrchen einen Urlaub gebucht, denn richtig Urlaub haben sie seit Jahren nicht mehr gemacht und Deika freute sich, ihre Menschen als blinder Passagier zu begleiten.
Ihre Menschen begannen, ihre Austauschfelle aus den Schränken zu holen, und sie in ihre Koffer zu packen.
Das erste Mal, als Deika sah, wie ihr Frauchen einen Koffer packte, als sie auf einen Lehrgang fuhr und sie die Familie besuchte, bei der sie Kaffee probieren durfte, holte sie sofort all ihre Spielsachen und hat sie in den Koffer ihres Frauchens gelegt.
Leider hat ihr Frauchen sie dort wieder herausgenommen und eine eigene Tasche für Deika herausgesucht, in die sie das Hundespielzeug getrennt von ihrem legte und diesen Deika mit zu ihrem Pflegeplatz gab.
Eines der Quietschies hat sie in ihrem Koffer behalten und wenn Deika ihr zu sehr fehlte, konnte sie ihm ein wenig auf dem Bauch herumdrücken und hatte wenigstens gewohnte Geräusche um sich.
Mogli, Deikas Katze war dabei etwas penetranter. Sie legte nicht nur ihre Spielmäuse in den Koffer, sondern lege sich selbst auch noch direkt oben darauf.
„Verreisen!“, schwärmte Deika.
„Ans Meer!“
Da öffnete sich wieder das Himmelstor und der Chef des Himmels kam hervorgetreten und ließ Deika zu sich herauf schweben.
„Na da hast du ja endlich einmal etwas Anständiges bewirkt. Zwar nicht gerade mit anständigsten Mitteln, aber deine Menschen sind sehr erholungsbedürftig!
Da du bestimmt mit ihnen schweben wirst, werde ich dir Leopold mitschicken, der auch dir ein wenig Erholung verschaffen wird.“
Da trat der Engel hinter dem Himmelschef hervor, der Deika bei ihrer ersten Begegnung auf der Wolke zum Chef hinaufbefördert hatte und ununterbrochen seinen Heiligenschein polierte.
Doch dieser machte nur: „Pah!“
Und Deika überlegte, was er wohl ausgefressen hatte, damit er für ihr Wohlergehen zu sorgen hatte.
Deika setzte sich als Kühlerfigur auf die Front des Flugzeuges, welches ihre Menschen an ihren Urlaubsort brachte und reiste auf diese Art und Weise mit ihnen. Ihre langen Ohren flatterten im Flug.
Deikas Frauchen saß in ihrem Flugzeugsitz an Deikas Herrchen gelehnt und hielt über den Wolken Ausschau nach ihrem Hund und hoffte, Deika auf einer Wolke sitzen zu sehen.
Der Engel Leopold hatte es sich auf dem Notsitz des Flugzeuges bequem gemacht und war wieder einmal dabei, seinen Heiligenschein zu polieren.
In den nächsten Wochen brieten Deikas Menschen in der Sonne und Deika schaukelte auf einer Hängematte, wobei ihr Leopold mit einem Palmwedel Luft zuwedelte und ihr die ein oder andere Erfrischung brachte, denn auf Erden fliegen einem keine gebratenen Tauben in das Maul.
So konnte sie es aushalten und Deika genoss die Pause ihrer Streiche und Leopold bekam einen steifen Arm vom ewigen Luft zuwedeln, sodass er großmütig den ein oder anderen Fleck auf seinem Heiligenschein übersah, um seinen Arm nicht überzustrapazieren.
Deika achtet auf Herrchens Figur
Irgendwann ging diese Erholungsphase zu Ende und Leopold war nicht mehr in der Lage seinen Heiligenschein zu polieren, da ihm der Arm so schmerzte, mit dem er Deika auf ihrer Hängematte die Luft zugewedelt hat.
So saß Deika auf ihrer Wolke und sah zu ihren Lieben herab, wenn sie es nicht gerade bei der Wohnungstyrannin plätschern ließ.
So sah sie, wie ihr Herrchen mit ungutem Gefühl auf die Waage stieg, und hörte seinen Schrei des Entsetzens bis zu ihrer Wolke hinauf, der sich fast so anhörte wie der Schrei der Wohnungstyrannin.
Sie beobachtete, wie er sich auf sein Trimmrad setzte und solange darauf herumstrampelte, bis er vor lauter Erschöpfung herunter fiel.
Sie beobachtete, wie er sich von Salat, Gemüse und Obst ernährte und Deika glaubte zu sehen, dass ihm die Mohrrüben schon aus den Ohren wuchsen.
„Ich muss abnehmen!“, rief er entsetzt und probierte eine seiner Hosen an, doch er konnte sie nur schließen, wenn er ausatmete und den Bauch einzog, doch dann konnte er keine Luft mehr bekommen. Und als er sich bückte, um seine Schuhe anzuziehen, da platzte die Hose an seinem Allerwertesten auf und er stand rücklings im Freien. Er war restlos verzweifelt und wusste nicht mehr, was er tun sollte.
Eines Abends führte ihn sein Weg in die Richtung einer Eisdiele. Deika wusste, dass er Eis nicht widerstehen konnte. Doch sie konnte nicht zulassen, dass er noch mehr zunahm. So schwirrte sie in die Eisdiele hinein und drehte die Zeiger der Uhren, sodass der Besitzer gerade die Eisdiele absperrte, als ihr Herrchen sie erreichte.
„Oh bitte!“, flehte Deikas Herrchen den Eisdielenbesitzer an und als Deika bemerkte, dass dieser schwach wurde, leckte Deika rasch alle Eissorten auf, und als der Eisdielenbesitzer eine Waffel nahm und mit seinem Kugelformer in das Behältnis griff, fand er diese leer vor. Sie waren so blank wie frisch poliert und Deika rülpste.
Der Eisdielenbesitzer stand mit hängender Kinnlade vor seinem Tresen und Deikas Herrchen mit hängendem Kopf.
Als er weiter des Weges schlenderte mit knurrendem Magen und immer schlechter werdender Laune, traf er auf einen Süßwarenautomaten. Doch dieser schluckte nur sein ganzes Kleingeld und spuckte nichts aus, da Deika ihren Po in das Ausgabefach hinein presste.
Zu Hause angekommen öffnete er alle Türen, hinter welchen er Süßigkeiten vermutete, doch ihn erwartete nur gähnende Leere.
Da erkannte Deika, wie mühsam ihre Menschen es hatten, ihren endlosen Hunger zu stillen und ihre Figur zu erhalten. Aber sie wusste noch viel besser, wie sie sich gefühlt hatte mit dem Gefühl, Hunger leiden zu müssen.
Doch als sie zurück zu ihrer Wolke schweben wollte, fühlte sie einen schweren Sog in ihrem Bauch von dem Eis, vor dem sie ihr Herrchen hatte retten müssen und der Rückweg war ein wenig schwerfälliger als sonst.
Ein echter Jagdhund
Deika hatte sich wieder von ihrem Bauchweh erholt und lag bequem auf ihrer Wolke, die weich war wie Watte. Sie wälzte sich auf ihr und genoss ihr sorgenfreies Dasein.
Als sie ihre Nase über den Rand der Wolke streckte, um nach ihrem Frauchen zu sehen, sah sie einen Jagdhund ihrer Rasse des Weges gehen. Rocko hieß er und sein Herrchen war Jäger und die beiden waren bei der Arbeit.
Es fiel ein Schuss und die Seele einer Wildente schwebte an Deika vorbei, empor zum Himmelstor.
„Hallo!“, sagte Deika, als diese gerade ihre Wolke passierte.
Verwirrt sah die Wildente, die inzwischen Geistergestalt hatte, Deika an und flatterte unkoordiniert herum, bis sie das helle Licht des Himmelschefs sah, der sie in Empfang nehmen wollte, auf welches sie sofort zusteuerte. Sie sah viele andere Wildenten, von welchen sie in Empfang genommen wurde, die sie einmal auf Erden sehr gut gekannt hatte.
Deika konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen richtigen Jagdhund aus dem Hund des Jägers zu machen.
Vögel durfte das Hinterteil gerupft werden und man konnte sie ein wenig jagen und mit ihnen spielen, aber töten, da war Deika schon zu Lebzeiten dagegen.
Sie sprang von ihrer Wolke herunterpurzeln und ließ sich durch den Wind hinunter auf die Erde tragen.
Sie setzte sich an den Wegesrand des Waldes und beobachtete, wie Rocko, die Fährte des Körpers des toten Vogels aufnahm, der von seinem Herrchen geschossen wurde.
Als Rocko direkt auf sie zu lief, rief Deika streng: „Halt!“
Und da ein Jagdhund sehr gut erzogen sein muss, blieb dieser auch sofort stehen und wunderte sich, woher dieser Befehl kam.
So rief Deika: „Sitz!“
Und Rocko setzte sich brav auf sein Hinterteil.
Bei Rockos Herrchen ließ Deika eine starke Windböe aufkommen und entriss ihm Hut, Schal und Brille, mit welchen sie zurück schwebte und sie ließ den Hut des Jägers direkt auf den Kopf seines Hundes sinken, die Brille über seinen Ohren und ließ den Schal um seinen Hals wehen.
Neben Rocko lag ein Stock und Deika rief: „Gib Pfote!“
Rocko hob gehorsam seine Pfote und Deika steckte das Stöckchen darunter.
So saß er da mit Hut, Stock, Schal und Brille und blickte ein wenig verwirrt aus seinem Pelz.
Als Deika hörte, wie sich sein Herrchen näherte, rief sie streng: „Bleib!“
Und Rocko rührte sich nicht mehr vom Fleck, bis sein Herrchen zu ihm stieß, der ihn verwundert ansah. Und bevor er etwas erwidern konnte, beförderte Deika den toten Vogel direkt in den Mund des Jägers und trat ihm ins Knie, sodass er auf alle viere niederfiel.
Das Bild gefiel Deika. Der Hund als Jäger und der Jäger als Jagdhund. Ein wahrhaftiger Rollentausch.
„Deika!“, hörte sie einen mahnenden Ruf von oben und als sie sich umdrehte, blickte sie wieder einmal in das mahnende Gesicht des Himmelschefs.
„Aber er hat die Wildente erschossen!“, verteidigte sich Deika.
Da konnte Gott nicht anders, als zu schmunzeln und sah weg.
Hund und Jäger blickten sich verwirrt an. Da rappelte sich der Jäger wieder auf, nahm Brille, Hut und Schal von seinem Hund und lief schnell zurück ins Dorf, wo er sich lieber eine Mass Bier bestellte und eine für Rocko, seinen Hund.
So bald sind die beiden dann nicht mehr auf die Jagd gegangen.
Eine Wurstsemmel auf dem Weg in den Himmel
Nachdem Deika dazu beigetragen hatte, dass ein Jäger weniger auf unschuldige kleine Wildenten schießt, gab Deika sich auf ihrer Wolke einem Purzelbaumanfall hin und wälzte sich genüsslich in ihrem weichen Himmelskörbchen.
Sie rieb ihre Schnauze an dem Rand ihrer Wolke und genoss den Moment in vollen Zügen, bis sich plötzlich ihre Nase bemerkbar machte und sie neugierig von ihrer Wolke herunter lockte.
Es war ein gewohnter Geruch aus alten Zeiten. Ein Geruch, den sie sehr lange nicht mehr in der Nase hatte und ihre Nase zog sie weiter und weiter und weiter. Und plötzlich stand sie vor ihrem Fred-Herrchen, auf den sie mit ihrem Frauchen und Herrchen so oft aufgepasst hatte, da er alt und gebrechlich war. Er hatte damals immer seine Wurstsemmel mit ihr geteilt. Dann besuchte Deika ihn immer an einem anderen Ort, da er in seinem hohen Alter noch einmal umziehen musste, da er nicht mehr selbst für sich sorgen konnte und Deikas Pflegefrauchen, seine Ehefrau das auch nicht mehr schaffte. So zog er an einen Ort, wo sich den ganzen Tag viele Leute um ihn kümmerten und ihn auch im Bett umdrehten, als er das nicht mehr alleine konnte. Aber ein Leckerchen für Deika fand sich immer in seiner Schublade. Doch plötzlich stand er vor ihr im Paradies.
Deika zuckte zusammen, als sie ihn sah und begann vor Freude schnell mit ihren Vorderfüßen zu tretlen, wedelte mit dem Schwanz und sang eine Begrüßungsarie, dass sich ein Engel, der gerade mit seiner Harfe vorbeiflog, entrüstete und über die nach seinem Sinne falschen Töne schimpfte und sich letztendlich die Ohren zu hielt.
Als Deika sich ein wenig beruhigt hatte, fragte sie freudig: „Was machst denn du hier?“
„Meine Zeit auf Erden ist zu Ende!“, sagte er und hielt Deika die Wurstsemmel entgegen, die er von der Erde für sie mitgebracht hat.
Deika ließ sich nicht zwei Mal auffordern und nahm ihm die irdische Leckerei gierig ab und Schluck, druck, drunt, die Wurstsemmel war nicht mehr zu sehen und auf direktem Wege in ihren Bauch.
„Das ist ja toll, dass du jetzt auch hier bist! Komm mit auf meine Wolke, dann kann ich dir hier alles zeigen und vielleicht kriegst du ja eine eigene Wolke direkt neben mir.“
Aber da kamen auch schon eine ganze Menge Leute, die Fred wohl einmal gekannt hatte und auch schon eine Weile hier oben waren und begrüßten ihn. Doch für diese hatte er nichts dabei. Nicht einmal eine Wurstsemmel.
Dann öffnete sich das Himmelstor und der Himmelschef trat hervor.
„Da bist du ja!“, sagte er zu Fred und dieser sah ihn ehrfürchtig an.
„Es stimmt ja doch, was man sich auf Erden so erzählt. Meine Frau und ihre Tochter haben ja doch nicht gesponnen, als sie immer darüber redeten, was wohl sein wird nach dem letzten Atemzug.“
„Ja was dachtest du denn?“, fragte der Himmelschef belustigt.
„Aus und weg, weil einem das Verfallsdatum abgelaufen ist?“, scherzte er.
„Ja!“, antwortet Fred betroffen.
„Ein bisschen mehr Fantasie hättest du mir schon zutrauen dürfen.“, erwiderte der Chef. „Aber nichts desto trotz, hier ist deine Wolke, von welcher aus du alles auf Erden beobachten kannst und den Rest soll Deika dir zeigen.“
Fred bückte sich zu seiner Wolke hinab und tastete den Härtegrad seiner neuen Matratze ab.
