
© Texte, Bilder und Cover: Beatrice Kobras
Für Rosi und Gauner die inzwischen im Pferdehimmel sind.
Endlich auf den Reiterhof
Es war ein wunderschöner vorsommerlicher Frühlingstag Ende Mai. In allen Gärten sprießten die ersten Blüten an den Bäumen hervor. Die Tulpen spitzten ihre ersten Blätter vorsichtig aus der Erde und die weißen Blüten der Kirschbäume wirkten wie ein zarter Schleier, der sich über das Land zog. Die ganze Landschaft war erwacht von ihrem langen Winterschlaf und hatte das Eis des Winters endlich von sich abgeschüttelt. Die ersten warmen Sonnenstrahlen kitzelten Pia auf ihrer sommersprossigen Nase, als sie von der Schule auf ihrem Fahrrad nach Hause fuhr. Ihre Oma wartete bereits mit dem Essen auf sie.
Pia lebte mit ihrer Mutter und ihrer Oma in einer Reihenhaussiedlung in Rhede im Münsterland. Ihren Vater hatte sie nie kennen gelernt. Er war schon lange vor ihrer Geburt weggegangen und hatte kein Interesse gezeigt, seine Tochter aufwachsen zu sehen. So war die Oma von Pia bei ihnen eingezogen, die für ihr Enkelkind sorgte, als wäre sie ihr eigenes Kind. Pias Mutter fuhr jeden Tag nach Bocholt in ein Büro, in dem sie arbeitete. So hatte Pias Mutter die Aufgabe des Vaters übernommen und Pias Oma die Aufgaben einer Mutter.
Heute sollte ein ganz besonderer Tag sein. Der wichtigste Tag ihres Lebens. Pia hatte von ihrer Mutter die Erlaubnis bekommen, in den nahe gelegenen Reitstall zu fahren, um dort die Pferde ganz aus der Nähe bewundern zu können. Schon als kleines Kind waren sie alle zusammen im Urlaub in Lipizza gewesen. Dort, wo all die wunderbaren Lipizzaner gezüchtet werden und Pia brach damals in Tränen aus, als ihre Mutter von ihr verlangt hatte, sich von diesen wunderbaren Tieren zu trennen, da die Anlage geschlossen wurde. Die ganze Fahrt über hatte Pia geweint und immer nur von dem Fohlen gesprochen, welches den ganzen Tag nicht von ihrer Seite gewichen war.
Gerade im Münsterland gibt es sehr viele Reitställe. Dort ist die Pferdehochburg und jedes Mal, wenn Pia von ihrer Mutter gesucht wurde, stand sie am Rande der Sommerwiese des nahegelegenen Reitstalles. Nun war der Tag gekommen, an welchem sie ganz offiziell auf den Hof fahren durfte um zu fragen, ob sie die Pferde aus der Nähe ansehen dürfe, sie streicheln und ihnen ganz nahe sein.
Voller Elan stieg Pia, die inzwischen endlich zu Hause angelangt war, von ihrem Drahtesel und stürmte zu ihrer Oma in die Küche.
„Du bist aber heute früh da.“, stellte die Oma fest. „Das Essen ist noch nicht fertig. Ein wenig musst Du dich noch gedulden.“
„Ach Mensch! Wie lange dauert es denn noch?“, fragte Pia. „Du weißt doch, dass ich heute in den Reitstall fahren darf. Was gibt es denn zu essen?“
„Bohnengemüse mit Kartoffeln.“, antwortete die Oma.
„Baaah! Bohnengemüse mit Kartoffeln. Und es war so ein schöner Tag heute … Kann ich nicht gleich fahren?“
„Na, essen wirst Du wohl noch können. Dann kannst Du fahren.“
„In den Reitstall willst du?“, fragte ihre Oma nochmals nach.
„Ja!“, bestätigte Pia.
„Ja hat das denn die Mami erlaubt?“, wollte Pias Oma verwundert wissen.
„Ja! Hat sie!“, antwortete Pia genervt.
„Pass bloß auf, dass dir nichts passiert! Die sind ja so groß, die Pferde.“, erklärte ihre Oma. „Ja!“, maulte Pia.
„Aber darauf setzen tust Du dich nicht, gell?“, versicherte sich die Oma.
„Nein! Nur fragen, ob ich auf den Hof darf, um mir die Pferde aus der Nähe anzusehen und zu streicheln, wenn man mich lässt.“, beruhigte Pia ihre Oma.
„Versprich mir, dass Du dich nicht daraufsetzt!“, forderte die Oma eine Bestätigung.
„Ja!“, antwortete Pia immer mehr genervt. Dann ging sie in ihr Zimmer und warf ihren Schulranzen in die Ecke. „Bohnengemüse!“, maulte Pia. „Damit dir nichts passiert!“, maulte Pia weiter und ließ sich auf ihr Bett fallen.
Lange hatte sie es nicht ausgehalten auf ihrem Bett in ihrem Zimmer und stapfte sauer zurück in die Küche. „Gibt es jetzt bald Essen?“, fragte sie ihre Oma.
„Setz dich. Wir können sofort essen.“
Pia setzte sich auf die Küchenbank, stützte ihre Ellenbogen auf den Tisch, ihre Oma stellte das Essen hin und gelangweilt stocherte sie in ihren Bohnen herum.
„Jetzt iss!“, bat Pias Oma eindringlich. „Dann kannst Du schneller losfahren!“ Eilig stopfte Pia sich die heißen Bohnen und Kartoffeln in den Mund und als ihr Teller endlich leer war, rief sie mit vollen Backen: „Ich bin weg!“ Stürzte durch die Türe, sprang auf ihr Fahrrad und strampelte kauend und schluckend in Richtung Stall.
Nach zwanzig Minuten Fahrt kam Pia endlich am Stall an, stellte ihr Fahrrad am Koppelzaun ab und brachte ihr Fahrradschloss an Rad und Zaun an. So, wie es ihre Oma immer gepredigt hatte, damit es ihr nicht gestohlen werden konnte, denn sie hatte es erst im Februar zu ihrem zwölften Geburtstag bekommen. Auf der rechten Seite des Platzes neben dem Reitplatz im Freien liefen einige Pferde in einem abgezäunten elektrisch betriebenen Gestell im Kreis. Auf dem Reitplatz kämpfte eine Reiterin mit ihrem Pferd, welches lieber zurück auf die Koppel wollte, um Gras zu fressen und keine Lust hatte, seine Lektionen unter seiner Reiterin durchzuführen. Am Rand stand ein großer blonder Mann, der aussah, als würde er auf diesem Reiterhof arbeiten und rief: „Lass dir das nicht gefallen! Nimm die Sporen!“ Da bäumte sich der Schimmel noch mehr unter seiner Reiterin auf und versuchte nun rückwärts zur Koppel zu gelangen. „Hier!“, rief der blonde Mann der Reiterin zu. „Nimm die Gerte!“ Und reichte sie der Reiterin auf das Pferd. Drei Schritte lief das Pferd, dann bockte es und stieg. Vorsichtig setzte seine Reiterin Sporen und Gerte ein, doch das ermutigte das Tier noch viel weniger zur Arbeit. Da kam ein anderer Mann mit einer Mistgabel. „Du blöder Bock!“, sagte er zu dem Schimmel und piekste ihm unsanft mit der Mistgabel in den Allerwehrtesten. „Dir werde ich schon zeigen, dass Du gehst, wenn man es von dir verlangt!“ In diesem Moment machte das Pferd einen Satz nach vorne und das Machtspiel zwischen Reiterin, Pferd und den Männern endete in einem Rodeo-Ritt auf der Reitbahn. Lediglich der Cowboyhut, die Jeans und ein kariertes Hemd fehlte der Reiterin. Dann wäre der Westernlook passend zu der ungestümen Gangart des Pferdes perfekt gewesen. Die Reiterin hat sich gut gehalten und ihr Tier mit viel Geduld wieder zur Ruhe gebracht. Als es dann ein paar Runden in ruhigem Trab die Bahn entlang trabte, ein paar Dressuraufgaben erfüllt hat, stieg die Reiterin erschöpft, leicht zitternd und schweiß gebadet ab. Drückte dem blonden Mann die Zügel in die Hand, sattelte ab und führte ihr Pferd an die andere Seite des Stalles, wo sie es festband und sich und Pferd mit einem Wasserschlauch kalt abspritzte. „Blöder Bock!“, sagte die Reiterin liebevoll zu ihrem Pferd und knuffte es in die Seite. „Jetzt kommst Du ja wieder auf die Weide. Auch, wenn Du es nicht verdient hast. Hättest es uns beiden auch leichter machen können.“
Die beiden Männer waren bereits in den Ställen verschwunden und als die Reiterin ihr Pferd von der Abspritzstelle losband, sah sie Pia, die ihr immer noch gebannt zusah.
„Kann ich dir helfen?“, fragte die Reiterin Pia.
„Ich wollte fragen, ob ich die Pferde ansehen darf.“, antwortete Pia.
„Na klar!“, sagte die Reiterin. „Komm mit, ich bringe diesen Saukerl auf die Weide, da sind die anderen auch.“
Pia folgte den beiden zur Koppel.
„Machst Du mal das Tor auf?“, bat die Reiterin.
„Klar!“, sagte Pia. „Aber pass auf, da ist Strom drauf!“. Pia zuckte zurück. „Strom?“, fragte sie verunsichert. Ihre Oma hatte ihr schon als Kleinkind großen Respekt vor Strom eingeflößt. „Dass Du mir von den Steckdosen wegbleibst!“, hat sie immer gesagt. „Damit Du mir nicht mit etwas anderem, als mit einem Elektrostecker in die Nähe der Steckdose kommst!“, hat sie angeordnet. „Komme nur nie auf die Idee, mit einer Stricknadel in der Steckdose herumzustochern. Da stirbt man.“ Dies hatte Pias Neugierde geweckt und oft saß sie mit ihren Stricknadeln vor der Steckdose und hätte zu gerne erfahren, was dann wirklich passieren würde und wie es ist, wenn man stirbt. Doch sie hatte Angst, ihre geliebte Oma dann nie wieder zu sehen und so ließ sie es artig sein, obwohl der Reiz des Ausprobierens blieb.
„Keine Angst. Nimm das Ende an den Griffen und pass auf, dass Du nicht an die Litze kommst.“, sagte die Reiterin.
„Litze?“, fragte Pia.
„Das ist die weiße Schnur. Die ist mit Draht durchzogen, damit der Strom fließen kann. Pass nur auf, dass Du nicht darankommst. Wir können drinnen auch den Strom abschalten, um die Pferde raus zu bringen, aber eine der Stuten ist rossig und die Hengste haben gestern den Zaun durchbrochen, als der Strom kurz ausgeschalten war. Jetzt lassen wir ihn einfach kurz an. Aber zu zweit geht es besser, als alleine. Außerdem haben die Pferde sofort raus, wenn der Strom ausgeschaltet ist. Sei es auch noch so kurz.“
Pia tat, worum sie gebeten wurde. Sie umfasste die schwarzen Griffe und löste diese aus ihrer Verankerung. Alles war gut gegangen. Sie ging mit diesen bei Seite und achtete darauf, dass die weißen Schnüre den Boden nicht berührten und schloss den Zaun sofort wieder, als Pferd und Reiter auf der Koppel waren.
„Komm mit!“, sagte die Reiterin. „Du magst sie doch bestimmt streicheln.“, rief sie.
„Ja!“, strahlte Pia und folgte der Rodeo-Reiterin zu einem vereinzelt grasenden Pferd.
„Wie heißt du?“, fragte die Reiterin.
„Pia!“, antwortete diese.
„Ich bin Dagmar. Und das ist Gauner.“, stellte sie ihr Pferd vor.
„Gauner?“, fragte Pia.
„Ja! Gauner!“, bestätigte Dagmar.
„Was ist das denn für ein Name?“, wollte Pia wissen.
„Er war wohl als Fohlen schon ein Frechdachs. So hat er seinen Namen bekommen.“.
Gauner war ein großes braunes Pferd mit wunderschönem Kopf, einem Stern auf der Stirn und einer weißen Schnippe auf der fast schwarzen Schnauze. Seine Beine waren ebenfalls schwarz, die nach oben hin dunkelbraun wurden. Gauner war das schönste Tier, das Pia in ihrem Leben bisher gesehen hatte.
„Und warum darf er bei den Stuten stehen?“, fragte Pia.
„Weil er nur noch ein halber er ist.“, antwortete Dagmar.
„Ein halberer?“, fragte Pia.
„Es ist ein Wallach, der deckt die Stuten nicht mehr.“, erklärte Dagmar.
„Aha!“, sagte Pia verwundert, fragte aber nicht weiter und streichelte Gauner am Hals. Gauner hatte ein wunderbar seidiges dunkles Fell, das staubte, als Dagmar ihn auf den Hals klopfte.
„Hat der sich aber gewälzt!“, sagte Dagmar. „Da wird René ja jede Menge Freude haben, wenn sie dich heute Abend putzen darf!“.
In diesem Moment fuhr ein Traktor auf den Hof. Gauner schreckte hoch und galoppierte in Richtung des Zaunes auf der gegenüberliegenden Seite.
„Was hat der denn?“, fragte Pia.
„Pferde sind Fluchttiere!“, erklärte Dagmar. „Der Traktor hat ihn erschreckt. Gauner ist manchmal sehr schreckhaft.“ Doch Gauner hörte nicht auf zu rennen. Er lief und lief und wurde immer schneller. Der Zaun kam immer näher, doch Gauner verlangsamte sein Tempo nicht und durchbrach den weißen Stromzaun und auch den nächsten, bis er auf der nächsten Koppel stand, und erst an deren äußersten Ende kam er zum Stehen. Nun graste er dort zwischen den Jährlingen genüsslich unter einem Baum weiter.
„Mist!“, rief Dagmar. „Hol Du die anderen! Ich versuche die Jährlinge aufzuhalten, damit die nicht weglaufen!“, forderte sie Pia auf.
„Wo ist denn jemand?“, rief Pia.
„Schau im Stall nach und wenn da keiner ist, lauf rüber zum Haus!“.
Dagmar rannte in Richtung des zerstörten Zaunes und Pia in Richtung Stall. Als sie den Stall erreicht hatte, lief sie die Stallgasse hinauf, doch in keiner Box fand sie jemanden. Alle waren leer und die Schiebetüren standen offen. Pia lief in die nächste Stallgasse hinein. Dort fand sie ebenfalls niemanden. Der nächste Gang führte zu der Reithalle, welche ebenfalls leer war. So lief sie hinüber zum Haus, wo gerade ein älterer Mann zur Tür herauskam. „Die Zäune sind kaputt!“, rief Pia aufgeregt.
„Dagmar hält die Jährlinge auf. Kommen sie schnell!“.
„Scheiß Pferde!“, fluchte der Mann und trottete der aufgeregten Pia hinterher.
„Was ist denn los?“, fragte der blonde Mann, der vorhin bei Dagmar am Reitplatz stand, und eben aus der Türe des Aufenthaltsraumes kam, in der Pia nicht nachgesehen hatte.
„Die scheiß Pferde sind wieder durch den Zaun.“, erklärte der alte Mann.
„Och schiet!“, fluchte der Blonde.
„Franz, komm, die Pferde sind wieder durch den Zaun!“, rief er in den Aufenthaltsraum hinein.
„Nicht schon wieder!“, fluchte es aus dem Raum und heraus kam der zweite Mann, der bei Dagmar am Reitplatz gestanden hatte.
Dagmar war voll und ganz mit den Jährlingen beschäftigt, welche unbedingt die Weide außerhalb ihrer Abzäunung erkunden wollten. Die Pferde auf der vorderen Koppel grasten gemütlich vor sich hin, bis die aufgeregte Menschenschar unter dem Zaun durch an ihnen vorbei gelaufen kam. Da schreckten auch sie hoch. Entdeckten das Loch im Zaun und galoppierten hindurch.
„Vorsicht Dagmar!“, rief der Blonde.
Doch Dagmar drehte sich um, streckte die Arme beiseite und rief: „Hooooo!“.
„Hau ab!“, schrie der Blonde wieder.
Als ihr eigener Schimmel vor ihr stieg, sprang sie in letzter Minute beiseite. Die Pferde galoppierten an das Ende der Koppel, scheuchten die Jährlinge auf, die auf die andere Koppel hinausliefen, die den Zaun am Anfang der Koppel ebenfalls durchbrachen und wie wild auf den Hof in Richtung Hauptstraße galoppierten und die beiden jungen Männer Ihnen hinterher.
„Bleib Du hier Vater und bring den Zaun in Ordnung, bevor die anderen auch noch ausbüchsen!“, schrie der dunkelhaarige dem alten Mann noch zu.
„Ja, ja, ja!“, sagte der Alte. „Bleib Du hier bei Dagmar und passt auf, dass die Pferde nicht abhauen. Ich gehe und schalte den Strom ab.“.
„O. K.!“, sagte Pia.
„Der gute Opa Übbing!“, sagte Dagmar und lachte dem Alten hinterher.
„Wer sind die alle?“, wollte Pia wissen.
„Der Blonde war Robert. Das ist unser Reitlehrer. Der Sohn vom alten Bauern. Der Dunkelhaarige war Franz. Der junge Bauer. Auch der Sohn vom alten Bauern. Und der alte ist Hans, der Bauer. Ein Herzens guter Mann, aber alleine schafft er die Arbeit nicht mehr und die beiden müssen ihm helfen.“.
„Meinst du, ich darf zwischendurch vorbeikommen und die Pferde putzen?“, fragte Pia. „Putzen sollen die Reiter ihre Pferde mal selbst.“, antwortete Dagmar.
„Aber nach deinem tollen Einsatz hier bin ich mir sicher, dass Du gerne wiederkommen darfst. Aber frag doch den Hans selbst. Da kommt er schon wieder. Lass ihn aber erst die Zäune reparieren, damit alle Pferde wieder auf der richtigen Koppel stehen.“ Pia strahlte, als der alte Bauer wiederkam, um sich die gerissenen Zäune vorzunehmen.
„Was strahlst Du denn so?“, fragte der alte Bauer.
„Dagmar meint, dass ich vielleicht öfter einmal vorbeikommen darf?“, fragte Pia vorsichtig. „Na so eine tüchtige Hand wie deine, die können wir hier schon gebrauchen.“, antwortete der Bauer.
