Angie im Internat – online lesen

lustige Schulgeschichten - ein Mädchenroman

© Texte, Bilder und Cover: Beatrice Kobras

 

Ein besonders schöner Tag

Angie trat so fest sie konnte in die Pedale und genoss die Strahlen der Sonne, die den Tag noch viel schöner werden ließen, als er schon war. Die Farben des Sommers spiegelten das Befinden ihrer Seele wieder. Das Grün der Bäume und der Wiesen war viel grüner als sonst, die Blumen waren viel bunter, der Himmel viel blauer und die einzelnen Wolken am Himmel wirkten, als wären sie frisch gewaschen und würden zum Trocknen am Himmel baumeln.

Dass all diese neuen Empfindungen, die sie wahrnahm, mit einem Jungen aus ihrer Klasse zusammenhängen würden, wollte sie sich noch nicht eingestehen. Aber sie musste dauernd an ihn denken.

In der Pause beobachtete sie ihn oft heimlich und wenn sie mit ihren Schulfreundinnen im Pausenhof stand, stellte sie sich immer so hin, dass sie ihn im Blick hatte.

Er war ihr eigentlich erst richtig aufgefallen, als er sich den Arm gebrochen hatte und sein Banknachbar seinen Gips mit auffälligen Graffitis bemalt hatte.

Obwohl ihm sein Arm so sehr schmerzte, lachte er immerzu und seine blauen Augen strahlten so klar wie das Meer, genauso wie Angie es auf einer Postkarte, die sie bekommen hatte gesehen hatte.

Nicht nur von seinen Augen, auch von der Art, wie er sprach, wie er scherzte, wie er sich bewegte und sein blondes Haar im Wind wehte. Von all dem konnte Angie ihren Blick nicht mehr abwenden.

Angie lebte mit ihrer Mutter und ihrer Oma zusammen in einem kleinen Reihenhaus am Rande von München. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. Er hat sich nie für seine Tochter interessiert.

Doch Angies Mutter hatte zu ihrer Geburt beschlossen, dass ihre Tochter nicht in einer engen Stadtwohnung mit den überfüllten Straßen oder in den dunklen Hinterhöfen aufwachsen sollte. Ihr Kind sollte in einem Haus mit Garten leben, in dem sie ihren eigenen Sandkasten hatte, wo sie direkt aus dem Haus barfuß ins Grüne laufen konnte, wo sie draußen sein konnte, wann immer sie wollte.

Was sie nicht eingeplant hatte war, dass Angie einmal Heuschnupfen bekommen könnte und wenn sie selbst, oder die Nachbarn den Rasen mähten, sich Angie bei verschlossenen Türen und Fenstern in ihrem Zimmer verbarrikadieren musste, da ihre Augen juckten und erröteten und sich ihre Nase zu einem Wasserfall verwandelte.

Da Angies Mutter arbeiten musste, um ihre Tochter und sich ernähren zu können und das Haus, in dem die kleine Familie lebte unterhalten zu können, wohnte Angies Oma bei ihnen, die den Haushalt führte, Angie das Mittagessen kochte und aufpasste, dass sie ihre Hausaufgaben machte.

Die Zeit, die ihr mit ihrer Mutter blieb, war knapp, denn sie hatte abends, nachdem sie von der Arbeit nach Hause kam, auch noch das ein oder andere im Haushalt zu erledigen, um ihre Oma ein wenig zu entlasten und einmal in der Woche gönnte sie sich zum Ausgleich einen Abend in der Oper oder im Konzert.

Angies Oma war sehr ängstlich und schon als Angie gerade zu laufen begonnen hatte, wurde ihr eingeimpft, dass sie sich auf der Straße nicht von fremden Männern ansprechen lassen dürfe und mit niemandem ins Auto steigen und wenn Angie einmal später von der Schule nach Hause kam, war ihre Oma überaus besorgt. Nur, weil sie sich mit ihren Schulfreundinnen verratscht hatte.

So hatte Angie es sich angewöhnt, nach der Schule rasch nach Hause zu kommen und sollte sich ihr Heimkommen doch einmal ein wenig verzögern, so wie heute, da sie versucht hatte, mit Pezi in Kontakt zu treten und er auch tatsächlich mit ihr gesprochen hatte, trat sie eben ein wenig schneller in die Pedale.

Eigentlich hat sie ihren Vater nie vermisst. Schließlich hat sie ihn ja auch nie kennen gelernt. Aber gerne gewusst hätte sie schon, wie es mit einem Vater wäre.

Ihr jedenfalls würde das einmal nicht passieren.

Sie würde ihre Schule beenden, eine Ausbildung machen, heiraten und zwei Kinder bekommen und mit dreißig würde sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem kleinen Häuschen am Stadtrand leben und die Familie würde abgerundet durch einen Hund und eine Katze als weitere Familienmitglieder. Und ein Pferd würde sie besitzen. Ganz in der Nähe des Hauses.

Heiraten würde sie in einem weißen langen Kleid mit weitem Rock aus vielen Lagen mit Tüll und einer Schleppe, die bis um die Ecke des benachbarten Eckhauses reichte, wenn sie in die Straße einbog und einem Schleier, der bis zum Boden reichen würde. Und überall würden weiße Blumen gestreut, über die sie schreiten würde.

Und dieser Mann, den sie heiraten würde und für den sie dieses Kleid tragen würde, würde Pezi sein. Das hatte sie für sich beschlossen.

Jetzt hieß es nur, diesen Jungen auf sich aufmerksam zu machen und das hatte sie heute geschafft.

Er hatte mit ihr gesprochen. Er hatte sie angesehen und er hatte sie sogar angelächelt.

Er hatte ihre Existenz bemerkt und das war doch schon ein Anfang.

Seither tobten Schmetterlinge in ihrem Bauch und sie konnte sich auf nichts anderes mehr konzentrieren, als auf Pezi und wie ihre gemeinsame Zukunft aussehen könnte. Aber Angie war enttäuscht, dass das alles nicht ganz von selbst gehen würde und dass es ihm nicht genau so klar war wie ihr.

Zurück zur Realität

Den ganzen Tag hatte Angie sich ihren Tagträumen hingegeben.

Sie hat vom nächsten Tag geträumt und wie Pezi sich ihr gegenüber verhalten würde, sie hat von nächster Woche und dem nächsten Monat geträumt und sie hat ihn in Gedanken bestimmt hundert Mal geheiratet und ist mit ihm in das Häuschen ihrer Träume am Stadtrand gezogen.

Auf ihre Hausaufgaben hat sie sich nicht konzentrieren können. Sie konnte nicht anders, als sich ihren Träumen hinzugeben und jedes Mal, wenn ihre Oma nach ihr gesehen hatte, saß sie mit seligem Lächeln über ihren Schularbeiten und ist nicht einen Strich weitergekommen.

Abends, als ihre Mutter nach Hause gekommen ist, haben sie alle zusammen zu Abend gegessen.

„Ich weiß mir nicht mehr ein noch aus!“, jammerte Angies Oma.

„Das Kind sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch über ihren Hausaufgaben und hat nur geträumt.“, ergänzte sie ihren Satz.

„Du musst lernen Angie, oder willst du die siebte Klasse noch einmal machen?“, mahnte ihre Mutter.

„Nein!“, maulte Angie, die genau wusste, wie es um ihre Noten stand.

„Das wirst du aber, wenn du dich nicht ein bisschen zusammenreißt!“.

„Aber es gibt doch auch noch etwas anderes, als Schule!“, jammerte Angie.

„Ja, aber erst die Arbeit und dann das Spiel!“, warf ihre Oma ein.

„Ja!“, sagte Angie kleinlaut, da sie genau wusste, dass ihr Weiterkommen nur von den nächsten Schulaufgaben abhing.

„Wenn du das Lernen nicht in den Griff bekommst, müssen wir dich ins Internat geben!“, sagte Angies Mutter.

Angie war plötzlich hell wach und fragte: „Wollt ihr mich abschieben?“

„Niemand will dich abschieben, aber die Oma ist der Sache einfach nicht mehr gewachsen und du machst deine Hausaufgaben nicht.“, erklärte Angies Mutter.

„Hm!“, maulte Angie.

Hatten sie es doch wieder geschafft, sie von ihren schönen, angenehmen Gedanken fort zu holen. Wieder zurück in die Realität. Und da wollte sie gerade überhaupt nicht hin. Es fühlte sich so schön an, auf dieser Wolke zu schweben.

„Tanja, die Tochter von Liesbeth ist auch im Internat. Sie schwärmt davon und geht richtig gerne dort hin.“, erklärte ihr ihre Mutter.

„Tanja ist auch doof!“, entgegnete Angie.

„Na, das habe ich jetzt aber nicht gehört!“, sagte ihre Mutter.

„Na, na, na!“, mahnte ihre Oma.

„Wir können sie ja am Wochenende treffen, dann kann sie dir selbst von dort berichten!“, schlug Angies Mutter vor, doch Angie machte kein sehr überzeugtes und begeistertes Gesicht.

Ihre Eltern schienen ja absolut entschlossen zu sein. Aber ihre Pläne sahen anders aus. Das hatte man wohl übersehen.

Auf welche Schule Pezi wohl im nächsten Jahr gehen würde?

Vielleicht würde er ja auch in dieses Internat gehen.

Aber er war viel zu gut in der Schule und seine Noten würden keinen Internatsaufenthalt erfordern.

Aber vielleicht würde es ja ganz lustig werden im Internat.

Schließlich kannte sie jedes einzelne Buch von Hanni und Nanni, die sie verschlungen hatte. Da wurde nicht viel von artig Hausaufgaben machen beschrieben. Sie erlebten ein Abenteuer nach dem anderen und spielten ihren Lehrern einen Streich nach dem anderen. Vielleicht war der Gedanke ja doch nicht so schlecht.

Bestimmt würde Pezi auch auf dieses Internat gehen.

Schließlich waren all ihre anderen Klassenkameraden aus der Grundschule auch in die Schule gekommen, in der sie jetzt war. Warum sollte es in Zukunft anders sein?

Besuch bei einer Internatsschülerin

Das nächste Wochenende war schnell gekommen und die Woche war wie im Fluge vergangen. Pezi hatte nun öfter mit ihr und ihren Freundinnen gesprochen und Angie war inzwischen auch nicht mehr die Einzige, die sich in ihn verliebt hatte. Ihre Freundinnen Nathalie und Sabine waren inzwischen genauso verschossen, wie sie selbst, was ihr nicht recht war.

Was, wenn ihre Pläne wegen einer der beiden zu Grunde gingen?

Was, wenn Pezi sein Herz einer anderen schenkte und nicht ihr?“

Jetzt musste sie sich nicht mehr nur anstrengen, dass er auf sie aufmerksam wurde, jetzt musste sie auch noch ihre besten Freundinnen ausstechen.

Die anderen trafen sich im Freibad mit Pezi und sie musste mit ihrer Mutter und ihrer Oma zu der Schulfreundin Liesbeth ihrer Mutter, deren Tochter ihr das Internat schmackhaft machen sollte.

Angie hatte absolut keine Lust dazu und sträubte sich so gut und so lange sie konnte. Doch wenn sich ihre Mutter in den Kopf gesetzt hatte, dass Angie sie begleiten müsse, dann setzte sie das durch.

„Es geht um deine Zukunft!“, hat ihre Mutter ihr zu erklären versucht.

„Im Freibad geht es auch um meine Zukunft!“, hat Angie ihrer Mutter zu erklären versucht.

„Das Freibad und Zukunft!“, hat Angies Oma eingeworfen.

„Ja, aber da ist doch der Pezi!“, hat Angie sich verplappert.

„Aha!“, hat ihre Mutter nur gesagt.

„Und warum ist es so wichtig, dass du heute dorthin gehst?“, fragte sie nach.

„Weil Nathalie und Sabine auch dort sind!“, erklärte sie.

„Und denen gefällt der Pezi auch?“, hakte Angies Mutter nach.

„Wieso gefallen?“, fragte Angie schüchtern.

„Ich kenne dich doch!“, erklärte Angies Mutter und Angie errötete.

„Du kannst morgen mit ihnen ins Freibad gehen!“, erlaubte sie ihrer Tochter.

„Aber morgen gehen sie nicht!“

„Und warum morgen nicht?“

„Da muss Pezi mit seinen Eltern auf einen Geburtstag!“, erklärte Angie.

„Und du gehst heute mit deinen Eltern zu einer Einladung!“, erklärte ihre Mutter.

„Mach dich fertig, in fünf Minuten fahren wir los!“

Angie maulte und setzte sich auf die Treppe.

„Ich will aber nicht mit!“, versuchte sie nochmals ihre Mutter umzustimmen.

„Du kommst mit!“, sagte ihre Mutter nochmals sehr nachdrücklich.

Zehn Minuten sind sie mit dem Auto gefahren und diese Tanja wohnte mit ihren Eltern nicht weit von dem Freibad entfernt, so dass Angie das kreischen aus dem Bad vernehmen konnte. Ihr Blick wurde noch finsterer und trauriger und sich in ihr Vorstellungen breit machten, wie sich ihre Freundinnen mit Pezi, dem Jungen ihrer Träume im Pool vergnügten.

„Was schaust du denn so finster drein?“, fragte Liesbeth, die Freundin ihrer Mutter gleich zur Begrüßung, was sie Angie kein bisschen sympathischer machte mit ihrem künstlichen Make-up, ihrer strohblonden überstylten Frisur und ihrer Wolke aus Parfüme, die sie hinter sich herzog.

Tanja, ihre Tochter war ihrer Mutter sehr gleich mit ihrer überzogenen, überfreundlichen Art.

„Sie wollte sich heute eigentlich mit ihren Freunden im Freibad treffen!“, erklärte ihre Mutter für sie.

„Ja!“, ergänzte Angie die Ernsthaftigkeit ihres ursprünglichen Vorhabens.

„Oh du Arme, und jetzt musst du mit deinen Eltern zu uns alten Leuten!“, stellte sie fest und Angie dachte sich, dass Liesbeth wenigstens das kapiert hatte.

„Und du willst auch auf das Internat?“, fragte Liesbeth.

„Nein!“, antwortete Angie kurz angebunden.

„Aber das ist echt toll dort!“, mischte sich Tanja, ihre Tochter ein.

„Ja?“, fragte Angie.

Mochte ja sein, dass Tanja das toll fand, aber sie wollte nicht eingesperrt sein in einer Schule, aus der sie nie wieder rauskäme.

„Vormittags sind wir in der Schule und das ist echt toll, dass wir keinen weiten Schulweg mehr haben! Da können wir nämlich viel länger schlafen, als sie anderen, die zu Hause wohnen.“, erklärte Tanja.

Das war ja wenigstens ein Vorteil, denn morgens aufzustehen gehörte nicht zu Angies Leidenschaften.

„Und vorher frühstücken wir alle zusammen!“.

„Ich mag nicht frühstücken! So früh bringe ich nichts hinunter!“

„Vielleicht lernt sie das endlich im Internat, dass man morgens etwas essen muss!“, warf Angies Mutter ein.

„Frühstücken muss man!“, sagte Tanja.

„Da achten die Schwestern drauf!“

Und in diesem Moment hat sie von ihrer Mutter unter dem Tisch einen leichten Tritt bekommen und Tanja errötete.

„Schwestern?“, fragte Angie.

„Ja, das sind lauter Klosterschwestern dort.“, erklärte sie weiter.

Und als sie Angies Blick sah, ergänzte sie schnell: „Aber in der Schule sind viele weltliche Lehrer!“

„Ich will aber keine Nonne werden!“, warf Angie ein.

Doch ihren Einwand nahm niemand für voll und alle begannen zu lachen.