„Nu!“, sagte er.
„Das kann man sich schon gefallen lassen!“
Und legte sich mit Hut, Mantel und Schuhen direkt hinein und machte es sich darauf bequem.
Deika war mit einem Satz bei ihm und kuschelte sich an ihn.
„Na, dann erzähl mal, was hier oben so geboten ist!“, forderte Fred Deika auf.
So berichtete Deika als aller erstes von den gebratenen Tauben, die einem direkt in das Maul hineinfliegen und von den Hundeleckerchen, die auf den Bäumen wachsen.
„Hundeleckerchen schmecken mir aber nicht!“, warf Fred ein.
So berichtete Deika davon, was sie schon alles erspäht hatte, was die menschlichen Seelen hier oben so genossen.
„Es gibt ein Wolkenkasino, bei dem sich die Menschen so vergnügen und ein Himmelsrestaurant. Da setzen sich die Menschen hinein und alles, was sie sich nur erdenken, bekommen sie von den Bedienungsengeln gebracht.“
„Wow!“, sagte Fred. „Auch Scampi?“
„Alles!“, bestätigte Deika.
„Na, dann nichts wie hin!“, beschloss Fred.
Und als er sich erhob, schwebte ein Himmelscabrio hervor und die Türen öffneten sich ihm und er trat auf das Gaspedal, sodass Deika nur noch seinen Hut auffing, der ihm bei der rasanten Anfahrt vom Kopf geweht war.
Eine lange Schlange am Himmelstor
Noch während Deika ihrem Fredherrchen nachsah, wie er mit seinem Himmelscabrio zum Himmelsrestaurant eilte, nahm sie entfernt das helle Licht des Himmelstores war, welches auf eine große Gruppe schien.
Neugierig näherte sich Deika. So ein Massenauflauf im Paradies? Was mochte da nur geschehen sein? Die Schlange wurde immer länger und länger.
So warf Deika einen neugierigen Blick auf die Erde und dort, wo all die Seelen herkamen, lag ein Flugzeug vollkommen zertrümmert am Boden, wo eine Seele nach der anderen in das Himmelsreich hinübertrat.
Der Himmelschef war nun aus dem Himmelstor getreten und hieß die große Schar willkommen, als sich plötzlich der Untergrund auftat.
Flammen schlugen auf und der Höllenhund trat mit gefletschten Zähnen rotglühend hervor.
Um seinen Hals trug er ein Halsband mit spitzen Nieten, die senkrecht nach oben standen und seine Stirn hatte er in tiefe Falten gelegt.
Deika trat sicherheitshalber einen Schritt zurück.
Da richteten sich die Ohren des Höllenhundes aufmerksam auf und der Höllenchef kam hinter ihm durch das Tor zur Hölle getreten und rieb sich die Hände.
Sein Gesicht war knallrot von der Hitze der Hölle und er wirkte ein wenig wie ein gekochter Hummer. Auf seiner Stirn waren zwei schwarze Hörner, die spitz nach oben ragten und in seiner Hand hielt er eine Art Mistgabel. Er hatte ein knallrotes Schwänzchen an seinem Hinterteil. Fast so, wie das von Deika. Nur war das seine unbehaart und rot durch die Hitze des Feuers.
Die Flammen schlugen aus dem Höllentor, und der Höllenchef rief mit rauchiger Stimme: „Ha, ha, ha! Heute ist auch mal was für mich dabei!“
Verängstigt blickten sich die Seelen in der Wartereihe um, doch der Himmelschef ignorierte die Konkurrenz.
„Dein Haltbarkeitsdatum ist noch nicht abgelaufen!“, sagte er empört zu einer Seele und schickte sie zurück zur Erde in ihren Körper, wo gerade eine große Rettungsaktion angelaufen war und nach Überlebenden gesucht wurde.
„Duuuu daaaa!“, kreischte der Höllenchef.
Doch niemand in der verängstigten Schlange wagte es, sich umzudrehen.
„Du da!“, schrie der Höllenchef einen Mann an, über welchem ein schwarzes Rauchwölkchen schwebte, der sich soeben in die Reihe des Himmelstores eingliedern wollte.
Doch als dieser nicht reagieren wollte, schoss der Höllenhund mit gefletschten Zähnen auf ihn zu und versperrte ihm den Weg zum Himmelstor.
„Duuu hast das Flugzeug zum Absturz gebracht!“, schrie der Höllenchef. „Du kommst zu mir!“
Der Höllenchef trat beiseite, um der schwarzen Seele den Weg zum Tor der Hölle zu gewähren. Flammen schlugen aus dem Höllentor und schreckliche Schreie waren dahinter zu vernehmen und als die schwarze Seele sich weigerte einzutreten, da nahm der Chef der Hölle seine Peitsche aus der Halterung, holte aus, dass sich das Peitschenband um seinen Knöchel wickelte, und verhalf ihm somit zum Eintritt in die lodernden Flammen.
Doch das Tor zur Hölle schloss sich noch nicht.
Der Höllenhund ging entlang der Schlange, die sich vor dem Himmelstor befand, und schnüffelte die Reihe entlang.
„Dein Platz ist nicht hier!“, sagte der Himmelschef, als der Nächste in der Reihe ein Mann war, über dessen Haupt ebenfalls ein dunkles Wölkchen schwebte und zeigte in die Richtung der Konkurrenz, aus dessen Toren die Flammen schlugen.
Mit einem Satz stand der Höllenhund vor der zweiten schwarzen Seele, holte tief Luft und knurrte ihn mit seinem schlechten Atem an.
„Du kommst hier her!“, rief der Chef der Hölle. „Du hast dabei geholfen, das Flugzeug zum Absturz zu bringen!“
Und noch bevor er sich versah, legte sich das Peitschenband um sein Fußgelenk und auch er wurde unsanft in die Hölle gerissen.
„Pah! Dass sie alle nur zu dir wollen?“, rief der Höllenchef dem Himmelschef zu, verschwand mit seinem Höllenhund hinter dem Tor zur Hölle und knallte es lautstark hinter sich zu.
Deika fragte sich insgeheim, ob wohl die Jäger, die auf Enten schießen auch das Tor der Hölle betreten werden. Und ein ganz klein wenig hatte sie Angst, dass man sie das Lager wechseln lassen könnte, wenn ihr noch einmal so ein Versehen wie mit dem armen Zeigungsleser passieren würde. Und was wäre mit ihrer Rache an der Wohnungstyrannin, die sich nun in einer Gummizelle befand?
„Das ist ausgleichend Gerechtigkeit!“, rief ihr der Himmelschef zu, der Deikas Gedanken gelesen hatte.
Da seufzte sie erleichtert auf und mache sich auf den Weg zurück in ihr Himmelskörbchen.
Dieses Erlebnis musste sie erst einmal verdauen und sich von dem Schrecken erholen. Und während sie dies tat, würde ihr vielleicht die eine oder andere gebratene Taube direkt in ihr Maul hineinfliegen.
Freds Ausflug auf die Erde
Plötzlich hörte Deika neben ihrer Wolke Reifen quietschen und als sie verschlafen über ihren Wolkenrand blickte, sah sie Fred in seinem Himmelscabrio. Auf dem Rücksitz saß die Plätzchenoma und ein Hund, den Deika noch nie gesehen hatte. Es war ein Dackel mit schönem langem Fell und kurzen krummen Beinen, der ihr neugierig die Nase entgegenstreckte.
„Komm Deika, steig ein!“, rief Fred, und Deika ließ sich nicht zweimal auffordern und war mit einem Satz auf den Beifahrersitz gesprungen.
Fred hatte hinter seinem Lenkrad noch eine Servierte umgebunden und er roch sehr nach Scampi. Er war wohl seit seiner Ankunft im Paradies nicht mehr aus dem Himmelsrestaurant gekommen und genoss seither ununterbrochen sein Lieblingsmahl.
Das hatte er sich aber auch verdient, dachte Deika, nachdem er seine Speisen in den letzten Monaten seines Lebens nur noch püriert zu sich nehmen konnte.
„Wo geht es denn hin?“, fragte Deika neugierig.
„Heute ist meine Beerdigung!“, teilte Fred mit und die Oma von Deikas Frauchen steckte ihr ein Weihnachtsplätzchen zu.
Zu allererst sausten sie bei Deikas Pflegefrauchen vorbei und dann bei Deikas Frauchen und Herrchen.
Es war ein sehr regnerischer Tag auf Erden, und als er noch vor dem Weckerklingeln seine Tochter, Deikas Frauchen, weckte, spitzte diese die Ohren, hörte das Regenplätschern und rief: „Du spinnst wohl, Fred!“
Empört sah er sie an, sah zu Deika und fragte: „Woher weiß sie denn, dass wir hier sind?“
„Mir ist wohl ein klitzekleiner Hundepups entwichen!“, erklärte diese schüchtern.
„Sehen kann sie mich nicht und hören auch nicht, aber riechen kann sie mich.“
Dann rief Deikas Frauchen wütend: „Ich verstehe ja, dass du es ein wenig dramatisch magst und dir das Wetter passend zu unserem tränenreichen Gesicht gefällt, aber wenn deine Frauen frierend, mit verdreckten matschigen Schuhen an deinem Grab stehen bei deinem letzten Geleit, das wird dir wohl nicht gefallen!“
„Nu!“, sagte Fred. „Da hat sie wohl recht!“
Deikas Frauchen überlegte, was sie anziehen sollte zu der Beerdigung. Sie wollte sich noch einmal recht hübsch machen für ihren Vater und zog eine Kombination in Dunkelblau aus ihrem Kleiderschrank.
„Zu einer Beerdigung geht man ja wohl in schwarz!“, bemerkte Fred und ließ rasch eine schwarze Kombination aus dem Schrank gleiten.
„Na gut!“, sagte seine Tochter und hing die dunkelblaue Kombination zurück in den Schrank. „Wenn du es so möchtest!“
Fred drehte sich zur Plätzchenoma um und sagte: „Na ein neues Kostüm hätte sie sich zu meiner Beerdigung schon leisten können!“
Doch diese antwortete entsetzt: „Als Autorin, die noch keiner kennt? Wovon hätte sie das denn bezahlen sollen?“
„Auch wieder wahr!“, bemerkte Fred, Deikas Wurstsemmelherrchen.
Er hängte die dicke Wolkendecke an die Anhängerkupplung seines Himmelscabrios und zog diese über den Friedhof hinweg auf die andere Seite der Stadt und brauste mit Deika, dem Dackel und der Plätzchenoma eilig zum Friedhof, damit er nicht zu seiner eigenen Beerdigung zu spät kam.
Als sie angekommen waren, setzte Fred sich lässig auf seinen Grabstein, auf welchem sein Name, der Name der Plätzchenoma und der des Mannes, der Plätzchenoma stand, und sah in das tiefe Loch des Grabes hinunter.
„Wow!“, sagte er.
„Dass du dich aber nicht so breitmachst!“, sagte die Plätzchenoma zu Fred.
Als die Trauergesellschaft mit seiner Urne vorneweg einmarschierte, sah er befremdlich auf das Gefäß.
„Da ist aber nicht viel von mir übriggeblieben!“
Und da sah er seine Frau, die bereits von Deika freudig begrüßt wurde und sehr über den Verlust ihres Mannes weinte. So ging er zu ihr und umarmte sie liebevoll.
„Ich bin doch hier!“, sagte er, doch sie weinte nur noch mehr. Schließlich konnte sie ihn weder sehen noch hören.
„Wer bist du eigentlich?“, wollte Deika nun von dem krummbeinigen kleinen Hund wissen.
„Angenehm, Bazi!“, antwortete dieser wohl erzogen.
„Und was machst du hier?“, wollte Deika weiter wissen.
„Ich war der Hund von deinem Pflegefrauchen. Lange, bevor du geboren wurdest und lange, bevor dein Frauchen geboren wurde.“
„Wow!“, sagte Deika. „Deshalb konnte sie mir immer alle Hundewünsche von den Augen ablesen.“
„Na einer musste ja die Vorarbeit leisten!“, sagte er und stellte sich an die Seite seines Frauchens.
Während der feierlichen Gedenkminute, an der alle an Fred dachten und an Deika, die ja nur kurze Zeit vor Fred ihre Lieben auf Erden verließ, nahm Fred wieder auf seinem Grabstein platz, platzierte einen Fuß auf dem Boden und ließ lässig den anderen Fuß herunter baumeln. Er pfiff eine Melodie, die er schon zu Lebzeiten immer gepfiffen hatte, und betrachtete nachdenklich seine trauernde Familie. Er war sehr dankbar, diese zu haben.
Die Plätzchenoma stand hinter dem Grabstein und die beiden Hunde nahmen brav neben ihr Platz.
Dann öffnete sich das Himmelstor und der Chef ließ einen hellen Lichtstrahl auf das Grab nieder scheinen. Seine Familie vernahm den hellen Schein und ihnen war, als würden sie ein leises Pfeifen vernehmen, das ebenso klang, wie Freds immer gepfiffen hat. Und sie mussten schmunzeln und ließen die mitgebrachten Rosen in sein Grab fallen.
Das Grab wurde zugeschüttet und ein wunderschönes Bukett mit weißen Rosen daraufgelegt. Da wurde Fred ganz warm ums Herz und es lief ihm vor Rührung eine Träne über die Wange.
„Na jetzt aber los, und zurück an die Arbeit!“
„Arbeit?“, fragten Deika und Bazi im Chor.
„Ja! Arbeit!“, bestätigte Fred. „Dann werden wir einmal sehen, wie wir unseren Lieben hier unten unter die Arme greifen können, damit sie ein leichteres Leben haben. Wir treffen uns auf meiner Wolke!“
Und weg war er mit seinem Himmelscabrio.
Hundequalen
„Komm, lass uns durch den Wald stromern!“, rief Deika dem Dackel Bazi zu.
Dieser sah sie etwas ratlos an.
„Du bist doch auch ein Jagdhund?“
„Klar!“
„Na, dann ab durch die Büsche!“, rief Deika.
Da die Beine von Bazi ein ganzes Stück kürzer waren, als die von Deika, holte er sie gerade ein, als Deika sich genüsslich im Dickholz im Aas wälzte und vor Wonne grunzte.