„Komm, ich zeig Dir gleich, wie man die Zäune repariert.“
Pia konnte ihr Glück nicht fassen und der Bauer nahm die beiden gerissenen Enden der Litze, zog daran und verknotete sie so fest, dass sie nicht mehr reißen konnte. Die untere Reihe durfte Pia reparieren.
„So, nun lauft und treibt die Jungtiere zusammen, damit nichts Schlimmes passiert und treibt sie in den Laufstall. Lauft voraus, ich komm hinterher.“ Dagmar und Pia liefen über beide Koppeln in die Richtung, in welche die Jährlinge galoppiert waren, rechts am Stall vorbei. Plötzlich hörten sie Hufgetrappel von hinten. Gerade, als die Horde Jährlinge in Richtung Ausfahrt galoppierten, kam Helmut zur Einfahrt hereingefahren, was die Tiere erschreckte und sie flüchteten erneut in eine andere Richtung. Helmut hatte die Ausfahrt versperrt und bewachte diese, damit die Tiere nicht doch noch vorbei an seinem Auto auf die Hauptstraße liefen. Die Jährlinge liefen dann auf der anderen Seite um den Stall herum, so, dass sie nun Dagmar und Pia von hinten überraschten. Die beiden drehten sich um, breiteten ihre Arme aus und riefen: „Hooooooooo!“ Und versperrten den Pferden so den weiteren Weg. Als die Pferde auf sie zu galoppiert kamen, wurde es Pia mulmig und sie schloss die Augen. Jeden Moment musste sie eines der Tiere berühren. Jeden Moment musste es passieren, dass sie umgerannt würde. Gleich würde sie zertrampelt von den Tieren, die sie doch so sehr liebte und bewunderte. Die schönsten Kreaturen, die je von Gott erschaffen wurden. Doch das Getrappel wurde langsamer.
„Keine Angst!“, sagte Dagmar sanft. Von der anderen Seite kamen der blonde Robert und der dunkle Franz mit ebenfalls ausgebreiteten Armen.
„Helmut, hol eine Longe und bring sie her.“, rief Franz.
Helmut tat, was man von ihm verlangte und drückte Pia ein Ende in die Hand und breitete das Seil aus, bis es straff saß. Hans kam von der anderen Seite des Hofes, öffnete das Tor zum Laufstall und stellte sich mit ausgebreiteten Armen in den Hof, so dass die Tiere keine andere Wahl hatten, als direkt in den Offenstall zu gehen, was sie auch brav taten.
„Jetzt bringt die anderen in ihre Boxen!“, ordnete der Alte an.
„Hast Du das schon einmal gemacht?“, wollte Hans von Pia wissen.
„Nein!“, antwortete Pia.
„Das ist ein Halfter.“, erklärte Hans.
„Das ziehst Du dem Pferd über den Kopf. O. K.?“ Pia bestätigte, dass sie verstanden hatte. „Und das ist ein Führstrick. Den machst Du hier fest!“, sagte Hans und zeigte auf eine Öse aus Metall am unteren Teil des Halfters.
„O. K.?“.
„Ja!“, antwortete Pia aufgeregt.
„Und dann kannst Du das Pferd in seine Box führen. Dann machst Du das Halfter mit Führstrick ab und kannst das Nächste holen.“
„Jahaaaaa!“, rief Pia begeistert und lief auch schon hinterher den Anderen auf die Weide hinterher. Hans blieb sicherheitshalber auf dem Hof für den Fall, dass doch noch eines der Pferde ausreißen würde.
„Nimm Du den Hafi!“, rief Robert Pia zu, als er gerade Gauner das Halfter anlegte, der nun Lamm fromm hinter ihm her trottete und hier und da noch ein Grasbüschel erhaschte. „Hallo!“, sagte Pia zu dem Haflinger.
„Ich bring dich jetzt in deine Box!“, erklärte sie dem Tier. Ruhig nahm der Haflinger den Kopf hoch, ließ sich das Halfter anlegen und sich in den Stall führen. Allerdings musste das Tier genau so wie Gauner bei jeder Gelegenheit noch ein Büschel Gras auszupfen und trottete Pia mampfend hinterher. Auf dem Weg stupste er Pia immer wieder mit seiner großen Nase an. „Der will Leckerchen!“, sagte Dagmar am Vorbeigehen und drückte ihr eine Möhre in die Hand, die sich der Haflinger auch gleich schnappte und genüsslich darauf herumkaute. Mampfend stupste das Pferd Pia weiter an und sabberte dabei in seiner Gier ein paar Möhren auf Pias weißes T-Shirt. Als Pia an sich heruntersah, stellte sie fest, dass sie aussah, als hätte sie sich mit den Pferden auf der Koppel gewälzt. So konnte sie ihrer Oma unmöglich erklären, dass sie die Tiere nur angesehen hätte. Ihre Oma würde sofort vermuten, sie sei geritten und gestürzt. Daran konnte Pia nun nichts mehr ändern und beschloss, sich darüber erst Gedanken zu machen, wenn so weit war. In diesem Moment kam Hans die Stallgasse entlang.
„So, jetzt haben wir sie alle. Gefällt dir, der Charly?“.
„Charly heißt er?“, fragte Pia nach und sah das Tier verliebt an.
„Ja, Charly.“, bestätigte Hans.
„Ich bin Hans, und wie heißt du?“, wollte Hans weiter wissen.
„Pia.“.
„Magst Du morgen wiederkommen, und Charly reiten? Dem alten Burschen würde ein wenig Bewegung nicht schaden.“.
„Ich?“, fragte Pia.
„Ja wer denn sonst?“.
„Ja!“, rief Pia begeistert und fiel dem Alten um den Hals.
„Nun aber nicht so stürmisch! Du wirfst mich ja noch um!“, lachte der Alte. Als Pia ihn wieder losließ, sagte er: „Na dann bis morgen!“ Und ging in den Aufenthaltsraum, wo die anderen Männer inzwischen zusammengekommen waren und ihren Durst mit einer Flasche Bier löschten.
„Na, wer sagt es denn!“, sagte Dagmar, als sie das Halfter in ihren Spind räumte.
„Dann werden wir uns ja jetzt öfter sehen.“.
„Ja! Danke!“, sagte Pia und strahlte Charly weiter verliebt an, der nun seine Nase durch die Gitterstäbe streckte, damit ihn Pia besser streicheln konnte. Nur schwer konnte sich Pia von ihrem Charly trennen, doch ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass ihre Mutter inzwischen schon von der Arbeit zu Hause sein musste und sie schon viel zu spät dran war und es bestimmt großen Ärger geben würde.
„Tschüss Charly!“, sagte Pia, klopfte dem Tier durch die Gitterstäbe den Hals. Charly wieherte einmal kurz auf.
„Bis morgen Charly!“, sagte Pia und ging wehmütig aus dem Stall zu ihrem Fahrrad.
Lange nicht so leichtfüßig wie auf dem Weg zum Stall stieg sie auf ihren Drahtesel und trat langsam in ihre Pedale. Was wäre, wenn ihre Mutter ihr weitere Besuche nicht erlauben würde, so, wie sie aussah? Was wäre, wenn sie Charly nie wiedersehen dürfe? Quälende Gedanken drängten sich in Pias Gehirn. Am liebsten wäre sie gar nicht mehr nach Hause gefahren und zu Charly in die Box gezogen, aber das würden die Bauern bestimmt nicht verstehen.
Als Pia die Straße entlangfuhr, in der sie wohnte, sah sie bereits das Auto ihrer Mutter am Straßenrand stehen. Sie stieg ein wenig früher vom Rad als sonst und sperrte ihr Fahrrad an das Treppengeländer, damit sie es am nächsten Morgen gleich wieder griffbereit hatte. Als Pia gerade die Türe aufsperren wollte, öffnete ihre Oma mit erschrockenen Augen die Tür. „Wie siehst Du denn aus?“, rief sie entsetzt.
„Hast Du dich doch auf ein Pferd gesetzt? Bist Du heruntergefallen? Du hast mir versprochen, dass Du dich nicht auf ein Pferd setzen wirst. Und jetzt? Jetzt bist Du heruntergefallen! Hast Du dir wehgetan? Nein, wie Du aussiehst!“ In diesem Moment kam Pias Mutter die Treppe heruntergelaufen. „Ist etwas passiert?“.
„Ich habe auf keinem Pferd gesessen!“, antwortete Pia in diesem Moment ihrer Oma.
„Was ist denn passiert?“, fragte Pias Mutter.
„Jetzt komm doch erst einmal herein.“ Pia, ihre Oma und ihre Mutter schlossen die Haustüre und setzten sich in die Küche. Pia folgte eine Spur mit Erdklumpen und sie erzählte von dem aufregenden Tag, wie die Pferde ausgebrochen sind, wie sie geholfen hatte, diese wieder einzufangen und von ihrer Bekanntschaft mit Charly. Und dann sagte sie kleinlaut: „Und Hans hat gefragt, ob ich morgen wiederkommen mag und Charly reiten.“.
„Das ist ja toll!“, sagte Pias Mutter.
„Das kommt ja überhaupt nicht in Frage!“, sagte Pias Oma sofort und Pia ließ traurig den Kopf hängen.
„Warum soll sie denn nicht Charly reiten?“, fragte Pias Mutter.
„Das sind wilde Tiere!“, antwortete Pias Oma wissend.
„Wenn ihr etwas passiert. Und sie herunterfällt. Ich mag gar nicht daran denken!“, sagte Pias Oma. „Wenn sie schon vom Pferde einfangen so aussieht.“.
„Na lass sie es doch einmal ausprobieren!“, sagte Pias Mutter.
„Der Bauer wird schon so vernünftig sein und sie auf kein wildes Tier setzen.“.
„Wenn Du meinst.“, sagte Pias Oma beleidigt.
„Aber ich übernehme keine Verantwortung dafür!“.
„Das musst Du auch nicht!“, sagte Pias Mutter und Pia fiel ihr schmutzig, aber glücklich, wie sie war, um den Hals und ließ ihre Mutter nicht mehr los.
„Danke! Danke! Danke!“, rief sie immer wieder.
„Erwürge mich nicht vor lauter Glück!“, sagte Pias Mutter.
„Aber deine dreckigen Sachen ziehst Du jetzt erst einmal draußen im Windfang aus und dann ab unter die Dusche!“.
„Danke!“, rief Pia noch einmal und tat, worum ihre Mutter sie gebeten hatte. Von ihrer Jeans bröselte der Staub auf den Boden im Windfang, und warf sie dann gleich zusammen mit ihrem T-Shirt die Kellertreppe hinunter. Auf dem Weg nach oben nahm Pia gleich zwei Stufen auf einmal und hüpfte beschwingt in die Badewanne, um zu duschen.
Sie hatte es geschafft. Sie durfte endlich reiten lernen und hatte einen wunderschönen und aufregenden Tag mit den schönsten Kreaturen dieser Welt erlebt und würde nun ihren größten Traum wahr werden lassen können, denn das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Davon war Pia fest überzeugt und fieberte nun dem nächsten Tag entgegen.
Der erste Ritt
Am nächsten Tag konnte sich Pia in der Schule überhaupt nicht konzentrieren. Ihre Gedanken hafteten noch am vergangenen Tag und bei Charly fest. Sie träumte davon, wie es wohl sein würde, das erste Mal auf einem Pferd zu sitzen. Eins sein mit diesem wundervollen Geschöpf. Bisher hatte Pia nur einmal bei einem Zoobesuch im Münchner Tierpark Hellabrunn auf einem Pferd gesessen. Doch diese wurden geführt und trotteten nur gelangweilt im Schritt hintereinander her. Eines mit der Nase im Schweif des anderen. Pia war damals noch sehr klein, aber dieses Gefühl auf so einem großen, wunderschönen Tier zu sitzen, hatte sie ihr Leben lang nicht vergessen. Sie konnte sich damals nicht losreißen und ihre Mutter kaufte ein Ticket nach dem anderen, damit sie noch und noch eine Runde auf dem Rücken der Pferde sitzen konnte. Die anderen Tiere des Tierparks hatten sie gar nicht mehr interessiert. Weder die Löwen, die Bären oder die Pinguine. Nur im Streichelgehege hatte Pia wieder Spaß.
Noch eiliger, wie vor ihrem ersten Stallbesuch am Vortag, schwang sich Pia nach dem Läuten der Schulglocke auf ihr Fahrrad, eilte nach Hause und diesmal stand das Essen sogar bereits auf dem Tisch, als Pia ihr Fahrrad auf dem Vorplatz des Hauses abstellte, ohne es abzusperren und in die Küche zu ihrer Oma eilte.
„Du bist ja schon fertig mit dem Essen!“ Strahlte Pia ihre Oma an.
„Ich dachte mir, dass Du es heute bestimmt besonders eilig haben wirst.“, antwortete ihre Oma. Pia schlang ihrer Oma die Arme um den Hals und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange.
„Du bist die beste Oma der Welt!“, rief Pia und schlang ihr Essen eilig hinunter.
„Bitte pass auf!“, bat Pias Oma, als Pia aufsprang und durch die Tür rannte, um schnell in den Stall zu kommen.
„Klaro!“, rief Pia zurück und warf die Tür hinter sich zu. In ihrer Aufregung und Eile stolperte sie über ihr Fahrrad und fand die Pedale mit ihren Füßen nicht, kippte gegen den hölzernen Zaun des Nachbargrundstückes und die Schiefer zogen sich in die Haut ihres linken Ellenbogens.
„Mist! Jetzt bin ich schon dreckig, bevor ich überhaupt im Stall bin.“, schimpfte Pia und zog sich die Schiefer heraus. Sie stieg nun etwas ruhiger auf ihr Fahrrad, erreichte die Pedale und fuhr zu ihrer neuen großen Liebe Charly.
Am Stall angekommen, parkte sie ihr Rad an demselben Ort wie am Tag zuvor und lief sofort in die Stallgasse direkt zu Charlys Box. Doch Charly war nicht in seiner Box, sondern wohl auf der Koppel mit den anderen Pferden und Pia rannte auf dem schnellsten Wege dorthin. Schon von weitem sah sie Charly munter grasend. Ihr Pferd, das sie heute reiten durfte.
„Na dann wollen wir ihn mal reinholen!“, hörte Pia Hans Stimme hinter sich.
„Hier ist das Halfter und der Führstrick. Du weißt doch noch, wie das geht?“ Strahlend nahm Pia Halfter und Führstrick entgegen und ging auf ihren Charly zu. Dieser schnaubte zufrieden, als er Pia auf sich zukommen sah und ließ sich brav das Halfter anlegen. Artig trottete er hinter Pia her. Hans öffnete das Tor und begleitete die beiden zum Stall.
„Schau, so bindet man einen Pferdeknoten.“ Und legte eine Schlinge, durch die er die anderen beiden Hälften des Führstrickes zog.
„Und wenn Du ihn wieder auf haben willst, dann ziehst Du an dem einzelnen Ende des Strickes.“ Hans zog daran und der Knoten war wieder auf.
„Das übst Du jetzt als erstes, bis Du es kannst.“, sagte Hans und ging weg.
Pia übte artig den Pferdeknoten und als ihr Lehrmeister zurückkam, hatte sie es zum ersten Mal geschafft.
„Da ist Putzzeug!“, sagte Hans und drückte Pia einen Striegel und eine Bürste in die Hand und zeigte Pia, wie man damit umgeht.
„Jetzt putzt Du Charly erst einmal, bis er nicht mehr staubt und sauber ist, dann komme ich wieder.“ Pia setzt den Striegel an und bewegte ihn in halbrunden Bewegungen über Charlys Körper, der nur so staubte. Langsam fiel der Staub, der sich in Charlys Fell gesammelt hatte auf den Boden. Dann ging Pia mit der Bürste über die Beine und die Mähne des Pferdes. „Jetzt glänzt er aber wieder ganz schön, der alte Bursche.“, bewunderte Hans Pias Arbeit. „Komm mit, ich zeig dir, wo der Sattel ist.“ Pia ging mit großen Schritten Hans hinterher in die Sattelkammer.
„Den kannst Du nehmen und das ist seine Trense und diese Satteldecke kannst Du nehmen.“, sagte Hans und hielt Pia eine lila Satteldecke hin.
Pia nahm die Decke in die eine Hand, die Trense in die andere und versuchte nun den Sattel von seinem Gestell zu zerren.
„So macht man das!“, sagte Hans und schob seinen linken Arm unter den Sattel und trug ihn Pia hinterher.
„Ein bisschen staubig sind die Sachen, aber die tun es schon. Du kannst sie ja mal mit putzen, wenn Du öfter kommst.“.
Da strahlte Pia wieder über das ganze Gesicht. Es war kein einmaliger Ausflug in den Stall. Sie durfte wirklich öfter kommen und ihren Charly sehen und reiten und putzen und pflegen. Sie konnte ihr Glück immer noch nicht fassen.
Hans befestigte die Satteldecke am Sattel und warf den Sattel auf Charlys Rücken.
„So, der passt.“, sagte er zufrieden.
„Jetzt die Trense!“.
Hans legte Charly die Trense an, auf der Charly gleich genüsslich herum kaute.
„Das ist gut!“, sagte Hans. „Das Gebiss mag er.“
Hans nahm den Sattelgurt und zog ihn über Charlys Bauch, um ihn am anderen Ende des Sattels zu schließen, doch dieser reichte nicht bis zur ersten Öse.
„Da brauchen wir wohl einen längeren!“, stellte Hans fest und ging zurück in die Sattelkammer, um einen anderen Sattelgurt zu holen.
„Der passt!“, stellte Hans zufrieden fest und zog den Gurt an, so fest er konnte.
„Dann führe Deinen Charly mal auf den Reitplatz!“. Pia stellte sich rechts neben Charly und führte ihn die Stallgasse entlang.
„Immer links vom Pferd bleiben!“, sagte Hans und Pia schlüpfte unter Charlys Kopf auf die andere Seite.
„Dann mal rauf mit dir. Aber auch von links!“
Pia setzte ihren linken Fuß in den Steigbügel und stemmte sich mit ihrem Gewicht in den Bügel hinein, um sich am Sattel hoch zu ziehen. Da rutschte der Sattel auf Charlys linke Seite und Pia war schon wieder unten.
„Erst musst Du den Sattelgurt noch einmal nachziehen. Und wenn Du ein paar Runden geritten bist, dann noch einmal, damit Du beim Reiten nicht seitlich an Charlys Bauch hängst.“ Pia hob das Sattelblatt an und zerrte so fest an den Schnallen, bis sie nicht mehr konnte. Hans half noch einmal nach und sie stemmte ihren Fuß erneut in den Steigbügel, und zog sich hoch.