„Ach, es ist echt toll dort!“, sagte Tanja.

„Und an den Wochenenden dürfen wir heim!“

„Doch so oft!“, stellte Angie zynisch fest.

„Es ist wirklich toll dort!“, bekräftigte Tanja ihre Aussage und wirkte leicht beleidigt, dass jemand anzweifelte, dass es wirklich toll dort war.

Schließlich war sie eine Musterschülerin und würde nie etwas tun, was nicht gut war und dass Angie nicht Feuer und Flamme war, war eine Beleidigung für sie.

„Kennst du die Hani und Nani Bücher?“, fragte Tanja.

„Na, klar!“, antwortete Angie und ihr Blick hellte sich auf in der Hoffnung nun doch ein angenehmes gemeinsames Thema gefunden zu haben.

„Genauso ist es dort!“, sagte Tanja.

„Nur, dass wir an den Wochenenden nach Hause dürfen und nicht nur in den Ferien.“

„Echt?“, fragte Angie.

„Und sind die Mädchen und die Jungs in unterschiedlichen Stockwerken oder in unterschiedlichen Gebäuden?“, fragte Angie gleich, die ja die Hoffnung hatte, dass ihr Pezi auch in diese Schule gehen würde.

„Jungs?“, fragte Tanja verwirrt.

„Jungs gibt es in dieser Schule nicht!“

„Keine Jungs?“

„Nein! Nur Mädchen!“

„Du sollst dich auch auf die Schule und auf das Lernen konzentrieren und nicht auf Jungs!“, warf ihre Oma ein.

Da fühlte Angie sich mehr als verraten.

Wollten ihre Eltern verhindern, dass sie eines Tages Pezi heiraten würde und dass sie in ihr Häuschen am Stadtrand ziehen würden? Das war nicht fair. Das war alles andere als fair.

Unerwarteter Besuch

Den Sonntag hat Angie schmollend in ihrem Zimmer verbracht und ihre Zukunft den Bach hinunter sausen sehen.

Warum sollten ausgerechnet immer die Erwachsenen wissen, was am besten für einen sei?

Sie wussten doch gar nichts von den Plänen ihrer Kinder, von ihren Lebenserwartungen.

Immer mussten sie ihre Pläne durchkreuzen. Immer wollten sie etwas anderes, als Angie es wollte. Immer behaupteten sie, dass es zu ihrem besten sei.

Woher sollten sie wissen, was zu ihrem Besten war?

Sie konnten es nicht wissen.

Woher sollten sie es auch wissen?

Sie hatten sie noch nicht ein einziges Mal gefragt, was sie eigentlich wollte.

Ins Internat sollte sie.

In ein Mädcheninternat.

Ein Mädcheninternat mit Nonnen.

Lauter Frauen, die nicht wissen, wie gelebt wird.

Lauter Frauen, die keine Vorstellung haben, was es bedeutet, als Frau zu leben.

Der Kirche haben sie sich verschrieben und bestimmt wollten sie ihre Schülerinnen auch dazu bringen, den lieben Gott zu heiraten und in seinem Hochzeitsgewand herum zu laufen, so wie auch sie es taten.

Angie wollte eine richtig hübsche junge Frau werden und nicht in einer Nonnentracht enden.

Sie wollte ihrem Pezi gefallen und nicht irgendeinem Mann, der irgendwo da oben im Himmel sitzt, den noch niemand gesehen hat.

Eine richtige Gemeinheit war das, was ihre Eltern mit ihr vorhatten.

Am Nachmittag hatte Angie sich eines ihrer Hani und Nani Bücher herausgekramt und las es an einem Stück aus.

Vielleicht war das Internat ja doch nicht so schlecht?

Vielleicht war es ja doch ein wenig, wie es in den Büchern beschrieben wurde?

Vielleicht würde es ihr ja doch gefallen?

So beschloss sie für sich, es auszuprobieren und sollte es anders sein, als es in ihren Büchern beschrieben war, dann musste sie es eben so werden lassen, wie sie es sich wünschte.

Am nächsten Morgen holte Nathalie Angie wie immer zur Schule ab, da die beiden nicht weit auseinander wohnten.

Angie war wie immer noch nicht mit ihrem Frühstück fertig, da sie am frühen Morgen keinen Bissen hinunterbrachte und ihre Oma redete auf sie ein: „Angie, bitte iss doch etwas!“

„Ich kann jetzt aber noch nichts essen!“, maulte sie wie jeden Morgen.

„Aber trinke deinen Kakao!“, bettelte ihr ihre Oma das Frühstück hinein.

Und da Nathalie drängte, schüttete sie das warme Getränk in sich hinein.

„Los jetzt, sonst kommen wir zu spät!“, drängelte Nathalie.

Angie schlüpfte in ihre Jacke, schnappte sich ihre Schultasche und eilte Nathalie hinterher durch die Türe zu ihren Fahrrädern.

„Und, wie war es im Freibad?“, fragte Angie.

„Echt super! Wir haben echt Spaß gehabt!“, erwiderte Nathalie.

„Sabine hat sich voll in den Pezi verknallt. Der hat sie dauernd nass gespritzt.“

Das gefiel Angie überhaupt nicht. Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, was Pezi an dieser biederen Sabine finden konnte.

Nathalie hielt sie für sehr viel gefährlicher mit ihrer langen, lockigen Mähne, die immer modisch gekleidet war. Viel modischer, als ihre Mutter es zugelassen hätte.

„Echt schade, dass du nicht dabei sein konntest!“, sagte Nathalie.

„Wie war es denn bei dir?“.

„Echt blöd!“, sagte Angie.

„Sie wollen mich in ein Internat stecken!“

„Echt? In ein Internat?“, fragte Nathalie noch einmal nach und Angie bestätigte noch einmal.

„Das ist bestimmt echt cool, mit Jungs auf einem Gelände zusammen zu wohnen!“.

„Von wegen Jungs!“, sagte Angie.

„Nur Mädchen und Nonnen!“.

„Das ist ja blöd!“, sagte Nathalie.

„Aber vielleicht wird es trotzdem ganz lustig.“, versuchte sie, ihre Freundin zu beruhigen.

Dann waren sie bei dem Haus von Sabine angelangt, die schon auf sie wartete und sie setzten ihren Schulweg zu dritt fort und besprachen die Vor- und Nachteile, die Angie mit dem Internat erleben würde. Doch Angie stand dieser Internatsgeschichte immer noch sehr misstrauisch gegenüber und wusste nicht, ob sie lachen, oder weinen sollte.

Was würde sie in mitten dieser Klosterschwestern erwarten?

Ein unerwartetes Erlebnis

In der großen Pause standen die drei Mädchen im Schulhof zusammen und die Jungs schlichen laufend zu ihnen und zwickten sie in den Arm oder in das Bein. Sie kreischten und lachten und versuchten sich gegenseitig zu fangen.

„Was macht ihr heute Nachmittag?“, fragte Pezi in die Mädchenrunde.

„Hausaufgaben!“, maulte Angie.

„Und danach?“, fragte Pezi.

„Ihre Mutter überzeugen, dass sie sie nicht ins Internat steckt!“, warf Nathalie lachend ein.

„Echt? Du musst ins Internat?“, fragte Pezi.

„Hm.“, erwiderte Angie.

„Das ist ja echt cool!“, sagte Pezi.

„Ein Mädcheninternat!“, sagte Nathalie.

„Och!“, entglitt es Pezi.

„Na, dann bis morgen!“, verabschiedete sich Pezi von den Mädchen.

Als Angie vom Essen aufstand, läutete das Telefon.

Nathalie war dran.

„Angie, du musst unbedingt gleich kommen!“

„Geht nicht!“, sagte sie.

„Meine Oma lässt mich nicht!“

„Pezi kommt in einer halben Stunde und Sabine kommt auch!“, erklärte Nathalie.

Das änderte die Situation.

„Oma! Ich muss dringend raus!“, rief Angie.

„Nichts da, du machst gleich deine Hausaufgaben!“

„Das geht aber nicht!“

„Du wirst schon sehen, wie das geht!“

„Aber Pezi kommt doch!“, entglitt es Angie.

„Fängt etwa jetzt schon die Rennerei mit den Buben an?“, fragte ihre Oma böse.

„Du bist so gemein!“, rief Angie und lief zum Telefon, um ihre Mutter anzurufen.

„Mami, die Oma will mich nicht rauslassen!“

„Dann wird sie schon ihre Gründe haben!“, versuchte ihre Mutter, die Argumentation der Oma zu untermauern.

„Aber Pezi kommt!“, sagte Angie verzweifelt.

„Kann ich meine Hausaufgaben nicht heute Abend machen?“, bettelte sie ihre Mutter an.

Ihre Mutter überlegte kurz und sagte: „O. K.! Gib mir mal die Oma!“

„Danke! Danke! Danke!“, rief Angie in den Hörer und überreichte diesen ihrer Oma und schon war sie aus dem Haus, bevor es sich noch jemand anders überlegen konnte.

Eilig lief Angie zu Nathalie und läutete.

„Das ging aber schnell!“, stellte Nathalie fest.

„Tja!“, entgegnete Angie kurz.

„Wir treffen ihn an der Telefonzelle. Sabine kommt auch gleich! Lass uns los!“

Und als die beiden die Telefonzelle gerade erreicht hatten, kam Pezi auch schon mit dem Fahrrad angerauscht.

„Hi!“, sagte Pezi frech.

„Hi!“, entgegneten die beiden Mädchen im Chor.

Und da kam auch schon Sabine vollkommen außer Puste angelaufen.

„Hi!“, rief sie.

„Hi!“, rief das Dreiergespann.

„Musst du echt ins Internat?“, fragte Pezi.

„Ich fürchte schon!“, antwortete Angie.

„Wenn sich meine Mutter etwas in den Kopf gesetzt hat, dann ist sie nur schwer davon abzubringen.

„Schade!“, sagte Pezi.

„Auf welche Schule kommst du denn?“, wollte Angie wissen.

„Ich werde auf ein Gymnasium nach München gehen.“, erklärte er.

„Und ihr?“, fragte er Nathalie und Sabine.

„Ich bleibe auf der Hauptschule hier!“, antwortete Nathalie.

„Ich auch!“, ergänzte Sabine, die Angst bekam, dass es Pezi nicht mehr interessieren könnte.

„Dann sollten wir den Sommer noch ausnutzen!“, sagte Pezi, kniff Angie in die Seite und lief weg.

„Fangt mich, wenn ihr könnt!“, rief er den drei Mädchen zu und sie stürmten ihm in seine Richtung hinterher, doch als er in den Garagenhof gebogen war, fanden sie ihn nicht mehr.

Irgendwann zwickten die vier sich gegenseitig in die Seite und liefen voreinander davon.

Als Angie Pezi erwischt hatte, drehte er sich rasch um und verfolgte Angie.

„Wenn ich dich kriege, kriegst du einen Kuss!“, rief er.

Das ging Angie ein wenig zu schnell und der erste Kuss, der sollte romantischer sein und nicht ihre beiden Freundinnen im Schlepptau. So rannte sie, wie um ihr Leben. Am nächsten Tag wüsste es die ganze Schule und sie wäre Gesprächsthema Nummer eins. Das wollte sie auf gar keinen Fall.

Doch Pezi war ein guter Läufer und im dritten Block holte er Angie ein. Die anderen beiden Mädchen im Schlepptau. Besonders Sabine hoffte, dass er aufgab und das Versprechen bei ihr einlösen würde.

Rasch hatte er Angie eingeholt, doch Angie wehrte sich und versuchte erneut zu entkommen, doch Jungs sind nun einmal stärker als Mädchen und er hielt sie, dicht an sich gepresst fest. Er umschlang sie von hinten mit seinen Armen und drückte ihr hastig einen Kuss auf die Wange.

Angie hatte nicht geglaubt, dass er Ernst machen würde und verstummte plötzlich.

Pezi grinste über sein ganzes Gesicht und Angie errötete.

Dann rief er: „Na, dann bis morgen!“ und lief zu seinem Rad, auf das er sich schwang und gleich davon radelte.

Zum Abschied warf er Angie noch einen verschmitzten Blick zu und schon war er um die nächste Ecke gebogen und auf und davon.

Angie glaubte zu träumen. Sie fühlte sich, als würde sie ein Stück vom Boden abheben. Sie lief nicht mehr, sie schwebte. Es fühlte sich an, als würde sie auf Wolken gehen. Ihre Wange fühlte sich weich und warm an und um ihr Herz wurde ihr heiß. Ihr blasses Gesicht erfüllte sich mit Röte und sie konnte nicht glauben, was geschehen war.

Sie berührte ihre Wange dort, wo Pezi ihr den Kuss aufgedrückt hatte und strahlte über das ganze Gesicht.

Sabines Gesicht errötete auch. Allerdings vor Wut und Nathalie warf ihr einen frechen Blick zu.

„Na, wie hat es sich angefühlt?“, fragte Nathalie.

„Schöööön!“, sagte Angie wie von Sinnen.

„Ich werde mich nie wieder waschen!“, schob sie hinterher und langsam mit verträumtem Blick schlenderte sie nach Hause.

Sabine und Nathalie sahen ihr hinterher und Nathalie rief: „Angie ist verliebt!“

Doch Angie reagierte nicht mehr.

Als sie zu Hause angekommen war, taumelte sie vor Glück zur Haustüre hinein. Ihre Mutter war auch schon zu Hause.

„Hallo Angie!“, sagte sie.

„Hallo!“, antwortete Angie automatisch und vollkommen benommen.

„War es schön?“.

Angie hielt sich die Wange und stotterte immer noch verwirrt: „Er hat mich auf die Wange geküsst!“

„Aber nicht, dass du dich jetzt nie mehr wäscht?“

„Nie wieder!“, bestätigte Angie.

„Der erste Kuss!“, sagte ihre Mutter und erinnerte sich dabei an den ersten Kuss, den sie von einem Jungen bekommen hat. Allerdings war sie damals ein wenig älter als ihre Tochter.

Angie taumelte glücktrunken in ihr Zimmer und ließ sich auf ihr Bett fallen.

Das Abendessen ließ sie ausfallen. Sie hätte auch keinen Bissen hinuntergebracht, denn ihr Bauch war voll von Schmetterlingen. Sie blieb einfach nur liegen und träumte. Träumte von dem Tag, von Pezis Blicken in der Schule und ließ den Nachmittag, in Gedanken immer und immer wieder ablaufen und sie war sicher, dass sie diesen Nachmittag ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen würde.

Ein Sommer wie im Traum

Die restlichen Wochen bis zu den Sommerferien vergingen wie im Fluge. Und mit Müh und Not hatte sie auch das Klassenziel erreicht und wurde in die nächste Klasse versetzt, die sie im Mädcheninternat erleben sollte.

Noch oft besuchten die Mädchen mit anderen Schulfreunden das Freibad und Pezi warf ihr nach wie vor schelmische Blicke zu. So nah hatte er sich allerdings nicht mehr an sie herangewagt.

Sabine war seither sehr kühl zu Angie und mied sie, wenn sie konnte. Wenn es sich aber einmal nicht verhindern ließ, dass hielt sie größtmöglichen Abstand zu ihr. Sie war froh, dass sie ins Internat kam, dass sie endlich aus der Schussbahn war und die ganze Woche über Tag und Nacht hinter Klostermauern verbringen musste.

Endlich konnte sie ihr nicht mehr ins Gehege kommen. Sie würde schon noch einen Weg zu Pezi finden. Auch, wenn er ins Gymnasium in der Stadt gehen würde. Hauptsache, Angie war aus der Schusslinie.