„Iiiih!“, sagte Bazi und zog es vor, seine Nase neugierig in einen Fuchsbau zu stecken, als der Engel Leopold, der ihnen gefolgt war, gerade an ihnen vorbei schwirrte. Doch dieser gab nur ein angeekeltes „Igittigittigitt!“ von sich und sogleich begann, seinen Heiligenschein zu polieren.
Als die beiden Hunde ihren Ausflug in den Wald beendet hatten, den Schmutz von sich abgeschüttelt haben, wobei natürlich der ein oder andere Spritzer auch auf Leopolds Heiligenschein landete, zogen sie die Straße entlang, als sie plötzlich einen vertrauten Geruch vernahmen und sich vor einem Hähnchenstand wiederfanden.
Dort standen sie allerdings nicht alleine, wie sie bemerkten. Dort war auch ein lebendiger Hund, der mit großen Augen, hoffnungsvollem Blick und wedelndem Schwanz vor dem Hähnchenstand stand.
„Der Arme!“, sagte Deika.
„Ihm fliegen noch keine gebratenen Tauben direkt in sein Maul hinein!“
Sie betrachtete ihn eine Weile und sagte: „Ihm muss geholfen werden!“
„Lenk du den Menschen ab!“, rief sie Bazi zu und dieser sprang durch das geöffnete Fenster auf den Beifahrersitz und zerrte so lange mit seiner langen Schnauze an dem Autoradio herum, bis es in voller Lautstärke losplärrte und der Fahrer nach vorne ging, um nach dem Rechten zu sehen.
Sofort reagierte Deika und warf ein Hähnchen zu dem hungrigen Tier hinunter.
Das sahen andere Hunde, die gerade mit ihren Menschen Gassi gingen, und rissen sich von ihren Leinen los und liefen zu dem Hähnchenstand.
Der Hähnchenverkäufer und Bazi kämpften immer noch mit dem Radio. Immer, wenn er es geschafft hatte, das Radio abzuschalten, zog Bazi erneut an dem Knopf, und als es ihm letztendlich egal war, sah er all die Hunde seine Hähnchen fressen.
Er tobte und schimpfte, doch die Hunde schnappten, was sie kriegen konnten und liefen damit von dannen.
„Warum hat das zu unseren Lebzeiten eigentlich nie jemand für uns getan?“, fragte Deika.
„Man sollte eine Hundeeinheit zur Rettung hungriger Hunde gründen!“
Bazi legte seine Dackelstirn in Falten und gab zustimmende Laute von sich.
Zufrieden mit ihrem Werk machten sich die beiden Hundeseelen zurück auf den Weg ins Hundeparadies, wo Fred sie bereits auf ihrer Wolke erwartete.
Paradiesische Hilfeleistungen
„Wo bleibt ihr denn so lange?“, fragte Fred ungeduldig, als Deika mit Bazi auf seiner Wolke eintrudelte.
„Ach, wir hatten nur noch etwas zu erledigen!“, sagte Deika mit Unschuldsmiene.
„Erledigen?“, fragte Fred.
„Wir mussten uns um ein paar hungrige Hunde auf der Erde kümmern!“, erklärte Deika.
„Ach so!“, sagte Fred und überlegte, ob er sich nicht vor den neuen Taten noch eine Portion Scampi im Himmelsrestaurant gönnen sollte.
„Euer Frauchen hat gerade ein Kinderbuch herausgebracht!“, sagte Fred.
„Das übernimmst du!“, fuhr er fort und zeigte auf Bazi.
„Ich?“, fragte Bazi, der überhaupt keine Vorstellung hatte, was er dabei tun konnte.
„Nu!“, sagte Fred.
„Und du Deika, du kümmerst dich darum, dass deinem Frauchen die Arbeit leichter von der Hand geht!“
„Wird gemacht!“, bestätigte Deika.
Und dann zeigte er auf den Engel Leopold, der sich neugierig der Besprechungswolke näherte.
„Du kümmerst dich darum, dass Deikas Frauchen nicht mehr so viel Arbeit mit dem Haus hat, damit sie sich in ihrem Alter endlich den schönen Dingen des Lebens widmen kann.“
Leopold sah sich suchend um, und als er keine andere Seele und keinen der anderen Engel entdecken konnte, fragte er verdutzt: „Ich?“
„Du hast doch genug Erfahrung mit dem Polieren deines Heiligenscheins?“, fragte Fred nach.
Leopold schielte nach oben zu seinem Heiligenschein und nahm diesen sofort ab, um ihm einen neuen Glanz zu verleihen.
„Du kümmerst dich um volle Kühlschränke,“ sagte er zur Plätzchenoma „und ich kümmere mich um die Geschäfte von Deikas Herrchen!“, teilte Fred abschließend mit.
„Und nun, ab an die Arbeit!“
Die Hunde schnappten noch rasch nach einer gebratenen Taube, die einem jeden in diesem Moment zuflog und dann machten sie sich auf, um ihre Aufgaben zu erfüllen.
Bazi schwebte von einer Buchhandlung in die nächste und ließ das Buch der Tochter seines Frauchens vor die Füße der Kinder fallen oder ließ es auf mysteriöse Weise auf die Einkäufe der Eltern schweben.
Deika verwöhnte ihr Frauchen an ihrem Computer mit einer entspannenden Hundepfotendruckmassage und gelegentlich mit einem kleinen Hundepups. Und wenn ihr die Augen zu fielen, dann hielt sie ihr diese auch schon einmal noch ein Weilchen auf, damit sie ihr geplantes Arbeitspensum auch erreichte.
Auf wundersame Weise wurde auch der Kühlschrank nie leer und das Haus von Deikas Pflegefrauchen und die Wohnung ihres Herrchens und Frauchens wurde auch nicht mehr schmutzig, da Leopold einem jeden sofort hinterher polierte.
Und die Angebote der Firma von Deikas Herrchen wanderten auf unheimliche Weise auf die Schreibtische der Firmenchefs, und wenn sie dachten, sie hätten sie in den Papierkorb befördert, dann lagen sie schon wieder auf ihren Schreibtischen, bis sie sich die Zeit nahmen und diese ausgiebig studierten und ihnen ein „Mmmmh“ entkam oder ein „Aha“ und sich eine Notiz machten, dieses Angebot am nächsten Tag genauer zu hinterfragen.
Sie taten alle, was sie konnten und Bazi half Deika jeden Abend, es bei der Wohnungstyrannin plätschern zu lassen. So hatte sie das Plätschern ganz in Stereo und konnte sich nach Herzenslust in ihrer Gummizelle austoben.
Und nach getaner Arbeit ließen sie sich erschöpft in ihren Himmelskörbchen nieder, um ihren Menschen am nächsten Tag wieder verstärkt zur Hand zu gehen.
Auch Katzen können Hilfe brauchen
Eines Tages, als Deikas Menschen sich endlich einmal einen Tag lang ausruhten und Deika somit auch einen freien Tag bekam, beobachtete sie, wie Mogli sich durch das geöffnete Schlafzimmerfenster im ersten Stock hinaus auf das Fensterbrett schlich und mit einem Satz auf das Vordach des Wohnhauses ihrer Menschen begab, wie diese gemütlich am Frühstückstisch saßen.
Dummerweise hatte es in der Nacht geregnet und das Vordach war nass. Und das Vordach war schräg. Und Mogli ist mit gespreizten Pfoten unfreiwillig hinuntergerutscht.
Wie der Blitz ist Deika von ihrer Wolke zu ihr hinunter gehüpft und kam gerade noch rechtzeitig an, um Mogli behutsam aufzufangen und auf dem Boden abzusetzen.
Ursprünglich war es Mogli nach Mäusefangen gewesen, doch nun war es ihr einziges Ziel, wieder zurückzukommen und wieder durch das Fenster hinein zu springen und sich auf das weiche und sichere Bett ihrer Menschen zu legen, um dort ein Nickerchen zu halten.
Doch sie wehrte sich, als Deika ihr auf dem Rückweg behilflich sein wollte, und stand dann etwas verwirrt da und schnüffelte in Deikas Richtung, da sie Deika ja nur riechen und nicht sehen konnte. Den vertrauten Geruch ihres Hundes konnte sie wahrnehmen. Auch, wenn dieser gerade einmal nicht pupste.
So blieb Deika keine andere Wahl, als ihre Menschen auf das Verschwinden des Familienmitgliedes aufmerksam zu machen.
Sie schwebte hinein und stieß die Türe zum Wohnzimmer, wo die beiden gerade frühstückten, wie durch einen Windstoß ein wenig auf.
„Die Stimme kenn ich doch!“, sagte Deikas Frauchen und legte ihre Stirn in Falten.
„Aber warum kommt Moglis Stimme von so weit her?“, fragte sie.
„Und warum klingt sie so verzweifelt?“
Da legte Deikas Herrchen seine Stirn in Denkfalten.
Ihr Frauchen stand auf, und folgte dem Klang der Stimme des verzweifelten Kätzchens.
Sie ging zum Schlafzimmerfenster, durch welches Mogli ausgebüxt war und sah sie unter dem Vordach aus Plexiglas verzweifelt nach dem Rückweg suchend.
Rasch griff sie nach der Leiter, rief nach Deikas Herrchen und rannte hinaus zur Wohnungstüre, um Mogli wieder einzufangen.
Doch Mogli sträubte sich.
Mogli wollte unbedingt auf demselben Weg zurück, auf dem sie heruntergekommen war. Nur war das blöde Dach auf der falschen Seite, nämlich über ihr und nicht unter ihr.
Das konnte Mogli nicht begreifen, doch ihrem Frauchen gelang es, auf der höchsten Stufe der Leiter, den kleinen Schreihals nun doch noch unter dem Dach hervorzuholen.
Gleich klammerte diese sich an ihrem Frauchen fest, damit es ihr nicht verloren ging und zurück in der sicheren Wohnung legte sie sich sofort auf das weiche, warme Bett und betrachtete das Fenster nur noch mit einem größeren Sicherheitsabstand.
Deika schnaufte erleichtert auf, und als sie nach dieser Rettungsaktion durch die Wohnanlage streifte, verließ gerade eine Mäuseseele ihren Körper.
„Hallo!“, sagte Deika. „Brauchst du den noch?“, und zeigte auf den Mäusekörper.
Da blickte sich die Maus um, sah ihren leblosen Körper hinter sich und die vielen Getreidesäcke, die sie im Licht des Himmelstores erblickte und ihre Mäusefamilie, die sie dort oben erwartete und antwortete: „Nein, nein! Nimm nur!“
So schwebte die Mäuseseele hinauf ins Mäuseparadies, und ihr Körper durch das gekippte Wohnungsfenster zu Mogli, die sich nun wie im Paradies fühlte, wo einem die bereits erlegten Mäuse direkt ins Maul hinein schwebten.
Juhuuuuuuu, es schneit!
Auf der Erde wurde es Winter und Weihnachten stand wieder einmal vor der Türe, als Deika neben ihrem Frauchen durch die verschneite Winterlandschaft spazierte.
Schnee war schon immer Deikas größte Faszination. Er war so weiß und weich und man konnte die Nase hineinbohren und ihr Frauchen hatte daraus Bälle geformt und ihr geworfen und man musste sich ganz schön anstrengen, um sie zu finden in dem weißen Meer aus Schnee.
Wenn es geschneit hat, dann war Deika meist nicht mehr zu sehen, denn entweder suchte sie etwas im Schnee, was ihr Frauchen ihr geworfen hatte, oder sie wälzte sich darin, dass sie in dem tiefen Schnee nicht mehr zu sehen war. Und ihr Frauchen hat immer gerufen: „Deika, such den Schneeball!“ Und dann hat Deika die komplette Schneelandschaft umgegraben, um den Schneeball zu finden.
Und wenn die Schneeflocken vom Himmel fielen, dann sprang sie ihnen entgegen, um sie zu fangen und am liebsten hätte sie den Schnee mit nach Hause genommen. Aber die Schneebälle, die sie in ihrem Fell nach Hause schmuggelte, schmolzen in ihrem Körbchen dahin und dann war alles nur noch nass und nicht mehr weiß.
Während Deika neben ihrem Frauchen hertrottete und traurig war, dass diese sie nicht mehr sehen konnte, träumte sie von vergangenen Zeiten und sehnte sich danach, noch einmal mit ihrem Frauchen im Schnee toben zu können.
Doch wo kamen die Schneeflocken überhaupt her?
Sie sah nach oben und sah, wie die Schneeflocken tanzten und sie erhob sich und tanzte mit den Schneeflocken. Das hatte sie früher nicht gekonnt und das war eigentlich viel lustiger, als sich in ihnen zu wälzen.
So tanzten die Schneeflocken um Deika und Deika um die Schneeflocken herum und Deika wirbelte immer höher und höher bis über die Wolken hinaus. Dann hörte sie eine Stimme, die sang.
„Hatschi!“, machte Deika, da plötzlich eine Feder an ihrer Nase kitzelte.
„Gesundheit!“
Und als sie aufblickte, sah sie eine alte Frau, die ihre Kissen aufschüttelte und die Federn aus ihren Kissen fielen.
Mit großen Augen sah Deika die Frau an.
„Ich bin Frau Holle!“, sagte diese.
„Frau Holle?“, fragte Deika.
„Ich kümmere mich darum, dass die Kinder eine weiße Weihnacht haben und der Schnee auf die Erde fällt.
„Aha!“, sagte Deika verwirrt.
„Willst du mir helfen?“, fragte Frau Holle.
„Wie denn?“
„Du packst dir ein Kissen und beutelst es aus, damit die Federn fliegen, dann wird es schneien auf der Erde.“
„Echt, das darf ich?“, fragte Deika und nahm sich ein Kissen in ihre Schnauze und schlug es um sich, sodass die Federn nur so flogen.
Dann machte sie einen großen Satz in die Federn hinein und wälzte sich, steckte die Nase hinein und versuchte die einzelnen Federn in der Luft zu fangen, so wie sie es auf Erden immer mit den Schneeflocken gemacht hatte.
Frau Holle schmunzelte und ließ sich von Deikas Spieltrieb anstecken. Sie nahm einen großen Arm voll Federn und ließ diese auf Deika hinunter schweben, die nun mit den Federn im Wind tänzelte.
Deika ließ sich vor einem Hügel aus Federn nieder und pustete so fest sie konnte hinein, sodass Frau Holle von einem großen Federwirbel umgeben war.
Sie tanzten mit den Federn, bis sie sich erschöpft und glücklich in die Federlandschaft fallen ließen.
„So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr!“, sagte Frau Holle und Deika stimmte ihr zu.