„Aber nicht zu viel Schwung! Sonst kommst Du auf der anderen Seite wieder herunter!“, warnte Hans. Doch zu spät. Pia rutschte auf der anderen Seite schon wieder hinunter, kam unsanft auf dem Boden an und ging wieder auf Charlys linke Seite, um einen erneuten Versuch zu starten.
„Wenn das Aufsteigen schon so schwierig ist, wie wird es dann wohl gleich dort oben sein?“, fragte Pia ein wenig verunsichert.
„Das ist nur Übung.“, beruhigte sie Hans.
Beim zweiten Anlauf klappte es und Hans gab Charly einen Klaps auf den Hals.
„Lobe ihn, weil er so brav stehen geblieben ist, als Du aufgestiegen bist.“ Und Pia klopfte Charly stolz den Hals.
„Na dann mal los.“ Sagte Hans, nahm Charlys Zügel in die Hand und ging mit Charly und Pia auf Charlys Rücken in die Mitte der Außenreitbahn.
„Jetzt musst Du die Zügel annehmen.“, erklärte Hans.
„Du musst sie zwischen Ring- und Mittelfinger nehmen und die Hände schließen. Wenn er gehen soll, musst Du mit deinen Unterschenkeln Druck ausüben und dich fest in den Sattel setzen.“ Pia drückte ihren Schenkel an Charlys Bauch, doch er bewegte sich nicht von der Stelle.
„Nicht so zaghaft! Du musst richtig fest mit dem Schenkel drücken.“.
„Scheeeeeritt!“, sagte Hans zu Charly, der sich dann auch sogleich in Bewegung setzte. „Setze Dich gerade hin!“, rief Hans Pia zu und Pia tat, was Hans sagte.
„Und jetzt ändere die Richtung!“, forderte Hans auf, als Pia schon einige Runden um die Bahn geritten war.
„Wie geht das?“, rief Pia etwas unsicher in die Richtung von Hans.
„Nimm den linken Zügel näher zu dir, lass ihn wieder locker und nimm ihn wieder zu dir.“ Pia tat alles, wie es ihr gesagt wurde und Charly ging einen Bogen nach links, bis sie wieder zurück auf ihrer Bahn waren.
„Hufschlag wechseln nennt man das, wenn man die Richtung ändert!“, erklärte Hans.
„Jetzt nimm die Zügel noch etwas kürzer und drücke die Schenkel an Charlys Bauch!“, rief er ihr zu. Und noch bevor er weiter etwas sagen konnte, trabte Pia mit Charly an. Überrascht über das Ergebnis der Ausführung der Anweisungen schaukelte Pia hilflos auf Charlys Rücken herum und befürchtete, sie würde seekrank werden.
„Steh auf, wenn die linke Schulter zurückgeht und wenn sie wieder nach vorne geht, setzt Du dich wieder hin. Das ist Leichttraben und am Anfang für dich und Charlys Rücken das angenehmste.“ Pias angehende Seekrankheit auf dem Rücken ihres Charlys ging zurück und mit jeder Runde bekam sie einen besseren Halt im Sattel.
„Jetzt reite hier vorne einen Kreis!“, forderte Hans Pia auf.
„Über die halbe Reitbahn. Das nennt man einen Zirkel reiten!“ Pia tat es und bei ihrem fünften Anlauf wurde der Kreis auch rund, anstatt eckig.
„Jetzt wechsle durch den Zirkel!“, rief Hans.
„Was heißt das?“, rief Pia zurück.
„Wenn Du in der Mitte der Bahn bist, reitest Du durch die Mitte deines Zirkels und wechselst dann den Hufschlag. Reitest also in die andere Richtung weiter. Nicht, dass dir oder Charly noch schwindlig wird.“ Pia versuchte es, doch Charly ging wie schon seit einigen Runden gewöhnt in dieselbe Richtung des Zirkels weiter.
„Du musst jetzt den rechten Zügel annehmen und den rechten Schenkel an Charlys Bauch drücken.“ Als Pia das befolgte, gelang es ihr schon beim dritten Anlauf. Einmal war sie zu spät dran, einmal vergaß sie es.
„Vergiss das Atmen nicht! Du hast ja einen hoch roten Kopf!“, rief Hans. Pia holte tief Luft. Vor lauter Konzentration hatte sie tatsächlich das Atmen vergessen.
„Gut so! Und jetzt pariere durch zum Schritt!“, rief Hans ihr zu.
„Nimm beide Zügel an und setze dich fest in den Sattel.“ Und prompt blieb Charly stehen. „Das war wohl etwas zu viel. Lass die Zügel wieder etwas nach und drücke ihn mit beiden Schenkeln am Bauch, dann geht er wieder in den Schritt. Reite ihn zehn Minuten trocken. Das heißt, mit langen Zügeln im Schritt reiten. Dann steig ab und führe ihn zu seiner Box. Bürste ihn noch einmal und dann kommst Du zu mir in den Aufenthaltsraum.“, sagte Hans und ging.
Auf die Minute genau nach zehn Minuten stieg Pia von Charlys Rücken und als sie wieder auf dem Boden aufkam, hatte sie ganz wacklige Knie und ihre Beine wölbten sich leicht nach außen in O-Form. Sie sattelte Charly ab. Die Satteldecke war ziemlich nass geschwitzt. Pia trug Sattel und Trense zurück in die Sattelkammer.
„Mann war das schön!“, sagte sie zu Charly, klopfte ihm seinen Hals und führte ihn in seine Box, wie Hans es ihr gesagt hatte. Dann gab sie Charly einen dicken Kuss auf seine rosa Nase und ging zu Hans in den Aufenthaltsraum, wo er mit seinen Söhnen Robert und Franz mit einer Flasche Bier am Tisch saß.
„Na, durstig?“, fragte Robert. Pia nickte und Robert zog ihr eine Flasche Zitronenlimonade aus dem Automaten.
„Macht sich gut, die Pia.“, sagte Hans und machte eine Handbewegung in Richtung eines Stuhles, auf den sich Pia setzen sollte.
„Kommst Du morgen wieder?“, fragte Hans.
„Wenn ich darf!“, antwortete Pia strahlend.
„Na klar! Ist doch schön, dass unser Charly dich gefunden hat!“.
„Dann fahr jetzt mal heim. Du hast bestimmt noch keine Hausaufgaben gemacht. Nicht, dass deine Eltern noch mit dir schimpfen und Du nicht mehr zu Charly kommen darfst.
„Hmmm!“, sagte Pia traurig.
Hausaufgaben machen war jetzt genau das, worauf sie keine Lust hatte.
„Bis Morgen!“, sagte Hans und Robert und Franz stimmten in seine Worte ein.
„Bis Morgen!“, sagte Pia und verließ den Aufenthaltsraum immer noch ein wenig krummbeinig.
Ein Reiter nach Pias Träumen
In den folgenden zwei Wochen war Pia jeden Tag im Reitstall und Hans brachte ihr alles bei, was sie vom Reiten wissen musste. Immer nach der Schule fuhr Pia eilig nach Hause, aß und machte sich auf den Weg in den Stall. Charly wartete jeden Tag gemütlich grasend, bis Pia ihn von der Koppel holte, striegelte und bürstete, sie aufsattelte und Hans war bei allen anfänglichen Reitversuchen mit dabei. Sie waren bereits ein eingespieltes Team. An diesem Tag war Pia etwas später dran, da sie nachmittags noch Hauswirtschaftsunterricht hatten. Sie mussten kochen und bekamen beigebracht, wie man einen Kuchen mit Backmischung backt. Pia war stink sauer. Schließlich wollte sie nicht lernen, wie man in bereits gemischten Zutaten, die aus Mehl, Zucker, Backpulver und Vanillezucker bestanden, ein paar Eier hinein schlägt und Butter dazu rührt. Die paar Zutaten konnte sie auch noch selbst abwiegen und zusammen mengen. Schließlich hatte sie das nur all zu oft bei ihrer Oma gesehen.
Endlich am Stall angekommen, rief sie am Zaun bereits nach Charly. Er hob den Kopf, wieherte und galoppierte direkt zu ihr an den Zaun. Dort angekommen stupste er Pia mit seiner Schnauze an, um ein paar Leckerchen zu erbetteln, die er inzwischen regelmäßig von seiner neuen Freundin bekam. Sie hatte sie von ihrem Taschengeld im nahe gelegenen Reitsportgeschäft gekauft. Mal bekam er diese und manchmal brachte Pias Oma vom Einkaufen auch ein paar Möhren für Charly mit, die er ihr gierig aus der Hand fraß.
Pia führte Charly zu seiner Box und putzte ihn und kratzte seine Hufe aus und fegte die Erde aus der Koppel vorschriftsmäßig weg. Als sie ihn gesattelt und aufgetrenst hatte, sagte sie: „Komm Charly!“.
Da hörte sie von hinten: „Weißt Du eigentlich, dass dein Charly eine Rosi ist?“ Pia drehte sich um und da sah sie René. Ein Junge aus ihrer Schule, der eine Klasse höher war als sie, für den sie schon lange schwärmte. Oft sah sie ihn auf dem Pausenhof an und träumte davon, wie es wohl sei, wenn sie mit ihm sprechen würde. Nie hatte sie sich getraut, ihn anzusprechen. Sie hätte auch nicht gewusst, was sie mit ihm hätte sprechen sollen. Pia war viel zu schüchtern. Und nun stand er plötzlich vor ihr mit seinem kurz geschnittenen brünetten Haar. Er war schlank und einen halben Kopf größer als Pia mit seinem immer freundlichen Wesen mit seinen strahlend blauen Augen. Und nun stand er vollkommen unerwartet vor ihr. Pia spürte, wie ihr die Röte in das Gesicht stieg und stammelte verdutzt: „Was?“.
„Dein Charly ist eine Stute und heißt Rosi.“, wiederholte René nochmals.
„Warum das?“, fragte Pia verwirrt.
„Die Pferde von Hans heißen immer Charly. Egal, ob Wallach oder Stute.“.
„Na dann sag ich halt jetzt Rosi zu dir, Charly.“, sagte Pia und klopfte ihrer neu benannten Stute den Hals.
„Seit wann bist Du hier am Stall?“, fragte René.
„Seit zwei Wochen und zwei Tagen!“, antwortete Pia wie aus der Pistole geschossen.
„Wie lange bist Du schon hier am Stall?“, wollte sie nun von René wissen.
„Ich bin hier seit zwei Jahren.“.
„Und wen reitest du?“, wollte Pia wissen.
„Mein Pferd ist Gauner.“.
„Gauner? Dieser wunderschöne Braune mit dem Stern auf der Stirn und der Schnippe an der Nase?“.
„Ja, genau der.“.
„Er ist wunderschön!“, schwärmte Pia.
„Ja, das ist er. Ich hole ihn jetzt von der Koppel. Bis später!“.
„Bis später!“, stammelte Pia.
Pia führte ihr Pferd zum Reitplatz. „Mensch Charly! Nein! Rosi! Weißt du, wer das ist? Der tollste Junge von der ganzen Schule. Der ist soooo süß! Dass er auch hier am Stall ist und Gauner ihm gehört …“ Schmachtete sie Rosi ins Ohr. Rosi wieherte auf und die beiden ritten ihre Lektionen, die sie bisher miteinander von Hans gelernt hatten. Sie ritten Schlangenlinien und wechselten den Hufschlag immer wieder und ritten den Zirkel. Heute gab Pia sich besonders viel Mühe für den Fall, dass René zu ihr herüberschauen würde und sie sehen würde. Auch, wenn das ziemlich unwahrscheinlich war, da er Gauner in der Stallgasse putzte. Als Pia ihre Lektionen mit Rosi beendet hatte, sprang sie beschwingt von ihrem Rücken, als René gerade mit Gauner durch das Tor kam und auf den Springplatz zusteuerte. Pia wollte René unbedingt beim Reiten zusehen und beeilte sich diesmal sehr, um ihre Rosi stallfertig zu machen. Eilig lief sie rüber zum Springplatz. Am Konditrainer und Außenreitplatz vorbei und lehnte sich an den Holzzaun des Außenreitplatzes.
René ging mit Gauner im Schritt um die Hindernisse herum und bog ihn in Kurven, damit seine Muskulatur warm, geschmeidig und biegsam wurde. Dann trabte René langsam an und ritt Gauner in Schlangenlinien im Leichttrab um die Hindernisse herum. René galoppierte an. Er ritt um die Hindernisse herum dann steuerte er direkt auf ein Hindernis zu. Ziemlich hoch, wie Pia fand und in einem eleganten Sprung war er darüber und nahm das nächste Hindernis und das nächste und nächste, bis er Gauner am Ende wieder trocken ritt.
„Das war toll!“, sagte Pia, als René von Gauner abgestiegen war und ihn an ihr vorbei in Richtung der Stallgasse führte.
„Das würde ich auch gerne können., fuhr sie fort.
„Das ist gar nicht so schwer. Bist Du morgen auch wieder hier?“, fragte René.
„Wir können für Rosi ein paar Kawaletti aufbauen, da kannst Du mit ihr erst einmal darüber reiten.“.
„Was sind Kawaletti?“, fragte Pia.
„Das sind Stangen, die man auf den Boden legt. Da reitest Du mit Rosi dann darüber und sie muss einfach ihre Beine ein wenig heben. Ich helfe dir dabei.“.
„Das würdest Du tun?“, rief Pia auf.
„Na klar!“, bestätigte René.
„Oh klasse! Danke!“, jauchzte sie.
„Wenn das klappt, dann kannst Du auch ein paar kleine Hindernisse nehmen.“, machte René ihr Mut.
„So hoch?“, fragte Pia und sah misstrauisch zu den Hindernissen herüber.
„Nein. Nicht so hoch. Die bauen wir niedriger für dich.“ Das beruhigte Pia.
René führte Gauner zurück zu seiner Box und Pia lief zu ihrer Rosi, um ihr zu berichten, was sie morgen erwarten würde. Rosi stupste Pia leicht in den Bauch und knabberte an den Eingriffen ihrer Hosentasche, da Pia dort immer ein paar Leckerchen aufbewahrte. Heute in der Schule hatte sie auch noch ein Leckerchen in ihrer Hosentasche gefunden, das sich in dem Stoff verwinkelt hatte. Sie fand es im Kochunterricht und am liebsten hätte sie es der Hauswirtschaftslehrerin auf flacher Hand vor die Nase gehalten und gesagt: „Wenn Du schön brav bist und uns zeigst, wie man richtigen Kuchen backt, dann kriegst Du das. Komm, sei schön brav Du Hauswirtschaftsdrachen!“.
Doch Pia hatte es sich verkniffen, da sie keinen Verweis riskieren wollte. Schließlich hatte sie schon einen bekommen, weil die die Umschläge ihres Deutschheftes vollkommen vollgeschmiert hatte mit Sprüchen wie „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“. Überall stand Rosis Name noch als Charly, als sie noch nicht wusste, dass ihr Charly eigentlich Rosi heißt.
„Hier Du Vielfraß!“, sagte Pia zu Rosi und holte ein Leckerchen aus ihrer Hosentasche.
René kam die Stallgasse in Richtung Rosis Box.
„Meine Mutter holt mich heute ab, da mein Fahrrad einen Platten hat. Sollen wir dich irgendwo hin mitnehmen?“, bot er an.
„Danke, aber ich bin mit dem Rad hier. Meines funktioniert.“.
„Dann sehen wir uns morgen um vier?“.
„Ja, morgen um vier.“.
„Bis morgen!“, sagte René.
„Bis morgen!“, strahlte Pia und René ging auf den Hof, wo gerade ein Auto vorfuhr und eine kleine etwas pummelige Frau mit auftoupiertem blondem Haar ausstieg.
„Bist Du fertig René?“, rief sie ihm mit hoher Stimme zu.
„Ja, alles klar!“, rief er zurück und stieg in das Auto zu seiner Mutter und weg war er.
Pia zwickte sich in den Arm. „Ich kann gar nicht glauben, dass das alles wahr ist!“, sagte sie zu sich selbst.
Sommerweiden und Herzklopfen
Am nächsten Tag war Pia schon viel früher im Stall. Sie hatte es zu Hause einfach nicht mehr ausgehalten. Sie hatte sich gewünscht, dass sie hexen könne und hätte sich am liebsten schon morgens nach dem Aufwachen herbeigehext, dass es schon vier Uhr am Nachmittag wäre. Bereits um drei Uhr stand Rosi in ihrer vollen Pracht, ohne auch nur ein einziges verbleibendes Staubkorn, glänzend in der Stallgasse mit gekämmter Mähne, verlesenem Schweif und poliertem Gesicht.
„Hallo!“, hörte Pia hinter sich Renés Stimme. Pia drehte sich um und sah ihn dicht hinter sich stehen in seiner Reithose in beige und weißem T-Shirt.
„Du bist ja schon fertig!“, sagte René und Pia nickte stumm und spürte, wie ihr sie leicht errötete.
„Na dann, aufgesattelt und los!“, forderte René sie auf.
„Du kannst Rosi auf dem Parcours abreiten.“ Pia stieg ein wenig zu schwungvoll auf Rosi, aber René hielt sie in letzter Sekunde noch am Bein fest, damit sie nicht auf der anderen Seite wieder zu Boden ging. Pia hatte das Gefühl, ihr Gesicht würde rot und röter werden und stammelte: „Danke.“.
„Gerne!“, sagte René und gab Rosi einen Klaps.
„Na dann mal los!“, forderte René Pia auf und Pia trieb Rosi zum Schritt an.
„Reite viele Bögen, damit ihre Muskulatur geschmeidig wird, um die Hindernisse herum, damit sie sich an die Hindernisse gewöhnt! Dann gehen wir auf den Reitplatz.“ René trug inzwischen vier lange weiße Stangen auf den Reitplatz und ordnete sie in gleichmäßigem Abstand in der Mitte der Reitbahn an.
„Und, seid Ihr warm?“, rief er zu Pia hinüber. Pia nickte.
„Dann kommt rüber auf die Bahn.“ Pia lenkte Rosi in Richtung des Dressurplatzes, auf dem sie bisher mit Rosi geritten war und ihr Herz schlug immer heftiger, je näher sie René kam. „Kannst Du mein Herz teilen?“, fragte sie Rosi leise.