Angie war die einzige, der es klar war, dass sich nun ihre Wege trennen würden. Die Wege von denen, die auf der Schule blieben. Die Wege von denen, die auf andere Schulen kamen und in ihre Klostermauern begleitete sie niemand.

Nur diese überhebliche Tanja, die würde sie dort treffen.

Angie hoffte inständig, dass Tanja sich ihr nicht verpflichtet fühlen würde, nur weil unsere Mütter Schulfreundinnen waren.

Die Sommerferien waren schon fast vorüber und ihre Eltern versuchten ihr einzureden, dass sie sich auf das Internat freuen müsse.

Doch so einfach war das nicht. Sie sollte raus aus ihrem Zuhause. Raus aus ihrer gewohnten Umgebung. Entwöhnt werden von Omas guter Küche, die sich auch schon mal erweichen ließ und Angie eine große Schüssel Vanillepudding zu Mittag gemacht hatte, wenn sie mit ihrem Betragen sehr zufrieden war, oder ihr einfach eine Freude machen wollte.

Sie würde rausgerissen aus ihrer Umgebung.

Ihren Teddy würde sie auch nicht mitnehmen können. Und das, obwohl er ihr in schlechten Zeiten immer zur Seite gestanden hatte und sich von ihr drücken ließ und ihre Tränen mit seinem Fell aufsaugte. Sie musste ihn zurücklassen. Die anderen Schülerinnen würden sich sonst bestimmt über sie lustig machen und sie wollte sich nicht gleich zur Außenseiterin machen, über die man heimlich hinter verschlossenen Türen lachte.

Nun begann die Zeit, in der sie nie wieder alleine sein konnte, wenn ihr danach war. Nur am Wochenende würde sie nun Gast in ihrem Zuhause sein.

Die Tage gingen vorüber. Einer nach dem anderen. Immer wurde die Zeit knapper, bis ihre Mutter eines Tages mit einem Knall roten Koffer nach Hause kam und ihn ihr überreichte.

„Ist der nicht schick?“, fragte sie erwartungsvoll.

„Sehr schick!“, sagte Angie trocken.

„Du hättest ja bloß freiwillig lernen brauchen und deine Hausaufgaben machen und der Oma nicht so viel Ärger machen, dann müsstest du nicht in das Internat!“

Doch das war Angie nur ein schwacher Trost, denn durch das, was sie hätte tun können, änderte nun nichts mehr an der Situation. Sie musste fort. Für die ganze Woche, den ganzen Monat, das ganze Jahr.

Hätte sie geahnt, was ihr geschehen würde, dann hätte sie gar nicht mehr aufgehört zu lernen. Oder zumindest augenscheinlich hätte sie nicht aufgehört zu lernen. Doch jetzt war alles zu spät.

Abschied für eine ganze Woche

Angie wachte auf und räkelte sich in ihrem Bett. Sie öffnete die Augen und ihr Blick fiel auf ihren roten Koffer, den ihre Mutter ihr mitgebracht hatte. Es war der letzte Tag in den Ferien und heute Abend schon würde sie ins Internat gebracht werden, um ihr Dasein dort zu fristen.

Gerade, als sie noch mit sich kämpfte, ob sie aufstehen sollte, oder noch ein wenig liegen bleiben, kam ihre Oma ins Zimmer.

„Guten Morgen Angie!“

„Morgen!“, gähnte sie zurück.

Ihre Oma zog die Rollläden hoch und die ersten Sonnenstrahlen des Tages schienen durch das Fenster hindurch in ihr Zimmer.

Wenn ihre Laune doch nur annähernd so gut gewesen wäre, wie das Wetter war.

„Du musst noch deinen Koffer packen!“.

„Mach ich später!“.

„Guten Morgen!“, sagte ihre Mutter, als sie in Angies Zimmer kam.

„Morgen!“, gähnte Angie noch einmal.

„Um vier Uhr fahren wir los! Schau, dass du bis dahin gepackt hast.“

„Es kann euch wohl nicht schnell genug gehen, mich los zu werden?“

„Aber Angie!“, rief ihre Oma entsetzt.

„Es will dich doch niemand loswerden!“

„Nein?“, fragte Angie verunsichert.

Ihre Oma setzte sich zu ihr auf das Bett und sagte: „Wir wollen doch nur das Beste für dich und deine Zukunft.“

„Aber was ist das Beste?“

„Dass du eine ordentliche Schulausbildung bekommst und dass du die Möglichkeit hast, einen ordentlichen Beruf zu lernen. Du willst doch nicht als Klofrau am Stachus enden!“

„Das ist nicht mein Traumberuf!“

„Siehst Du! Und am Freitagnachmittag holt Mami dich nach der Arbeit heim und du bist über das Wochenende wieder zu Hause.“

„Keine Sorge!“, sagte Angies Mutter.

„Dein Zimmer bleibt, wie du es verlässt. Die Oma wird es nicht für dich aufräumen.“

Das beruhigte Angie dann doch ein wenig.

„Na gut!“, sagte sie.

„Nach dem Frühstück packst du und dann kannst du den Rest des Tages so verbringen, wie du magst.“

Angie stand auf, putzte sich die Zähne und ging die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo ihre Mutter den Frühstückstisch gedeckt hatte für ein ausgiebiges Familienfrühstück.

Als sie das Frühstück beendet hatten fragte Angies Mutter: „Soll ich dir beim Packen helfen?“

„Ja, bitte!“

„Na, dann lass uns nach oben gehen und sehen, was du für die erste Woche mitnehmen möchtest.“

„Auf alle Fälle meine Jeans!“

„Gut, dann nimm sie schon mal raus!“

Neben ihren Jeans suchte sie sich noch ein paar T-Shirts aus und ein paar Sweatshirts.

„Willst du nicht auch ein Kleid mitnehmen?“

„Nee! Die sind so spießig.“

„Die sind doch nicht spießig!“

„Doch! Bei Nathalie habe ich ein cooles Kleid in einem Katalog gesehen. Das würde ich schon eher mitnehmen.“

„Na gut!“.

„Aber heute Abend ziehst du eine Stoffhose an und ein schickes Oberteil. Das kannst du ja noch mal ansehen.“

„Wenn es sein muss!“

„Tu mir den Gefallen!“

„Na gut!“

Angies Mutter erinnerte sie noch an Unterwäsche und einen Schlafanzug und schon war der Koffer gepackt.

Bisher hatte ihre Oma sie morgens immer geweckt und da sie nie aus dem Bett kam und so früh am Morgen immer sehr müde war, obwohl sie früh zu Bett ging, und ihr die unterschiedlichsten Kleidungsstücke aus ihrem Kleiderschrank geholt und sie gefragt: „Na, magst du das heute anziehen?“

Das ging so lange, bis Angie endlich irgendetwas zugestimmt hatte.

Die Auswahl war nun geringer und es war gar nicht so einfach, die Wahl für die Kleidung, nach der sie sich die Woche über fühlen würde im Voraus auszuwählen.

Als es halb vier war, erinnerte Angies Mutter ihre Tochter, dass sie in einer halben Stunde aufbrechen würden, damit sie sich mit den anderen Internatsschülern noch ausgiebig bekannt machen könnte.

„Müssen wir jeden Sonntag so früh fahren?“.

„Nein! Du kannst bis zwanzig Uhr eintreffen oder ich kann dich am Montagmorgen mitnehmen. Dann kannst du deine Sachen auch nach der Schule einpacken.“

Das war ein kleiner Lichtblick für Angie.

Sie nahm ihren Koffer, schleppte ihn die Treppe hinunter.

Ihre Mutter hat das Auto geholt, damit sie den Koffer nicht bis zu dem Garagenhof schleppen zu müssen und hob ihn für ihre Tochter in den Kofferraum.

Angie öffnete die Beifahrertüre und stieg ein.

Der Weg kam ihr besonders lang vor, dabei nahm sie diesen Weg immer, wenn sie mit ihrer Mutter in die Stadt fuhr. Aber irgendwie war sie auch froh darüber, denn umso länger konnte sie bei ihrer Mutter sein.

„Es wird dir schon gefallen!“

„Und wenn nicht?“

„Dann liegt das Internat genau auf meinem Heimweg vom Büro und ich kann jederzeit vorbeikommen, wenn etwas sein sollte.“

Das war noch eine kleine Beruhigung für Angie, doch sie waren nun schon fast angekommen.

Die Ankunft im neuen Heim

„Da ist es schon!“, sagte Angies Mutter und zeigte auf ein großes, altes Gebäude.

Das Haus war in dezentem Gelb gestrichen und hatte große Fenster zur Straßenseite. Sie fuhren auf ein großes weißes metallenes Tor zu, das Angie an ein altmodisches Gefängnistor erinnerte. Die Einfahrt ging durch das Gebäude hindurch und als sie auf der anderen Seite herauskamen, erreichten sie einen großen Platz, von dem aus man noch ein Gebäude sehen konnte, auf welches ihre Mutter zielstrebig zufuhr.

Dieses Haus war zwar sehr viel jünger, als das, welches sie von der Straße aus gesehen hatte, aber für ihre Begriffe immer noch sehr altmodisch.

Sie stieg aus, ihre Mutter holte ihren neuen roten Koffer aus dem Kofferraum, den sie für sie trug und sie gingen die Stufen zum Eingang hinauf. Sie durchkreuzten eine große Doppelglastüre, die Angie eher an einen Eingang zu einer großen Firma erinnerte.

Schon kam ihnen eine sehr geschäftige Nonne entgegen, die in großen, eiligen Schritten auf Angie und ihre Mutter zuging.

„Du musst die Angie sein!“

„Ja!“

„Ich bin Schwester Adjuta! Herzlich willkommen in unserem Haus!“

„Stell deinen Koffer so lange hier ab, ich zeige dir schon einmal alles.“

Gehorsam stellte Angie ihren Koffer am Rand der Eingangshalle ab und folgte der dicken Frau, die sie nun genau musterte. Sie war klein und dick und ihre Nonnentracht war aus billigem schwarzem Stoff. An ihrem Schleier war vorne ein weißer Streifen und der schwarze Stoff der Kopfbedeckung ging ihr bis zum Kreuz. Der Rock ihrer Kutte ging ihr bis zu den Knöcheln und sie trug altmodisches Schuhwerk.

Als Schwester Adjuta einen großen Saal erreicht hatte, blieb sie stehen.

„Hier ist der Speisesaal.“

Angie sah einen großen Raum, an dessen Wänden christliche Bilder hingen. Es waren immer drei Tische zusammengestellt, die von einer Plastiktischdecke geziert wurden. Sie zählte fünf dieser Sitzgruppen.

„Und hier ist die Essensausgabe!“, sagte Schwester Adjuta und zeigte auf eine große Öffnung in der Wand, dessen Tresen aus glänzendem Metall war. So etwas hatte Angie schon einmal gesehen, als sie ihre Mutter im Büro besucht hatte und sie mit ihr in die Kantine ging.

„Ein Mädchen vom Tisch holt das Essen hier ab und bringt es zu seinem Tisch. Das macht jede Woche ein anderes Mädchen.“

Angie nickte stumm. Es war ja doch wie im Knast.

Dann ging Schwester Adjuta wieder hinaus und führte Angie und ihre Mutter in einen kleinen Raum, in dem große Regale aus billigen Brettern an der Wand angebracht waren. Darin standen Kästen, wie sie sie als offene Pferdeputzkästen kannte.

„Und hier könnt ihr Euch Lebensmittel und Süßigkeiten, die ihr von zu Hause mitbringt, unterbringen und wenn ihr etwas möchtet, könnt ihr euch das hier holen. Ab zwanzig Uhr ist hier abgesperrt!“

Dann führte sie Angie und ihre Mutter über eine große Treppe in den ersten Stock hinauf.

„Links geht es zum Hausaufgaben Saal.“, erklärte Schwester Adjuta.

„Von vierzehn Uhr dreißig bis achtzehn Uhr ist Hausaufgabenzeit und um sechzehn Uhr gibt es eine kleine Pause zum Beten, damit ihr euren Geist einen Moment ausruhen könnt. Danach geht es zum Abendessen.“

„Aha!“, sagte Angie und Schwester Adjuta führte sie nun wieder die Treppe hinunter.

„Eure Zimmer sind im zweiten Stock, die sehen wir an, wenn alle vollzählig eingetroffen und die Zimmer aufgeteilt sind.“

Als sie die Vorhalle im Erdgeschoss wieder erreicht hatten, waren schon eine ganze Menge mehr Kinder in ihrem Alter mit ihren Eltern eingetroffen.

Sie stellten sich alle in einem großen Kreis auf und Schwester Adjuta und eine andere, hagere, dürre Schwester stellten sich in die Mitte der Halle.

„Ich bin Schwester Adjuta und das ist Schwester Berta. Wir sind zuständig für Euch und heißen euch herzlich bei uns willkommen.“

Schwester Berta war lang und dünn und hatte ein hageres Gesicht. Anscheinend hatten die Trachten der Nonnen eine Einheitslänge, denn der Rock von Schwester Berta war in etwa genau so lang, wie die von Schwester Adjuta. Ihr reichte sie allerdings nur bis zur Mitte ihrer Waden und ihre Beine wirkten dadurch besonders schlaksig. Schwester Berta war zwar einiges jünger als Schwester Adjuta, aber besonders jung war auch sie nicht mehr. Sie war auf alle Fälle viel älter, als Angies Mutter, aber noch etwas jünger, als ihre Oma und ihre Eltern waren nicht sehr jung, da ihre Mutter sie sehr spät bekommen hat.

Schwester Adjuta zählte noch die Punkte der Hausordnung auf und machte die Kinder miteinander bekannt, die sich die Zimmer teilen sollten.

Zwischendurch kamen einzelne ältere Schülerinnen mit ihren Koffern, die zielstrebig die Treppe zu ihren Zimmern hinauf gingen.

Ein Zimmer teilen

Angie sollte ihr Zimmer mit Uschi und Babsi teilen.

Uschi hatte schulterlanges schwarzes Haar, war etwas pummelig und hatte ein dunkles Muttermal auf der Wange. Sie trug einen altbackenen Rock und eine ebenso langweilige Bluse. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und lebte mit ihrem Vater und ihrer Oma zusammen in einem Haus am Rand von München.

Babsi hingegen hatte eine kräftige Statur, war groß und hatte langes, dickes dunkelblondes Haar, um das Angie sie beneidete. Sie selbst hatte halblanges blondes Haar, aber es war dünn wie Stroh.

Babsi trug Jeans, T-Shirt und Turnschuhe und sprach einen richtigen bayerischen Dialekt.

Angies Mutter predigte ihr, seit sie sprechen konnte, sie solle nach der Schrift sprechen. Sonst würde man sie nicht mehr verstehen, wenn sie einmal wo anders in Deutschland sei und ihr Englisch würde auch unklar und unverständlich sein.

Babsi kam aus der Nähe von Augsburg und ihre Eltern hatten eine Wirtschaft, in der sie fleißig mithalf. Da ihre Eltern sehr viel arbeiten mussten im eigenen Betrieb und sie wenig Zeit für sie aufbringen konnten, haben sie Babsi in das Internat geschickt. Diese fand das aber lange nicht so schlimm, wie Angie.

„Wir zeigen euch jetzt eure Zimmer, dann könnt ihr eure Schränke einräumen und euch miteinander bekannt machen. Wir treffen uns um punkt halb sieben im Speisesaal zum Abendbrot.

Schwester Adjuta marschierte mit Schwester Berta voraus und die neu eingetroffenen Mädchen folgten ihr.

Als sie im zweiten Stock angelangt waren, gingen sie durch eine Glastüre und die Schwestern blieben vor der ersten Türe stehen.