„Weil du mir so viel Freude gemacht hast, darfst du dir etwas wünschen.“
„Ich möchte so gerne meinem Frauchen ein Zeichen geben, das sie sehen und verstehen kann und nicht nur riechen.“
„Riechen?“, fragte Frau Holle überrascht.
„Hundepupse kann sie riechen!“, erklärte Deika.
Da lachte Frau Holle und sagte: „Nein, sie soll auch einmal etwas sehen können und nicht nur riechen! Das muss ja schrecklich sein für dein armes Frauchen.“
Sie überlegte eine Weile und zeigte auf den Sternenhimmel.
„Du darfst ihr einen Stern vom Himmel holen und ihn für sie vom Himmel fallen lassen.“
„Wow!“, entkam es Deika.
Und ohne lange zu überlegen sprang sie in das Sternenmeer.
Ein Stern war schöner als der andere, ein Stern glänzte mehr als der andere und Deika fiel die Wahl sichtlich schwer.
Sie sprang zu einem Stern, doch als sie diesen in ihr Maul nehmen wollte, glänzte ein anderer noch viel heller und schöner.
So ließ sie den Stern wieder aus ihrem Maul fallen und schnappte nach dem noch helleren und noch schöneren.
Das ging eine ganze Weile so, bis Frau Holle Deika aufforderte, dass sie sich entscheiden solle.
So schnappte Deika den größten und schönsten Stern, den sie erblicken konnte, warf noch einen Blick zur Seite, um festzustellen, ob es nicht doch noch einen noch schöneren gäbe, warf einen Blick durch die Wolken zur Erde, und als sie ihr Frauchen sah, als diese auf dem Balkon stand und sehnsüchtig in den Sternenhimmel blickte, warf sie den Stern so weit sie nur konnte und ihr Frauchen sah den Stern als Sternschnuppe in hohem Bogen vom Himmel fallen.
Sofort dachte sie an ihre Hündin und rief ihren Namen aus, und da man sich auf Erden etwas wünschen darf, wenn man eine Sternschnuppe vom Himmel fallen sieht, wünschte sie sich, dass es Deika gut gehen möge, und sehnte sich nach dem Tage, an welchem sie ihre geliebte Hündin im Paradies treffen würde.
Bienchen flieg
Deika lag auf ihrer Wolke und schlief. Sie träumte von ihrem Spiel mit Frau Holle in den Federn und träumte, dass auch einmal ihr Frauchen dabei sein würde, als sie an ihrem rechten Ohr ein leises brummen und einen hauchzarten Windstoß vernahm.
„Maja!“, hörte Deika.
„Maja!“
Deika öffnete die Augen und verdrehte diese so, dass sie in die Richtung ihres Ohres schielen konnte, aus der sie die leise Stimme vernahm.
„Maja!“
„Wer bist denn du?“, fragte Deika überrascht.
„Ich bin Willi!“, sagte die Biene.
„Willi?“
„Ja, mein Name ist Willi.“
„Und was suchst du an meinem Ohr?“, wollte Deika wissen.
„Maja!“, antwortete Willi.
„Das habe ich gehört, aber wer ist Maja?“, fragte Deika nach.
„Du musst doch Biene Maja kennen! Maja kennt doch jedes Kind!“
Kinder vielleicht schon, dachte Deika. Aber sie war doch ein Hund und kein Kind.
„Na, wenn du sie siehst, dann schick sie mir hinterher!“, bat Willi und sauste davon.
Deika schloss erneut ihre Augen und rückte sich in ihrer Wolke zurecht, um ihren Traum fortzusetzen. Doch da hörte sie plötzlich: „Hü hüpf, hü hüpf, hü hüpf hü hüpf …“
Und als Deika neugierig ihre Augen erneut öffnete, setzte sich ein Grashüpfer auf den Rand ihrer Wolke, zog seinen Zylinder und wischte mit seinem Arm einen kleinen Schmutzfleck weg, was beinahe genau so aussah wie bei dem Engel Leopold, wenn er seinen Heiligenschein polierte.
„Guten Morgen!“, sagte der Grashüpfer.
„Mein Name ist Flip.“
„Angenehm, ich bin Deika!“
„Hast du zufällig eine Biene hier vorbeiziehen sehen?“, fragte der Grashüpfer Flip.
„Ja!“, bestätigte Deika.
„Er hieß Willi, hat er gesagt und hat eine Biene Maja hinter meinem Ohr gesucht.“
„Oh, das ist gut!“, sagte Flip.
„In welche Richtung ist er geflogen?“
Deika zeigte mit ihrer Pfote in die Richtung, in welche Willi abgeschwirrt war und sagte: „Da lang.“
„Vielen Dank und einen schönen Tag noch!“, sagte Flip, hielt seinen Zylinder vor seine Brust und machte eine Verbeugung, bevor er mit einem großen Satz davon hüpfte.
Deika wagte es gar nicht mehr einzuschlafen, da es ja wohl noch eine Biene gab, die bestimmt noch ihren Weg kreuzen würde. So legte Deika ihre Schnauze auf den Rand ihrer Wolke, bis sie es wieder summen hörte und sich eine Biene auf ihrer Nase niederließ, um zu verschnaufen.
Damit Deika die Biene sehen konnte, schielte sie auf ihre Nase.
„Bist du Maja?“, fragte sie.
„Ja, aber woher weißt du das?“
„Vorhin kamen zwei vorbei, die dich gesucht haben.“
„War das eine Biene wie ich und ein Grüner mit Zylinder?“
Deika bestätigte dies und zeigte mit ihrer Pfote in die Richtung, in welche sie abgeschwirrt waren.
„Da lang sind sie!“
„Na dann kann ich ja noch ein Weilchen hier verschnaufen.“
„Wenn du mich nicht in meine Nase stichst!“, sagte Deika.
„Aber wie kommst du denn darauf?“, fragte Maja entrüstet.
„Weil du eine Biene bist!“
„Aber stechen tu ich dich nicht!“
„Dann ist es gut!“
Deika wollte wissen, warum sie sich vor Willi der Biene und Flip dem Grashüpfer versteckte.
„Wir spielen verstecken!“, erklärte Maja.
„Verstecken?“, fragte Deika nach.
Maja bestätigte.
„So etwas Ähnliches habe ich immer mit meinem Frauchen gespielt. Sie hat es immer ICH KRIEG DICH genannt. Das war eine Kombination aus Verstecken und Fangen.“
„Wow!“, sagte Maja.
„Das klingt aber spannend!“
Nachdem Maja sich so für das ICH KRIEG DICH Spiel interessierte, erzählte sie ausführlich, wie sie es immer mit ihrem Frauchen gespielt hat. Und während Deika berichtete, hörten sie gar nicht, wie „Hü hüpf …“ Flip mit einem Satz auf Deikas Nase landete und rief: „Ich hab dich, Maja!“
Flip drehte sich zu Deika um, zog seinen Zylinder und sagte: „Pardon!“ Und war mit einem Satz von Deikas Nase auf den Rand ihrer Wolke gesprungen.
Es dauerte nicht lange, da kam Willi angeflogen, ließ sich neben Maja auf Deikas Nase nieder und rang erschöpft nach Luft.
„Da bist du ja, Maja!“
„Ja, aber lass uns jetzt ICH KRIEG DICH spielen!“
„Ich krieg dich?“, fragten Willi und Flip im Chor.
„Ja, Deika kennt das Spiel. Sie hat es immer mit ihrem Frauchen gespielt.“
„Und warum spielt sie es jetzt nicht mehr mit ihrem Frauchen?“
„Weil Deika hier oben im Paradies ist und das Verfallsdatum bei ihrem Frauchen noch nicht abgelaufen ist!“, erklärte Flip besserwisserisch.
„Ach so!“, sagte Willi.
„Wie geht ICH KRIEG DICH?“
Deika erklärte, dass sie sich gleichzeitig fangen und verstecken müssten und zack war Maja von Deikas Nase geschwirrt und flog eilig davon, wobei sie Leopolds Weg kreuzte, der gerade auf dem Wege war, sich eine spezielle Heiligenscheinpolitur zu besorgen.
„Tschuldigung!“, rief sie und war nicht mehr zu sehen.
„Leopold rieb sich verwirrt die Nase, die Maja gestreift hatte, und schwebte weiter seines Weges.“
„Maja!“, rief Willi.
„Maja, warte auf mich!“
Und weg geschwirrt war Willi.
Flip setzte seinen Zylinder auf und jammerte: „Jetzt geht das schon wieder los!“ Und hüpfte ihnen mit einem eiligen „Hü hüpf“ hinterher.
Und nachdem endlich wieder Ruhe eingekehrt war auf Deikas Wolke, warf sie sich auf den Rücken und rückte sich erneut ihren Leib auf ihrer Wolke zurecht, um ihre unterbrochenen Träume fortzusetzen. Und bald war nur noch ein leichtes Schnarchen von ihr zu hören und ihre Pfoten zuckten im Schlaf, da sie mit ihrem Frauchen ausgiebig ICH KRIEG DICH spielte.
Hei ho, hei ho …
Während Deika durch den paradiesischen Wald spazierte, naschte sie hier und da ein Leckerchen von den Bäumen, bis ihr Bauch zum Platzen voll war.
So legte sie sich in das hohe Gras einer Lichtung, um ein kleines Nickerchen zu halten, bis sie plötzlich Stimmen hörten, die sangen: „Hei ho, hei ho, wir sind des Lebens froh. Hei ho, hei ho …“
Die Körper, die zu diesen Stimmen gehörten, waren sehr klein und sie trugen rote Zipfelmützen. Sie breiteten nicht weit von Deika entfernt ein großes Tischtuch mit weiß-rotem Karo aus und stellten die feinsten Speisen darauf. Sie setzten sich auf ihre Decke, banden sich jeder eine Servierte um den Hals und begannen die mitgebrachten Leckereien laut schmatzend zu verspeisen. Sie lachten, aßen und freuten sich des Lebens, als Deika sich vorsichtig auf ihrem Bauch robbend anschlich und sie mit hungrigem Blick ansah.
Einer der kleinen Gestalten mit Zipfelmütze erschreckte sich so sehr, als er Deika erblickte, deren Nase schon fast an seinem Teller klebte, dass er aus dem Sitzen einen Satz machte und mit seinem Po mitten in einer Torte landete.
„Warum setzt du dich denn in die Torte hinein?“, fragte Deika überrascht.
„Du hast mich so erschreckt!“, schimpfte der kleine Zipfelmann.
„Und deswegen setzt du dich in die Torte?“, fragte Deika nach.
Die anderen kleinen Männer mit Zipfelmütze, sechs Stück an der Zahl, halfen dem Siebten aus der Torte und begannen ihn mit ihren Servierten, die sie von ihren Hälsen nahmen abzuputzen.
„Soll ich helfen?“, fragte Deika und wartete erst gar keine Antwort ab.
Eifrig putzte sie mit flinker Zunge die Sahne von dem Hosenboden des kleinen Mannes und säuberte auch sogleich die Tischdecke, über die Stücke der Torte gefallen waren.
„Kannst den Rest auch haben!“, sagte ein anderer Zwerg, der Deika mit angeekeltem Gesicht betrachtete.
„Danke!“, sagte diese und begann den Teller blitz blank zu putzen.
Die Zwerge staunten, in welcher Geschwindigkeit Deika den Teller gespült hatte und hielten ihr gleich die anderen auch noch hin.
„Das ist ja toll, in welcher Geschwindigkeit du spülen kannst!“, sagte einer der Zipfelmänner anerkennend.
„Das möchte ich auch können und gerne scheinst du das auch noch zu machen!“
„Mmmmh!“, schmatzte Deika.
„Willst du nicht zu uns mit nach Hause kommen und dich um unseren Abwasch kümmern?“, fragte ein Anderer.
„Mmmmh!“, schmatzte Deika immer noch.
„Wer seid ihr denn?“, wollte sie wissen und schleckte sich die Schnauze.
„Wir sind die sieben Zwerge!“, antworteten diese im Chor.
„Ach deshalb seid ihr so klein!“
Eilig packten die Zwerge ihre sieben Sachen zusammen und Deika bat ihnen einen Platz auf ihrem Rücken an.
Einer nach dem anderen zog sich an Deikas Schwanz hinauf und so saßen sie der Reihe nach auf ihrem Rücken. Nur der Erste nahm auf ihrem Kopf platz und hielt sich wie an Zügeln an ihren Ohren fest.
„Festhalten!“, rief Deika und trottete los.
„Schneller, schneller!“, riefen die Zwerge.
Deika lief schneller und der hinterste Zwerg, der auf Deikas Hinterteil saß verlor den Halt, rutschte nach hinten weg und hielt sich gerade noch rechtzeitig am hinteren Ende von Deikas Schwanz fest.
Diese wedelte einmal kräftig und beförderte den Zwerg wieder auf ihren Rücken zurück.
Abwechselnd navigierten sie Deika den Weg über die sieben Berge entlang, bis sie ein sehr kleines Haus erreichten.
„Da wohnt ihr?“, fragte Deika.
„Willkommen in unserem Reich!“, sagte ein Zwerg und öffnete die Türe.
Deika musste sich auf den Bauch legen und bäuchlings in das Haus hinein robben, da es eine Spur kleiner war, als eine Hundehütte.
Im Inneren des Zwergenhauses standen sehr kleine Tische und Stühle, die die Zwerge eilig beiseiteschafften, damit Deika hineinkam.
„Da ist die Küche!“, sagte der Zwerg, der eigentlich für den Abwasch zuständig war, und warf den Kopf zurück und rückte seine Zipfelmütze zurecht.
Deika robbte sich hinein und fand Berge von dreckigem Geschirr vor, die sie gierig mit ihrer Hundezunge bearbeitete.
Die Zwerge waren begeistert, denn der Spülzwerg mochte seine Aufgabe überhaupt nicht. Und so schnell wurden sie ihr schmutziges Geschirr noch nie zuvor los.
Langsam ging die Sonne unter und Deika verabschiedete sich von den sieben Zwergen, die hinter den sieben Bergen im Himmelsparadies lebten, da sie noch eine Aufgabe zu erledigen hatte.
Sie durfte es auf gar keinen Fall verpassen, es bei der Wohnungstyrannin plätschern zu lassen.
„Besuchst du uns wieder?“, fragten die Zwerge.
„Gerne!“, bestätigte Deika.
Sie setzte sich hin und ein Zwerg nach dem anderen schüttelte ihr die Pfote, die sie ihnen entgegenstreckte.