„René ist ein toller Typ. Was meinst du?“, flüsterte sie Rosi ins Ohr. Rosi schnaubte, warf ihren Kopf wild auf und ab und René fragte: „Was hast Du ihr denn ins Ohr geflüstert? Es kommt ja richtig Leben in die gute alte Stute.“.
„Das ist unser Geheimnis!“, antwortete Pia, die sich ertappt fühlte.
„Reite ein paar Runden im Trab auf der Bahn und mache viele Richtungswechsel.“, forderte René Pia auf.
„Und jetzt reite einen Wechsel durch die ganze Bahn. Ein Mal von der kurzen Seite durch die Mitte der Bahn und hebe deinen Po leicht an und beuge dich ein wenig nach vorne, wenn Rosi über die ersten Stangen tritt.“ Pia tat, wie ihr gesagt und Rosi ging mit großen Schritten geschmeidig über die Stangen. Allerdings ziemlich am äußeren Rand.
„Gut so!“, rief René.
„Das Selbe nun noch einmal und versuche die Stangen genau in der Mitte zu überqueren.“ Nach einigen Versuchen klappte das auch.
„Du machst das gut!“, lobte René.
„Wenn Du magst, können wir ein kleines Sprüngchen wagen.“.
Pia strahlte und antwortete: „Au ja!“.
„Kommt rüber auf den Parcours und trabe jetzt um die Hindernisse herum. Sehe zu, dass Du Rosi gut durchbiegst. Ich baue dir inzwischen ein Hindernis niedriger.“ René ging zu einem der Hindernisse und stellte die Höhe an beiden Seiten an die niedrigste Stufe, so dass das Hindernis nur noch ungefähr dreißig Zentimeter über dem Boden war und nicht mehr über einen Meter, welches René mit seinem Gauner überquert hatte.
„Reite jetzt auf das Hindernis zu und mache es genau so, wie bei den Stangen auf der Bahn drüben. Nur im Galopp. Und wenn Du ganz dicht am Hindernis bist, gibst Du ihr etwas Luft in den Zügeln, damit sie gut rüberkommt.“ Pia ritt in großem Abstand auf das Hindernis zu und galoppierte an.
„Peile die Mitte an!“, rief René.
„Gerade!“, rief er weiter, denn Pia ritt im Zickzack auf das Hindernis zu. „Beuge dich nach vorne und treibe sie an!“.
Und bevor Pia sich versehen konnte, hatte sie mit Rosi das Hindernis auch schon überquert. „Du machst das gut!“, sagte René.
„Ich habe ja gar nichts von dem Hindernis bemerkt!“, sagte Pia enttäuscht.
„Soll ich das Hindernis eine Stufe höherstellen?“ Pia nickte kaum merklich und René stellte es höher. Pia ritt abermals auf das Hindernis zu und es wurde ihr ein wenig mulmig in der Magengegend.
„Bloß nicht blamieren!“, sagte sie zu sich selbst.
„Nur nicht blamieren. Nicht fallen! Rosi, Du lässt mich doch nicht im Stich?“. Und zack, waren die beiden zwar ein wenig schräg, aber gut über das Hindernis gekommen und das flaue Gefühl in Pias Bauch verflüchtigte sich wieder.
„Jippie!“, rief sie. „Das macht ja total Spaß!“.
René lachte und sagte: „Na dann los und gleich noch mal!“.
Pia konnte gar nicht mehr aufhören und sprang immer wieder und wieder und bemühte sich, besonders gut dabei auszusehen. Und ihr Herz klopfte für René und für Rosi und dafür, dass so ein wunder schöner Tag war und dass sie Sonne so wunderbar schien.
„So, jetzt ist es aber genug für die alte Dame!“, entschied René.
„Jetzt reite sie einmal trocken und dann bring sie in ihre Box. Ich mache ihr inzwischen einen Eimer mit Möhren fertig. Die hat sie sich redlich verdient.“
René verschwand im Stall und Pia drückte Rosi nach dem Absteigen ganz fest.
„Ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe!“, sagte sie zu der Stute und führte sie zu ihrer Box. René kam mit einem großen Eimer Möhren und schüttete sie in Rosis Trog. Rosi drängelte schon mit Sattel und Trense zurück in ihre Box und Pia hatte Mühe, sie zurück zu halten. Da schloss René die Boxentür und sagte: „So tust Du dir leichter!“.
„Wo Du Recht hast, hast Du Recht!“ Sagte Pia, sattelte Rosi ab und ließ sie diesmal gleich zurück in ihre Box, da sie es vor Erwartung des Guten, was sie in ihrem Trog erwartete, kaum aushalten konnte. Sie scharrte mit ihrem Vorderhuf, stupste Pia an und wieherte erwartungsvoll. Kaum hatte Pia die Boxentür geöffnet, eilte sie zu ihrem Trog und war nun schmatzend und mampfend für nichts anderes zu haben, als für Ihre Möhren.
„Lass uns zu Gauner auf die Wiese gehen!“, schlug René vor.
„Willst Du ihn heute nicht reiten?“, fragte Pia verwundert.
„Heute hat er einen Tag Urlaub. Ein freier Tag die Woche schadet ihnen nicht. Im Gegenteil. Dann sind sie frischer, wenn sie wieder etwas tun dürfen.“.
„Komm!“, sagte René und sie schlenderten nebeneinander über die Stallgasse, über den Weg zur Koppel, krochen unter dem Stromzaun durch und gingen auf Gauner zu.
Gauner wieherte, als er René sah und kam in Erwartung einer Möhre gleich auf ihn zu, stupste ihn mit seiner Nase und suchte seine Hand, die er hinter dem Rücken mit der erwarteten Möhre darin versteckt hielt. Er umschloss seine Hand und hielt sie Gauner hin. Da wurde er unruhig und schabte mit dem Vorderhuf, bis René endlich die ersehnte Möhre freigab. Gauner wurde gierig und durchsuchte René mit seinen großen Nüstern nach mehr. „Nein Dicker, mehr gibt es erst im Stall. So lange musst Du dich schon noch gedulden.“. So wandte sich Gauner wieder dem Gras zu, welches ihn in großen Mengen umgab. Und vorsichtig zupfte er an den inzwischen nachgewachsenen Stoppeln.
„Lass uns rüber zu den Jährlingen gehen!“, sagte René und legte schüchtern und nur ganz kurz den Arm um Pia. Pia zitterte innerlich über, ihr Herz begann zu rasen und sie hoffte, er würde es noch einmal tun und länger, doch er tat es nicht mehr. Pia spürte, wie sie sich nach einer vorsichtigen Berührung sehnte und wie zufällig berührte sie ihn kurz an der Hand. René sah sie an und strahlte über das ganze Gesicht.
„Dieser hübsche kleine Hengst ist Toppi. Auf ihn werden große Hoffnungen gesetzt, wenn er groß ist und zugeritten werden kann.“, sagte René und zeigte auf ein milchkaffeebraunes Pferd.
„Mit welchem Alter werden sie denn zugeritten?“, wollte Pia wissen.
„Die ersten drei Jahre stehen sie im Sommer über hier auf der Sommerwiese, da können sie sich satt fressen. Im Winter kommen sie in den Laufstall hinein und werden dort gefüttert. Wenn sie dann drei Jahre alt sind, dann gewöhnt man sie langsam an den Sattel und an die Putzerei. Sie müssen lernen still zu halten, wenn man ihnen die Hufe auskratzt und das Gebiss der Trense anzunehmen. Dann beginnt man langsam, ein wenig Gewicht auf sie zu bekommen. Erst stemmt man sich eine Zeitlang langsam in den Steigbügel hinein, damit sie einen später aufsteigen lassen, bis man sich dann ganz auf ihren Rücken setzt. Dann werden sie erst einmal im Schritt geführt und macht man sie langsam mit den Hilfen vertraut. Das können manchmal ganz schöne Rodeo-Ritte werden.“, erklärte René.
„Das klingt ganz schön aufregend.“.
„Hast Du Gauner selbst zugeritten?“, wollte Pia wissen.
„Nein! Gauner ist ja schon siebzehn und ich bin erst dreizehn.“.
„Siebzehn Jahre?“, fragte Pia erstaunt. „Wie alt können Pferde denn werden?“.
„Siebzehn ist noch gar nichts. Vereinzelte Pferde werden bis zu dreißig Jahre alt.“, erklärte René.
„Sooo alt?“, fragte Pia überrascht nach.
„Na, deine Rosi ist auch nicht mehr die Jüngste!“.
„Nein? Wie alt ist Rosi denn?“.
„Rosi ist fünfundzwanzig Jahre alt und Hans reitet sie eigentlich nur noch zur Jagd oder fährt am Wochenende schon mal mit dem Planwagen mit ihr raus.“ Pia war baff, dass ihre Stute schon so alt war. Doppelt so alt, wie sie selbst. Doch gleichzeitig hatte sie Angst, dass ihrer Rosi etwas zustoßen könnte. Schweigsam gingen sie auf Toppi zu, den Pia sofort streichelte und René klopfte ihm den Hals.
„Hoffentlich wirst Du es gut haben in deinem Leben!“ sagte Pia.
Langsam wurde es kühl und Pia bekam Gänsehaut.
„Frierst du?“, fragte René. Doch Pia schüttelte den Kopf, denn sie wollte Renés Nähe noch lange genießen und bei ihm sein.
René sah auf seine Uhr.
„Oh Mist! Es ist ja schon sieben Uhr und ich muss noch Hausaufgaben machen!“ Pia war es egal. Sie wollte nur in Renés Nähe sein. Der Ärger, der sie zu Hause erwarten würde interessierte sie im Moment auch nicht. Doch dann ergriff sie die Angst, dass ihr ihre Mutter weitere Besuche auf dem Reithof verbieten könne und sagte: „Sieben Uhr? Das gibt Ärger!“ René ergriff Pias Hand und sie liefen mit schnellen Schritten zu ihren Fahrrädern.
„Wo wohnst du?“.
„Richtung Borken. Du?“.
„Direkt im Zentrum in der Nähe der Kirche.“.
„Ich begleite dich nach Hause!“, sagte René ganz, wie ein Gentleman und sie fuhren mit ihren Rädern zu Pia.
„Sehen wir uns morgen?“, fragte René.
„Wann?“, fragte Pia.
„Um sechs Uhr ist Reitstunde. Da kannst Du doch mit Rosi mitmachen.“.
„Um sechs zur Reitstunde!“, bestätigte Pia. Glücklich lief Pia ins Haus.
„Wo kommst Du denn so spät her?“, fragte Pias Oma.
„René hat mir Springen beigebracht!“, strahlte Pia.
„Springen? Etwa mit dem Pferd?“, fragte Pias Oma entsetzt.
„Na klar! Aber mach dir keine Sorgen! Das Hindernis war nur so niedrig.“, erklärte Pia und zeigte mit der Hand die Höhe von dreißig Zentimetern über dem Boden an. Dass sie auch bereits ein fünfzig Zentimeter hohes Hindernis gesprungen ist, das brauchte ihre Oma nicht unbedingt zu wissen, fand sie.
„Dass Du da nur nicht herunterfällst!“.
„Mach ich nicht, aber jetzt muss ich noch Hausaufgaben machen!“.
Die erste Reitstunde und Zimmerarrest
Am nächsten Tag malte Pia im Deutschunterricht lauter „R“ auf den Umschlag ihres Deutschheftes. Pia träumte vor sich hin, war entsetzlich nervös und auf dem Pausenhof setzte sie sich alleine auf eine Stufe, beobachtete René und strahlte ihn an. Zwischendurch erwiderte René Pias Blicke und lächelte sie schüchtern an. Pia hoffte, dass er sich zu ihr setzen würde, um ihre Hand zu halten. So, wie er es am Vortag getan hatte, als sie über die Koppel zu ihren Fahrrädern gelaufen waren. Doch es blieb bei Pias sehnsüchtigen Blicken und heimlichen Wünschen. Nach der Schule beim Essen erzählte Pia ihrer Oma von den Plänen des heutigen Tages. Davon, dass sie ihre erste Reitstunde haben würde, von Rosi, René und Gauner. Pias Oma wurde wütend.
„Wer ist überhaupt dieser René?“, wollte sie von Pia wissen.
„René ist ein Junge aus unserer Schule, eine Klasse über mir und er hat ein Pferd und das heißt Gauner.“, erklärte Pia munter.
„Fängst Du etwa jetzt schon an, dich mit Jungen herumzutreiben?“.
„Ich treibe mich nicht mit Jungen herum, ich gehe mit René zur Reitstunde!“, maulte Pia. „Das werden wir ja noch sehen!“, erwiderte ihre Oma.
„Was soll das denn heißen?“, fragte Pia sauer.
„Du wirst dich nicht mit diesem Jungen treffen und auch heute Abend nicht zur Reitstunde gehen!“, entschied ihre Oma.
„Ich werde gehen!“, schrie Pia sauer.
„Du wirst hierbleiben!“, beharrte ihre Oma stur.
„Ich bin verabredet!“.
„Dann wirst Du eben absagen!“.
„Das werde ich nicht und außerdem habe ich Renés Telefonnummer nicht!“.
„Dann wird dieser René eben umsonst auf dich warten!“, entschied ihre Oma. Pia liefen die Tränen über die Wange.
„Du bist so gemein! Das lasse ich mir nicht von dir gefallen!“, schrie sie und lief in ihr Zimmer. Dort warf sie sich auf ihr Bett, nahm ihren Lieblingsbären in den Arm und schluchzte, bis sie alle Tränen verweint hatte.
„Das muss ich mir nicht gefallen lassen!“, schimpfte Pia und sah ihren Bären an. Als Pia einen Blick auf den Wecker warf, war sie wie erstarrt. Es war bereits halb fünf Uhr am Nachmittag. In nur eineinhalb Stunden würde die Reitstunde beginnen und in einer halben Stunde müsste sie fahren, damit Rosi geputzt war. Pia zog sich ihre Jeans an, die sie immer im Stall an hat, zog sich ein frisches T-Shirt aus dem Schrank und ging die Treppe hinauf, die in das Zimmer ihrer Oma führte, die gerade ein neues Kleid für Pias Mutter nähte.
„Ich bin jetzt weg!“, teilte Pia ihrer Oma mit.
„Habe ich dir das nicht verboten?“.
„Ja!“, antwortete Pia und ging.
Ihre Oma lief ihr hinterher.
„Wenn Du jetzt durch diese Türe gehst, dann werde ich dafür sorgen, dass Du nicht mehr in den Stall fahren darfst.“, drohte sie Pia.
„Du bist so gemein!“, schrie Pia ihre Oma an und begann erneut zu weinen.
Sie ging zum Telefon und wählte die Büronummer ihrer Mutter. Doch es war nur ihre Kollegin am Apparat.
„Deine Mutter ist heute schon früher nach Hause gefahren. Sie muss bestimmt gleich zu Hause sein.“ Da hörte Pia schon den Schlüssel im Schloss.
„Mami!“, rief sie, als ihre Mutter ins Haus kam.
„Was ist denn passiert?“, fragte Pias Mutter, als sie ihr Kind mit Tränen überströmt auf sie zulaufen sah.
„Die Oma hat mir verboten, in den Reitstall zu fahren!“, schluchzte Pia.
„Warum denn das?“.
„Weil René auch dort ist und wir zusammen an der Reitstunde teilnehmen.“.
„Warte einen Moment!“, sagte Pias Mutter und ging zu Pias Oma in die Küche, die gerade das Abendessen vorbereitete.
„Warum soll Pia nicht in den Stall fahren und an der Reitstunde teilnehmen?“.
„Sie ist erst zwölf und fängt jetzt schon an, mit den Jungs herum zu ziehen!“.
„Sie will zur Reitstunde!“, erklärte Pias Mutter.
„Mit einem Jungen!“, sagte Pias Oma trotzig.
„Ich muss los!“, rief Pia ungeduldig aus dem Hausflur.
„Ich fahre dich hin!“, entschied Pias Mutter.
„Das Essen ist fertig!“, drohte die Oma.
„Das kann warten! Man kann dem Kind doch nicht diese Freude nehmen!“, entschied Pias Mutter.
„In einer halben Stunde beginnt die Reitstunde!“, flehte Pia. Ihre Mutter drehte der Oma den Rücken zu, hakte sich bei ihrer großen Tochter demonstrativ unter und ging mit ihr eiligen Schrittes zur Garage.
„Danke Mami!“, sagte Pia.
„Der gefällt dir, der René, oder?“.
„Mhm!“, sagte Pia.
„Darf ich dir bei der Reitstunde zusehen?“.
„Muss das sein?“, wollte Pia wissen.
„Nein! Es wird sich schon einmal ergeben.“ Pia träumte die Fahrt über von dem Zusammentreffen mit René und war voller Erwartung, was sie in der ersten offiziellen Reitstunde ihres Lebens erwarten würde. Ob es wieder zu einer Berührung mit René kommen wird?
„Ich hole dich in zwei Stunden wieder ab.“, sagte Pias Mutter, als sie am Stall angekommen waren.
Da fiel es Pia wie Schuppen von den Augen. Sie konnte so ja kein Stück mit René zusammenfahren. Sie konnte nicht länger im Stall mit ihm zusammen sein. Und alles nur, wegen ihrer Oma. Das würde sie ihr eines Tages noch heimzahlen.
„Du bist spät!“, sagte René, der Gauner bereits auf der Stallgasse sattelte. Wir müssen vor der Reitstunde warm geritten haben.
„Meine Oma hat Ärger gemacht und wollte mich nicht kommen lassen.“, erklärte Pia.
„Bist Du abgehauen?“, fragte René und grinste.
„Nein! Meine Mutter ist rechtzeitig aufgetaucht und hat mich dann hergefahren.“.
„Dann putze Rosi halt nicht ganz so sauber!“, sagte René.
„Beeile dich!“
Pia verpasste ihrem Pferd eine kurze Katzenwäsche, sattelte und kam gerade noch als vorletzte in die Reithalle.
„Du musst Tür frei rufen, wenn Du hereinkommst und andere reiten!“, erklärte René.
„Sonst gibt es noch einen Zusammenstoß. So weiß dann jeder, dass er einen Bogen um die Türe machen muss.“.
„Ach so!“, sagte Pia und wurde rot.
„Das nächste Mal!“, sagte René und grinste.
An der Reitstunde nahmen noch drei Erwachsene und zwei gerade volljährige Mädchen mit ihren Pferden teil. Die beiden Mädchen kicherten unentwegt und schielten zu Robert hinüber, der gerade die Halle betreten hatte.