„In den ersten drei Zimmern auf der rechten und linken Seite wohnen die älteren.“, erklärte Schwester Adjuta und öffnete die erste Türe.

„Das sind Tanja und Constanze.“

„Hallo!“, riefen die beiden Mädchen, die gerade an einem Tisch saßen, der in der Mitte des Zimmers stand.

„Hi Angie!“, rief Tanja und Angie verdrehte die Augen, als sie Tanja erblickte.

„Hi!“, sagte sie.

„Ihr kennt euch schon?“, fragte Schwester Berta.

„Unsere Mütter waren zusammen in der Schule.“, erklärte Angie.

„Na, dann kann dir Tanja ja beim Eingewöhnen helfen!“, setzte Schwester Berta fort.

„Das machst du doch, Tanja?“

„Klar!“

„Ja, danke!“, sagte Angie wenig begeistert und hoffte, dass Tanja sie in Ruhe lassen würde.

Schwester Adjuta öffnete auch die Zimmertüren der anderen älteren Mädchen und machte sie miteinander bekannt.

Dann öffnete sie die erste Türe auf der linken Seite des langen Flurs, hinter der sich niemand verbarg.

„Sandra und Conny, das ist Euer Zimmer.“.

Sandra war ein burschikoser Typ und hatte kurzes rotblondes Haar. Conny war groß und sehr schlank. Ihr Haarschnitt war modern und sie hatte dünnes schwarzes Haar.

Die beiden gingen hinein und warfen ihre Koffer auf die Betten und die dazugehörigen Eltern folgten ihnen.

Dann schwenkte Schwester Adjuta zu der letzten Türe auf der rechten Seite des Flures und erklärte, dass sich dahinter die Toiletten verbargen.

Die nächste Türe war die von Tanja, Andrea und Kathrin.

Tanja war klein und zierlich. Angie hatte fast den Eindruck, sie sei sehr zerbrechlich. Sie hatte kinnlanges, braunes Haar und ein sehr kleines Gesicht mit Sommersprossen.

Andrea  war sehr groß und sehr dick. Sie hatte blondes langes Haar und trug einen roten Rock mit einer weißen Bluse.

Katrin war Italienerin mit bayerischem Akzent mit langen schulterlangen Locken. Sie war sehr modisch gekleidet. Am modischsten von allen gekleidet. Sie war sehr aufgeweckt und wirkte sehr wichtig mit ihrer lauten Stimme.

Zuletzt kamen Uschi, Babsi und Angie.

Sie betraten ihr Zimmer, gefolgt von ihren Eltern.

An der langen Seite der Wand standen zwei Betten, die an Kopf- und Fußende zusammen gestellt waren mit einem Nachtkästchen zur Mitte des Raumes. Das dritte Bett stand an der Wand an der Türe mit dem Nachtkästchen neben der Wandseite.

„Ich geh in die Mitte!“, beschloss Babsi.

„Kann ich ans Fenster?“, fragte Uschi.

„Klar!“, sagte Angie und hoffte, an der Türseite einmal unbemerkt die Flucht aus dem Internat ergreifen zu können.

Auf der gegenüberliegenden Wandseite war direkt gegenüber von Angies Bett ein Waschbecken mit einer Ablage darüber, auf der sie alle ihre Zahnputzbecher stellen konnten mit Handtuchhaltern und Haken für ihre Waschlappen. Rund herum befand sich eine Vorhangstange mit einem orangenem und altmodischen Vorhang, den sie zuziehen konnten, wenn sie sich wuschen.

Die restliche Wand war mit drei Schränken zugestellt und in der Mitte des Raumes befand sich ein Tisch mit drei Stühlen.

Die Möbel mussten genau wie die Vorhänge an Waschbecken und Fenster aus den siebziger Jahren stammen und die Matratzen auf den Betten waren noch dreiteilig.  Und direkt neben der Türe befand sich über Angies Bett ein Weihwasserkessel und über der Türe hing ein einfaches Kreuz.

Angies Mutter legte den Koffer auf ihr Bett.

„Ich gehe dann mal dein Bettzeug holen.“, sagte sie und Angie öffnete ihren Kleiderschrank, wo ihr gleich ein Geruch von altem Mief und Mottenkugeln entgegenschlug.

Auf der linken Seite des Schrankes konnte sie Hosen, Röcke und Blusen aufhängen und auf der rechten Seite des Schrankes waren Fächer für T-Shirts, Pullover und Unterwäsche. Die Fächer des Schrankes waren mit ebenso altmodischem Schrankpapier ausgelegt.

Angie öffnete ihren Koffer und fing an, ihre Habseligkeiten einzuräumen und die anderen taten es ihr gleich und sie beobachteten sich gegenseitig, was sie aus ihren Koffern holten und in ihre Schränke verstauten.

Gerade, als Angies Mutter das Zimmer mit dem Bettzeug wieder betrat, verabschiedeten sich die Eltern der anderen beiden Mädchen.

„Dann werde ich jetzt auch gehen, damit ihr euch kennen lernen könnt.“, sagte Angies Mutter.

„Ich komm noch mit runter!“, sagte Angie und begleitete ihre Mutter zum Ausgang.

Als sich ihre Mutter an der Türe verabschieden wollte, fragte Angie vorsichtig: „Kann ich nicht doch wieder mit nach Hause kommen?“

„Du wirst dich schon eingewöhnen. Das sind doch ganz nette Mädchen in deinem Zimmer.“

„Ich hätte lieber mein Zimmer.“

„Ich hole dich am Freitag so früh wie möglich ab!“, sagte Angies Mutter und wollte sie zum Abschied umarmen.

„Ich komm noch mit zum Auto!“.

„Ruf mich morgen nach der Schule im Büro an. Ich habe gesehen, gegenüber von dem Büro der Schwestern ist eine Telefonkabine.“

Sie kramte in ihrer Tasche und gab ihrer Tochter das Kleingeld, das sie dabeihatte.

„Jetzt geh wieder hinein, damit du zum Abendessen fertig bist.“

Angie umarmte ihre Mutter und wollte sie nicht mehr loslassen.

Doch da erschien Schwester Adjuta in der Türe.

„In einer halben Stunde gibt es Abendbrot!“, rief sie.

„Geh jetzt rein. Wir telefonieren morgen.“

„Na gut!“, sagte Angie und riss sich schweren Herzens von ihrer Mutter los.

Die erste Nacht in der Fremde

Als Angie zurück in ihr Zimmer kam, kämpften Babsi und Uschi gerade mit der Bettdecke, die sie zusammen versuchten zu überziehen.

„Kannst du mal mit anfassen?“, fragte Babsi verzweifelt.

„Zu dritt geht es einfacher!“.

Angie legte mit Hand an und als sie die Bettbezüge über die große Decke gezogen hatten, nahmen sie sich Angies Bett vor.

Babsi nahm die Enden der Bettwäsche und als sie diese umdrehen wollte, schups war sie anstatt der Decke im inneren verschwunden.

Die Mädchen lachten Tränen und gerade, als sie Babsi wieder befreien wollten, stand Schwester Adjuta im Zimmer.

„Einmal pro Woche haben wir Putztag!“, erklärte sie wichtig.

„Ihr müsst dann eure Zimmer abstauben, die Waschbecken putzen und ich kontrolliere. Und erst, wenn ihr ordentlich sauber gemacht habt, könnt ihr euren Ausgang genießen.“

„Ausgang?“, fragte Angie nach.

„Ihr dürft dann das Internatsgelände verlassen.“, erklärte Schwester Adjuta.

„Und um Punkt acht Uhr komme ich zum Licht löschen.“

„Und wann ist der Ausgangstag?“, wollte Babsi wissen.

„Donnerstags.“, antwortete Schwester Adjuta.

Das war ja wenigstens ein Lichtblick für Angie, wenn sie schon putzen sollten, obwohl ihre Mutter viel Geld dafür bezahlte, dass sie dorthin musste.

Für sie war es jetzt schon die reinste Versklavung. Bei ihrer Oma musste sie nie putzen. Außer hin und wieder mal ihr Zimmer abstauben. Meistens tat das aber ihre Oma für sie.

Als die Schwester wieder gegangen war, besprachen sie die ersten Eindrücke.

Uschi war recht still und Babsi fand es ganz O. K. aber Angie versäumte es nicht, ihrem Unmut Luft zu machen.

„Putzen!“, schimpfte sie.

„Für was bezahlen unsere Eltern so viel Geld, wenn wir hier Putzfrau spielen müssen!“

„Ach, das ist gar nicht so schlimm. Ich habe oft in der Wirtschaft geholfen. Ich helfe dir schon.“, sagte Babsi.

„Danke!“, sagte Angie und Uschi ärgerte sich, dass Babsi ihr nicht ihre Hilfe angeboten hatte.

„Ihr solltet doch in den Speisesaal kommen!“, schimpfte Schwester Adjuta, die zur Tür herein geplatzt kam.

„Entschuldigung! Wir haben die Zeit vergessen.“, sagte Babsi.

„Husch, husch!“, sagte Schwester Adjuta wütend und Angie zog hinter ihr eine Grimasse.

Dummer Weise hatte sich Schwester Adjuta genau in diesem Moment umgedreht und ihr einen Klaps auf den verzogenen Mund gegeben.

„So etwas machen wir hier nicht!“

Schweigsam folgten die Drei der Schwester in den Speisesaal.

Als sie diesen betraten, standen alle Mädchen hinter ihren Stühlen und Schwester Adjuta wies ihnen den ersten Tisch auf der gegenüberliegenden Seite zu, an dem schon Tanja, Andrea und Kathrin saßen.

„Vor dem Essen wird gebetet!“, sagte sie und stellte sich in die Mitte des Speisesaales und begann ihr Gebet aufzusagen und alle im Saal murmelten es mit.

Dann bekreuzigten sie sich und die Mädchen durften sich setzen.

Babsi stand auf und holte einen Korb mit Brot, eine gefüllte Butterdose und eine Platte mit Wurst und stellte sie in die Mitte des Tisches.

Dann stürzten sich alle unkultiviert auf das Essen und Angie hatte Mühe, auch noch etwas abzubekommen.

Als sie das Abendbrot beendet hatten, mussten sie gemeinsam den Tisch abräumen und in einer Schüssel ihr Besteck abwaschen, das sie von zu Hause mitbringen mussten und es in dafür ausgeteilte Bestecktaschen mit ihren Namen darauf stecken. Dann rief Schwester Adjuta erneut zum Gebet.

„Ob die hier auch noch andere Beschäftigungen haben?“, fragte Angie.

„Pssst!“, machte Schwester Adjuta in ihre Richtung.

Als das zweite Gebet an diesem Abend beendet war, sagte Schwester Adjuta: „Ihr könnt jetzt in Eure Zimmer gehen. Ich komme um acht Uhr zum Licht löschen.“

„Als ob wir das nicht alleine könnten!“, murmelte Angie.

„Hast du noch eine Frage Angie?“

„Nein!“, antwortete diese und errötete.

Die Schwester schien am ersten Abend schon nicht gut auf sie zu sprechen zu sein.

So gingen sie auf ihre Zimmer und führten ihre Unterhaltungen von vorhin fort.

Die Dusche im Bett

Punkt acht Uhr kam Schwester Adjuta durch die Türe.

„Zähne geputzt?“, fragte sie.

„Ja!“, logen die drei wie aus einem Munde.

Schwester Adjuta ging zum Waschbecken und fasste mit ihren dicken Fingern die Zahnbürsten an.

„Putzt Eure Zähne und zieht eure Schlafanzüge an! Ich komme in fünf Minuten wieder!“, sagte sie scharf.

Die drei gehorchten und als sie die Zahnpasta auf ihren Bürsten hatten, verließ sie das Zimmer wieder.

Mit geputzten Zähnen zogen sie sich verschämt ihre Schlafanzüge an. Eine jede von ihnen drehte sich zu ihrem Bett, damit die anderen sie nicht sehen konnten.

Gerade, als sie unter ihre Decken geschlüpft waren, kam Schwester Adjuta zurück. Sie forderte die Mädchen auf, ihre Hände zum Gebet zu falten und sprach ein Gebet, das Babsi und Uschi artig mitmurmelten.

„Was ist Angie?“, fragte Schwester Adjuta.

„Ich kenne die Gebete nicht!“, erklärte sie.

„Die wirst du schon noch lernen!“

Dann tauchte Schwester Adjuta ihre Finger in den Weihwasserkessel und bespritzte die drei mit Weihwasser.

„Gute Nacht!“, sagte sie.

„Gute Nacht!“, sagten die drei.

Und als sie die Türe geschlossen hatte, sagte Angie: „Das Wasserspritzen könnte sie sich echt sparen!“

Da öffnete sich die Türe wieder und Schwester Adjuta knipste das Licht an.

„Nach dem Abendgebet ist Nachtruhe!“, erklärte sie scharf.

„Ich will jetzt kein einziges Wort mehr von Euch hören!“

Dann verschwand sie wieder.

Nach einer viertel Stunde drückte Angie die Blase und sie stand auf, um zur Toilette zu gehen.

Vorsichtig tastete sie sich zur Türe vor. Als sie diese öffnete, war der Gang noch hell beleuchtet und Schwester Adjuta marschierte Patrouille auf dem Internatsflur.

„Warum bist du nicht in deinem Bett?“, fragte sie.

„Ich muss aufs Klo!“, erklärte Angie.

„Das machst du in Zukunft, bevor ich zum Licht löschen komme!“

„Darf ich trotzdem?“, fragte Angie und trat nervös von einem Fuß auf den anderen.

„Geh, aber beeile dich!“

„Danke!“.

Als sie die Toilettenkabine öffnete, erblickte sie eine altmodische schwarze Klobrille und als sie so dasaß und sich ärgerte, dass sogar die Gänge zur Toilette kontrolliert wurden, entdeckte sie das billige, alte Klopapier, das an dem Toilettenhalter hing. Als sie es berührte, lief ihr der Schauder über den Rücken. Genauso gut hätten sie Schmirgelpapier an die Halterungen hängen können.

„Bist du bald fertig?“, rief Schwester Adjuta durch die Türe.

„Ja, gleich!“

Und als sie den Toilettenraum verließ, marschierte Schwester Adjuta immer noch wie ein Soldat den Flur auf und ab.

„Gute Nacht!“, sagte sie zu Angie.

„Gute Nacht!“, erwiderte diese brav.

Als Angie die Zimmertüre hinter sich geschlossen hatte und sich zurück in ihr Bett tastete fragte Babsi: „Ist die immer noch auf dem Flur?“

„Ja!“, flüsterte Angie.

„Sie marschiert auf und ab wie ein Soldat in einer Kaserne!“

Und schon öffnete sich die Türe wieder und das Licht ging an.

„Es ist jetzt Ruhe!“, schimpfte Schwester Adjuta.

„Findest du dein Bett nicht?“, fragte sie Angie scharf.

„Doch, doch!“

„Ich will jetzt kein Wort mehr hören!“, sagte sie und verließ das Zimmer wieder.

Wenig später vernahm Angie leichte Schnarchgeräusche im Zimmer.

„Wer soll denn da schlafen können?“, fragte Angie leise.

„Warte!“. sagte Babsi.

„Ich kümmere mich darum!“

Angie hörte, wie Babsi aus ihrem Bett schlich und dann ein Rums. Babsi war gegen den Stuhl gestoßen. Die beiden Mädchen hielten die Luft an. Aber Schwester Adjuta kam nicht zur Tür hereingeschossen.

„Puh! Glück gehabt!“, flüsterte Babsi und schlich an Uschis Bett.

„Was machst du?“, wollte Angie wissen.