„Bis bald!“, rief Deika und sprang über eine vorbeischwebende Wolke davon, um ihrer Pflicht des allabendlichen Plätscherns nachzukommen.
Die Brotspur
Deika legte sich in die Sichel des Mondes und schaukelte sich ein wenig in den Schlaf, als ihre Nase plötzlich eine Witterung aufnahm.
Sie schnüffelte und schnüffelte und ihr Hals wurde immer länger und länger, bis sie von der Mondsichel plumpste.
Deika hatte ein Stück Brot gewittert und noch eines und noch eines, bis ihre Nase sie in einen Wald hineinführte.
Plötzlich, nicht weit entfernt vernahm sie zwei leise flüsternde Stimmen.
„Wir haben uns verlaufen!“
„Komm weiter! Vertrau mir!“
„Und wir haben uns doch verlaufen!“
Deika näherte sich vorsichtig und sah zwei Kinder, die den Waldboden absuchten.
„Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Brotkrumen streuen!“, sagte der Junge.
„Aber ich habe doch die Brotkrumen gestreut!“, sagte das Mädchen.
„Aber sie sind doch nirgendwo!“
„Aber ganz bestimmt habe ich die Brotkrumen gestreut!“
Vorsichtig näherte Deika sich den beiden Kindern und fragte: „Aber warum werft ihr sie denn auf den auf den Boden, wenn ihr sie noch braucht?“
„Damit wir den Weg nach Hause finden!“
„Aber was macht ihr denn so Mutterseelen alleine im Wald?“
„Unsere Eltern haben uns in den Wald gebracht, weil wir nicht genug zu essen haben!“
Deika ereilte sofort das schlechte Gewissen, da sie es war, die gierig die Brotkrumen verdrückt hatte, als sie eine neue Witterung aufnahm.
Es war nicht irgendeine Witterung. Es war eine Witterung, die genau so roch, wie wenn ihr Frauchen sich der Weihnachtsbäckerei hingab.
„Nichts zu essen?“, fragte Deika noch einmal.
„Na dann kommt mit! Ich habe da etwas gewittert.“
So lief Deika voraus und die Kinder hatten Mühe, mit ihr Schritt zu halten. So wartete sie immer wieder auf die beiden, bis sie eine Lichtung erreichten, auf der sie ein riesig großes Haus erreichten, das vollkommen aus Lebkuchen bestand.
„Mmmmh!“, machte Deika und leckte sich das Maul.
„Mmmmh!“, machten die Kinder.
Und Deika allen Voraus sprang über eine Hütte auf das Dach des Hauses und knabberte das überhängende Dach an.
„Kommt her! Das ist superlecker!“
Vorsichtig näherten sich die Kinder und brachen sich jeder ein Stück herunter.
„Knusper, knusper Knäuschen, wer knabbert an meinem Häuschen?“, hörten sie eine Stimme aus dem Inneren des Lebkuchenhauses.
Die Kinder schreckten zusammen und eine alte, hässliche Frau kam zu der Türe heraus spaziert.
„Warum esst ihr von meinem Haus?“
Da sprang Deika vom Dach über die kleine Scheune herunter und erklärte schmatzend: „Die beiden wurden von ihren Eltern in den Wald gebracht, da sie nichts zu essen haben! Können sie bei dir bleiben? Du hast doch so viel! Und warum solltest du dein Haus aus Lebkuchen bauen, wenn man nicht daran knuspern dürfte?“
„Ja, sie können hierbleiben!“
„Au fein!“, rief Deika. Glücklich, ein gutes Werk getan zu haben und machte sich von dannen.
„Alles gute Kinder, und lasst es euch schmecken!“
So trottete Deika zurück durch den Wald, und als sie den Wald verließ, sah sie ein großes Schild, welches ihr zuvor noch gar nicht aufgefallen war.
Vorsichtig schlich sie um das Schild herum und schnupperte daran.
Der Engel Leopold war wieder einmal unterwegs, um sich neue Politur für seinen Heiligenschein zu besorgen und der Weg führte ihn vorbei an Deika und ihrem Schild.
„Hallo Leopold!“, sagte Deika.
Leopold verdrehte die Augen und antwortete entnervt: „Hallo Deika!“
„Leopold, kannst du lesen?“
„Aber klar doch!“
„Kannst du mir sagen, was hier auf diesem Schild geschrieben steht?“
„Mär-chen-wald!“, las Leopold stotternd vor.
„Märchenwald?“, fragte Deika erschrocken.
„Ja! Märchenwald!“
„Leo, du musst sofort mit mir kommen!“
„Was ist denn los? Ich habe keine Zeit!“
„Egal!“, rief Deika.
„Nein! Nicht egal! Ich brauche neue Politur! Siehst du nicht den Fleck auf meinem Heiligenschein?“
„Egal!“, rief Deika erneut und packte ihn an seinem Arm und zog ihn hinter sich her.
„Halt!“, rief Leopold, da sein Heiligenschein an einem Ast hängen geblieben war und er nicht vorwärtskam.
„Pass doch ein bisschen auf!“
„Was hast du es denn so eilig?“
„Die Kinder!“, erklärte Deika kurz.
„Die Kinder?“, fragte Leopold nach.
„Sie sind im Wald beim Lebkuchenhaus und ich habe sie dort hingebracht!“
„Deika!“, rief Leopold ernst und schwirrte nun voraus.
„Ich habe einmal gehört, wie mein Frauchen die Geschichte einem Kind vorgelesen hat und die hat mir gar nicht gefallen!“
Als sie das Lebkuchenhaus erreichten, hatte die Hexe Hänsel bereits in einen Käfig gesperrt und ließ ihn seinen Finger herausstrecken, doch Hänsel hatte ihr nur ein Stöckchen hingehalten.
Da sprang Deika die Hexe von hinten an, doch diese wollte sich mit einem Zauberspruch zur Wehr setzen.
„Abra kadabra wie ein Mäuschen sollst du Fipsen und wie ein Mäuschen sollst du sein!“
Da riss Leopold seinen Heiligenschein von seinem Haupt und hielt diesen als Schild schützend vor sich und Deika.
Irgendwie hatte er Deika doch in sein kleines Engelsherz geschlossen und er wollte auf gar keinen Fall, dass Deika in eine Maus verwandelt wurde.
Der Zauberspruch prallte von seinem Heiligenschein ab und fuhr so auf die Hexe selbst nieder, die nun schrumpfte und die Gestalt einer Maus annahm und fiepste.
Doch Deika zögerte nicht lange, schnappte sich die Maus und brachte sie zu ihrer Katze Mogli, die das Haus schon lange nicht mehr verlassen hatte seit ihrem unfreiwilligen Ausflug, da ihr kein Rückweg gesichert war.
„Pssst!“, machte Deika!
„Psst, Mogli!“
Mogli sah sich vorsichtig um und konnte Deika natürlich nicht sehen.
Aber die Maus sah sie, die Deika ihr direkt vor ihre Nase hielt, und machte sich freudig über das Zwischenmahl her.
Deika blickte die Mäusehexe noch einmal ernst an und sagte: „Familienmitglieder werden nicht gefressen!“
Das hatte ihr Frauchen ihnen beigebracht und als sie bei Frauchen und Mogli eingezogen war, war das das Erste, was sie gelernt hat. Familienmitglieder werden nicht gefressen. Sei es ihre Katze Mogli oder ihre Vögel Bazi und Muckerl, die sie inzwischen hin und wieder auf ihrer Wolke im Hundeparadies besuchten.
Guter Dinge schlenderte Deika wieder zurück in den Märchenwald, wo Leopold die Kinder bereits aus ihrem Gefängnis befreit hatte.
„Wo ist die Hexe?“, fragte Gretel ängstlich.
„Entsorgt!“, sagte Deika.
Die Kinder setzten sich auf Deikas Rücken und Deika schwebte mit ihnen vom Märchenwald ins Paradies hinauf von Leopold gefolgt, wo sie die beiden als Erstes zum Himmelsrestaurant brachten, in dem Fred gerade beim Scampiessen verweilte.
Deika setzte sie zu ihm an den Tisch und prompt hatten sie auch schon den größten Eisbecher, den Deika je gesehen hatte vor sich stehen.
Ihr Herrchen hätte sich über einen solchen Becher bestimmt auch sehr gefreut, dachte sie noch bei sich, als Leopold ihr einen strafenden Blick zuwarf, denn ihr Herrchen kämpfte immer noch mit seiner Figur.
Ach wie gut, dass niemand weiß …
Deika trottete des Weges und dachte an nichts Böses.
Da sah sie auf einer Wolke drei ratlose Engel sitzen.
„Was hat euch denn das Gemüt verhagelt?“, wollte Deika wissen.
„Wir sind drei Schutzengel und wissen keinen Rat!“, erklärte ein Engel, der nachdenklich die Saiten seiner Harfe strich.
„Und wofür wisst ihr keinen Rat?“, fragte Deika weiter.
Da zog ein anderer Engel einen Nebelschleier, der wie ein Vorhang zwischen ihrer Wolke und dem Märchenwald hing, auf und sagte: „Da, sieh selbst!“
Da hörte Deika ein Mädchen aus einer Scheune nahe des Märchenwaldes gar bitterlich weinen und schlich sich vorsichtig an.
Sie sah ein junges Mädchen in prachtvollem Gewand. Es weinte so sehr, dass sich zu ihren Füßen ein kleines Pfützlein gebildet hatte.
Deika setzte sich neben das Mädchen und sah sie unschuldig an.
„Warum weinst du denn so sehr?“
„Alles ist so schrecklich!“, antwortete diese.
„Was kann ich für dich tun?“, fragte Deika.
„Mir kann niemand helfen!“, weinte das Mädchen.
„Aber was ist denn passiert?“, fragte Deika hartnäckig weiter.
„Da war ein kleines Männlein!“, begann das Mädchen zu erzählen.
„Der König hat verlangt, sein Stroh zu Gold zu verspinnen und da ich das nicht kann, hat ein kleines Männlein das für mich getan.
Ich habe ihm alles gegeben, was ich besessen habe und als ich nichts mehr hatte, habe ich ihm mein erst geborenes Kind versprochen, um zu überleben. Und morgen wird er kommen und mein Kind hinfort holen.“
„Das ist ja furchtbar!“, entkam es Deika.
„Eine Chance hat es mir gegeben!“, sagte das Mädchen.
„Ich muss seinen Namen erraten!“
„Das kann ja nicht so schwer sein!“, sagte Deika.
„Doch!“, antwortete das Mädchen.
„Ich habe schon ein ganzes Namensbuch durchprobiert und keiner ist es.“
„Hast du es schon mit Beethoven, Bello, Einstein, Rambo, Rex probiert?“, fragte Deika.
„Nein! Das ist eine Idee.“
„Vielleicht hat er ja einen Hundenamen.“
Das Mädchen notierte sich all die Namen, die Deika ihr aus der Hundearmee nannte und Deika versprach, am nächsten Tag wieder zu kommen, um ihr zu helfen.
So schwebte sie zurück in das Hundeparadies und holte sich ein Leckerchen von einem Baum.
Kurz darauf traf sie auf die drei Schutzengel des Mädchens, die noch viel ratloser aus ihren Engelshemden blickten, als zuvor.
„Sie hat nur drei Tage Zeit!“, sagte der Harfenengel nachdenklich.
„Und ein Tag ist schon vorüber!“, sagte der Engel, der Deika den Weg zu dem weinenden Mädchen gezeigt hatte.
„Und wenn es keiner der Hundenamen ist, dann bleibt ihr nur noch ein Tag!“, erklärte der dritte Engel mit gesengtem Haupt.
Deika spazierte zum Himmelsrestaurant, in welchem Fred schon wieder mit einer großen Portion Scampi beschäftigt war.
„Fang!“, rief er Deika zur Begrüßung zu und warf ihr einen Scampi zu, das Deika freudig mit ihrer Hundeschnauze schnappte.
„Ich brauche Namen!“, sagte Deika.
„Theo, Ludwig, Leopold, …“, begann Fred.
„Tiernamen!“, ergänzte Deika.
„Deika, Rex, Bazi, Lumpi!“, sagte Fred.
“Hab ich schon!”, sagte Deika.
„Andere Tiere!“
Fred grinste und begann eine neue Aufzählung: „Scampi-Joe, Miesmuschel-Schorsch, …“
„Noch anders?“
„Ein Strohhalm namens Jonathan, der kleine Tanzbär, eine Stute namens Charly …“ Zählte Fred weiter auf.
Sogar Leopold suchte Deika auf seiner Wolke auf, der mit was beschäftigt war?
Richtig!
Er polierte seinen Heiligenschein.
Doch auch Leopold hatte nichts zu bieten, was noch nicht geboten war.
Am nächsten Tag schlich Deika wieder an den Rand des Märchenwaldes, wo das Mädchen auf das kleine Männchen wartete und Deika versteckte sich nicht weit von ihr im Stroh.
Und damit das Mädchen wusste, dass sie bei ihr war, pupste sie in ihre Richtung und das Mädchen lächelte wie ihr Frauchen, wenn es ihren Hundepups erschnüffelte.
Es dauerte nicht lange, da erschien das Männchen. Und es sah ganz anders aus, als Deika es sich vorgestellt hatte.
Deika hatte es sich vorgestellt wie einen der sieben Zipfelmänner, für die sie den Abwasch übernommen hatte, doch dieses Männchen war zwar ähnlich in der Größe, sah aber lange nicht so freundlich aus.
Es hatte eine krumme Nase und einen mittelalterlichen Hut auf dem Kopf mit einer rechteckigen silbernen Spange vorne drauf.
Es trug einen grünen Gehrock und wadenlange geraffte braune Hosen und auf den Schuhen hatte es ebenso eine Spange wie auf dem Hut.
Unter der langen Nase trug es ein kleines Zickenbärtlein und hatte einen Wanderstock dabei.
„Ich weiß deinen Namen!“, rief das Mädchen dem Männchen schon entgegen.
Das Männchen im grünen Gehrock grinste und sagte: „Dann lass mal hören!“
Das Mädchen zählte nun alle Hundenamen auf, die Deika ihr genannt hatte, doch immer nur verneinte das Männchen.
Freudig hüpfte er davon und rief: „Nur noch ein Tag!“
Sofort heftete Deika sich in sicherem Abstand an seine Fersen, bis sie das Männchen nicht weit von den sieben Bergen bei den sieben Zwergen in eine Hütte gehen sah.