„Ist der nicht süß?“, sagte Monika zu Heike.
„Den würde ich nicht von der Bettkante stoßen.“.
„Ach, was willst Du denn mit diesem Blondi. Du solltest einmal Marco aus der Berufsschule sehen. Das ist ein Typ. Rassig!“, hörte Pia die beiden reden, als sie an ihr vorbeiritten.
Während der Stunde ritten sie alle hintereinander her und Robert achtete darauf, dass die Pferde alle einen bestimmten Abstand zueinander einhielten und nicht Nase an Schweif der Reihe nach dahin trotteten. Er lässt sie verschiedene Figuren reiten, erklärte Pia, was eine Aufgabe reiten bedeutete und teilte die Reiter in verschiedene Gruppen ein, die in unterschiedliche Richtungen reiten mussten, damit sie das Ausweichen lernten und wer in welche Richtung auf dem Hufschlag bleiben durfte und wer ausweichen musste. Pia war nach dieser Stunde richtig erschöpft. Sie musste an so vieles gleichzeitig denken. Außerdem war sie fertig von dem Ärger mit ihrer Oma am Nachmittag und gähnte, als sie sich von Rosis Rücken gleiten ließ.
„Müde?“, fragte René.
„Geht so!“, antwortete Pia.
„Sehen wir uns morgen wieder um vier Uhr am Springplatz?“, fragte René.
„Ja!“, strahlte Pia. René ging zu seinem Fahrrad und Pia zum Auto ihrer Mutter, das gerade auf den Hof fuhr.
„War er das?“, fragte Pias Mutter. Pia nickte und wurde rot und still.
„Sieht nett aus.“, stellte Pias Mutter fest.
„Wann seht ihr euch wieder?“.
„Morgen um vier.“.
„Ich werde mich darum kümmern, dass Oma nicht kurzfristig auf die Idee kommt, dir den Stallbesuch zu verbieten und wenn es Ärger gibt, dann rufst Du mich an. In Ordnung?“ „Danke Mami!“, sagte Pia und träumte von der Reitstunde und von Renés Blicken und seine Stimme hallte in ihrem Ohr nach.
Viele Tränen und ein Missverständnis
Am nächsten Tag bestrafte Pia ihre Oma schon am Morgen mit Missachtung für das, was sie ihr am Vortag angetan hatte und sagte ein kühles und leises „Tschüs!“ als sie das Haus verließ und zur Schule fuhr. In der Pause sah sie René mit einem Mädchen aus seiner Klasse zusammenstehen. Er hatte Pia gar nicht zur Kenntnis genommen. Da stand er mit diesem blonden Mädchen zusammen und sie lachten und redeten und schienen eine Menge Spaß miteinander zu haben. Pias Bauch zog sich zusammen und ihr Herz flatterte unruhig und alle Schmetterlinge in ihrem Herzen schlossen sich zusammen und wollten wie ein Speer ihr Herz von innen rammen. Ihr war schwindelig und heiß zugleich und am liebsten wäre sie zu ihm gerannt, um zu erfahren, wer diese Tussi sei. Nur mühsam konnte sie sich beherrschen.
Am Nachmittag fuhr sie wieder eine Stunde früher in den Stall in der Hoffnung, dass René auch früher käme, denn sie wollte jede Gelegenheit nutzen, um ihm nahe zu sein. Bereits um drei Uhr war Pia am Stall. Sie holte Rosi von der Koppel, putzte sie sehr ausgiebig, damit René nicht sehen konnte, dass sie schon so lange hier war und auf ihn wartete. Es war halb vier und René hätte langsam eintreffen müssen. Schließlich hatte er auch noch Gauner zu holen und zu putzen. Pia begann traurig zu werden. Es war vier Uhr und René war immer noch nicht gekommen. Pia sattelte Rosi und ging mit ihr auf den Reitplatz. Ihr Magen hatte sich verkrampft und am liebsten hätte sie laut zu weinen begonnen. Nur mit Mühe ritt sie Rosi warm und begann die erlernten Dressuraufgaben zu wiederholen. Laufend sah Pia auf die Uhr, doch René war nirgendwo zu sehen und Gauner graste genüsslich auf der Koppel. „Blöde Kerle!“, sagte Pia zu Rosi. Es war fünf Uhr und immer noch keine Spur von René. Pia stieg ab, versorgte traurig ihr Pferd und gab Rosi eine Möhre. Sie nahm noch eine Möhre aus der Packung und ging auf die Koppel zu Gauner.
„Wo ist denn dein Mensch?“, wollte sie von Gauner wissen und wünschte sich, er würde ihr eine Antwort geben können. Doch Gauner nahm nur dankbar die Möhre und graste weiter. Traurig ging Pia von der Koppel, verabschiedete sich von Rosi und ging zu ihrem Fahrrad, als sie das Auto von Renés Mutter auf den Hof fahren sah. Doch René war nicht darin. Seine Mutter stieg aus und ging in Richtung Stall und Pia stieg auf ihr Fahrrad und fuhr traurig nach Hause. Bestimmt hatte er sich mit dieser doofen blonden Zicke vom Schulhof getroffen. Bestimmt hatte sie ihm den Kopf verdreht. Bestimmt würde er mit ihr in einer Eisdiele sitzen oder mit ihr Händchen haltend durch die Stadt schlendern. So schlug Pia einen anderen Weg als üblich ein und fuhr an den Eisdielen in Renés Nähe vorbei um zu sehen, ob er dort saß, flirtend mit diesem Blondchen, doch Pia konnte René nirgends erspähen. Sie wusste nicht, ob sie traurig oder wütend sein sollte. Zu Hause angelangt warf sie ihr Fahrrad gegen das Geländer, ohne es abzuschließen und stapfte wütend in ihr Zimmer, warf die Türe hinter sich zu und sich auf das Bett. Sie nahm ihren Teddy in beide Hände und erzählte ihm von ihrem Leid und wie unzuverlässig die Jungs doch seien und er froh sein könne, ein Teddy zu sein.
„Was ist los?“, fragte Pias Mutter, als sie nach Hause kam.
„René war heute nicht im Stall, obwohl wir verabredet waren.“, erklärte Pia ihr traurig. „Dann war er bestimmt verhindert und wird morgen wieder da sein.“, versuchte ihre Mutter sie zu trösten.
„Ich habe ihn mit so einem blöden Blondchen am Schulhof flirten sehen. Die war bestimmt wichtiger. Aber dass die selbst wichtiger als Gauner ist …“, schimpfte Pia.
„Das ist bestimmt ein Missverständnis!“, versuchte Pias Mutter, sie zu beruhigen. „Bestimmt!“, sagte Pia grimmig und zog sich sauer die Decke über den Kopf.
„Warte ab bis morgen!“, sagte Pias Mutter und streichelte Pia über ihr blondes langes Haar.
Am nächsten Tag konnte Pia René in der Schule nicht entdecken. Gleich nach dem Mittagessen fuhr sie in den Stall, doch auch an diesem Tage kam er nicht. Dafür kam seine Mutter. Doch Pia wagte es nicht, sie nach René zu fragen. Es mussten zwei Wochen vergehen, als Pia René endlich wieder im Stall sah. Zwei Wochen, in denen sie sich zermürbte. Zwei Wochen voller Ungewissheit, zwei Wochen voller Leid für sie und plötzlich kam er auf den Reiterhof, als wäre nie etwas gewesen. Rasch ging Pia um eine Ecke in der Hoffnung, er würde sie nicht gleich entdecken. Was sollte sie tun? Sollte sie sich rasch nach Hause schleichen? Sollte sie ihm entgegenlaufen, ihn anschreien? Sollte sie ihm um den Hals fallen und ihm zeigen, wie froh sie doch war, dass er wieder hier war? Pia konnte sich nicht entscheiden und mitten in ihrem Gefühlsdurcheinander klopfte es ihr von hinten auf die Schulter. Pia drehte sich um und sah René.
„Hallo!“, sagte sie kühl.
„Hallo!“, sagte René. Und Pia ging in Richtung von Rosis Box.
„Was ist denn los?“, wollte René wissen.
„Nichts!“, log Pia.
„Ich habe gehofft, Du würdest mich einmal besuchen kommen!“, sagte René vorsichtig.
„Ich weiß doch nicht, wo Du wohnst und warum hätte ich dich uneingeladen besuchen kommen sollen?“.
„Du weißt es nicht?“.
„Was weiß ich nicht?“.
„Ich hatte einen Blinddarmdurchbruch.“, sagte René.
„Ja, und der Blinddarmdurchbruch ist blond!“, antwortete Pia, da sie sich diesen Kommentar nicht verkneifen konnte.
„Ja hat man dir denn nichts gesagt?“.
„Was gesagt?“.
„Ich habe meine Mutter gebeten, sie soll dir Bescheid sagen! Dir persönlich oder über Hans. Das schien ihr wohl nicht wichtig genug zu sein oder sie muss es vergessen haben. Ich habe mir so gewünscht, Du würdest mich im Krankenhaus besuchen.“.
„Wirklich?“, fragte Pia ungläubig.
„Wirklich!“, bestätigte René und streichelte ihr einmal über den Arm.
„Ich dachte …“, sagte Pia, doch René legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen.
„Schön, dass ich dich jetzt wieder sehen kann!“
Alles oder nichts
Am nächsten Tag trafen sich Pia und René wieder im Stall bei ihren Pferden und während Pia auf René wartete, damit sie ihre Pferde gemeinsam von der Koppel holen konnten, sah sie einen Aushang am schwarzen Brett. In dem nahegelegenen Reitverein sollte ein Turnier stattfinden. Pia war Feuer und Flamme, als René kam. Gleich erklärte sie ihm, dass sie unbedingt daran teilnehmen wollte und bis dahin noch sehr viel lernen müsse.
„Das sind nur ein paar wenige Wochen!“, sagte René.
„Egal!“, sagte Pia.
„Wenn Du mir hilfst, dann kann ich es schaffen!“
Von diesem Tag an arbeiteten Pia, René und Rosi sehr hart miteinander und Gauner musste öfter einmal in den Konditrainer, denn er konnte nicht von René geritten werden. Die Hindernisse waren wieder ein Stückchen höher. Aber so hoch, dass Rosi diese mit Pia auf ihrem Rücken problemlos überqueren konnte.
„Du hast viel gelernt!“, stellte Hans eines Tages fest.
„René nimmt sich viel Zeit für Rosi und mich.“.
„Er mag dich!“, sagte Hans und Pia errötete.
„Bald ist ein Turnier im Reitverein.“, sagte Hans.
„Komm doch mit.“.
„Ich würde gerne mit Rosi starten!“, sagte Pia.
„Da musst Du mit Robert sprechen. Er ist der Reitlehrer.“.
„Aber Rosi gehört dir. Ist es dir recht?“.
„Wenn Robert zustimmt.“ bestimmte Hans.
In diesem Moment kam Robert über den Flur. Er hatte lediglich gehört, dass er bei irgendetwas zustimmen solle.
„Wozu soll ich zustimmen?“, wollte Robert wissen.
„Ich würde gerne auf dem Turnier starten!“.
„Erlauben das deine Eltern? Die würde ich vorher gerne sprechen.“.
„Ich sage meiner Mutter, dass sie dich anruft!“, versprach Pia.
„Mami, Mami!“, rief Pia ihrer Mutter entgegen, als sie durch das Haus in den Garten lief. „Was ist denn?“, fragte Pias Mutter und wartete gespannt auf die Ereignisse, die ihr ihre Tochter gleich berichten würde.
„Ich will Turniere springen!“, sagte Pia knapp.
„Turniere springen?“, fragte Pias Oma, die Pia gefolgt war, als sie bemerkte, wie aufgeregt sie nach Hause gekommen war.
„Ja! Turniere springen!“, bestätigte Pia.
„Das kommt ja gar nicht in Frage!“, entgegnete Pias Oma prompt. Ihre Mutter hatte ihr nicht entgegnen können, da sie sich gegenseitig in Erziehungsfragen nicht ausspielen wollten.
„Das ist viel zu gefährlich!“, erklärte die Oma. Pia spürte, wie ihr Kopf anschwoll, langsam die Wut in ihr zu brodeln begann.
„Nichts darf man!“, schrie Pia und suchte etwas, was sie ihrer Oma hätte vor die Füße werfen können, um ihrer Wut etwas Luft zu machen. Da sie nichts fand, zog sie schweren Herzens ab und man hörte nur noch ihre Zimmertüre laut ins Schloss fallen.
„Hast Du mit deinen Eltern gesprochen wegen dem Turnier?“, hatte Robert am nächsten Tag gefragt, als er Pia auf den Hof kommen sah.
„Ja!“, antwortete Pia immer noch sauer.
„Und, erlauben sie dir, an dem Turnier teilzunehmen?“, wollte Robert weiter wissen. „Nein!“, sagte Pia stur und trotzig.
„Ich muss die Genehmigung von deinen Eltern haben. Sonst kann ich dich nicht antreten lassen.“, erklärte Robert.
„Es tut mir leid!“, sagte er und setzte seinen Weg fort.
„Es tut mir leid! Es tut mir leid!“, maulte Pia nach.
„Das ist zu gefährlich!“, äffte sie ihre Oma vom Vorabend nach.
„Warum will jeder wissen, was das Beste für mich ist?“, fragte Pia ihre Rosi, die sie nur verständnislos ansah. René war zwischenzeitlich auch im Stall eingetroffen und fragte: „Und, was haben deine Eltern gesagt? Lassen sie dich starten?“.
„Nein! Sie haben Angst, dass ich mir das Genick breche!“, sagte Pia enttäuscht.
„Eltern!“, sagte René.
„Mach dir nichts daraus, wir werden trotzdem weiter mit Rosi daran arbeiten.
„Na toll!“, sagte Pia.
„Und wofür?“, fragte sie entmutigt.
„Du willst alles oder nichts!“, stellte René verwundert fest.
„Genieße doch, dass ihr so gute Fortschritte macht. Warte es ab! Wir werden sehen, was passiert. Aber das Turnier behalten wir im Auge. Wir haben noch jede Menge Zeit bis dorthin!“, versuchte René Pia aufzumuntern. Pia riss sich am Riemen und sattelte Rosi. Zu ihrer eigenen Überraschung verlief das Training an diesem Tag sehr viel besser. Sie hatte wirklich viel von René gelernt. Als sie sich nach getaner Arbeit vom Pferd gleiten ließ, stand René ganz dicht hinter ihr und als sie sich umdrehte, stand René mit seinem Gesicht ganz nah vor Pia. So, dass sie seinen Atem spürte. Ihr Herz stand fast still. Sie hielt die Luft an in der Hoffnung, damit auch die Zeit anhalten zu können.
„Ihr wart sehr gut heute!“, bekräftigte René und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Pia kochte das Blut in den Adern. Es wurde ihr heiß und kalt und es war das schönste, was ihr in ihrem ganzen Leben passiert war. Ihre Backe fühlte sich auch nach dem Kuss darauf warm, heiß und glühend an. Sie könne sich nie wieder das Gesicht waschen. Das war der erste Kuss, den sie von einem Jungen bekommen hatte.
„Na, was ist?“, fragte René und forderte sie mit einer Handbewegung zum Gang in den Stall auf. Doch Pia hatte ganz wacklige Knie und war verwirrt. Mit Sicherheit war das der schönste Tag in ihrem Leben, den sie niemals vergessen würde.
Auf dem Nachhauseweg führte Pia der Weg an einem Gasthaus vorbei, vor welchem ein geschmückter Brautwagen stand und die anderen Autos waren alle mit weißen Schleifen an den Antennen geschmückt. Pia verfiel in einen Tagtraum und stellte sich vor, wie sie in einem Prinzessinnenkleid ganz in weiß und einem langen Schleier aussähe und René an ihrer Seite. Doch vor ihrem Fest würde eine Hochzeitskutsche warten. Eine weiße Kutsche mit Rosi und Gauner davor gespannt. Oder sie würden vorreiten. Sie in ihrem Traum in weiß und René in dunklem Anzug. Verträumt kam Pia zu Hause an und schwebte wie von Sinnen in ihr Zimmer hinauf. Hörte nicht, was ihre Oma noch nachrief und legte sich auf ihr Bett. Die Kissen kamen ihr heute besonders weich vor. Sie nahm ihren Teddy in den Arm und träumte mit offenen Augen von ihrer Zukunft mit René. Irgendwann wurde sie unsanft aus ihren Wachträumen gerissen.
„Möchtest Du nichts essen?“, fragte ihre Oma vorsichtig.
„Kein Hunger!“, antwortete Pia kurz, um sich sofort wieder ihren Träumen widmen zu können.
„Deine Lehrerin hat heute angerufen!“, sagte die Oma.
„Deine Leistungen lassen in letzter Zeit zu wünschen übrig.“ Da war Pia sehr unsanft von ihrer Wolke heruntergeholt worden.
„Da wird es wohl vorbei sein mit der Reiterei, wenn die Mami das erfährt!“
Pias Oma schien ihrer Mutter noch nichts von dem Anruf der Schule gesagt zu haben, denn sie ließ sie in Ruhe und Pia konnte sich weiter ihren Tagträumereien hingeben, obwohl sie zwischenzeitlich nicht mehr nur tagsüber von René träumte. Auch nachts galt jeder Gedanke ihm und auf dem Schulhof ließ sie keinen Blick mehr von ihm, so dass sie ihre Mitschüler bereits hänselten.
„Unreifes Volk!“, gab Pia dann nur von sich. Schließlich hatte sie ihren ersten Kuss bekommen. Wenn auch nur auf die Wange. Doch seither sehnte sie sich, dass Renés Lippen die ihren berühren würden.
Schmerzhafte Heimlichkeiten
Am Nachmittag ging Pia noch vollkommen verträumt in den Stall. Als sie René sah, schwebte sie vor Glück gleich noch eine Wolke höher. Ein wenig war sie enttäuscht, dass Rosi ein solches Gefühl in ihr nicht erwecken konnte. Der heutige Ritt mit Rosi war auch wie auf Wolken und Pia sprang gemeinsam mit ihr über die noch viel höher gelegenen Wolken. Immer höher und höher hinauf und René stand am Rande und sah ihr zu.
„Pass auf!“, rief René, der sah, wie unkonzentriert Pia heute war.