„Ich halte ihr die Nase zu. Dann hört sie auf!“

Tatsächlich erstarb Uschis schnarchen. Doch kaum war Babsi zurück im Bett, begann sie erneut.

„Na, das kann ja eine Nacht werden!“, sagte Angie.

Babsi versuchte ihr Glück noch drei weitere Male, bis sie es aufgab, Uschis Schnarchen zu ersticken. So zogen die beiden ihre Decken bis über die Ohren, bis sie endlich einschliefen.

Segen oder Fluch?

Am nächsten Morgen riss Schwester Adjuta die Türe auf und rief ein lautes: „Guten Morgen!“ so, dass Angie empor schreckte.

Dann setzte sie ihren schweren Schritt in Richtung des Fensters fort und öffnete die Rollläden sehr geräuschintensiv.

Müde rieb sich Angie die Augen.

„Wie spät ist es denn?“, fragte sie verschlafen.

„Zeit zum Aufstehen!“

„Das habe ich befürchtet!“

„Auf, auf!“, sagte Schwester Adjuta und riss ihr die Bettdecke herunter, die Angie sich gerade über den Kopf ziehen wollte.

So unsanft wurde sie noch nie geweckt.

Uschi ist munter aus dem Bett gesprungen, doch Angie tastete noch einmal nach ihrer Decke. Sie fühlte sich, als wäre ihr das ganze Internat auf den Kopf gefallen.

„Jetzt aber aufstehen!“, forderte Schwester Adjuta Angie noch einmal auf.

„Das Waschbecken ist besetzt!“, gab sie gähnend zur Antwort.

Da sah sie die Nonne das erste Mal lachen, als sie das Zimmer verließ.

„Sag mal Uschi, weißt du eigentlich, dass du schnarchst?“, fragte Babsi.

„Und wie!“, bestätigte Angie.

Dann schälte auch sie sich unter ihrer Decke hervor und begann ihre morgendliche Wäsche.

Als die drei ihr Morgentoilette beendet hatten, gingen sie zusammen in den Speisesaal, wo Schwester Adjuta schon wieder auf das Trio wartete, um sie am frühen Morgen wieder mit einem Gebet vor dem Frühstück zu beglücken.

„Lieber frühstücke ich, als dass ich so früh schon wieder bete!“, sagte Angie.

„Außerdem kenne ich die Gebete nicht!“

„Die wirst du schön können, bis du deinen Schulabschluss hast!“, sagte Schwester Adjuta, die schon wieder hinter ihr stand und ihre Worte gehört hatte.

Während Angie ihren Kakao schlürfte und die anderen Mädchen gierig ihre Marmeladenbrote in sich hineinstopften kam ein anderes Mädchen mit ihrem Koffer in den Speisesaal.

„Viola!“, rief Schwester Adjuta und begrüßte sie erfreut.

Viola war klein und dick. Dafür aber sehr modisch gekleidet.

„Das ist Viola!“, sagte sie in die Runde hinein und führte sie an den Tisch, an dem auch Conny und Ulrike saßen.

„Viola war im letzten Jahr schon hier und da sie bereits alles kennt, durfte sie auch heute Morgen anreisen.

„Ich habe schon gefrühstückt!“, sagte Viola.

„Ich packe solange meine Sachen aus.“

„Die älteren begleiten gleich die neuen in die Schule und bringen sie in die Turnhalle, wo sie begrüßt werden!“, bestimmte Schwester Adjuta.

Die ersten Mädchen standen auf und versammelten sich in der Eingangshalle, bis sie vollzählig waren und begleiteten die Neuankömmlinge in das gegenüberliegende Gebäude und führten sie in die Turnhalle. Der Boden der Turnhalle war mit einem sehr alten und welligen Parkettboden ausgelegt, auf dem sich bunte Linien für die verschiedenen Ballsportarten befanden. An einem Ende befand sich eine Bühne, auf der wohl Vorführungen der Schüler stattfanden.

In der Turnhalle haben sich zwischenzeitlich alle neuen Schülerinnen versammelt und es herrschte ein lautes Stimmengewirr.

Dann stellte sich eine sehr alte Klosterfrau auf die Bühne und es trat Ruhe in der Halle ein.

„Ich bin Schwester Hilda!“, stellte sich die alte Nonne mit sehr leiser Stimme vor.

Sie musste weit über siebzig Jahre alt sein und Angie wunderte sich, dass so alte Leute noch im Dienste der Schule standen.

„Ich bin die Mata Oberin und habe die Verantwortung in unserem Hause.“, fuhr sie fort.

Dann nannte sie die einzelnen Klassen, stellte die dazugehörigen Klassenlehrer vor und rief die Namen der Schüler auf, die von ihren Lehrern in ihre Klassenzimmer geführt wurden.

„Das ist Frau Wolf und sie hat die Obhut für die Klasse 7 c.“, sagte Schwester Hilda und rief die Namen der Schülerinnen auf, die sich in ihre Obhut begaben. Dabei waren auch alle Namen der Mädchen, die sie schon im Internat am Vorabend kennen gelernt hatte.

Frau Wolf war eine große, schlanke Frau, die auch nicht mehr ganz jung war.

Sie hatte graues, kurzes Haar, eine raue Stimme und war sehr bieder gekleidet. Sie schien sehr herrisch zu sein.

„Frau Wolf wird euch nun die Schule zeigen und euch in eure Klassenzimmer bringen.“, erklärte Schwester Hilda.

„Was hat sie gesagt?“, fragte Angie.

„Sie zeigt uns die Schule und unser Klassenzimmer!“, sagte Babsi.

„Pssssssssssssst!“, machte die neue Klassenlehrerin.

Dann marschierte sie voraus und die aufgerufenen Schülerinnen folgten ihr aus der Turnhalle heraus.

Das neue Klassenzimmer

Frau Wolf führte sie durch viele verwinkelte Gänge. Dann blieb sie vor einem Kämmerchen stehen und sagte: „Das ist die Schuhkammer. Über den Regalen findet ihr die Bezeichnung der Klassen und dort könnt ihr eure Schuhe wechseln. Während der Unterrichtszeiten sind Hausschuhe zu tragen und wenn ihr in der Pause nach draußen geht, zieht ihr eure Straßenschuhe an. Danach wechselt ihr sie hier wieder.“

Dann führte sie die Schar durch weitere verwinkelte Gänge, die Angie an einen Irrgarten erinnerten.

Sie führte sie zum Lehrerzimmer, zum Sekretariat und zum Zimmer der Vertrauenslehrerin, die auch durch sie verkörpert wurde und nach weiteren verwinkelten Irrgängen erreichten sie das Maschinenschreibzimmer, durch das sie ihr Klassenzimmer erreichten.

In dem Maschinenschreibzimmer waren lange Bänke und vor jedem der Stühle befand sich eine Schreibmaschine. Auf der Seite des Fensters je eine sehr moderne, daneben je zwei elektrische Kugelkopf Schreibmaschinen und auf den restlichen Plätzen befanden sich alte, mechanische Schreibmaschinen.

Was sie damit sollten im Zeitalter der Computer, war Angie noch nicht begreiflich.

In dem Klassenzimmer standen alte Holzbänke mit unbequemem Stuhlwerk. Auch die Tafel hätte wohl eine Sicherheitsüberprüfung nicht mehr ohne weiteres überlebt. Angie fühlte sich auf der Stelle um fünfzig Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt.

In der Klasse suchten sie sich ihre Plätze. Da Angie ganz hinten in der Schlange ging, kam sie mit den letzten in die Klasse und fand nur noch einen Platz in der ersten Reihe, was ihr gar nicht gefiel.

An der Wandseite saß Anita. Ein großes, dünnes Mädchen mit kurzem blondem Haar und leicht vorstehenden Zähnen.

„Wenn ich morgens in die Klasse komme, steht ihr bitte auf und grüßt. Vor der ersten Schulstunde sprechen wir gemeinsam ein Gebet, bevor wir den Unterricht beginnen.“, erklärte Frau Wolf.

Nicht nur ihr Haar war grau, auch die Farbe ihrer Haut schien einen leichten Grauschimmer zu haben.

Das war bereits das dritte Mal, dass Angie an nur einem Morgen beten sollte. Das konnte ja noch heiter werden. Bis sie die Schule verlassen würde, würde die Menge der Gebete für mindestens drei Leben ausreichen.

Frau Wolf erklärte der Klasse, dass sie nicht nur ihre Klassenlehrerin sei, sondern sie auch in Deutsch und Geschichte unterrichten würde und wenn die Schüler Sorgen hätten, dann sollten sie sich vertrauensvoll an sie als Klassenlehrerin oder Vertrauenslehrerin wenden.

Allerdings machte die Dame einen wenig vertrauensvollen Eindruck auf Angie. Sie würde sich ihr bestimmt nicht anvertrauen und hoffte, dass sie auch nie dazu gezwungen war.

Frau Wolf teilte mit, was sich die Schülerinnen für sie an Heften zulegen sollten, und welche Umschlagfarbe diese haben sollten und verteilte die Bücher für die von ihr unterrichteten Fächer.

Dann klopfte es an der Türe und eine kleine, schlanke Frau mit blond gefärbtem Haar mit dunklen Haaransätzen und hoher Stimme kam herein.

„Das ist Frau Pfeiffer!“, stellte sie die Lehrerin vor.

„Sie wird euch in Englisch unterrichten.“

Der erste Tag im Internat

Nach und nach stellten sich nun die einzelnen weltlichen und klösterlichen Lehrer vor, verteilten die Bücher der Fächer, die von ihnen unterrichtet wurden und gaben bekannt, was die Mädchen zu besorgen hatten.

Als der Unterricht endlich zu Ende war, die Schülerinnen all ihre Lerner sichten konnten, von denen sie mehr oder weniger begeistert waren, gingen sie ins Internat zum Essen, wo Schwester Adjuta wieder einmal vor und nach dem Essen zum Gebet rief.

Da die Schülerinnen einiges an Heften, Umschlägen und weitere Sonderwünsche der Lehrer zu besorgen hatten, bekamen sie Ausgang, um diese Sachen zu besorgen.

Die Kartoffeln vom Mittagessen mit der schweren Sauce lagen Angie noch schwer im Magen.

Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass man Kartoffeln so unterschiedlich kochen konnte. Die von ihrer Oma schmeckten um ein Vielfaches besser als die, die in der Großküche des Internates zubereitet wurden.

Während ihres Ausganges konnten sie leider nicht alles besorgen, was die Lehrer aufgetragen hatten, da das Schreibwarengeschäft in der Nähe der Schule nicht ausreichend Ware auf Lager hatte. So mussten die Mädchen um einen weiteren Ausgangstag bitten, damit sie die restlichen Utensilien erstehen konnten.

Dann wollte Angie ihre Mutter anrufen, doch vor der Telefonzelle war eine lange Schlange. Als sie endlich an der Reihe gewesen wäre, Schrillte eine Sirene, die die Schülerinnen zum nächsten Teil des Tagesablaufes rief. Wohl, damit Schwester Adjuta nicht so viel laufen und rufen musste und niemand das Signal überhören konnte.

Beim Ertönen dieses Geräusches bekam Angie eine Gänsehaut.

Artig eilten die anderen Mädchen von der Telefonzelle ins Hausaufgabenzimmer und Angie in die Telefonkabine.

„Hallo Mami!“, sagte sie kleinlaut.

„Hallo mein Kind! Wie war der erste Tag?“

„Schrecklich!“, antwortete Angie ohne lange zu überlegen.

„Was ist denn so schrecklich?“

„Die Adjuta ist ganz schön streng!“

„So einen Sack Flöhe zu hüten wie euch ist auch nicht ganz einfach. Sonst würdet ihr ihr ja auf der Nase herumtanzen, wie ihr lustig seid.“

„Trotzdem ist sie ganz schön doof!“

„Was ist denn so schlimm?“

„Dauernd müssen wir beten und beim Gute-Nacht-Sagen spritzt sie einem das stinkige, abgestandene Weihwasser ins Gesicht. Mein Bett war ganz nass.“

„Vielleicht war das nur ein Versehen.“

„Und die halbe Nacht marschiert sie den Flur auf und ab und bewacht uns wie Gefangene und wenn man aufs Klo muss, stoppt sie, glaube ich, die Zeit mit der Uhr und wenn es ihr zu lange dauert, dann kommt sie einem hinterher und drängt einen.“

Ihre Mutter hörte ihr aufmerksam zu.

„Und fünf Mal habe ich heute schon beten müssen und dauernd schaut sie mich strafend an, weil ich diese Gebete alle nicht kenne.“

„Du wirst dich schon eingewöhnen!“

„Ich will mich aber gar nicht eingewöhnen. Bitte lass mich wieder nach Hause!“

„Jetzt schau es dir doch erst einmal an. Vielleicht gefällt es dir ja nächste Woche besser. – Wie sind denn deine beiden Mädchen, mit denen du dir das Zimmer teilst Uschi und Babsi?“

„Die sind ganz nett, aber die Schwester Adjuta ist die Hölle!“

In diesem Moment wurde die Türe der Telefonkabine aufgerissen und Schwester Adjuta fuhr sie an: „Komm sofort ins Hausaufgabenzimmer!“.

„Ich telefoniere!“, fuhr Angie sie zurück an.

„Jetzt ist Hausaufgabenzeit! Telefoniere in den Pausen!“

„Aber da war ja laufend besetzt!“, verteidigte sich Angie.

„Dann musst du eben auf das Telefonieren verzichten!“, bestimmte die Schwester.

„Mit wem telefonierst du denn?“

„Mit meiner Mutter!“.

„Jetzt wird aufgelegt!“.

„Gib mir einmal die Frau!“, sagte Angies Mutter und Angie hielt Schwester Adjuta den Hörer entgegen, doch diese knallte ihn nur auf die Gabel und Angie folgte ihr widerwillig in den Hausaufgabensaal.

Sie hatten alle ihre neuen Hefte zu beschriften und vorzubereiten und Schwester Adjuta saß mit grimmigem Blick vor der Truppe und beobachtete jede einzelne Schülerin.

Um punkt vier Uhr läuteten die Glocken und der Internatsalarm ertönte.

Was war denn nun los?

Schwester Adjuta erhob sich und forderte die Schülerinnen auf, es ihr gleich zu tun. Sie drehte sich mit dem Gesicht zur Wand und begann ihr Gebet.

Das konnte ja auch noch heiter werden. Womöglich würde es immer schrill ertönen, wenn man am Konzentriertesten war. Dann würde man durch diese blöde Beterei seinen Gedanken wieder verlieren und bis man dann wieder drin war, das konnte dauern. Vor allem, wenn man eine Aufgabe nicht verstand und daran tüftelte.

Dann durften sie sich wieder setzen und ihre Arbeiten fortsetzen. Zumindest für die nächsten eineinhalb Stunden. Danach hatten sie eine halbe Stunde zur freien Verfügung und dann gab es Abendbrot, das sich eine halbe Stunde lang hinzog, dann eineinhalb Stunden frei und dann wieder ab ins Bett mit Beten und Weihwassergespritze und Militärpatrouille auf dem Internatsflur.

An diesem Abend war der Ablauf allerdings noch ein wenig anders. Die Schwestern hatten einen Gottesdienst in der zur Schule gehörigen Kapelle im Klosterteil der Schule organisiert. Sie durften an diesem Abend also noch ein weiteres Mal Beten. Das neunte Mal an diesem Tag. Das zehnte Mal stand ihnen noch bevor.

Der Pfarrer hatte so stark mit dem Weihrauchbehälter geschwenkt, dass Angie keine Luft mehr bekam und nicht mehr zu husten aufhörte, bis eine der Schwestern herausgeführt hatte.