Das wäre die Gelegenheit gewesen, den freundlichen Zipfelmännern einmal wieder einen Besuch abzustatten und sich um ihren doch so schmackhaften Abwasch zu kümmern.
Doch Deika besann sich darauf, warum sie hier war und legte sich auf die Lauer.
Sie quetschte sich unter eine Tanne und beäugte das Haus.
Als sie von innen ein Licht aufleuchten sah, schlich sie sich heran, spähte durch das Fenster und stellte eines ihrer Schlappohren auf, um genau zu hören, was im Inneren des Hauses vor sich ging.
Das Männchen tanzte um die Feuerstelle herum und sang dazu.
„Ach wie gut, dass niemand weiß …“
„Ach wie gut, dass niemand weiß …“
Deika drückte ihr Ohr noch fester an das Fenster.
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich …“
In diesem Moment sprang eine Katze vom Dach und warf einen Blumentopf um.
Deika lief zu ihrem Baumversteck und verkroch sich dort.
Es dauerte nicht lange, da kam das Männchen auch schon zur Haustüre heraus und sah sich um.
Da erblickte es die hungrige Katze, die um ihr Abendessen bettelte.
„Ach, du bist es!“, sagte das Männchen und ließ die Katze hinein.
Erneut schlich Deika sich an und sah, wie das Männchen erneut begann, um die Feuerstelle zu tanzen, was sie beinahe an einen Schuhplattler erinnerte, der auf dem Lande, wo sie zu Hause war, doch immer wieder irgendwo zu bestaunen war.
Aber das war wohl nicht die Absicht dieses Männleins einen Schuhplattler aufzuführen, es führte wohl einen etwas verfrühten, siegessicheren Freudentanz ganz für sich alleine auf.
Fest presste Deika nun wieder ihr Ohr an das Fenster, als dieses sich plötzlich leicht öffnete, da es nur angelehnt war und die Katze wieder nach draußen spazierte und da hörte Deika es ganz deutlich.
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“
Sofort huschte Deika zurück auf ihre Wolke, von der aus sie ihr Frauchen auf der Erde und gleichzeitig das Mädchen nahe dem Märchenwald bewachte.
Das Plätschern bei der Wohnungstyrannin musste an diesem Abend Bazi übernehmen und Fred begleitete ihn mit einer Gießkanne.
Deika war am nächsten Morgen, als die Sonne sowohl über der Erde als auch über dem Märchenwald empor stieg schon früh aktiv.
Sie lief zum Tor der Hölle und klopfte vorsichtig.
Sofort hörte sie den Höllenhund wild und aggressiv bellen.
„He, immer mit der Ruhe!“, rief Deika mit schlottrigen Knien.
„Was willst du, wenn du nicht zur Hölle fahren willst?“, knurrte der Höllenhund heraus.
„Heute gibt es Arbeit für deinen Chef!“, rief Deika zitternd.
„Wo?“, knurrte der Hund des Höllenchefs.
„Nahe dem Märchenwald werde ich ein Männlein zu euch jagen!“
„Er wird da sein!“, bestätigte der Hund aus der Hölle.
Deika trat ganz schnell den Rückweg an, und als sie sich umdrehte, schob der Himmelschef gerade den Vorhang beiseite und schüttelte den Kopf.
Deika tat, als hätte sie ihn nicht gesehen und trottete zu dem Mädchen nahe des Märchenwaldes.
„Wenn er nachher kommt,“ sagte Deika „probier es mal mit Rumpelstilzchen!“
„Rumpelstilzchen?“, fragte das Mädchen.
„Rumpelstilzchen!“, bestätigte Deika und erzählte, was sie am Abend zuvor beobachtet hatte.
Wie auch am Vortag versteckte Deika sich im Stroh und beobachtete das Geschehen.
„Hast du meinen Namen erraten?“, fragte das Männlein.
„Ach wie gut, dass heute jeder weiß, …“, begann das Mädchen.
„Ach wie gut, dass heute wirklich jeder weiß, dass du Rumpelstilzchen heißt!“
Dem Rumpelstilzchen fiel die Kinnlade so weit hinab, dass sie auf dem Boden abprallte, als Deika aus ihrem Versteck gekrochen kam.
„Hallo Rumpelstilzchen!“, rief sie.
„Hallo Rumpelstilzchen!“, sangen die drei Schutzengel zur Harfe, die sich gerade herab bemühten, um Deikas Erfolg zu unterstreichen.
„Hallo Rumpelstilzchen!“, rief ein vorbeilaufendes Reh.
„Hallo Rumpelstilzchen!“, rief eine Schar Tiere aus dem Wald, die allesamt herbei gelaufen kamen.
Da bildete sich ein kleines schwarzes Wölkchen über dem Kopf des kleinen Männleins und es stapfte mit seinem Fuß so fest auf, dass es im Boden stecken blieb.
„Hab ihn!“, rief der Chef der Hölle und unter dem Männlein tat sich der Boden auf und der Höllenchef nahm ihn in Empfang.
„Auf dich hab ich schon lang gewartet!“
Die Erde schloss sich und hatte das Männlein in den Flammen der Hölle verschluckt.
Das Mädchen war glücklich darüber, ihr Kind behalten zu dürfen und wollte Deika einen Wunsch erfüllen. Doch diese druckste nur ein wenig herum.
„Na sag schon, was wünscht du dir?“
„Es ist bald Weihnachten!“, sagte Deika.
„Und außer mit dem Wohlduft meines Gedärms konnte ich meine Menschen früher nie beglücken.“
„Na sag schon, was wünscht du dir?“
„Eine gebratene Ente mit Knödel und Blaukraut für mein Frauchen und mein Herrchen und eine Maus für Mogli!“, rückte sie nun peinlich berührt mit der Sprache heraus.
„So soll es geschehen!“, sagte das Mädchen und streichelte Deika den pelzigen Kopf.
Der Springbrunnen
Nachdem Deika so sehr beschäftigt war, dass sie sich nicht persönlich um das Plätschern am Fenster der Wohnungstyrannin kümmern konnte, hatten Fred und Bazi ihr diese Aufgabe abgenommen.
Deika suchte die beiden und fand sie auf Freds Wolke, als sie gerade Sitz und Platz spielten und Fred Bazi immer mit einem Hundeleckerchen lockte.
„Danke für eure Plätscherhilfe!“, sagte Deika und Fred warf auch ihr ein Hundeleckerchen zu.
„Aber gerne geschehen!“, sagte Fred.
„Hat echt Spaß gemacht!“, sagte Bazi.
„Bist du heute Abend wieder dabei?“, fragte Fred.
„Ihr wollt weiter machen?“
„Na klar!“
„Das macht viel zu viel Spaß, als dass wir wieder damit aufhören könnten und außerdem müssen wir ihr es doch heimzahlen für dein Frauchen, meine Tochter!“, sagte Fred.
„Na, worauf warten wir dann noch?“, fragte Deika und sprang als Erste auf die Himmelsrutsche, auf der sie in Lichtgeschwindigkeit die Erde erreichte.
Fred nahm Bazi unter den Arm und schwang sich in sein Himmelscabrio, in dem er Deika sofort folgte.
Als Deika die Nervenanstalt erreichte, in der die Wohnungstyrannin nun lebte, wurde gerade der neu angelegte Garten geschmückt, um diesen mit seinen Bewohnern zu eröffnen und grinsend stellte Deika fest, dass dieser als Mittelpunkt einen Springbrunnen erhielt.
„Na da können wir ja bald auch einmal Urlaub machen!“, sagte Deika zu Fred, als er sein Himmelscabrio direkt neben dem Springbrunnen parkte.
Fred setzte sich auf eine nahe gelegene Parkbank und Bazi und Deika legten sich brav davor und beobachteten das Geschehen.
Da wurden auch schon die Bewohner der Klinik hinausgeführt und die Wohnungstyrannin hatte sogar einen eigenen Betreuer dabei.
Sie hatten sie wieder in so eine Hab-Dich-Lieb-Jacke gesteckt, in der es ihr die Arme hinter dem Rücken verschränkte.
Die Bewohner der Klinik stimmten ein Lied an, doch die Tyrannin blickte nur finster drein.
„Und nun zum Höhepunkt!“, verkündete der Anstaltsleiter und zog an dem Tuch, mit dem der Brunnen verhüllt wurde.
Im selben Moment wurde der Brunnen in Betrieb genommen und plätscherte in seiner vollen Pracht.
Da fiel der Tyrannin die Kinnlade aus dem Gesicht und betrachtete den Brunnen erst sprachlos, bis sie schrie: „Brunnen! Immer diese Brunnen! Dieses Plätschern macht mich krank! Immer dieses Plätschern!“
Und sie entriss sich in ihrer Hab-Dich-Lieb-Jacke den Betreuern und sprang mit einem Satz in den Brunnen.
Der Betreuer hatte Angst, sie würde sich ertränken, und angelte nach ihr, doch da kam sie emporgeschossen und schrie: „Hier drinnen plätschert es auch! Ich will ohne Plätschern sterben!“
Da ergriffen sie die Pfleger und zerrten sie zurück in ihre Zelle, aus der sie sie nun nie mehr herausließen.
Doch ihre Zelle mit den weichen Wänden hatte das Fenster zum Hof mit Blick und Gehör auf den Brunnen. Ob sie wollte oder nicht.
„Da ist unsere Arbeit wohl nicht mehr gefragt!“, sagte Deika.
Und wenn Deikas Frauchen am Abend fest ihre Ohren spitzte, wenn die Stadt zur Ruhe kam und ihre Einwohner in ihre Betten stiegen, dann konnte sie die Schreie aus der Klinik hören: „Plätschern, plätschern! Immer dieses Plätschern! Aaarghhhh!“
Die goldene Kugel
Deika sprang gut gelaunt von Wolke zu Wolke, wo sie weich landete, wie damals, als sie in das Bett ihres Frauchens gesprungen ist, was sie leidenschaftlich gerne getan hatte.
Mit ihrem Frauchen zu kuscheln, das war das höchste auf Erden, und wenn sie dazu in ihr weiches Menschenkörbchen durfte, dann war das das höchste aller Gefühle.
Da ließ es sich auch schon einmal krank sein, wenn sie sich im Menschenkörbchen genesen durfte, wo ihr Frauchen über sie wachte.
Mit jeder Landung in den Wolkenbetten dachte sie sehnsüchtig daran zurück und machte einen großen Sprung, bis sie in den Kissen von Frau Holle landete, die sich gerade ein wenig ausruhte.
„Warum machst du denn Pause?“, fragte Deika.
„Ich bin so müde!“
„Aber sieh doch nach unten auf die Erde! Es ist bald Weihnachten und es liegt kein Schnee! Sieh doch all die Kinder und Hunde, die sich nach dem kalten weißen Spielzeug sehnen! Es steht nicht ein einziger Schneemann!“, sagte Deika traurig.
„Ich weiß!“, antwortete Frau Holle und hielt sich das Kreuz.
„Aber ich habe einen Hexenschuss! Das macht es so beschwerlich.“
„Darf ich?“, fragte Deika hoffnungsvoll.
„Wenn du das tätest?“
„Darf ich danach mit den Sternen am Himmel spielen?“
Frau Holle schmunzelte und stimmte zu.
„Jippiiiiii!“, rief Deika und stürzte sich in Frau Holles Kissen, dass die Federn nur so herausflogen.
Deika biss in ein Kissen und beutelte es so fest herum, dass auf der Erde innerhalb einer Stunde zehn Zentimeter Schnee lag.
Mit einem Kissen im Maul sprang sie auf die anderen Kissen und ließ die Federn nur so aufwirbelten.
Frau Holle konnte nicht anders als zu lachen und wünschte sich, auch dieses Mal mit Deika eine Kissenschlacht machen zu können, doch ihr Hexenschuss ließ es nicht zu. Sie konnte sich kaum bewegen vor Schmerz.
„Das hat Spaß gemacht!“, sagte Deika fröhlich.
„Ja, das hat wirklich Spaß gemacht!“, sagte Frau Holle lachend.
„Es ist eine Wonne, dir nur zuzusehen.“
Deika legte ihren Kopf schief und sah sie erwartungsvoll an.
„Lass dich nicht aufhalten!“
Deika reichte ihr die Pfote zum Abschied und leckte ihr dankbar durch das Gesicht.
„Na, na, na! Ist ja gut, Deika! Zieh weiter zu deinem Spiel mit den Sternen!“
Da machte Deika einen großen Satz und hops stand sie mitten auf der Milchstraße.
Sie wirbelte die Sterne fast ebenso in die Luft wie Frau Holles Kissen. Sie Warf die Sterne in die Luft, so wie ihr Frauchen ihr früher Bälle geworfen hatte und sprang ihnen nach und grub sie aus der Milchstraße wieder aus.
Da sah sie, wie ein großer goldener Ball den Himmel hinunterfiel und Deika hechtete ihm hinterher, um ihn aufzufangen.
Platsch machte es und die Kugel fiel ins Wasser.
Platsch machte es gleich wieder, denn Deika sprang ihr hinterher und tauchte die Kugel heraus.
Beim Auftauchen bemerkte sie, dass sie in einen Brunnen gesprungen war, um die Kugel wieder hinauf zu tauchen.
Deika hatte früher einmal im Garten einer Bekannten schon kräftig geübt zu tauchen.
Der Mann der Bekannten hatte Wurzeln hineingeworfen und Deika hatte diese eifrig wieder heraus getaucht.
Ihre Menschen haben kräftig gelacht und ihr Frauchen hatte viel Mühe, sie davon abzuhalten, denn die Wurzeln sollten warum auch immer in diesem Brunnenwasser liegen bleiben und jede, die sie eifrig heraufgebracht hatte, musste wieder erneut hineingeworfen werden.
Deika hatte nie verstanden, warum man etwas in ein Wasser wirft, wenn man es nicht wieder herausholen sollte. Schließlich war sie ein Jagdhund und ihrer Rasse lag es im Instinkt, dass ins Wasser Gefallenes herausgeholt werden musste und seinem Frauchen gebracht werden musste. Wenn es auch nur eine Wurzel war.
Als Deika wieder auftauchte, sah sie in das Gesicht eines wunderschönen Mädchens.
Es trug ein prachtvolles Gewand und eine kleine Krone auf dem Kopf.
Deika legte ihr die Kugel vor die Füße und schüttelte sich, dass das Mädchen an diesem Tage bestimmt keine Dusche mehr benötigte.