„Konzentriere dich!“ Doch da war es schon geschehen. Pia hatte eine Hürde viel zu schräg und viel zu kurz angeritten, Rosi hatte abrupt abgebremst und Pia lag rücklings im Hindernis. War Rosi eifersüchtig geworden? Pia konnte es sich nicht erklären, dass sie so unsanft mitten im Oxer abgesetzt wurde. Sie wollte wieder heraus kriechen aus ihrem Gefängnis, doch es ging nicht. Pia konnte den Oberkörper nicht heben. Nur mit den Beinen konnte sie strampeln.
„Ist dir was passiert?“, fragte René, als er sie völlig außer Puste erreicht hatte.
„Nein, nein!“, log Pia.
„Gib mir nur deine Hand und hilf mir hier raus!“ René streckte ihr seine Hand entgegen, um sie aus ihrem Gefängnis zu befreien und laut stöhnend brachte Pia ihre Füße wieder auf den Boden. Leicht gekrümmt ging sie auf Rosi zu.
„Hast Du schlimme Schmerzen?“, fragte René besorgt.
„Hilf mir lieber auf Rosi hinauf!“, bat Pia.
„Du bist verrückt!“, sagte René entsetzt.
„Ja, aber sonst meint sie, sie kann sich in Zukunft immer so aus der Affäre ziehen!“, stöhnte Pia und kletterte mit schmerz verzerrtem Gesicht auf Rosis Rücken zurück.
„Schließlich habe ich keine Lust, ab jetzt jeden Ritt auf diese unsanfte Tour zu beenden.“
Pia trabte an, doch sie ließ sich nur hilflos auf Rosis Hals sinken. Sie hatte so große Schmerzen, dass sie dachte, ein Speer würde sich durch ihre Rippen bohren und sie versuchte Rosi zum stehen zu bringen. Die Schmerzen waren einfach zu groß. Doch Rosi ließ sich nicht anhalten. Sie trabte gerade zu auf das Hindernis zu, galoppierte kurz davor an und setzte zum Sprung an. Pia klammerte sich nur mühsam an ihrem Hals fest. Konnte sich aber nicht halten und rutschte an Rosis Seite herunter. Rosi galoppierte weiter und Pia erreichte abermals unsanft den Boden. René kam wie der Blitz zu ihr geschossen.
„Pia!“, rief er! „Pia!“.
„Meine Eltern dürfen nichts erfahren!“, sagte Pia.
„Sie lassen mich sonst nie wieder auf ein Pferd!“.
„Kommst Du bis zu meinem Fahrrad?“, fragte René.
„Bring bitte erst Rosi in ihren Stall!“, bat Pia besorgt.
„Aber dann bringe ich dich ins Krankenhaus!“.
„Aber nur, wenn Du mir versprichst, dass niemand etwas erfährt!“.
„O. K.!“, murrte René, da er Pia nicht verärgern wollte.
So setzte sich Pia auf Renés Gepäckträger und klammerte sich fest an ihn. Sie spürte seine Atmung, jede Bewegung eines jeden Muskels. So konnte sie ihren Schmerz einigermaßen ertragen. Die Fahrt mit dem Fahrrad dauerte eine dreiviertel Stunde. Es war eine Ewigkeit, doch dicht an René gedrückt wünschte sich Pia, die Fahrt würde nie enden.
„Komm! Vorsichtig!“, sagte René und legte den Arm unter ihren und stützte sie beim Gehen. „Was kann ich für euch tun?“, fragte eine ältere dicke Dame an der Pforte.
„Wir müssen dringend zu Dr. Böker!“, sagte René.
„Wer ist Dr. Böker?“, fragte Pia.
„Dem können wir vertrauen!“, sagte René.
„Einen Moment bitte!“, sagte die dicke Dame vom Empfang.
„Ich rufe ihn aus!“
Nach zehn Minuten erschien ein rothaariger Mann mit Sommersprossen in einem weißen Kittel. Er durfte nicht älter als einunddreißig Jahre alt gewesen sein und sah sehr freundlich aus.
„Hallo René!“, sagte der Arzt.
„Was ist denn mit deiner Freundin passiert?“, fragte er.
„Sie ist gestürzt beim Springreiten!“, erklärte René.
„Das muss ich mir genauer ansehen!“, sagte der sommersprossige Arzt.
„Kommt mit in das Behandlungszimmer!“.
„Das ist sie also!“, sagte er leise zu René und dieser nickte.
„Dann hat sich ja doch noch alles zum Guten gewandt!“ stellte der freundliche Arzt fest und kniff René in die Seite, dass René errötete.
„Das sollten wir röntgen!“, beschloss der Arzt.
„Aber es darf keiner etwas erfahren!“, sagte Pia besorgt.
„Ich möchte doch unbedingt das Vereinsturnier reiten. Es soll mein erstes Turnier sein!“ „Hmmm!“ Machte der Arzt.
„Das sollten wir hinbekommen!“.
„Danke!“, sagte Pia erleichtert und René fuhr Pia in einem Rollstuhl zum Röntgensaal. „Kannst Du mich nicht lieber noch mal unterhaken?“, fragte Pia schüchtern. René lachte und sagte: „Das machen wir später! Jetzt wird gefahren!“
„Gebrochen ist Gott sei Dank nichts!“, sagte der junge Arzt, als er die Röntgenbilder ansah. Pia und René seufzten erleichtert auf.
„Aber schonen musst Du dich jetzt ein Weilchen!“, maßregelte der Arzt sie zur Vorsicht. „Warum tun sie das?“, fragte Pia.
„Es ist mein Beruf Menschen zu helfen!“, antwortete er.
„Ich meine das, dass sie uns helfen, diesen Unfall zu verheimlichen.“, sagte Pia.
„Ach weißt du, auch ich habe einmal mein erstes Turnier geritten und René und ich haben uns sehr gut verstanden, als er hier war und mir seinen Blinddarm überlassen hat.“ Doch mehr hat er nicht gesagt und Pia eine Salbe in die Hand gedrückt, welche die Schmerzen lindern sollte.
„Lasst mich wissen, wann der große Tag ist!“, sagte er zum Abschied.
„Und wenn ihr mich braucht, dann wisst ihr, wo ihr mich findet!“ René und Pia bedankten sich nochmals ausgiebig und René fuhr Pia auf seinem Fahrrad nach Hause.
„Warum hat er das für uns getan?“, wollte Pia erneut wissen.
„Das ist unser Geheimnis!“, sagte René und grinste sie an.
Ganz leise hatte Pia sich zu Hause in ihr Zimmer geschlichen und nur gerufen: „Bin wieder da!“ Und: „Hab keinen Hunger!“ Ganz früh hat sie sich abends gewaschen und ihren Schlafanzug angezogen, damit niemand etwas mitbekam. Ihre Mutter hatte sich zwar gewundert, aber Pia hat erklärt, dass sie sehr müde sei und früh schlafen gehen wolle. Sicherheitshalber ist sie sehr aufrecht gegangen, damit man ihr nichts anmerken konnte.
Als Pia am nächsten Morgen im Badezimmer war und ihr Schlafanzugoberteil auszog, hatte sie dunkelst blaue Flecken am rechten Oberkörper und als sie es am wenigsten gebrauchen konnte, kam ihre Mutter noch einmal in das Bad, da sie etwas vergessen hatte.
„Was ist das denn?“, fragte Pias Mutter besorgt.
„Wie ist das denn passiert?“, wollte sie wissen.
„Das muss sich unbedingt ein Arzt ansehen!“, hat sie beschlossen.
„Ich bin von Rosi gefallen!“, antwortete Pia kleinlaut.
„Du bist gesprungen!“, erriet ihre Mutter.
Pia sagte nichts mehr.
„Du solltest schon auf das hören, was Oma oder ich zu dir sagen. Dann wirst Du in Zukunft eben nicht mehr in den Stall fahren!“, hat Pias besorgte Mutter beschlossen.
„Das kannst Du nicht tun!“, rief Pia.
„Bitte, tu mir das nicht an! Rosi braucht mich doch!“.
„Du bleibst zu Hause!“.
Pia lief in ihr Zimmer und warf die Tür hinter sich zu, ließ sich auf das Bett fallen und weinte Herzzerreißend.
Ausgerückt
René sah Pia sofort, als er auf den Pausenhof gekommen war und ging gleich zu ihr hinüber, um sich zu erkundigen, wie es ihr nach dem Sturz geht.
„Sie haben mich erwischt!“, sagte Pia traurig.
„Mist!“, sagte René.
„Hast Du großen Ärger bekommen?“, erkundigte er sich mitfühlend.
„Sie hat mir verboten in den Stall zu fahren!“
„Schade!“
„Du glaubst doch nicht, dass ich mir das verbieten lasse so kurz vor dem Turnier?“, fragte Pia entrüstet.
„Du nicht!“, stellte René fest.
„Hilfst Du mir trotzdem weiter?“, fragte Pia mit flehendem Blick. „Bitte!“.
„Wie könnte ich dich im Stich lassen?“, sagte René in beruhigendem Tonfall.
Pia wurde es wieder warm ums Herz und ihre Verzweiflung löste sich langsam und fiel René erleichtert um den Hals.
„Danke!“, sagte sie zu ihm und küsste ihn auf die Wange.
Da ertönte die Schulglocke zum Zeichen, dass die Pause beendet war und sie wieder in ihre Klassen zurück mussten.
„Ich hole dich um Mitternacht ab. Ich warte an der Ecke des Zaunes des Eckhauses neben euch.“.
„Ich werde da sein!“, bestätigte Pia strahlend und lief zurück in ihr Klassenzimmer, da die Glocke bereits zum zweiten Mal ertönte.
Am Abend war Pia sehr aufgeregt. Sie war noch nie von zu Hause ausgerissen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrer Bauchgegend breit. Doch es musste sein. Schließlich konnte sie ihre Rosi nicht im Stich lassen und sie wollte René weiterhin sehen und das Turnier wollte sie auch um jeden Preis reiten. Augenscheinlich gelangweilt saß Pia bei ihrer Mutter im Wohnzimmer und sah sich mit ihr einen Krimi an. Ihre Oma war in ihrem Zimmer und nähte. Pia hoffte, dass ihre Mutter nichts von ihrer Aufregung bemerkte.
„Jetzt aber ins Bett mit dir!“, sagte ihre Mutter.
„Och, noch ein bisschen!“, bettelte Pia, wie sie es immer tat, um nicht aufzufallen.
„Du musst morgen früh in die Schule! Gehe jetzt in dein Bett!“, forderte sie ihre Mutter erneut auf. Maulend zog Pia ihren Schlafanzug an und ging in ihr Zimmer. Es war inzwischen viertel nach neun. In drei Stunden wäre sie mit René bereits auf den Weg in den Stall. Jetzt musste sie nur noch warten, bis ihre Mutter im Bett war und schlief. In der Regel ging sie um zehn Uhr schlafen, doch inzwischen war es elf Uhr. Langsam wurde Pia unruhig. Es dauerte gewöhnlich eine Weile, bis ihre Mutter fest schlief und der Zeiger auf Pias Wecker wanderte sehr schnell in die Richtung, wo er ihr anzeigte, dass es bald Mitternacht sein würde.
Die Kirchturmuhr schlug zwölf Mal. René würde bestimmt schon an der Ecke des Nachbarshauses auf sie warten. Pia wurde nervös und eine Schweißperle lief ihr über die Stirn. Wenn ihre Mutter nicht bald ins Bett gehen würde, könne sie auf gar keinen Fall ausbüchsen, denn sie sah immer noch einmal nach ihr. Der Zeiger der Uhr lief weiter. Es wurde fünf Minuten nach Mitternacht, zehn Minuten, fünfzehn Minuten. Dann endlich hörte sie, wie ihre Mutter die Treppe hinaufging und im Badezimmer verschwand. Zehn Minuten später ging sie direkt in ihr Bett.
„Mist!“, schimpfte Pia leise vor sich hin. „Wenn ich das geahnt hätte, dass sie heute nicht mehr reinkommt, dann könnte ich schon längst bei René und bei Rosi sein!“, sagte sie zu ihrem Teddy. Sie wartete noch ein paar Minuten, dann drückte sie leise die Türklinke, schloss die Türe so leise, wie sie konnte und schlich sich vorsichtig die Treppe hinunter. Im Wohnzimmer stand eine angebrochene Flasche Wein. Das war ein Zeichen, dass ihre Mutter fest schlafen würde. Auch das Licht im Zimmer ihrer Oma im Dachgeschoss war erloschen. Vorsichtig drehte Pia den Schlüssel im Schloss um, steckte den Schlüssel von außen wieder hinein, zog die Türe leise zu und lief eiligen Schrittes auf leisen Sohlen zu der verabredeten Stelle.
„So ein Glück!“, stieß Pia erleichtert hervor. „Ich hatte schon Angst, dass Du schon wieder gefahren wärst.“.
„Ich dachte schon, Du seiest eingeschlafen.“, spottete René.
Pia warf ihm einen verachtenden Blich zu und sagte: „Doch nicht bei einer so wichtigen Verabredung!“ Beide lachten leise und stiegen auf ihre Fahrräder, um in den Stall zu fahren.
„Ich habe Rosi heute Nachmittag schon gestriegelt, als ich mit Gauner trainiert habe, damit es heute Nacht schneller geht und wir uns nicht so lange im Stall aufhalten müssen.“, rief René Pia unterwegs zu.
„Du bist ein Schatz!“, erwiderte Pia. Diesmal stellten sie ihre Fahrräder hinter dem Stall bei den Koppeln ab, damit sie niemand vom Haus aus sehen konnte. Sie sattelten Rosi in der Box und schlichen sich die Stallgasse in Richtung des großen Tores auf der Seite des Stalles, um mit Rosi auf den Springplatz zu gelangen.
„Ich hätte ihr Lederschühchen organisieren sollen!“, sagte René. Pia sah ihn verwundert an und sagte: „Ganz schön laut, die Hufeisen, mitten in der Nacht!“ René nickte, um mit seiner Stimme den Geräuschpegel nicht zu vergrößern.
„Reite sie auf dem Dressurplatz ab!“, bestimmte René.
„Der Sandplatz ist etwas leiser, als die Wiese. Pia nickte und machte sich an die Arbeit, während René die Hindernisse auf die richtige Höhe für Pia einstellte. Als er fertig war, winkte er Pia zu sich herüber.
„Heute machen wir es so, wie es auf dem Turnier sein wird. Ich zeige dir, in welcher Reihenfolge Du die Hindernisse nehmen musst.“ Dann ging René neben Rosi her und führte Pia an Rosis Zügel von Hindernis zu Hindernis in der Reihenfolge, in der sie diese gleich überwinden sollte.
„Hast Du dir die Reihenfolge gemerkt?“, wollte René wissen und Pia nickte.
„Na dann los!“, sagte René und klopfte Rosi den Hals und strich dabei über Pias Bein. Als Pia die Aufgabe mit Rosi beendet hatte, ritt sie zurück zu René.
„Die beiden dort vorne hast Du verwechselt!“, beanstandete er.
„Das bedeutet auf einem Turnier Strafpunkte und Zeitverlust! Das werden wir noch üben.“ René zeigte Pia eine neue Reihenfolge und Pia sprang los. Als sie gerade auf das erste Hindernis zuritt, sah sie, wie eine blonde Gestalt, die sich als Robert erwies, auf René zukam und sich mit ihm unterhielt. Jetzt musste Pia alles geben. Sie hatte vor, Robert zu beeindrucken, damit sie eine Chance hatte, ihn zu überzeugen und dass er schwieg.
„Das war gar nicht schlecht!“, sagte Robert, als Pia auf ihn zutrabte.
„Wann hast Du das denn alles gelernt?“, fragte Robert weiter.
„Das, wenn mein Vater wüsste!“, sagte Robert weiter.
„Wäre er sauer?“, fragte Pia vorsichtig.
„Sauer?“, fragte Pia.
„Baff wäre er, was Du und sein Charly alles gelernt habt in der kurzen Zeit.“ Pia strahlte über das ganze Gesicht und war stolz, dass Robert ihre Leistung und Renés Unterricht so lobte. „Aber warum trainiert Ihr um diese Uhrzeit?“, wollte Robert wissen und setzte eine Flasche Bier an seine Lippen, um einen Schluck daraus zu nehmen. Da wurde Pia rot, ließ den Kopf sinken und sagte gar nichts mehr.
„Ihre Mutter hat ihr verboten zu springen und dann ist sie gestern heruntergefallen und hat sich die ganzen Rippen geprellt. Und weil Pia trotzdem gesprungen ist, hat sie ihr jetzt ganz verboten, hier her zu kommen.“.
„Das ist bestimmt ganz schön hart für dich.“, stellte Robert fest und nahm einen neuen Schluck aus seiner Bierflasche.
„Du hast Courage!“, sagte Robert.
„Das gefällt mir!“ Da atmeten Pia und René auf.
„Aber es ist gefährlich, wenn ihr hier spät in der Nacht alleine trainiert. Sagt mir in Zukunft, wann ihr kommt, dann werde ich da sein und dir auch ein bisschen Unterricht geben.“ Wieder war Pia unendlich froh. In letzter Zeit schwankte sie ständig zwischen Glück und Unglück. Ein Mittelding schien es in ihrem Leben überhaupt nicht mehr zu geben, was sich als sehr anstrengend erwies, denn beides kostete sie sehr viel Energie.
„Jetzt macht mal Schluss für heute! Ich habe schon ein bisschen was getrunken. Da wäre es zu leichtsinnig, weiter zu machen. Vor allem, wenn etwas passieren sollte. Sehe ich euch morgen um dieselbe Zeit wieder?“, wollte Robert wissen.
„So, wie meine Mutter schläft, schleiche ich mich weg.“.
„Morgen um halb eins morgens!“, bestimmte René.
„Ich hole dich zu Hause ab. Es ist gefährlich für ein Mädchen, wenn es so spät allein unterwegs ist.“
„Das nenne ich Gentleman!“, sagte Robert.
„Mit René hast Du einen guten Fang gemacht!“ Und beide wurden sie rot in ihren jugendlichen Gesichtern. Sie mochten sich zwar sehr, aber haben noch nicht beschlossen, ob sie miteinander gehen wollten. Aber alles würde zu seiner Zeit kommen. Wichtig war nur, dass sie sich oft trafen und das Turnier hatte nun einfach einmal Vorrang.