Das musste sie sich unbedingt merken, um den vielen Gottesdiensten zu entkommen und sich den ein oder anderen Kapellenbesuch ersparen zu können.

Während sie hinaus flüchtete, sah sie, dass sich in den hinteren Bankreihen bestimmt fünfzig weitere Nonnen versammelt hatten, die in ihre Gebete vertieft waren. Angie kam sich vor wie in einem Pinguinstaat.

Putztag

Endlich war es Donnerstag. Nur noch einen Tag galt es zu überstehen, wenn dieser vorüber war, bis Angie endlich wieder nach Hause durfte.

Aber sie hat jeden Tag mit ihrer Mutter telefoniert. Und da Schwester Adjuta ihr den Hörer auf die Gabel geknallt hatte, als sie sie sprechen wollte, hat sie bei ihr angerufen und sie richtig rund laufen lassen, was das für ein Benehmen sei, das sie an die Kinder weitergeben würde.

Seither ließ Schwester Adjuta Angie in Ruhe mit ihrer Mutter telefonieren. Und das tat sie oft.

Am heutigen Schultag hatte sie ihre ersten Erfahrungen mit Frau Fischer, der Biologielehrerin machen dürfen.

Frau Fischer war eine richtig alte Schrulle, vor der die Klasse fast den Atem anzuhalten schien, wenn sie das Klassenzimmer betrat. Sie hatte solch eine strenge Ausstrahlung, dass sich niemand auch nur einen einzelnen Mucks zu machen traute und man hätte während ihres Unterrichts sogar eine Stecknadel fallen hören.

Sie wirkte, als müsse sie schon längst in Rente sein und Angie rätselte laufend, wie alt diese Frau wohl wäre. Sie konnte nur unwesentlich jünger sein als Schwester Hilda. Dass man so eine alte Dame noch unterrichten ließ, das verstand nicht eine einzige Schülerin.

Sie trug ihr weißes Haar zu einer aufwendigen Frisur ordentlich aufgesteckt. Es wirkte fast, als würde sie morgens vor dem Unterricht grundsätzlich erst einmal einen Friseur aufsuchen. Angie hat noch nie jemanden kennen gelernt, der so etwas so beherrschte.

Frau Fischer trug immer Kostüme und legte wie mit ihrer Frisur großen Wert auf perfekten Sitz. Eine Frau der alten Schule.

Ihrer Stimme hörte man an, dass sie bereits ein Leben lang unterrichtete. Sie hatte einen richtig rauen Ton, der sich auch in der Aussprache widerspiegelte.

Angie fühlte jetzt schon, dass sie den Spaß und das Interesse am Biologieunterricht bei dieser Lehrerin wohl dauerhaft verlieren würde.

Nach dem Mittagessen, das wie jeden Tag aus Kartoffeln mit undefinierbarem stammte, beorderte Schwester Adjuta die Schülerinnen zum Putztag, bevor sie sie zu ihrem Ausgang ließ.

Artig aber widerwillig putzten sie ihre Zimmer und nach einer halben Stunde trat die Schwester zur Putzkontrolle an.

Sie führte ihren Zeigefinger über den Türspalt, über die Türen der Kleiderschränke, über die Vorhangstange über dem Waschbecken, über die Holzbretter der Betten und über die Holzregale, die sich in einer altmodischen metallenen Halterung über ihren Betten befand.

Prüfend besah sie ihren Finger und mahnend sah sie die Mädchen an.

„Ihr werdet es schon noch lernen!“, sagte Schwester Adjuta.

„Jetzt putzt ihr noch Mal, ich komme in einer halben Stunde wieder.“

„Wer putzt denn jede Woche die Türzargen?“, fragte Angie entgeistert, als Schwester Adjuta wieder zur Tür hindurch war.

Insgeheim wartete Angie immer darauf, dass sie einmal darin stecken blieb.

„Komm, lass uns reinhauen, damit wir noch hier rauskommen! Ich muss noch den grünen Umschlag für die Fischer abholen. Ich habe keine Lust, mich mit der anzulegen, wenn ich den das nächste Mal nicht habe.“, bat Babsi.

So stiegen sie alle drei auf die Stühle und reckten sich an die Stellen, die sie noch zu putzen hatten. Als Schwester Adjuta wiederkam, wischte sie wieder kritisch mit ihrem Zeigefinger über die Stellen, die sie vorher noch verschmutzt vorgefunden hatte und sagte „Übung macht den Meister. Das nächste Mal macht ihr es gleich gründlicher!“

„Dürfen wir jetzt gehen?“, fragte Babsi.

„Ja! Aber in einer halben Stunde will ich euch im Hausaufgabensaal sehen!“

„Aber wir müssen noch die Umschläge für die Fischer im Schreibwarengeschäft abholen! Und wir laufen schon alleine zwanzig Minuten hin!“, sagte Babsi.

„Na, ausnahmsweise! Aber beeilt euch! Und geht gleich los!“

Endlich wieder nach Hause

Als Angie am nächsten Morgen durch Schwester Adjutas Appell geweckt wurde, sprang sie sofort aus dem Bett. Sie hatte die vage Hoffnung, dass der Tag schneller vorüber ginge, wenn sie sich etwas schneller bewegte. Doch der Unterricht kam ihr viel länger und trockener vor als sonst.

Sie hatten ihre erste Stunde Stenographie.

Wozu dieses Fach heutzutage noch unterrichtet wurde, war Angie ein Rätsel. In der Zeit, wo es doch Diktiergeräte gab, die allerdings auch schon wieder so gut wie veraltet waren, wo man doch seine Briefe schon direkt in den Computer hineindiktieren konnte und der sie dann ganz von selbst schrieb.

Ein Schulfach, bei dem man deutliches Sprechen lernte, so dass der Computer einen auch verstehen konnte und den richtigen Text gleich übernahm.

Ihre Steno-Lehrerin war Frau Dunkel.

Sie war mittelgroßer Statur und auch nicht mehr die Jüngste. Sie war sehr nervös und machte hektische Kopfbewegungen.

Und sie lernten den ersten Buchstaben „B“, der wie ein umgedrehter Spazierstock aussah.

Mittags gab es natürlich wieder Kartoffeln. Angie hatte das Gefühl, man könne die Kartoffeln schon in ihren Ohren sehen, da sie ihr dort inzwischen schon wieder herauskamen.

Nie wieder wollte sie Kartoffeln essen müssen. Sie wünschte sich, dass es in der nächsten Woche ein anderes Sonderangebot im Supermarkt gab, wo die Nonnen einkauften.

Die ersten Schülerinnen wurden direkt nach dem Mittagessen aus dem Internatsgefängnis abgeholt. Angie musste warten, bis ihre Mutter Feierabend hatte und musste sich noch in das Hausaufgabenzimmer quälen.

Fünf Minuten vor dem Beten ging die Türe auf und Schwester Berta holte sie heraus.

„Deine Mutter ist da!“

Eilig verabschiedete sich Angie von den Schwestern und lief in ihr Zimmer, um ihren dort bereits parat stehenden gepackten Koffer zu holen.

Als ihre Mutter sie in den Arm nehmen wollte sagte Angie: „Lass uns das zu Hause machen! Nur raus hier!“

„So schlimm?“, fragte sie besorgt.

„Schlimmer!“, erklärte Angie kurz und zog ihre Mutter hinter sich her nach draußen zum Auto.

In diesem Moment verließ Frau Fischer, die Biologielehrerin das Schulgebäude.

„Lauf schneller!“, sagte Angie.

„Was ist das denn? Etwa eine Lehrerin?“

Angies Mutter schien fast ein schlechtes Gewissen zu bekommen, in welche Hölle sie ihre Tochter geschickt hatte, denn dass diese Frau Fischer kein angenehmer Mensch sein konnte, dass bemerkte sie sogar auf die Entfernung.

Überglücklich hatte Angie ihre Oma begrüßt und überglücklich hatte sie sich in ihr eigenes Bett fallen lassen, das nicht mit einer dreiteiligen Matratze ausgestattet war.

Am Samstag hatte sich Angies Oma besonders viel Mühe gegeben für das Mittagessen, doch als sie sich an den Tisch setzte, traf sie fast der Schlag. Die Beilage waren Kartoffeln!

„Bitte nie wieder Kartoffeln!“, flehte sie ihre Oma an!

„Wir müssen im Internat jeden Tag Kartoffeln essen! Nie gibt es Nudeln oder Knödel oder irgendetwas anderes. Immer nur Kartoffeln!“

„Das habe ich nicht gewusst!“, sagte ihre Oma schuldbewusst.

„Ich verspreche hiermit hoch und heilig, dass es nie wieder Kartoffeln geben wird!“

Das Wochenende verging wie im Fluge und der Sonntagabend war sehr viel schneller da, als es Angie lieb war.

„Kann ich nicht erst morgen früh hin?“

„In Ordnung! Ich sage nur Schwester Adjuta Bescheid!“

Angie glaubte nicht richtig gehört zu haben.

„Wirklich?“

„Das Internat liegt auf meinem Weg zum Büro. Wir fahren morgen früh.“

„Danke Mami!“

Und Angie fiel ihrer Mutter um den Hals und wollte sie nicht mehr loslassen.

„Wenn du mich nicht loslässt, kann ich Schwester Adjuta nicht anrufen. Dann musst du doch noch heute hin.“

Das war Argument genug. Angie ließ ihre Mutter los und umarmte dafür ihre Oma.

Der Alltag wird nicht langweilig

Am Montagmorgen brachte Angies Mutter ihre Tochter auf dem Weg zur Arbeit ins Internat.

Ordnungsgemäß meldete sie sich bei Schwester Adjuta und der mageren Berta an und brachte ihren Koffer in ihr Zimmer und packte aus.

Der Uhrzeit nach mussten Uschi und Babsi im Speisesaal beim Frühstück sein und sie ging gleich zu ihnen hinunter, um sie zu begrüßen.

„Na, wie war euer Wochenende?“, fragte sie fröhlich.

„Ging schon!“, antwortete Uschi.

„Ich hab in der Wirtschaft geholfen!“, sagte Babsi.

„Aber im eigenen Bett ohne Bewachung und Patrouillengänge im Flur!“, strahlte Angie.

Nachdem sie über den Hof zur Schule gegangen waren und in dem miefigen Schuhkämmerchen ihre Schuhe gewechselt hatten, erwartete sie die erste Stunde Maschinenschreiben.

Diese Stunde wurde von Frau Dunkel, ihrer Steno-Lehrerin abgehalten, die auch an diesem Tage genau so nervös und hektisch war, wie auch in der vergangenen Woche bei der ersten Steno-Stunde.

Die Klasse setzte sich an ihre Maschinen und diejenigen, welche sich gleich an die Fensterplätze an die moderneren der Maschinen gesetzt hatten, wurden gleich wieder von dort wegzitiert.

„Ihr sollt lernen, die Buchstaben sauber anzuschlagen. Das könnt ihr nur an den mechanischen Maschinen. Ihr müsst einen gleichmäßigen Anschlag bekommen!“, klärte Frau Dunkel die Klasse auf.

Maulend verließen die Schüler auf der Fensterseite des Raumes ihre Maschinen mit leichtem Anschlag und setzten sich an die alten Dinger.

Dann begann Frau Dunkel zu diktieren und sie mussten mit dem linken Zeigefinger Zeilenlang den Buchstaben F tippen und immer nach drei Buchstaben mit einer Leertaste trennen, die sie mit dem rechten Daumen zu betätigen hatten, nachdem Frau Dunkel ihren Schülerinnen die genaue Handhaltung an den Maschinen erklärt hatte.

Frau Dunkel stellte sich vor die Tafel und diktierte eine halbe Seite lang: „fff fff fff fff fff fff fff fff …“

Das war Angie definitiv zu langweilig. Aber wie sich herausstellte, war sie die einzige Schülerin, der das fehlerfrei und einwandfrei gelang.

Nach der halben Seite durften sie den Finger Wechseln und zur Abwechslung die rechte Hand beanspruchen und Frau Dunkel diktierte: „jjj jjj jjj jjj jjj jjj jjj jjj …“

„Na, das ist aber eine aufregende, abwechslungsreiche Stunde!“, flüsterte sie Uschi zu, die sich an der Maschine neben Angie niedergelassen hatte.

Doch Uschi machte nur „Hmmm!“ und da bemerkte Angie, wie sehr sie sich anstrengte.

Doch gegen Ende der Stunde sorgte Frau Dunkel für Abwechslung über eine weitere halbe Seite und diktierte: „fff jjj fff jjj fff jjj fff jjj …“

In der letzten Stunde hatten sie Musikunterricht bei Frau Hausmann.

Frau Hausmann war mit Abstand die netteste Lehrerin der ganzen Schule. Sogar die netteste Lehrerin, die Angie auf ihrer gesamten Schullaufbahn überhaupt gehabt hatte.

Frau Hausmann war höchstens doppelt so alt wie ihre Schülerinnen und hatte eine freundliche, lustige Art an sich, die sie auch gleich zur Freundin jeder einzelner ihrer Schülerinnen machte. Sie war sportlich gekleidet und hatte blondes halblanges Haar. Sie erzählte auch etwas von sich und so erfuhren die Mädchen, dass sie ein Pferd hatte.

Ein Pferd, das wünschte Angie sich seitdem sie laufen konnte.

Schon als Kleinkind ist sie allem hinterher gekrabbelt, was vier Beine hatte und Fell auf dem Körper.

Ab diesem Moment hat sie nicht nur beschlossen, dass Angie ihre Lieblingslehrerin würde. Auch ihr Vorbild sollte sie sein.

Nach dieser Schulstunde zum Abschluss stieg auch die Laune der Mädchen im Internat. Beim Mittagessen wurden sie fast übermütig. Außerdem gab es die Kartoffeln zur Abwechslung in Knödelform und Angie liebte Knödel.

Das war glücklicher Weise nur bei ihr und Babsi der Fall, denn Schwester Adjuta amüsierte sich sehr über den großen Knödelappetit der beiden und ging mit einer Schüssel von Tisch zu Tisch und sammelte Knödel für Babsi und Angie. Letztendlich hatte eine jede von ihnen dreizehn Knödel verdrückt.

Am Tisch von Viola, Conny, und Ulrike hatten sich die verbleibenden Knödel zu Wurfgeschossen entwickelt und zu Murmeln, die über ihren Tisch kullerten.

Als Schwester Adjuta das sah, ließ sie einen entsetzten Schrei los und erteilte dem kompletten Tisch Ausgangssperre und sie drohte dem gesamten Internat mit Ausgangssperre, wenn sie auch nur noch einen einzigen Ton hören würde.

Die Mädchen waren absolut sauer und maulten.

„Wenn ich noch einen einzigen Ton höre, verlängern wir die Sperre gleich bis nächste Woche!“, schrie Schwester Adjuta.

Alle sahen zu, dass sie so schnell wie möglich aus dem Speisesaal herauskamen und Viola, Ulrike und Conny trollten sich enttäuscht in der Eingangshalle.

„Wir bleiben auch da!“, teilte Angie ihnen mit.

„Was sollen wir draußen blöd rumlaufen, wenn wir eh nichts zu erledigen haben? Ich wollte eh schon lange wieder mal etwas lesen!“

„Echt?“, fragte Conny.

„Das braucht ihr aber nicht!“

„Wenn wir ihr gleich zeigen, dass der Ausgang für uns gar nichts so besonderes ist, dann wird sie uns damit auch nicht mehr drohen können.“

„Ihr seid spitze!“, sagte Conny und die beiden anderen stimmten ein.

„Wollt ihr nicht gehen, damit ihr pünktlich zurück seid?“, fragte Schwester Adjuta, die gerade in den Eingangsbereich kam.