Das Mädchen lachte und bedankte sich bei Deika und in diesem Moment spürte sie einen leichten Klaps auf ihrem Hinterteil.
„He! Das ist mein Job!“, hörte Deika hinter sich.
Da drehte sie sich vorsichtig um und sah einen kleinen grünen Frosch hinter sich sitzen.
„Oh, entschuldige!“
„Jetzt hast du mir die Tour vermasselt!“, schimpfte der Frosch.
„Das wollte ich nicht! Ich wusste ja nicht!“
„Das ist schon in Ordnung!“, sagte das Mädchen.
„Gar nichts ist in Ordnung!“, schmollte der Frosch.
„Oh doch!“, sagte das Mädchen bestimmt.
„Aber du hast gesagt, wenn ich dir deine goldene Kugel aus dem Brunnen hole, dann darf ich mit dir von deinem Tellerchen essen und mit dir in deinem Bettchen schlafen!“
„Pech gehabt!“, sagte die kleine Prinzessin forsch.
„Dieses Recht geht nun über an diesen netten Hund. Schließlich hat er meine Kugel aus dem Brunnen getaucht.“
„Das ist aber gemein!“, bemerkte der Frosch.
„Das ist nur recht!“,sagte die Prinzessin.
Deika wusste überhaupt nicht, worum es eigentlich ging und drehte sich um, um sich unbemerkt aus dem Staub zu machen.
„Halt!“, rief das Mädchen.
Deika duckte sich und zog ihren Schwanz ein.
„Wie heißt du eigentlich?“, wollte das Mädchen wissen.
„Deika!“
„Deika.“, wiederholte das Mädchen.
„Gut Deika, dann kommst du nun mit in das Schloss meines Vaters. Du darfst mit uns essen und bekommst einen goldenen Hundenapf und du darfst mit mir in meinem Bettchen schlafen!
Du hast ein so wunderbares weiches Fell, das ist mir tausend Mal lieber, als ein glitschiger grüner Frosch!“
„Aber …“, erwiderte Deika,
Aber da hatte die Prinzessen sie bereits an ihrem Halsband gepackt und zog sie hinter sich her.
„Verräterin!“, schimpfte der Frosch ihr hinterher.
Als Deika das Schloss mit der Prinzessin erreichte, saß die Königsfamilie bereits beim Mahl. Sie setzte sich an den Tisch zu ihren Eltern und sagte zu Deika: „Platz!“
„Was ist das denn?“, fragte der König.
„Ein Hund!“, antwortete die Prinzessin.
„Das sehe ich, aber was macht er hier bei uns an der Tafel?“
„Mit uns essen!“
In diesem Moment sprang der Frosch, der ihnen mühsam gefolgt war auf das Fensterbrett, und quakte verzweifelt herein.
Der Vater sah vom Frosch zu Deika zur Prinzessin.
„Aber es muss ein Frosch sein!“, sagte er nervös.
Der Frosch sprang aufgeregt auf dem Fensterbrett umher.
„Jetzt ist es eben ein Hund!“, sagte die Prinzessin.
„Bist du denn auch ein verzauberter Prinz?“, flüsterte der König zu Deika hinab.
„Was? Ich? Prinz?“, fragte Deika verdutzt.
„Mein Name ist Deika und ich bin ein kleiner Münsterländer!“
„Deika ist allenfalls eine verzauberte Prinzessin, aber kein Prinz!“, sagte der König.
„Prinz? Prinzessin?“, fragte Deika immer noch verdutzt.
„Lass sofort den Frosch herein!“, befahl der König seiner Tochter.
„Pah!“, sagte diese und drehte sich um.
„Deika hat aber so schönes weiches Fell und mit ihr kann man viel besser spielen, als mit einem Frosch.“
Der Frosch glotzte zum Fenster hinein und spitzte seine Lippen zu einem Kussmund.
„Iiiih!“, sagte die Prinzessin und verzog angewidert ihr Gesicht.
„Ich geh dann mal!“, sagte Deika und schlich zur Tür.
„Den Hund will ich!“, sagte die Prinzessin forsch.
„Du nimmst den Frosch!“, befahl der König.
„Hund!“
„Frosch!“
„Hund!“
„Frosch!“
Deika robbte sich unbemerkt weiter zur Türe des großen Speisesaals und kam dabei an dem Fenster vorbei, an dem der Frosch immer noch seinen Kussmund gegen die Scheibe drückte.
So öffnete sie rasch das Fenster und der Frosch schoss wie eine Kanonenkugel auf die Prinzessin zu und wurde an den Lippen der Prinzessin gebremst.
Dieser entkam ein lautes: „Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiih!“
Und während sie angeekelt von ihrem Stuhl emporsprang, wurde aus dem Frosch ein wunderschöner Prinz.
„Na Gott sei Dank nimmt die Prophezeiung nun doch noch seinen richtigen Lauf!“, stöhnte der König erleichtert auf, während seiner Tochter die Kinnlade auf ihr goldenes Tellerchen fiel.
„Na das ist ja noch mal gut gegangen!“, sagte der zum Prinzen gewordene Frosch.
Er nahm die Prinzessin auf seine starken Arme und trug sie zu seinem weißen Schimmel, der die beiden in das ewige Glück zum Schloss des verwunschenen Prinzen trug.
Deika sah ihnen nach und schüttelte sich.
Da wäre sie beinahe gefangen gewesen bis an ihr Lebensende. Und dazu hätte sie ja überhaupt keine Zeit gehabt. Sie musste doch auf ihr Frauchen, ihr Herrchen und ihre Katze Mogli aufpassen. Und dafür gab es keinen besseren Platz als auf ihrer Wolke 7, die ihr vom Himmelschef zugeteilt war und zu der sie nun eilig zurückkehrte.
Der Weihnachtsmann
Während Deika sich auf ihrer Wolke von ihrem letzten Abenteuer erholte, hörte sie plötzlich lautes Hufgetrappel.
„Ho, ho, hoooo!“, hörte Deika eine Stimme dazu und plötzlich Bremsen quietschen.
Als Deika sich umsah, sah sie einen Schlitten mit sechs Rentieren neben ihrem Wolkenkörbchen zum Stehen kommen.
„Bist du Deika?“, fragte eine tiefe Stimme, die einem alten Mann in rotem Gewand mit langem weißen Bart und roter Mütze gehörte.
Deika rieb sich die Augen und fragte: „Bist du der Weihnachtsmann?“
„Wohl, der bin ich!“, antwortete dieser.
„Und ich brauche deine Hilfe!“
„Meine Hilfe?“, fragte Deika immer noch verwirrt.
„Ja, deine Hilfe!“, bestätigte der Weihnachtsmann.
„Aber wie kann ich dem Weihnachtsmann helfen?“
„Dein Frauchen hat mir in diesem Jahr keinen Wunsch geschickt. Und immer, wenn ich um ihr Haus schleiche, dann höre ich sie nur sagen, sie wünsche sich dich zu ihr zurück.“
„Bin schon zur Stelle! Fahren wir zu ihr? Darf ich wieder bei ihr leben?“, fragte Deika hoffnungsvoll.
„Das geht nicht!“, sagte der Weihnachtsmann traurig.
„Aber sie muss doch irgendeinen Wunsch haben!“
Deika überlegte, aber es fiel ihr auf die Schnelle auch nichts ein.
„Und dein Herrchen wünscht immer nur, er könne dich ihr zurückbringen!“
„Dann tun wir das doch!“
„Du bis im Hundeparadies!“, klärte der Weihnachtsmann Deika erneut auf.
„Aber es ist Weihnachten und es ist Zeit, deinen Menschen einen Wunsch zu erfüllen!“
„Wunsch erfüllen!“, wiederholte Deika nachdenklich.
„Na du bist mir ja eine schöne Hilfe!“, sagte der Weihnachtsmann und stieg aus seinem Schlitten und ging hinüber zu Deikas Wolke. Er setzte sich neben sie und drehte an einer Strähne seines Bartes.
Die beiden sahen sich an und dachten angestrengt nach.
„Ich habe es!“, rief Deika.
Der Weihnachtsmann sah sie hoffnungsvoll an.
„Ich habe noch das Versprechen von dem Mädchen nahe des Märchenwaldes und diese hat mir ein vorzügliches Mahl mit Frauchens Lieblingsspeisen versprochen. Ich denke, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt.
Gib du mir einen Tisch dazu, der sich immer mit ihren Lieblingsspeisen deckt, sobald sie ein Tischtuch darauf ausbreitet, damit sie niemals Hunger leiden müssen. Und für Mogli einen Katzennapf, der sich immer wieder ganz von selbst füllt, und lass mein Frauchen mich hören, damit es meine Geschichten aufschreiben kann, damit die Menschen erfahren, dass es uns gut geht, wenn wir nicht mehr bei ihnen sein können.“
„Das ist ein wahres Weihnachtsgeschenk!“, sagte der Weihnachtsmann anerkennend.
„So soll es geschehen!“
Er strich Deika über ihren haarigen Kopf und stieg in seinen Schlitten, um die letzten Vorbereitungen für das Fest zu treffen und war von seinen Rentieren gezogen genau so schnell verschwunden, wie er gekommen war.
Deika legte sich nun auf den Rücken und streckte alle viere von sich und wartete.
Sie drehte sich zur Seite und wartete.
Da flog der Engel Leopold auf ihre Wolke zu.
„Ist es schon Weihnachten?“, fragte Deika.
Leopold sah sie verwundert an und verneinte.
Er nahm auf dem Rand von Deikas Wolke platz, nahm seinen Heiligenschein herab und betrachtete diesen kritisch.
„Ist es schon Weihnachten?“, fragte Deika wieder.
„Nein!“, antwortete Leopold und hauchte seinen Heiligenschein an.
„Ist es schon Weihnachten?“, fragte Deika schon wieder.
„Nein!“, rief Leopold und begann seinen Heiligenschein mit dem Ärmel seines weißen langen Hemdes zu polieren.
„Ist es schon Weihnachten?“, wollte Deika erneut wissen.
„Was machst du heute eigentlich?“, wollte Leopold wissen.
„Ich warte auf Weihnachten!“
„Das merke ich!“
„Ist es schon Weihnachten?“, fragte Deika wieder.
„Nein!“, rief Leopold, klemmte seinen Heiligenschein unter seinen Arm und schwirrte davon, um sich eine ruhigere Wolke zum Polieren seines Heiligenscheines zu suchen.
Da kamen Biene Maja, Willi und Flip an Deikas Wolke vorbei, um sie zu ihrem neu entdeckten Spiel Ich krieg dich zu holen.
„Ist es schon Weihnachten?“, fragte Deika das Trio.
„Nein!“, antworteten diese im Chor und sahen Deika verwirrt an.
„Ist es jetzt schon Weihnachten?“, fragte diese erneut.
„Nein, aber wir wollen Ich krieg dich spielen! Hast du Lust, mit uns zu spielen?“
„Nein!“, antwortet Deika.
„Ich warte auf Weihnachten!“
„Dann vertreibe dir doch die Zeit bis dorthin mit uns!“
„Und wenn ich es verpasse?“
Und während die Drei überlegten, fragte Deika schon wieder: „Ist es schon Weihnachten?“
„Nein!“, rief Maja und schwirrte davon.
„Maja!“, rief Willi und flatterte ihr hinterher.
„Halt! Wartet auf mich!“, rief Flip, zog seinen Zylinder zum Gruß und hüpfte hinterher.
„Ist es schon Weihnachten?“, rief Deika ihnen hinterher und Flip verneinte abermals im Sprung.
Maja bremste an der Wolke ab, an der Leopold seinen Heiligenschein lupenrein polierte, und ließ sich direkt auf dem glänzenden Ring nieder.
„He!“, rief Leopold empört.
„Jetzt habe ich deine Fußabdrücke darauf! Jetzt muss ich noch einmal von vorne anfangen!“
Er wedelte mit seinem Heiligenschein so fest herum, dass Maja herunter purzelte und neben ihm auf seiner Wolke landete.
„Guten Abend!“, sagte Flip, der inzwischen mit Willi eingetroffen war, und zog höflich seinen Zylinder zum Gruß.
„Was ist eigentlich mit Deika los?“, fragte er.
„Sie wartet auf Weihnachten!“, sagte Leopold leicht genervt.
„Und warum?“, wollte Willi wissen.
„Weiß nicht!“, sagte Leopold und zuckte mit den Schultern.
„Ist es schon Weihnachten?“, rief Deika von ihrer Wolke aus hinüber.
„Nein!“, riefen die Drei genervt zurück und zogen eine Wolke weiter.
Nach einer Weile kam Fred mit seinem Himmelscabrio an Deikas Wolke vorbei, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
„Ist es schon Weihnachten?“, fragte Deika auch Fred.
Auch dieser verneinte und ließ sich auf Deikas Wolke nieder.
Gerade, als er ansetzte und von seinen regelmäßigen Treffen mit Hänsel und Gretel im Himmelsrestaurant zu berichten fragte Deika: „Ist es schon Weihnachten?“
„Nein!“, sagte Fred verärgert.
„Was willst du denn mit Weihnachten?“
„Freude machen!“, sagte Deika.
„Freude machen?“, fragte Fred nach.
„Ja, Frauchen, Herrchen und Mogli eine Weihnachtsfreude machen zusammen mit dem Weihnachtsmann.“
„Aber den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht.“, sagte Fred.
„Das ist doch ein Kindermärchen!“
„Doch, es gibt ihn!“, entgegnete Deika bestimmt.
„Nein!“
„Doch! Ist es schon Weihnachten?“
„Nein!“, rief Fred verärgert und brauste in seinem Himmelscabrio davon und um ein Haar wäre er mit dem Schlitten des Weihnachtsmannes zusammengestoßen, der wieder unterwegs zu Deika war, denn Weihnachten nahte immer mehr und mehr.
Fred fiel die Kinnlade herunter und wich im letzten Augenblick noch aus.
Es war ein Anblick, wie ihn sich die Kinder auf der Erde vorstellten. Sechs Rentiere vor den Schlitten gespannt, roter Mantel, weißer Bart und rote Mütze und sein Schlitten war voll beladen mit Geschenken und hoch oben darauf thronte ein Tisch und er machte an Deikas Wolke solch eine Vollbremsung, dass ihm eines der Pakete ins Genick rutschte.
Deika sprang auf und fragte: „Ist es schon Weihnachten?“
„Ja!“, rief der Weihnachtsmann lachend.