Ein Käufer für Rosi
Am nächsten Tag, als René im Stall mit seinem Gauner zu Gange war, sah er, wie ein alter Mercedes mit Münchner Kennzeichen auf den Hof fuhr. Es stieg ein Mann um die sechzig aus, wie René ihn einschätzte. Er hatte dunkelgraues Haar, einen dicken Bierbauch und trug eine abgewetzte alte Lederhose mit bestickten Hosenträgern und einer grauen Trachtenjacke darüber. Auf dem Kopf hatte er einen Hut mit einem Gamsbart, der sehr gut zu seinem eigenen Schnauzbart im Gesicht passte, wie René fand. Als er auf dem Weg zum Haus war und Hans ihm die Türe öffnete, sagte er: „Servus Hans, alter Saukerl!“ Und lachte schallend.
„Wie geht es dir?“, fragte Hans und legte seine Hand auf Sepps Schulter. „Passt schon!“, antwortete der Fremde.
„Schauen wir ihn gleich an?“, drängelte er.
„Ja, komm mit!“
Die beiden Männer gingen in Richtung des Stalles und René schlich ihnen auf leisen Sohlen nach und streckte seinen Kopf um das Eck, damit er ja alles mitbekam. Das Herz blieb ihm stehen, als sie an Rosis Box haltmachten.
„Da ist er, der Charly!“, sagte Hans.
„Die würde sich gut machen mit meiner Rosette! Ein schönes Gespann! Also, Du bist mir noch einen Gefallen schuldig! Mach mir einen guten Preis!“ Dann schlug der bayerische Sepp Hans auf die Schulter und sie gingen zurück in das Haus. René schlich um das Wohnhaus und steckte durch jedes der Fenster den Kopf, um zu sehen, wo sie sich im Haus aufhielten, um zu hören, was sie sprachen. Doch er konnte sie nicht aufspüren. Aufgeregt lief er zu Gauners Box, um seine Putzutensilien aufzuräumen und schnell Pia von den grauenvollen Neuigkeiten zu berichten. Als er zu seinem Fahrrad lief, sah er, wie die beiden Männer sich die Hand gaben und sich verabschiedeten.
„Zwei Tage lasse ich Charly noch bei dir stehen. Dann komme ich mit dem Hänger, bevor ich wieder nach Hause fahre und nehme Charly mit.“ René war schockiert und sein Fahrrad fiel ihm vor lauter Aufregung immer wieder aus der Hand und das Schloss wollte sich nicht öffnen lassen. Als er es doch geschafft hatte, fuhr er so schnell, wie noch nie zu Pia und läutete. Pia öffnete die Türe.
„René, was machst Du denn hier?“, fragte Pia überrascht.
„Ich muss dringend mit dir sprechen! Es geht um Rosi!“, erklärte René hastig.
„Komm rein! Lass uns in mein Zimmer gehen!“ Als Pia und René gerade auf der Treppe nach oben in Pias Zimmer waren, kam ihre Oma aus der Küche heraus um zu sehen, wer geläutet hatte.
„Oma, das ist René!“, stellte Pia René vor.
„Wo geht ihr hin?“, wollte Pias Oma wissen.
„In mein Zimmer!“, antwortete Pia leicht genervt.
„Das kommt nicht in Frage!“, beschloss Pias Oma.
„Warum das denn?“, fragte Pia empört.
„Wir haben etwas Wichtiges zu besprechen!“.
„Du wirst mit keinem Jungen in dein Zimmer gehen!“.
„Wir wollen reeeeeden!“, sagte Pia ungeduldig.
„Raus hier!“, sagte die Oma zu René.
René sah sie verwundert an und sagte: „Wir wollen wirklich nur reden!“.
„Raus!“, sagte Pias Oma nochmals.
Pia wurde wütend, doch René bremste Pia und sagte: „Dann lass uns rausgehen und auf der Straße reden!“.
„Du hast Hausarrest!“, sagte Pias Oma zu Pia.
„Du spinnst!“, erwiderte Pia.
Die beiden gingen zur Haustür. René stand draußen und Pia im Hausflur.
„Hans hat Charly verkauft!“, sagte René hastig.
„Waaaaaaaaaaas?“, fragte Pia entrüstet.
„Da war so ein Typ im Stall heute und Hans schuldete ihm noch einen Gefallen. Da musste er ihm Rosi verkaufen.“.
Pia senkte traurig ihren Kopf.
„Jetzt lass den Kopf nicht hängen!“, sagte René.
„Er hat sie noch nicht mitgenommen. Wir haben noch zwei Tage Zeit, bis er sie holt.“.
„Und wenn er sie schon morgen holen kommt?“, wollte Pia wissen.
„Er fährt erst in zwei Tagen zurück nach Bayern!“, antwortete René. „Bis morgen fällt uns etwas ein!“, fuhr er fort.
„Meinst du?“, fragte Pia unsicher.
„Das meine ich nicht! Da bin ich mir absolut sicher!“, machte er Pia mut.
„Hoffentlich!“, sagte Pia entmutigt.
„Um Mitternacht hole ich dich wie geplant ab und dann fahren wir in den Stall. Dann werden wir weitersehen.“.
In diesem Moment kam Pias Mutter von der Arbeit nach Hause.
„Was macht ihr denn hier draußen an der Haustüre?“, fragte sie verwundert.
„Oma hat René rausgeworfen und ihm Hausverbot erteilt.“.
„Warum denn das?“, fragte Pias Mutter verwundert weiter.
„Wir wollten in mein Zimmer gehen.“, erklärte Pia.
„Und warum seid ihr das nicht?“, wollte ihre Mutter wissen.
„Weil Oma das verboten hat!“, antwortete Pia.
„Ich werde mit ihr reden.“, sagte ihre Mutter.
„Bitte entschuldige. Bist Du René?“, wollte sie wissen.
„Ja!“, bestätigte René.
„Vielleicht nicht heute, aber Du kannst Pia gerne besuchen kommen. Komm am besten vorbei, wenn ich zu Hause bin.“, lud Pias Mutter René ein.
„Gerne!“, sagte René verlegen.
„Danke!“, sagte Pia erfreut.
René zwinkerte Pia zu und verabschiedete sich höflich.
„Der ist aber nett!“, sagte Pias Mutter und ihre Tochter strahlte sie dankbar an.
Pias Mutter schickte sie in ihr Zimmer, damit sie mit der Oma sprechen konnte. Damit sie nichts verpasste, ließ sie die Zimmertüre einen Spalt geöffnet und hörte, wie ihre Oma von ihrer Mutter den Marsch geblasen bekam.
„Selbstverständlich darf René jederzeit zu Besuch kommen und sie dürfen auch in Pias Zimmer gehen!“, hatte ihre Mutter abschließend zur Oma gesagt. Pia war glücklich und das erste Ihrer Probleme schien sich zu lösen. Nur das Problem mit Rosi, das konnte Pias Mutter wohl nicht für sie lösen. Sie würde ihr nie ein Pferd kaufen und schließlich war Rosi ja bereits verkauft. Dafür musste sie mit René eine Lösung finden.
René holte Pia wie verabredet um Mitternacht ab.
„Sei nicht traurig!“, sagte René zu Pia und strich ihr mit der Hand über den Kopf. Sie radelten zu Rosi und Pia hing sich an den Hals des geliebten Pferdes und weinte.
„Sie dürfen dich nicht von hier wegholen!“ , schluchzte Pia.
„Ich habe einen Plan!“, sagte René.
„Nicht weit von hier ist ein stillgelegter Bauernhof mit einem alten Stall. Da bringen wir Rosi morgen hin.“.
Pia sah René erstaunt an und sagte: „Aber das ist doch Diebstahl!“.
„Vielleicht können wir Hans in der Zwischenzeit noch umstimmen oder eine andere Lösung finden, dass Rosi bleiben kann!“
„Abgemacht!“, sagte Pia, obwohl sie sich bei dem Gedanken etwas unwohl fühlte. „Verabschiede dich jetzt von Rosi und gib ihr noch ein paar Möhren. Ich bring dich jetzt nach Hause und hole dich morgen um die gleiche Zeit wieder ab.“
Pferdediebe
„Bist Du bereit?“, fragte René, als er Pia wie gewohnt nach Mitternacht abholte. Pia nickte immer noch etwas unsicher.
„Ich war heute Nachmittag bei der Scheune und habe alles vorbereitet. Sie hatten noch Reste von Stroh gelagert und ich habe Rosi eine schöne weiche Box gerichtet.“, sagte René. Pia strahlte ihn an und gab ihm schüchtern einen dicken Kuss auf die Wange.
Als sie am Stall angekommen waren, kam Robert ihnen leicht angetrunken entgegen und schwenkte eine Bierflasche in der Hand.
„Jetzt wird ja nichts mehr aus unseren Plänen!“, sagte Robert.
„Eigentlich schade, dass Vater die gute alte Stute verkauft hat.“ Pia und René bemühten sich, traurig auszusehen.
„Wollt euch wohl von ihr verabschieden?“, fragte Robert. Die beiden nickten traurig und mussten sich beherrschen, damit sie nicht laut loslachten.
„Na dann mal los!“, forderte Robert die beiden auf. „Ich geh mal schlafen!“.
„Gute Nacht!“, riefen Pia und René wie aus einem Mund und zwinkerten sich zu.
„Dich kann keiner mehr mitnehmen!“, flüsterte Pia ihrer Rosi zu und legte die Arme fest um sie und Rosi schnaubte leise, als würde sie erahnen, welch großes Abenteuer dem Dreiergespann bevorstand. Es wurde halb drei Uhr morgens, als das letzte Licht auf dem Hof erloschen war und der letzte an der Bierflasche hängen gebliebene Reiter den Hof verlassen hatte.
„Ich hole einen Futtersack und Du Rosis Putzkiste!“, ordnete René an. Dann befestigten sie die Dinge gut an Renés Fahrrad. René half Pia auf Rosis ungesattelten Rücken und bastelte aus Führstrick und Halfter eine brauchbare Trense, denn die Sattelkammer war abgeschlossen und Gauners Halfter war Rosi zu klein. René stieg auf sein Rad und nahm Pias Fahrrad am Lenker.
„Ich fahre ein Stück voraus, da ich den Weg kenne und Du kommst mit Rosi in sicherem Abstand hinterher.“ René fuhr los und Pia trieb Rosi zum Schritt an. Wegen des Hufgetrappels bemühte sie sich, Rosi möglichst dicht am Rande des asphaltierten Weges zu halten, da sich seitlich ein schmales Stück Rasen befand. Rosi schien aktiv mitzuarbeiten und sich besonders viel Mühe zu geben. Nach einer halben Stunde waren sie angekommen. René stellte die Fahrräder ab und hielt Rosi am Halfter fest, während Pia abstieg.
„Hier ist dein vorübergehendes Zuhause, Dicke!“, sagte er zu Rosi und streichelte ihren Hals. Pia wäre in diesem Moment gerne an Rosis Stelle gewesen und wünschte sich, dass René auch sie eines Tages so liebevoll streicheln würde, wie er es in diesem Moment bei Rosi tat. René stellte Rosi in ihre neue Box und Pia war glücklich, dass er so gut für das alte Mädchen gesorgt hatte. Er gab ihr noch eine große Extraportion Stroh.
„Jetzt lass uns schnell nach Hause fahren! Nicht, dass man unser Verschwinden noch bemerkt.Ich hole dich vor der Schule ab, dann fahren wir her, um Rosi zu füttern. Dann müssen wir zusehen, dass wir nicht zu spät kommen, nicht, dass wir auffliegen. Lass zu Hause alles ganz normal aussehen!“.
„Wir sind Pferdediebe!“, sagte Pia.
„Nein!“, erwiderte René.
„Du bist so ein klasse Mädchen. Mit dir kann man Pferde stehlen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.“.
„Bis gleich!“, sagte Pia nach einem Blick auf ihre Uhr.
„Lass uns versuchen, noch ein klein wenig Schlaf zu bekommen!“, sagte René und gähnte.
Pia schlich sich ins Haus und fiel müde auf ihr Bett und sogleich in einen tiefen und festen Schlaf. Ihren Wecker hatte sie vor lauter Müdigkeit und Erschöpftheit vollkommen überhört. Erst, als ihre Mutter in ihr Zimmer kam, um sie zu wecken, da schoss sie vollkommen irritiert aus dem Bett, lief ins Bad und aus dem Haus.
„Willst Du nicht frühstücken?“, fragte ihre Mutter vollkommen verwirrt nach der neuen Eigenschaft ihrer Tochter, dass diese freiwillig aus dem Bett sprang.
„Keine Zeit!“, rief Pia und warf sich ihre Schultasche über die Schulter.
Auf halbem Wege kam René ihr entgegen.
„Hab verschlafen!“, entschuldigte sich René.
„Ich auch!“, tröstete ihn Pia.
„Wir müssen ein wenig schneller radeln!“, sagte René.
„Schaffst Du das?“.
„Für meine Rosi schaffe ich alles!“, antwortete Pia.
Als sie im Stall angekommen waren, zeigte René Pia, wie viel von dem Futter Rosi bekommen musste und wie viel Heu und wie viel man ihr am Abend geben musste, falls er sich einmal nicht wegschleichen können sollte.
„Wir kommen nach der Schule wieder!“, sagte Pia zu Rosi.
„Aber Du kannst in der Zwischenzeit an deinem Heu knabbern!“
Die letzte Schulstunde haben die beiden geschwänzt und haben sich vor der Schule getroffen. Schnell fuhren sie zu dem alten Stall, um nach Rosi zu sehen. Alles war in Ordnung.
„Fahre Du jetzt schnell nach Hause, damit für deine Oma augenscheinlich alles in Ordnung ist und ich bleibe hier!“, sagte René.
„Wird deine Mutter dich denn nicht vermissen?“, wollte Pia wissen.
„Meine Mutter ist bei der Arbeit und ich bin allein. Da vermisst mich niemand!“ Nach nur eineinhalb Stunden war Pia wieder zurück.
„Das ging aber schnell!“, stellte René überrascht fest.
„Lass uns jetzt zu Gauner fahren. Wir müssen so tun, als wäre nichts. Außerdem müssen wir mitbekommen, was passiert und um Gauner muss ich mich auch kümmern.“
Als sie auf dem Hof angekommen waren, sahen sie, dass ein Polizeiwagen auf den Hof fuhr und den aufgebrachten Herrn Sepp, der schrie: „Da ist er, der Betrüger!“ Und zeigte auf Hans.
„Eintausendfünfhundert Euro habe ich ihm bezahlt für seinen alten Klepper! Und jetzt hat er ihn weggeschafft, der Schuft!“ René und Pia warfen sich einen verstohlenen Blick zu und in Pia machte sich ein schlechtes Gewissen und ein Gefühles der Scham breit. Es tat ihr sehr leid, dass Hans sich so beschimpfen lassen musste, das wollte sie unter gar keinen Umständen und war ihr sehr peinlich.
„Ich erstatte Anzeige wegen Betruges!“, schrie der bayerische Seppel und Pia und René liefen schnell zu Gauner, und Pia sah ihm zu, wie er mit Gauner trainierte.
Heimliche Unterstützung
Es ging nun schon eine ganze Woche so, dass Pia und René früh aufstanden, um Rosi morgens zu füttern und ihre Box zu misten, die ein oder andere Schulstunde schwänzten oder gleich nach Schulschluss in den Stall fuhren. Nacht für Nacht waren sie von zu Hause ausgerissen und haben heimlich trainiert und René hatte den hölzernen Weidezaun zu Hindernissen umfunktioniert, über die Pia mit Rosi springen musste und sie hatten trainiert, dass Pia sich die richtige Reihenfolge der Hindernisse merken konnte. Dies taten sie, wenn sie am Nachmittag mit Unschuldsmiene Gauner versorgten. René gab Pia unterschiedliche Sprungfolgen vor, die sie ihm immer wieder in richtiger Reihenfolge wiederholte. Als Pia gerade wieder eine neue Sprungfolge herunterrasselte, kam Hans in ihrer Nähe vorbei und murmelte: „Wenn die Kinder den Charly nicht haben, dann fresse ich einen Besen!“.
Er schmunzelte, während er das sagte. Hans wunderte sich, dass Pia seinen Blicken auswich und jedes Mal, wenn er auf sie zuging, wandte sie sich ganz schnell ab und verschwand schnell um eine Ecke oder in Gauners Box. Meistens in den Schutz von René, der die Situation einfacher meisterte, als Pia. Wieder fuhr der verärgerte Bayer auf den Hof und ging auf Hans zu.
„Du Betrüger!“, schimpfte er auf ihn ein, als Pia und René gerade zu ihren Rädern gingen. „Hier ist dein Geld zurück!“, sagte Hans und zog aus seiner Hosentasche ein Bündel Geldscheine.
„Und lass dich hier nicht mehr blicken!“, sagte er zu dem erbosten Bayern. So verdächtigt hatte ihn noch niemand zuvor in seinem Leben. Schließlich war Hans immer ein korrekter und ordentlicher Geschäftsmann gewesen und niemand hatte jemals geklagt, dass man von Hans über das Ohr gehauen würde. Ob er jemanden einen Gefallen schuldig war, oder nicht. Pia ließ den Kopf hängen und meinte: „Ich will nicht, dass Hans sich so fertig machen lassen muss wegen uns!“.
„Das will ich auch nicht!“, sagte René und sah, wie Hans ihnen zuzwinkerte.
Sie sahen dem ehemaligen Geschäftsfreund von Hans nach, als dieser wütend und mit Vollgas vom Hof fuhr und er ließ eine große Staubwolke zurück. Dann stiegen die Beiden auf ihre Räder und machten sich auf den Weg zu Rosi. Hans ging ihnen ein Stück hinterher und sah in die Richtung, in welche sie verschwanden und er dachte an den leer stehenden Bauernhof.
„Da muss ich doch mal sehen, was die beiden so treiben!“, murmelte er vor sich hin und fuhr kurze Zeit darauf mit dem Auto zu dem alten Hof. Als er die beiden Fahrräder stehen sah, hatte Hans die Bestätigung seiner Vermutung. Er schmunzelte und fuhr schnell weiter, damit die man ihn nicht sah. Plötzlich bemerkte er, als er um die Ecke zum wenden fuhr, wie Pia und René mit Charly trainierten. Als René das Auto sah, stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Sagte aber nichts zu Pia, um sie nicht zu beunruhigen. Am nächsten Tag fuhr René alleine zum Stall. Pia wollte unbedingt bei Rosi bleiben.
Als er auf den Hof fuhr, sah er, wie Hans den Sattel über den Holzzaun an der Einfahrt hängte und ihn erst mit Sattelseife und Sattelfett bearbeitete.