„Die Ausgangssperre gilt nicht für euch!“

„Nein, wir bleiben hier!“, sagte Angie.

„Wir hatten heute sowieso andere Pläne innerhalb des Internats!“, teilte Angie mit.

Man sah Schwester Adjuta den Ärger förmlich an. Sie hatte eine Strafe erteilt, die die ungezogenen Schülerinnen heute nicht einmal störte.

Die Rache

Schwester Adjutas Laune besserte sich den ganzen Tag nicht mehr und sie ließ ihren Unmut an den Schülerinnen aus, die ihr nur noch aus dem Weg gingen, wenn sie konnten.

Um Mitternacht schlich Conny in Angies Zimmer und weckte sie leise.

Sie gähnte.

„Was ist denn los?“

„Ich bin es! Conny!“

„Wie bist du denn an unserem Türsteherdrachen vorbeigekommen?“

„Die schläft!“

„Was?“, fragte Angie erstaunt.

„Sie hat ihren Wachposten freiwillig verlassen?“

„Sie muss ja auch irgendwann schlafen!“

„Die schläft!“, fragte Angie verwundert.

„Ich dachte immer, die braucht keinen Schlaf, damit ihr bloß nichts auskommt!“

„Wir spielen ihr einen Streich! Machst du mit?“

„Na klar! Was habt ihr denn vor?“

„Wir schmieren ihr Zahnpasta unter die Türklinke.“

„Klasse!“

„Na, dann komm mit!“

In diesem Moment wachte Uschi auf. Angie bemerkte es, da das Schnarchen, das den Raum erfüllte aussetzte.

„Was ist denn los?“, gähnte sie.

„Wir spielen Schwester Adjuta einen Streich. Magst du mitkommen?“

„Nein danke! Ich schlafe lieber weiter!“

„Angie und Conny schlichen hinaus auf den Flur, wo Ulrike und Viola durch einen Spalt ihrer Türe lugten und den Flur unter Beobachtung hielten.

„Ist die Luft rein?“, fragte Conny.

„Ja!“, flüsterte Ulrike und hielt ihr die Tube Zahnpasta entgegen.

Barfuß und auf Zehenspitzen schlich das Vierergespann in die Richtung von Schwester Adjutas Türe.

„Pssst!“, machte Viola.

Ulrike schraubte den Deckel der Zahnpastatube auf und strich deren Inhalt dick unterhalb der Türklinke von Schwester Adjutas Zimmer.

Conny begann zu kichern.

„Pssst!“, machten Ulrike und Conny gleichzeitig.

Doch Conny konnte ihr Lachen nicht mehr zurückhalten.

Da nahmen die vier die Füße in die Hand und rannten, so schnell sie nur konnten in ihre Zimmer, warfen die Türen hinter sich ins Schloss und sprangen in ihre Betten.

„Was ist denn los?“, fragte Babsi, die von dem Knall der Türe aufgewacht war.

„Pssst!“, machte Angie.

„Schlaf weiter oder tu zumindest so als ob.“

Und schon war ein lauter Schrei von Schwester Adjuta zu hören und es dauerte nicht lange, bis man hörte, wie von ihr die erste Türe aufgerissen wurde.

„Wer war das?“, schrie sie in das Zimmer von Katrin, Tania und Andrea.

Müde sahen sie die Schwester an und wussten gar nicht, wie ihnen geschah um diese Uhrzeit.

Dann öffnete sie die Zimmertüre von Angie, Babsi und Uschi und als sie das Licht einschaltete, blinzelten sie Babsi und Angie müde an. Von Uschi war nur ein leises Schnarchen zu vernehmen.

So ging sie von Tür zu Tür, bis sie auf der gegenüberliegenden Seite bei Conny angelangt war, die kichern musste, als Schwester Adjuta sie weckte.

Schwester Adjuta hatte eine mit Zahnpasta verschmierte Handfläche und Zahnpasta klebte an ihrem Bademantel, und hatte ihre Kutte abgelegt und trug nun einen altmodischen Bademantel mit sehr großen Blumen darauf. Dieser wirkte ebenso alt, wie das Mobiliar des Hauses.

Ihr graues Haar hing ihr bis zu den Ohren und wirkte nicht sehr gepflegt.

„Warst du das, Conny?“, fragte Schwester Adjuta entrüstet.

„Nein!“, kicherte sie.

„Ihr Bademantel!“

Wütend stapfte sie zurück über den Flur in ihr Zimmer und man hörte sie in der Nacht noch öfter den Flur auf und ab wandeln.

Ein Traum geht in Erfüllung

Als Angie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie ein unangenehmes Ziehen in den Armen, welches von Schwester Berta als Sehnenscheidenentzündung vom Maschinenschreibunterricht diagnostiziert wurde.

Damit hatten schon mehrere Mädchen Beschwerden. Es kam von den mechanischen Schreibmaschinen. Aber zum Glück war Freitag und sie durfte wieder nach Hause zu ihrer Mutter und ihrer Oma.

Frühzeitig wurde Angie von ihrer Mutter aus der Internatshölle befreit und nach Hause gebracht.

Als sie zu Hause angekommen sind fragte ihre Mutter: „Magst du nicht mal in dein Zimmer gehen?“.

Klar mochte sie. Schließlich war sie über eine Woche weg von zu Hause gewesen. Ihr eigenes Zimmer war etwas vollkommen anderes, als das altbackene und muffig riechende Zimmer im Internat.

Sie ging in ihr Zimmer und als sie sich auf ihr bequemes, geliebtes Bett werfen wollte, hielt sie inne.

Da lag das pinkfarbene Kleid, welches sie bei Nathalie im Katalog gesehen hatte und das sie sich so sehr gewünscht hat.

Sofort lief sie zu ihrer Mutter.

„Danke!“.

„Gern geschehen!“, sagte diese.

„So lässt sich das Internat vielleicht ein wenig versüßen!“

Sofort zog Angie es an und zog es auch nicht mehr aus, bevor sie am Abend zu Bett ging und sie trug es auch das ganze Wochenende. Und am Montag, als ihre Mutter sie im Internat ablud, hatte sie das neue Kleid natürlich auch an.

Stolz schritt sie die Treppe empor, um ihr neues Kleid gleich bei Babsi und Uschi vorzuführen, doch da hörte sie schon die schweren Schritte von Schwester Adjuta hinter sich.

„Was hast du denn da an?“, fragte sie forsch.

„Ein Kleid!“, sagte Angie verdutzt.

„Mit so einem kurzen Rock läufst du hier nicht herum! Du wirst das Kleid sofort ausziehen!“

„Aber …“, entgegnete Angie.

Doch Schwester Adjuta fiel ihr sogleich auch wieder ins Wort.

„Du wirst das Kleid sofort ausziehen!“, befahl sie nochmals in ihrem unfreundlichen und bestimmenden Ton.

„So wirst du nicht in die Schule gehen!“

Traurig und wütend zugleich trottete Angie die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf.

„Wow, das Kleid ist aber toll!“, sagte Kathrin, die ihr gerade entgegenkam.

„Ich muss es ausziehen!“.

„Warum das denn?“.

„Der Rock ist ihr zu kurz!“.

„Kleiner, dicker, fetter Mistkäfer!“, schimpfte Kathrin, die sich an diesem Morgen auch schon mit ihr angelegt hatte.

„Hallo Angie!“, riefen Babsi und Uschi, die gerade an ihr vorbeiliefen.

Angie stellte ihren Koffer ab, räumte ihn aus und suchte sich eine neue Kombination, die sie anziehen konnte.

„Warum hast du dich denn umgezogen?“, fragte Babsi, die gerade wieder zurück ins Zimmer kam.

„Schwester Adjuta hat es befohlen!“

„Die spinnt doch, die Alte!“

Angie ging hinunter in die Telefonkabine und rief traurig ihre Mutter an.

„Ich musste mich umziehen!“, erklärte sie ihrer Mutter.

„Warum denn das?“, fragte diese empört.

„Der Rock ist zu kurz!“

„Das ist doch unglaublich!“, regte Angies Mutter sich am Telefon auf.

„Ich werde diese Klosterschwester sofort anrufen und du rufst mich in der großen Pause wieder an!“

Angie legte den Hörer auf und trottete hinüber in die Schule.

Die Woche war jetzt schon gelaufen. Es wäre diesen Nonnen wohl das liebste gewesen, wenn sie auch in diesen altbackenen Kleidern herumlaufen würden. Ganz in schwarz. Farblos und öde.

Die Woche war jetzt schon für Angie gelaufen. Und der Unterricht konnte sie auch nicht mehr von ihrem Ärger ablenken.

In der Pause ging sie, wie vereinbart hinüber ins Internat und sie rief ihre Mutter an.

„Du gehst jetzt bitte sofort in dein Zimmer und ziehst dein Kleid wieder an!“, ordnete Angies Mutter an.

„Aber der Ärger mit der Adjuta!“

„Es wird keinen Ärger geben!“, beruhigte ihre Mutter sie.

„Warum bist du dir da so sicher?“

„Ich habe ihr erklärt, dass ich meine Tochter ordentlich anziehe und dass du nicht in zu kurzen Röcken herum läufst, weil ich das gar nicht erlauben würde und ich dir so etwas auch gar nicht kaufen würde und wenn sie in ihren farblosen, langweiligen Kutten herum laufen, dann müssen sie das nicht von euch auch noch verlangen. Sie sollen froh sein, dass ihr ein bisschen Farbe in ihr ödes grau in grau bringt.“

„Echt, das hast du ihr gesagt?“

„Na klar doch! Das ist ja auch eine Beleidigung gegen mich!“

„Du bist klasse Mami. Danke!“

„Und wenn sie noch mal Ärger macht, dann rufst du mich sofort wieder an. In Ordnung?“

„Mache ich!“, strahlte Angie und verließ freudestrahlend das Telefonhäuschen.

„Was machst du denn hier?“, fragte Schwester Adjuta.

„Mich umziehen!“, grinste Angie sie an.

Und als sie in ihrem neuen pinkfarbenen Kleid stolz die Treppe herunter schritt, stand Schwester Adjuta mit wachsamen und grimmigen Blick am Treppenabsatz.

„Bist du wahnsinnig, das Kleid anzuziehen?“, fragte Babsi.

„Nein! Mutig!“, klärte Kathrin sie auf.

„Ihr werdet lachen, aber es ist jetzt erlaubt!“, erklärte Angie mit schelmischem Grinsen.

„Aber wenn der kleine fette Mistkäfer dich sieht!“, sagte Babsi.

„Das hat sie schon!“

„Oh je!“, hörte sie Uschi von hinten besorgt sagen.

„Und, was hat sie gesagt?“, wollte Kathrin wissen.

„Nichts!“, sagte Angie.

„Nur grimmig geschaut hat sie!“

„Wie hast du das denn hingekriegt?“, fragte Conny, die das Szenario mitbekommen hatte.

„Ich gar nicht, aber meine Mutter!“

„Klasse!“, sagte Conny.

„Wisst ihr was?“, fuhr Conny fort.

„Nächste Woche Montag kommen wir alle in so einem Minikleid!“

„Seid ihr wahnsinnig?“, fragte Andrea, die inzwischen auch dazu gekommen war.

„Wir müssen das alle ausbaden!“

„Das heißt, du machst nicht mit?“.

„Nein! Nie im Leben!“

„Na gut, dir würde so ein Kleid wohl auch nicht so gut stehen!“, sagte Conny patzig zu der dicken Andrea.

„Kannst du rauskriegen, wo deine Mutter das gekauft hat? Dann besorgen wir welche für alle!“

„Echt, das würdet ihr tun?“

„Hey, du hast doch mit der Zahnpasta-Aktion auch hinter uns gestanden!“

„Das versteht sich doch von selbst!“

„Eben!“, gab Conny zurück.

Nach der Schule rief Angie sofort ihre Mutter an, die sich sofort dazu bereit erklärte, die Kleider für die Mädchen im Internat zu besorgen.

Sie war ja ganz froh über diesen Racheakt, damit sie nicht nur in ihren Hosen herumliefen.

Angie und Conny gingen nach dem Mittagessen von Zimmer zu Zimmer und klärten ab, wer mitmachte bei der Montagsüberraschung der nächsten Woche.

Alle aus ihrem Jahrgang waren dabei. Nur Andrea weigerte sich. Sie hätten sie aber auch nie und nimmer in so ein Kleid hineingebracht. Sie war einfach zu füllig. Sie erklärte sich aber bereit, eine ebenso pinkfarbene Kombination am Montag anzuziehen.

Uschi war ein wenig zögerlich, aber ihr Vater war ebenfalls froh, dass sie einmal etwas Frischeres trug und unterstützte somit die Aktion.

Vorsorglich zog Angie die ganze Woche nichts anderes mehr an, als ihr neues Kleid, dessen Anblick Schwester Adjuta nun ertragen musste, ob es ihr gefiel oder nicht.

Bereits am Donnerstag rief Angies Mutter ihre Tochter im Internat an.

Das Telefon läutete im Büro der Schwestern und Angie wurde aus dem Hausaufgabenzimmer zum Telefon ins Büro gerufen.

„Sag jetzt nichts weiter!“, sagte Angies Mutter sofort.

„Die Kleider sind eingetroffen und ich bringe sie dir heute Abend vorbei.“.

„Ja, danke!“, sagte Angie und legte den Hörer auf.

Als sie den Hausaufgabensaal verlassen durften, passte sie ihre Mitschülerinnen ab und unterrichtete sie von dem Eintreffen der Kleider.

„Wir ziehen sie aber erst am Montag an, wenn wir wiederkommen, bevor wir in die Schule gehen.“

Am Abend kam Angies Mutter, während die Kinder beim Essen im Speisesaal saßen und Schwester Berta unterrichtete Angie von ihrem Besuch.

Rasch brachten sie die Kleider in Angies Zimmer und stellten die große Tüte in Angies Kleiderschrank.

Ihre Mutter hatte jedes einzelne verpackt, damit nichts Pinkfarbenes aus der Tüte herausschaute und Angie verteilte die Kleider nach dem Abendessen.

„Bei euch geht es ja heute Abend zu wie im Taubenschlag!“, sagte Schwester Adjuta, die gerade die Türe betrat, als ein Teil der Mädchen noch auf den Betten, Tisch und Stühlen in Angies Zimmer saßen.

„Schön, dass ihr euch so schnell miteinander angefreundet habt.“. Sagte Schwester Adjuta und warf einen missmutigen Blick auf das Kleid, das Angie immer noch trug.

Wenigstens war es nur eine der Schülerinnen, die so unmöglich herum lief und deren Mutter das auch noch schön fand und sie rund laufen ließ, da sie es unmöglich fand. Die anderen Mädchen waren alle so schön dezent gekleidet. Warum musste ausgerechnet diese Angie wie ein Paradiesvogel herumlaufen. Und jetzt, wo sie den Kampf verloren hatte wegen der Mutter des Kindes, jetzt zog sie dieses abscheuliche Ding auch nicht mehr aus. Es war ein Segen, dass die anderen Mädchen nicht so herumliefen.

Am Wochenende fuhren alle Mädchen mit ihren Kleidern nach Hause und sie konnten das dumme Gesicht der Schwester am kommenden Montag gar nicht mehr erwarten.

Es war das erste Mal, seit Angie diese Schule und dieses Internat besuchte, dass sie sich auf den Montag freute.

Adjutas Schock am Montagmorgen

Angies Oma hatte ihr trotz aller Bedenken das Kleid über das Wochenende gewaschen und gebügelt und damit für den neuen Einsatz vorbereitet und stolz erschien sie am Montagmorgen erneut darin und stolzierte wie ein Model die Treppe ihres Elternhauses hinunter.