„Komm zu mir in den Schlitten!“
Deika sprang auf und rief freudig: „Jippiii! Frauchen, Herrchen und Mogli Geschenke bringen!“
Da öffnete sich das Himmelstor das helle Himmelslicht fiel auf Deika, den Weihnachtsmann und dessen Schlitten und der Himmelschef trat lächelnd hervor.
„Jetzt ist Weihnachten!“, sagte Deika stolz.
Da lachte der Chef des Himmels und antwortete: „Ja, jetzt ist Weihnachten! Und vielleicht darf dein Frauchen dich heute auch noch sehen.“
„Jippie!“, rief Deika und war mit einem Satz im Schlitten des Weihnachtsmannes.
„Halt!“, rief der Engel Leopold, der Deika gerade noch eingeholt hatte.
„Hier!“, sagte er und hielt Deika seinen Heiligenschein entgegen.
„Wenn du dem Weihnachtsmann helfen darfst, dann sollst du den als Talisman dabeihaben.“
Deika nahm ihn und platzierte den Heiligenschein über ihrem Haupt.
„Aber nicht schmutzig machen!“, sagte Leopold mahnend.
„Ich pass drauf auf!“, sagte Deika.
„Danke!“
Plötzlich erschien am Himmelszelt ein neuer Lichtstrahl und der Weihnachtsmann rief: „Jetzt müssen wir los! Sieh nur, der Weihnachtsstern ist schon da. Los geht es!“
Und mit einem „Ho, ho, hooo …“ sauste Deika zusammen mit dem Weihnachtsmann in seinem Schlitten in Richtung Erde zu den Menschen. Und wenn sie noch einmal zurückgeblickt hätte, dann hätte sie gesehen, wie ihr Fressherrchen Fred ihr mit hängender Kinnlade hinterher blickte.
Als sie am Haus ihres Frauchens angekommen waren, parkte der Weihnachtsmann seinen Schlitten hinter einer hohen Tanne und packte den Tisch für Deikas Frauchen, die Maus und den sich immer wieder füllenden Fressnapf für Mogli in den Sack und stieg aus dem Schlitten.
„Komm und setze dich auf meinen Sack!“, sagte der Weihnachtsmann.
„Wir wollen es doch stilecht machen!“
Mit einem Satz saß Deika auf dem Sack des Weihnachtsmannes, den er sich über die Schulter geworfen hatte und stieg auf das Dach zum Schornstein.
Schwups fand Deika sich im Schornstein wieder und sie plumpsten unsanft in den Kamin, dessen Feuer schon eine Weile erloschen war, sodass die Asche nur so aufgewirbelt wurde.
Der Weihnachtsmann hustete und sagte lachend: „Wir hätten deinem Frauchen besser einen Staubwedel bringen sollen!“
„Besser eine Putzfrau!“, sagte Deika.
„Dann kann sie nämlich schreiben, was ich im Hundeparadies alles erlebe!“
„Ich werde es mir für das nächste Jahr notieren!“, sagte der Weihnachtsmann.
„Aber so lange muss sie wohl noch selber putzen!“
„Na gut!“, sagte Deika und schüttelte die Asche aus ihrem Fell.
Als sie bemerkte, wie viel Schmutz aus ihrem Fell heraus fiel, warf sie einen verstohlenen Blick zu Leopolds Heiligenschein.
„Ups!“, sagte sie.
Der Weihnachtsmann lachte und sagte: „Dann hat er wenigstens eine Weile Beschäftigung. Ich werde ihn wohl auf dem Rückweg auch mit einem Päckchen beglücken müssen.“
„Ja?“, fragte Deika.
„Ja!“, bestätigte der Weihnachtsmann.
„Er bekommt Politur für ein ganzes Jahr!“, fügte er hinzu und die beiden lachten.
„Jetzt aber an die Arbeit!“, forderte der Weihnachtsmann Deika auf und öffnete seinen großen Sack.
Als Erstes holte er den sich immer wieder füllenden Napf für Deikas Katze Mogli hervor und legte eine Maus hinein.
In diesem Moment öffnete sich die Türe zum Wohnzimmer quietschend und Mogli stand mit großen Augen vor dem Weihnachtsmann und blickte auf den Katzennapf.
„Jetzt noch nicht!“, sagte der Weihnachtsmann und Mogli machte sich ängstlich aus dem Staub und verkroch sich im Bett ihrer Menschen bis unter das Bettlaken.
Dann stellte er das Tischlein deck Dich auf und Deika breitete die Tischdecke darüber aus und der Tisch deckte sich von selbst und darauf war eine duftende Ente und Knödel und Blaukraut und ein schmackhafter Wein auf goldenen Tellern mit goldenem Besteck.
Der Weihnachtsmann nahm einen Kerzenleuchter und zündete die Kerzen an und stellte ihn in die Mitte des Tisches.
„Ich muss jetzt weiter!“, sagte der Weihnachtsmann zu Deika.
„Ich muss noch viele Kinder beschenken, aber ich hole dich auf dem Rückweg ab.“
Deika warf ihm einen dankbaren Blick zu und reichte ihm zum Abschied die Pfote.
Kaum war der Weihnachtsmann hustend durch den Kamin zurück auf das Dach gestiegen, öffnete sich die Haustüre und Deikas Menschen kamen nach Hause.
„Mogli!“, hörte Deika ihr Frauchen rufen.
Doch Mogli lag noch zitternd unter dem Bettlaken ihrer Menschen. So machten diese sich auf die Suche nach ihr, bis sie sie gefunden hatten.
„Jetzt habe ich aber Hunger!“, sagte Deikas Herrchen und sie öffneten die Türe zu ihrem Wohnzimmer.
Sie trauten ihren Augen nicht und Mogli kam vorsichtig hinterhergeschlichen.
„Wann hast du das denn alles gemacht?“, fragte Deikas Frauchen.
„Ich?“, fragte Deikas Herrchen verwirrt.
Aber noch, bevor er noch etwas sagen konnte, umarmte und küsste sie ihn.
Sie nahmen Platz und hoben ihre Gläser.
„Fröhliche Weihnachten!“, sagten sie beide wie aus einem Munde, und als Deikas Frauchen einen Blick in die Richtung des Weihnachtsbaumes warf, da sah sie ihren geliebten Hund in Engelsgestalt mit ihrem leicht eingeäscherten Heiligenschein.
„Deika!“, fief sie und lief auf sie zu.
Deika sang ein Freudenständchen in den falschen Tönen, in denen sie sich schon zu Lebzeiten lauthals gefreut hatte, auch, wenn ihr Frauchen nur den Müll hinuntergebracht hatte. Und sie tretelte ungeduldig mit ihren Vorderpfoten und schwebte eilig auf ihr Frauchen zu und schleckte ihr das ganze Gesicht ab.
Ihr Frauchen umarmte sie, küsste sie, streichelte sie.
„Wie sehr ich dich vermisse!“
Doch Deika hörte nicht auf, ihr das Gesicht zu lecken und wuffelte: „Ich bin doch immer bei dir!“
Sie verbrachten einen glücklichen Abend zusammen, und als es Mitternacht wurde, fuhr der Schlitten des Weihnachtsmannes vor dem Fenster vor und rief nach Deika.
Ihr Frauchen liebkoste sie noch einmal ausgiebig zum Abschied und Deika schmiegte sich noch einmal ganz fest an sie und ließ ihre Zunge durch das Gesicht ihres Frauchens wandern.
„Wir müssen los!“, rief der Weihnachtsmann.
Deika sprang gehorsam durch das Fenster hinaus zu ihm und setzte sich neben ihn in seinen Schlitten.
Deikas Frauchen öffnete das Fenster und rief: „Danke! Das war mein schönstes Weihnachtsfest!“
„So soll es sein!“, rief ihr der Weihnachtsmann zu und fuhr mit seinem Schlitten und einem weiteren „Ho, ho, ho …“ davon.
„Wa…, wa…, was war denn das?“, fragte Deikas Herrchen verwirrt.
„Der Weihnachtsmann!“, sagte Deikas Frauchen und legte ihren Arm um ihn und sie sahen dem Schlitten des Weihnachtsmannes nach, der in den Weiten des Himmels verschwand.
Viele bunte Bälle
Als der Weihnachtsmann Deika zu ihrer Wolke zurück gebracht hatte, fand sie Fred immer noch neben ihrer Wolke in seinem Himmelscabrio mit hängender Kinnlade vor.
„Wa…, wa… was war denn das?“
„Der Weihnachtsmann!“, antwortete Deika und nahm Leopolds Heiligenschein ab, den sie sich sorgenvoll betrachtete, da er von dem Plumps in den Kamin immer noch vollkommen verrußt war.
Da kam Leopold schon angeflattert. Er schleppte ein Paket mit sich, das fast größer war, wie er selbst und er musste aufpassen, dass er nicht abstürzte.
„Schau mal da! Das hat der Weihnachstmann mir zugeworfen! Was da wohl drin sein mag?“
„Politur!“, sagte Deika mit hängendem Kopf und hielt ihm den stark verschmutzten Heiligenschein entgegen.
„Was ist denn das?“, fragte Leopold entrüstet.
„Wie ist denn das passiert?“, fragte er verzweifelt und Deika erzählte von dem unsanften Plumps durch den Kamin auf dem Sack des Weihnachtsmannes.
„Tschuldigung!“, sagte Deika.
Doch Leopold hörte ihr gar nicht zu. Er nahm ihr den rußigen Heiligenschein ab und ließ sich auf ihrer Wolke nieder.
Er pustete die Asche von seinem geliebten Schein ab, sodass er sich ganz und gar über Deikas Wolke niederließ und öffnete die Schleife des großen Paketes und es purzelten unzählige Heiligenscheinpoliturfläschchen der besten Sorte heraus. Es waren so viele, dass sie beinahe über den Rand von Deikas Wolke heruntergepurzelt wären und Deika vollkommen bedeckten.
Sie strampelte sich frei und setze sich oben auf den Berg der Politurfläschchen, die wohl für die ganze Ewigkeit und eine ganze Engelsarmee gereicht hätten, aber Deika war sich sicher, dass Leopold diese bis zum nächsten Weihnachtsfest bestimmt vollkommen aufgebraucht hatte.
Leopold war so entzückt von diesem einmaligen Weihnachtsgeschenk, dass er Deika gar nicht mehr böse sein konnte, und machte sich sofort an einen Heiligenscheingroßputz, der sich bis zum Jahreswechsel hinzog.
Er machte sich nun endlich auf den Weg, seine unzähligen Politurfläschchen auf seine eigene Wolke zu verfrachten und Fred erklärte sich als Transporteur mit seinem Himmelscabrio bereit, ihm ein wenig zur Hand zu gehen, damit Deika sich endlich wieder bequem auf ihrer Wolke ausruhen konnte.
Zu guter Letzt fegte Leopold sogar die Asche von Deikas Wolke, die er von seinem Heiligenschein herunter geblasen hatte und Deika musste aufpassen, dass er sie vor lauter Eifer nicht mit hinunter fegte.
Deika lief das Wasser im Munde zusammen, als eine gebratene Taube ihren Weg kreuzte und sie sabberte vor lauter Vorfreude auf ihre Wolke.
„Autsch!“, hörte sie eine Stimme.
„Jetzt bin ich an dieser blöden Hundespucke festgeklebt!“
Da sah sie, plötzlich einen kleinen Wicht, der wie wild an seinem Fuß zerrte, um sich zu entkleben.
Er trug eine knallrote Hose und ein blaues Hemdchen und sein struppiges Haar war feuerrot.
„Wer bist denn du?“, fragte Deika schmatzend, der die gebratene Taube inzwischen direkt in ihr Maul hineingeflogen war.
„Ich bin der Pumuckl!“, sagte der kleine Wicht.
„Der Pumuckl?“, fragte Deika.
„Jawohl!“, antwortete Pumuckl.
„Pumuckl neckt, Pumuckl versteckt und niemand was meckt!“, rief er begeistert.
„Aber jetzt mach mich endlich von deinem Gesabbere los!“
Deika stupste ihn vorsichtig mit ihrer Nase an und da saß der Pumuckl auch schon darauf und ließ seine Füße herunterbaumeln.
„Und was machst du hier?“, fragte Deika.
„Ich suche meinen Meister Eder!“
„Meister Eder?“
„Ja, meinen Meister Eder! Er ist eines Tages einfach aus seinem Körper hinaus und hier herauf geschwebt. Und ich habe gehört, es gibt hier oben ein Klabauterschiff und damit muss ich über die sieben Meere fahren und dann finde ich hoffentlich meinen Meister Eder wieder!“
Deika hörte dem kleinen rothaarigen Wicht aufmerksam zu.
„Aber jetzt muss ich bei dir bleiben, weil ich bei dir festgeklebt bin und du mich sehen kannst!“
Da entdeckte Deika ein kleines Fläschchen zwischen den weichen Wolkenkissen und stupste es vorsichtig an.
Doch plötzlich sprang der Deckel herunter und ein mächtiger Flaschengeist kam herauf und warf Deika und ihr Körbchen mitsamt dem Kobold in einen großen Schatten.
Ängstlich rollte Deika sich ein und vergrub ihre Nase in ihrer Wolke.
„Wehrte Deika, stets zur Stelle. Drei Wünsche darf ich dir erfüllen, die du hier im Reich des Himmels frei hast!“
Vorsichtig stellte Deika ein Ohr auf und drehte ein Auge in die Richtung des Flaschengeistes.
„Wie kommst du denn in Leopolds Politurfläschchen?“, fragte Deika schüchtern.
„Um dir drei Himmelswünsche zu erfüllen!“, entgegnete der Geist.
„Wir fahren mit dem Klabauterschiff über die sieben Meere!“, rief Pumuckl begeistert.
„Ich sagte, Deika hat drei Himmelswünsche frei! Nicht du!“
„Wä, wä, wä, wa!“, protestierte Pumuckl.
„Warum eigentlich nicht?“, sagte Deika.
„Aber jetzt möchte ich mir erst einmal den Jahreswechsel von hier oben ansehen. Das Feuerwerk war von der Erde schon so schön anzusehen.“
„Ruf mich, wenn du mich brauchst!“, sagte der Geist.
„Du findest mich hier in dem Politurfläschchen!“
„Bitte, auf die sieben Weltmeere, den Meister Eder suchen!“, bettelte Pumuckl.
Doch in diesem Moment war der Jahreswechsel und ein großes Schauspiel eines Feuerwerkes wurde von der Erde gefeuert, das bis zu Deikas Wolke hinaufreichte.