„Hol doch mal Charlys Trense!“, forderte Hans René auf.
„Was hast Du vor?“, fragte René verunsichert.
Eigentlich wollte er in ein paar Tagen in einer nächtlichen Aktion Rosis Sattel holen, damit das Tier mit seinem Reiter am Turniertag vollständig ausgerüstet war. Nun hatte er die Befürchtung, dass Hans den Sattel verkaufen würde, wie er Rosi verkaufen wollte. Doch Hans antwortete: „Charlys Zaumzeug muss doch glänzen zum Turnier!“ Er zwinkerte René lächelnd zu.
Turniervorbereitungen
Pia und René schlichen sich wie immer gegen Mitternacht aus dem Haus und packten diesmal einige Kleidungsstücke zusammen, da am nächsten Tage endlich das große Turnier im Reitverein stattfand. Pia lief gleich zu ihrer Rosi, die bereits im Stroh lag und schlief, war aber in der Hoffnung auf abendliche Leckereien sofort aufgesprungen, als sie die beiden mit ihren Fahrrädern ankommen hörte. Gierig schnappte Rosi nach den Möhren, die Pia ihr anbot und René richtete ihnen ein Bett im Stroh.
„Ich bin noch mal kurz weg!“, sagte René, stieg auf sein Fahrrad und fuhr davon.
„Bist Du auch schon so aufgeregt?“, fragte Pia ihre Rosi und diese schnaubte zur Antwort und warf den Kopf nach oben, als wolle sie Pia ihre Frage mit „Ja“ beantworten.
René hatte sich auf den Weg zum Stall gemacht, um Pia mit dem Sattel zu überraschen. Nun hoffte er, dass Hans ihn am Zaun hängen gelassen hatte und niemand Sattel und Zaumzeug weggeräumt hatte. Pia hatte sich noch gar keine Gedanken gemacht über Sattel und Zaumzeug. Schließlich hatte sie die Zeit über ohne diese Utensilien trainiert und es funktionierte hervorragend. René wollte sie damit überraschen. Er hatte Glück. Der Sattel hing am Weidezaun, wo Hans ihn geputzt hatte und glänzte im Mondschein. Ruck zuck packte er den Sattel auf den Gepäckträger seines Fahrrades und schlang die Trense über seine Schulter und radelte zurück zur Scheune. Pia stand immer noch in Rosis Box und redete auf sie ein. Wohl, um ihre eigene Nervosität zu unterdrücken und um sich selbst zu beruhigen.
„Wo warst du?“ , fragte sie, als René sich an die Boxentür lehnte. René nahm Pias Hand und führte sie zu ihrem Nachtlager, wo er Sattel und Trense über einen Heuballen gelegt hatte. „Du bist ein Schatz!“, rief Pia und fiel René um den Hals.
„Und blitz blank geputzt ist er auch!“, stellte Pia fest. René hatte ihr noch nicht verraten, dass Hans das für sie getan hatte. Das wollte er ihr zu einem späteren Zeitpunkt verraten, um sie durch dieses Wissen nicht unnötig zu beunruhigen, denn Pia ließ sich manchmal recht leicht aus der Ruhe bringen.
„Ich habe noch eine Überraschung für Dich!“, sagte René und ging zu seinem Rucksack, wo er eine weiße Reithose und einen Reiterfrack herauszog. Pia strahlte über das ganze Gesicht. „Du hast wirklich an alles gedacht!“, sagte sie.
„Es muss alles perfekt sein zum Turnier!“, lachte René.
„Morgen früh musst Du nur noch Deine Rosi auf Hochglanz polieren und sie einflechten!“, erklärte René.
„Ich habe noch nie die Mähne eines Pferdes eingeflochten!“, sagte Pia verunsichert, denn sie hatte schon oft gesehen, wie es aussehen kann, wenn diese Arbeit vom Reiter nicht beherrscht wurde.
„Ich werde es dir zeigen!“, sagte René.
„Lass uns jetzt schlafen gehen. Wir müssen früh aufstehen!“ Sie legten sich beide auf ihr Nachtlager, hüllten sich in ihre dünnen Decken und träumten voneinander und vom nächsten Tag, an dem Pia ihr erstes Turnier reiten würde.
Die große Suche
Pias Mutter wunderte sich, dass Pia nicht herunterkam. Es war gar nicht typisch für sie, dass sie so lange schlief. Wecken wollte sie ihre Tochter am Wochenende aber auch nicht unbedingt. Schließlich war die Schule eine sehr schwere Arbeit, welche die Kinder die ganze Woche über zu bewältigen hatten. Doch sicherheitshalber wollte sie doch nachsehen. Schließlich hätte es auch sein können, dass sie über Nacht krank geworden war. Pias Mutter betrat das Zimmer und ließ vor Schreck einen Schrei los. Das Bett war leer. Unberührt. Sie suchte das Haus nach ihrer Tochter ab, doch sie war nirgends zu finden. Die Oma hatte Pia auch noch nicht gesehen. So rief sie bei allen ihren Schulfreunden an, doch niemand wusste etwas von Pias Verbleib. Sie fuhr zur nächsten Polizeistation, um ihre Tochter als vermisst zu melden, während die Oma das Telefon zu Hause bewachte. Als Pias Mutter die Polizeistation verließ, kam ihr jedoch ein Gedanke. War es nicht dieses Wochenende, an dem das Turnier stattfinden sollte? Ohne lange zu überlegen, fuhr sie nach Hause und holte Pias Oma. „Komm mit! Ich glaube, ich weiß, wo wir sie finden!“.
„Nein, nein, das Kind!“, jammerte Pias Oma.
„Was soll nur aus ihr werden?“, weinte sie und war ganz verstört.
„Einfach in der Nacht weglaufen!“.
„Es gibt etwas, was ihr sehr viel bedeutet!“, sagte Pias Mutter.
„Wir hätten es nicht missachten dürfen.“.
„Nichts als Pferde hat sie im Kopf!“, sagte die Oma ernst.
„Und jetzt hat sie auch noch diesen Jungen im Kopf. Da ist ja kein Platz mehr für die wichtigen Dinge im Leben!“ Trotzdem stieg Pias Oma gehorsam neben ihre Tochter ins Auto und sie fuhren in den Reitstall. Als sie auf den Hof ankamen, ging Hans gerade aus dem Wohnhaus.
„Sind sie Hans?“, fragte Pias Mutter.
„Ja!“, antwortete dieser prompt.
„Pia ist verschwunden!“, erklärte ihre Mutter kurz.
„Haben sie eine Ahnung, wo wir sie finden können?“, fragte sie weiter.
„Haben sie Zeit?“, fragte Hans dagegen.
„Selbstverständlich!“, entgegneten die beiden Frauen im Chor.
Der große Tag
Schon sehr früh waren Pia und René an diesem Morgen von ihrem Schlaflager im Stroh erwacht und hatten sich an dem Wasserschlauch im freien mit eisig kaltem Wasser gewaschen. Pia war damit beschäftigt, Rosi zu putzen, bis sie glänzte. René hatte ihr eigens dafür ein Staubtuch mitgebracht und als sie nach dem üblichen Putzvorgang damit über Rosis Fell strich, glänzte sie besonders schön. René zeigte ihr, wie sie die Mähne einzuflechten hatte und Pia war ganz überrascht, wie einfach das war. Sie musste nur die Mähne, die sie vorher noch ein wenig gekürzt hatten, in viele kleine Zöpfchen flechten, die am unteren Ende von speziellen Gummis, die für diesen Zweck hergestellt wurden, gehalten werden. Dann wurden die Zöpfchen in mehreren Schichten auf die richtige Größe gewickelt, dass sie nach oben standen und nochmals mit einem Gummiband gehalten. Darum wickelte Pia ein weißes schmales Isolierband, welches die Haarpracht von Rosi in offizieller Turnierpracht hielt. Dann schlüpfte Pia hinter einer Wand aus Strohballen in Renés Tournierhose, welche ihr ein paar Nummern zu groß war, aber ein Gürtel aus ihrer Jeans hielt sie in der Taille fest. Auch Hemd und Jacke waren in einer Größe, in die Pia erst noch hineinwachsen sollte. Doch das war nun egal. Sie musste heute irgendwie nach einem Turnierreiter aussehen und das tat sie. In der Zwischenzeit hatte René auf den Decken ihres Schlaflagers das Frühstück bereitet. Auf zwei Papptellern hatte er Brote gelegt und jeweils einen Becher Orangensaft und Kakao dazugestellt. Auf einem weiteren Pappteller lag Obst und es standen zwei Plastikschälchen mit Müsli bereit. Pia strahlte, als sie sah, welch Mühe sich René gemacht hatte, um ihr erstes Turnier noch besonderer zu gestalten, als es sowieso schon war.
„Du bist perfekt im Improvisieren!“, stellte Pia strahlend fest und René wurde rot. Nachdem sie ausführlich gefrühstückt hatten, legten sie Rosi den Sattel auf, legten die Trense an und ritten zum Turnierplatz. Pia hoch zu Ross und René nebenher auf seinem Drahtesel. „Als erstes müssen wir uns anmelden!“, sagte René.
„Warte Du hier mit Rosi, ich mach das für dich.“
„Wir sind die Nummer dreizehn. Das ist eine Glückszahl!“, sagte René, als er zurück kam und zog einen Satz Startnummern aus seiner Hosentasche.
„Bist Du sicher, dass das eine Glückszahl ist?“, fragte Pia verunsichert.
„Ganz sicher!“, antwortete René.
„Es war der dreizehnte, an dem ich dich das erste Mal gesehen habe.“, stellte er fest.
Die Startnummern waren in kleinen Täschchen, in denen man die Nummern so zusammenstellen konnte, wie man sie brauchte und René bastelte die Nummer dreizehn und befestigte sie an beiden Seiten von Rosis Trense. Pia stieg von einem Fuß auf den anderen.
„Nervös?“, fragte René schelmisch und Pia nickte schüchtern.
„Das ist ganz normal am Anfang!“, sagte René.
„Hältst Du Rosi? Ich muss ganz nötig zur Toilette!“.
„Klar!“, lachte René.
„Wenn Du am Startbüro vorbei gehst, in die Halle, ist gleich vorne an der Türe die Toilette.“.
„Danke!“.
„Komm bald wieder! Nicht, dass Du vor lauter Aufregung deinen Start verpasst!“.
„Ich werde mir Mühe geben!“, antwortete Pia.
„Bleib hier, damit ich dich auch wiederfinde!“.
„Wenn Du wiederkommst, gehen wir den Parcours durch!“.
„Ich beeile mich!“.
Als Pia zurückkam, zeigte René Pia die ersten drei Hindernisse, die sie sich einprägte. „Sorry!“, sagte Pia.
„Ich muss schon wieder auf die Toilette!“.
„Das bildest Du dir ein!“, sagte René.
„Ich muss wirklich!“, drängelte Pia.
„Dann geh, aber schnell!“.
Pia beeilte sich abermals, wiederholte die ersten drei Hindernisse in der richtigen Reihenfolge und René erklärte die nächsten. Jedoch musste Pia immer wieder auf die Toilette, so dass René ihr nie mehr als drei Hindernisse der Reihe nach erklären konnte.
„So, jetzt aber aufgesessen!“, sagte René.
„Geht nicht!“, entgegnete Pia.
„Ich muss schon wieder!“.
„Das hilft nichts, jetzt musst Du zusammenkneifen!“, grinste René.
„Denk daran! Reite vor die Wertungsrichter, stelle dich vor, ziehe die Kappe!“.
„Mach ich! Aber ich muss wirklich!“
„Jetzt nicht mehr! Die Nummer zwölf ist gerade am Start.“
Pia saß auf, René gab Rosi einen Klaps auf den Po und das Zeichen ertönte, an welchem der nächste Reiter vorreiten sollte.
Pia ritt mit Rosi auf den Springplatz, ritt vor die Wertungsrichter, zog ihre Reitkappe zum Gruß, befestigte den Kinnschutz und das Startzeichen ertönte. Pia galoppierte mit Rosi an und steuerte das erste Hindernis an. Auf der Zuschauertribüne waren inzwischen Pias Mutter und Oma mit Hans eingetroffen.
„Zu Hause abhauen und verbotener Weise auf ein Turnier gehen. Das ist eine Erziehung!“, schimpfte die Oma.
„Die meiste Zeit ist sie bei dir!“, sagte Pias Mutter mit einem Lächeln, das die Oma gleich wieder zum Schweigen brachte.
„Ich gehe jetzt hinunter und hole sie da raus!“, beschloss Pias Oma. Doch Hans hielt sie am Arm fest und sagte: „Warten sie ab! Sie macht ihre Sache gut!“.
„Da, da reitet sie schon wieder auf so ein Hindernis zu!“, rief Pias Oma entsetzt.
„Ich kann gar nicht hinsehen!“, konnte aber ihren Blick auch nicht abwenden.
„Hoffentlich fällt sie nicht herunter!“, rief ihre Oma ängstlich und biss sich auf die Unterlippe. Und als sie sah, wie gut Pia über die Hindernisse kam und hörte, wie die Zuschauer jubelten, drehte sie sich um und sagte zu der Frau hinter sich stolz: „Das ist meine Enkeltochter!“
Als Pia das dritte Hindernis überwunden hatte, entdeckte sie beim aufkommen der Vorderhufe nach dem Hindernis ihre Mutter und Oma auf der Tribüne. Sie sah, wie aufgeregt ihre Oma war. Vor lauter Schreck steuerte sie das falsche Hindernis an und René schrie vom Rand, dass sie die falsche Richtung angeritten hatte und im letzten Moment konnte Pia Rosi umlenken und nach dem nächsten Hindernis sah sie, wie ein Polizeiwagen auf den Turnierplatz fuhr.
„Mist!“, sagte sie.
„Rosi, jetzt müssen wir schnell sein, wie der Blitz!“ Pia trieb Rosi noch mehr an und sie legte enorm an Geschwindigkeit zu. Dann ritt sie wieder vor die Wertungsrichter, zog die Kappe zum Gruß und ritt zum Ausgang, wo René auf sie wartete.
„Schnell!“, rief sie ihm entgegen.
„Ein Polizeiwagen ist soeben auf den Hof gefahren! Lass uns schnell abhauen, nicht, damit sie uns Rosi wieder wegnehmen!“ René sprang ebenfalls auf Rosis Rücken und zusammen galoppierten sie über die Fläche.
„Nicht so stürmisch!“, rief ein Polizist, der soeben aus der Menschenmenge auf sie zukam. Pia riss die Zügel herum und ritt mit Rosi auf den angrenzenden Zaun zu.
„Festhalten!“, rief sie René zu. So schnell konnte er sich gar nicht an Pia klammern, als sie schon den Zaun überquert hatten und auf dem Weg zu ihrem verlassenen Hof waren.
Als sie auf dem Hof angekommen waren, steckte ihnen beiden noch der Schreck in den Gliedern.
„Ob sie uns finden werden?“, fragte Pia verängstigt.
„Lass uns Rosi schnell in die Scheune bringen und abdecken, damit sie sich nicht erkältet!“, sagte René.
„Das ist jetzt erst einmal das Wichtigste. Und sie können uns vom Weg aus nicht sehen.“, sagte René weiter.
„Und wenn sie uns doch finden?“ , fragte Pia ängstlich.
„Wir sind Pferdediebe!“.
„Jetzt bleibe am besten ganz ruhig!“, sagte René.
Da hörten sie ein Auto auf dem Hof vorfahren. René streckte vorsichtig seinen Kopf aus dem Fenster und sah das Auto von Hans. Pias Mutter stieg aus der Beifahrertüre und ihre Oma wild gestikulierend aus einer der hinteren Türen.
„Sie haben uns!“, sagte René traurig. Pia griff Rosi am Halfter und wollte gerade fortlaufen, doch René griff sie am Arm.
„Es hat keinen Sinn!“, sagte er.
„Wahrscheinlich hast Du Recht!“, sagte Pia traurig und eine Träne lief über ihre Wange. In diesem Moment betrat das Dreiergespann die Scheune.
„Kind, Kind, Kind!“, sagte Pias Oma.
“Mitten in der Nacht abhauen, Pferdediebstahtl, … Du machst mir Sorgen!“ Doch zu Pias und Renés Überraschung lächelte sie. Hans stand strahlend und mit geschwollener Brust da und fasste in seine Jackentasche, wo er eine gelbe Schleife heraus zog. René wusste, was das bedeutete und legte den Arm um Pia.
„Weiter so!“, sagte Hans und steckte Pia die Schleife ans Revers. Pia sah Hans verunsichert an und er sagte stolz: „Du und Rosi, ihr habt das Springen gewonnen!“ Pias Kinnlade folgte der Schwerkraft. Sie sollte das Springturnier gewonnen haben? Das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Schließlich war es ihr erstes Turnier.
„Du darfst es ruhig glauben!“, sagte Hans.
„Und Du darfst auch sehr stolz sein auf dich!“, ergänzte Hans.
„Charly ist sein ganzes Leben nur vor dem Planwagen gegangen. Dressur und Springen, hat er das erste Mal mit dir gelernt und in diesem Alter, das ist eine Kunst. Darauf darfst Du sehr stolz sein.“ Pias Mutter und Oma waren auch sehr stolz und wurden prompt einen ganzen Kopf größer und Pias Oma legte mit feuchten Augen den Arm um Pias Schulter.
„Aber in Zukunft schleichst Du dich nicht mehr heimlich von zu Hause weg!“, sagte ihre Oma liebevoll.
„Und damit Du nicht mehr von zu Hause weglaufen musst und Rosi in der Nacht verstecken musst, gehört Charly ab jetzt dir!“, sagte Hans und zwinkerte Pia und René zu. „Aber …“, stammelte Pia und sah verwirrt zu ihrer Mutter, denn sie war überzeugt, dass sie das nie erlauben würde.
„Das ist in Ordnung!“, bestätigte ihre Mutter und nahm ihre Tochter in den Arm und drückte sie fest.
„Ich weiß doch, was es dir bedeutet.“ Pia wusste nicht mehr, was sie sagen sollte und fiel ihrer Mutter schluchzend vor Glück um den Hals, danach gleich ihrer Oma und dann Hans und sagte: „Danke!“
„Und was ist mit mir?“, fragte René.
„Ohne dich hätte ich das alles nie und nimmer geschafft!“, rief Pia und als sie auf ihn zuging, riss er sie an sich und gab ihr einen dicken Kuss mitten auf den Mund.