„Guten Morgen, Schwester Adjuta!“, sagte sie mit vornehmer Stimme und wackelte mit ihrer Hüfte.

Ihre Mutter musste lachen und selbst ihre Oma konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Wenn es Ärger gibt, rufst du mich aber an.“

„Na logisch!“, sagte Angie übermütig.

„Wo du den kleinen, dicken, fetten Mistkäfer doch so gut im Griff hast!“

„Aber Angie!“, sagte ihre Oma.

„Lass sie doch! Du hast die Frau ja noch nicht gesehen!“

„Aber das kann sie doch nicht sagen!“

„Bei uns schon. Zu ihr vielleicht besser nicht. Da kann ich dann auch nichts mehr ausrichten!“

„Keine Sorge!“, sagte Angie vornehm.

„Ich komme doch aus gutem Hause!“

Als sie im Internat angekommen waren, zwinkerte ihr ihre Mutter zu.

„Soll ich sicherheitshalber mitkommen?“.

„Musst du nicht! Sonst hetze ich dich wieder auf sie!“, lachte Angie.

„Schade!“, sagte ihre Mutter enttäuscht.

„Das Schauspiel hätte ich mir gerne angesehen!“

„Ich rufe dich in der großen Pause an und berichte!“, sagte Angie mit spitzem Mund und in überkandideltem Tonfall.

„Dann lebe wohl mein Kind!“, sagte ihre Mutter, die nun denselben Tonfall angeschlagen hatte.

Angie stieg aus dem Auto und schritt entschlossen auf die Türe des Internates zu, begrüßte Schwester Adjuta freundlich, die innerlich einen Schrei des Entsetzens ausstieß, dass dieses Kind schon wieder in dieser schrecklichen Kleidung erschien.

Noch als Angie die Treppe hinaufstieg, kam Conny durch die Türe.

„Guten Morgen, Schwester Adjuta!“, grüßte sie sehr freundlich und lief Angie über die Treppe hinterher.

Die beiden Mädchen sahen sich an und grinsten und als Schwester Adjuta ihnen folgen wollte, da sie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, trafen auch die restlichen Schülerinnen ihres Jahrganges nach und nach ein und Schwester Adjuta stand mit offenem Munde da und sah einem Mädchen nach dem Anderen hinterher und brachte nicht einmal ihr Montagmorgendliches Guten Morgen mehr hervor.

Im Flur zu ihren Zimmern trafen sie alle aufeinander und lachten schallend und als auch noch Andrea in pink eintraf, glaubte die Schwester in Ohnmacht fallen zu müssen.

„Schwester Berta!“, stammelte sie, als sie die Türe zu ihrem Büro öffnete.

„Was ist, Schwester Adjuta?“.

„Haben sie das gesehen?“, stotterte sie.

„Was denn?“.

„Die Mädchen!“, stotterte sie.

„Pink!“, stammelte sie.

„Alle pink in kurzen Röcken!“

„Schwester Berta sah ihre Kollegin verdutzt an.“

„Setzen sie sich, Schwester Adjuta!“.

„Setzen sie sich!“, wiederholte sie.

„Ist ihnen nicht gut?“.

„Pink!“, stammelte sie wieder.

Schwester Berta fächerte ihr ein wenig Luft mit einem Heft zu, das sie auf dem Schreibtisch zu fassen bekam und als sie sich ein wenig gefasst hatte, drückte sie ihr das Heft in die Hand, damit sie sich selbst die Luft zukommen lassen konnte und sie wollte der Sache auf den Grund gehen.

Pamela, ein Mädchen aus der höheren Klasse, war an der offen stehenden Türe des Büros vorbeigekommen und hatte die Schwester gesehen, die vollkommen fertig und immer noch nach Luft schnappend auf ihrem Stuhl hing.

„Was habt ihr denn mit der gemacht?“, fragte sie, als sie die Stimmen der Jüngeren hörte. Und als sie sie sah, konnte sie sich ihre Frage bereits selbst beantworten und grinste über das ganze Gesicht.

Da hatte auch Schwester Berta die Mädchen der siebten Klasse gefunden und als sie sie sah in ihren neuen pinkfarbenen Kleidern, konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Endlich einmal ein bisschen Farbe in unseren Räumen!“, sagte sie.

„Eine neue Schuluniform?“, fragte sie weiter.

„Na, dann werde ich einmal Schwester Adjuta weiter beleben.“, beschloss sie und ging wieder in Richtung der leidenden Kollegin nach unten und die Mädchen folgten ihr, da sie hinüber in die Schule mussten.

Doch da kam Schwester Adjuta, die inzwischen zu etwas Luft gekommen war aus dem Schwesternbüro gestürmt und schrie: „Ausziehen!“

„Alle ausziehen!“

Doch die Mädchen ignorierten sie und gingen über den Schulhof zur Schule.

Schwester Adjuta lief ihnen hinterher und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und Schwester Berta folgte ihr, um sie zur Ruhe zu bringen und um sie von einem Mord fernzuhalten.

Ihr wiederum folgten die beiden kräftig gebauten Küchenschwestern, die sie schließlich einholten und festhielten, doch Schwester Adjuta war nicht zu beruhigen.

Frau Hausmann, die Lieblingslehrerin der Klasse kam soeben in ihrem Beetle auf den Hof gefahren.

„Schick!“, sagte sie durch das geöffnete Fenster hinaus.

„Was ist denn mit der los?“, fragte sie weiter, als sie die aufgeregte Schwester Adjuta sah, die von drei anderen Schwestern gebändigt werden musste.

Den restlichen Tag wurde Schwester Adjuta nicht mehr gesehen. Die restliche Woche auch nicht.

Ein etwas anderes Picknick

Das vorübergehende Verschwinden von Schwester Adjuta hat noch zu vielen Gesprächsthemen geführt und war nicht nur Thema im Internat. Auch in der Schule.

In dieser Woche hatten sie alle Stoffe für den Handarbeitsunterricht besorgen müssen, da sie eine Schürze nähen sollten.

Angie hasste Schürzen. Sie hat noch nie eine getragen, wenn sie nicht musste und würde dies in Zukunft auch nicht tun. Aber der Hintergrund war wohl, da sie auf dieser Schule einen mathematischen und einen hauswirtschaftlichen Zweig hatten und wer zu schlecht in Mathe war, konnte für alle Ewigkeiten von diesem Fach befreit werden. Musste dafür aber in den Kochunterricht. Und wie sie von den älteren Schülerinnen erfahren haben, mussten sie dort die genähte Schürze tragen und ein Kopftuch.

Da Angie in Mathe immer sehr schwertat, blühte ihr wohl die Zukunft in Schürze und Kopftuch, doch das entschied sich erst Ende des Schuljahres. Sie hatte noch alle Chancen in dem verhassten Fach aufzuholen, um dem Fluch der Schürze und des Kopftuches zu entkommen.

Ihre Handarbeitslehrerin war Frau Richter. Sie gehörte zu den jüngeren Lehrern der Schule und musste in etwas Mitte dreißig sein. Sie hatte dunkle lange Locken und trug modische Kleidung, die sie wohl oft auch selbst genäht hatte. Sie hatte eine sehr angenehme, ruhige Stimme, die ihre Schülerinnen zur Ruhe kommen ließ, wenn sie viele fusselige Kleinarbeiten zu machen hatten.

Angie war nach den ersten Nähversuchen mehr mit Auftrennen, als mit Nähen beschäftigt. Aber irgendwann hatte sie es dann doch geschafft, dass die Teile, die sie zusammenbringen sollte, auch zusammenbleiben durften.

Ihre Oma predigte ihr schon immer laufend, dass sie eine alte Ruaschn sei.

Angie war eben ein Mädchen der Tat. Nicht der Theorie. Warum sollte sie erst lange überlegen, wie etwas gemacht werden sollte, wenn es dann in der Praxis vielleicht doch nicht so funktionierte, wie es ihr vorher logisch gewesen sei. Ausprobieren und wenn es nicht klappt noch mal.

Leider war das noch mal tun mit lästigen fusseligen Arbeiten verbunden, die meist noch sehr viel länger dauerten, als das Ausprobieren und Angie war alles andere als geduldig. Leider fand sich auch außerhalb ihres Zuhauses meist niemand, der diese Fusselarbeiten für sie übernehmen würde.

Fix und fertig kam Angie an diesem Tag zum Mittagessen im Internat, wo sie wieder von einem Gericht mit Kartoffeln erwartet wurde.

Den ganzen Tag fand sie die Ruhe nicht mehr, die sie beim Auftrennen ihrer ersten Arbeiten an der Schürze gelassen hatte. Dafür kam Aber Kathrin mit dem perfekten Plan.

„Wir gehen heute, wenn wir Ausgang haben Knabbereien und machen heute Nacht eine Party! Wollt ihr auch mitmachen?“

„Au ja, das ist eine tolle Idee.“

„Super! Dann putzt ordentlich, dass wir rechtzeitig hier rauskommen und macht keinen Mist, damit wir keine Ausgangssperre bekommen!“

In rasender Eile putzten die Mädchen ihre Zimmer und da Schwester Adjuta zu lange nicht kam, gingen sie die Schwester holen.

„Ihr seid heute aber schnell!“, stellte die Schwester verwundert fest und die Schülerinnen sahen sie mit Unschuldsmiene an.

Nachdem Schwester Adjuta dieses Mal nichts zu bemängeln hatte, machten sie sich ruck zuck aus dem Staub und trafen sich vor dem nächstgelegenen Supermarkt wieder. Sie verließen das Internat in kleinen Grüppchen, damit die Schwestern keinen Verdacht schöpfen konnten.

Im Supermarkt kauften sie Chips, Flips, Nüsse, Schokolade und Cola. Kathrin blieb vor einem Regal stehen mit Getränkedosen und rief: „Bier!“

„Kathrin, lass das!“, mahnte Babsi.

„Wir kriegen den größten Ärger, wenn sie das rauskriegen!“

„Ihr braucht ja nicht!“, entgegnete diese forsch und packte ihr Bier zu den in ihrem Arm liegenden Tüten.

In kleinen Grüppchen schlenderten sie wieder zurück zum Internat und verstauten ihre Einkäufe gleich in Connys Kleiderschrank, damit Schwester Adjuta nicht von dem Rascheln der Tüten wach würde.

„Dein Bier versteckst du selber!“, sagte Conny bestimmt.

„Ich habe keine Lust, Ärger wegen Bier zu bekommen, wenn sie das bei mir finden!“

„Dann bringe ich es halt heute Abend mit!“

Den restlichen Tag waren sie sehr aufgeregt und als Schwester Adjuta das Licht löschte und ihnen das Weihwasser ins Gesicht gespritzt hat, gingen die Mädchen abwechselnd im halbstündlichen Takt zur Toilette um festzustellen, wann die Schwester ihren Wachgang endlich beendet hatte.

Um Mitternacht war es dann endlich soweit.

Uschi schnarchte schon und war nicht mehr wach zu kriegen. Babsi und Angie teilten sich auf und holten die anderen Mädchen aus ihren Betten.

Andrea gähnte auch nur und konnte sich nicht mehr aufrappeln, so fest hatte sie geschlafen, aber Tanja und natürlich auch Kathrin schlossen sich Angie selbstverständlich an.

Sie setzten sich auf die Betten in Connys, Ulrikes und Violas Zimmer und öffneten ihre Chipstüten und Kathrin ließ den Verschluss ihrer Bierdose zischen.

„Prost!“, flüsterten die anderen und hielten ihr ihre Coladosen entgegen.

Kathrin nahm einen großen Schluck aus ihrer Bierdose und rülpste.

„Post!“, sagte sie noch einmal.

„Sei leise!“, sagte Ulrike.

Da bekam Kathrin einen Lachanfall, der nicht mehr enden wollte.

„Sei sofort ruhig!“, ermahnte Ulrike sie erneut.

„Sonst kannst du gleich abhauen!“

Doch Kathrin hörte nicht mehr auf zu lachen und auf dem Flur hörten sie die Tür von Schwester Adjuta.

Ulrike hielt Kathrin den Mund zu und die anderen räumten schnell die Chips-Tüten zusammen und beförderten diese mit einem Schups unter die Betten.

„Geht mal einer schauen, ob die Adjuta noch da ist!“, sagte Angie.

„Ich kann schlecht gehen, da sie sofort merken würde, dass ich im falschen Zimmer bin.

„Ich kann nicht!“, sagte Ulrike.

„Die kann man ja nicht mehr loslassen!“

„Ich gehe!“, beschloss Conny.

„Seid bloß still!“

Conny schlich aus dem Zimmer, grüßte Schwester Adjuta und ging zur Toilette.

Als sie zurückkam, war die Luft wieder rein. Babsi und Angie schlichen rasch zurück in ihre Zimmer und sprangen in ihre Betten. Tanja lag auch schon wieder in ihrem Bett. Nur Kathrin wollte nicht gehen.

„Komm, jetzt hau ab!“, sagte Ulrike.

„Nein!“, beschloss Kathrin.

„Noch ein Bier!“

„Es gibt kein Bier mehr! Verschwinde und geh ins Bett!“

„Noch ein Bier!“.

„Dann bleibst du eben hier! Aber halte die Klappe!“

Ulrike, Viola und Conny stiegen wieder in ihre Betten und versuchten zu schlafen. Doch Kathrin dachte im Traum nicht daran, in ihr Bett zu gehen.

„Mann, seid ihr langweilig!“.

Doch es überkam sie wieder ein Lachanfall und sie warf sich auf Violas Bett, das genau an der Türe stand.

Es dauerte nicht lange, bis Schwester Adjuta mit ihrem fahlen Haar und ihrem groß geblümten Bademantel in der Tür erschien und das Licht anknipste.

„Was machst du denn hier!“, fragte sie wütend.

„Wer?“, fragte Kathrin und sah sich im Zimmer um.

„Die wohnen hier!“, erklärte sie der Schwester belustigt.

„Du aber nicht!“, sagte Schwester Adjuta und packte Kathrin am Arm und ein leichter Alkoholdunst zog ihr in die Nase.

„Hast du Alkohol getrunken?“

„Nein!“, sagte Kathrin.

„Nur Bier!“

„Dann ging sie zu jedem der anderen Mädchen und machte eine Geruchsprobe. Konnte aber keinen weiteren Alkoholdunst feststellen.

„Sofort in dein Zimmer!“, sagte sie und Kathrin trottete missmutig in die Richtung ihrer Zimmertüre.

„Spielverderberin!“, sagte sie zu Schwester Adjuta und diese gab ihr einen Klaps auf ihren vorlauten Mund.

Die restliche Nacht verbrachte Schwester Adjuta vor Kathrins Zimmertüre und beim kleinsten Mucks riss sie die Zimmertüre auf und sah Kathrin mit strafendem Blick an.

An eine Fortsetzung der Party war nun nicht mehr zu denken. Sie mussten sie wohl in der kommenden Woche fortsetzen. Ohne Kathrin und ohne Bier. Und Kathrin erhielt für einen ganzen Monat Ausgangssperre.

Rollerbladen

In der Klasse haben sich zwei Lager gebildet. Das eine war das Lager der Internatsschülerinnen, da diese die ganze Woche über gefangen waren und die Freizeit miteinander verbringen mussten, ob sie wollten oder nicht und das andere Lager war das der externen Schülerinnen, die jeden Morgen kamen und das Schulgelände nach Schulschluss auch wieder verlassen durften. Diese konnten sich nach der Schule treffen, sich gegenseitig besuchen und miteinander verschiedenstes unternehmen, was mit den Schülerinnen des Internates einfach nicht möglich war.

Die Hauptclique, in der jeder der Schule dabei sein wollte bestand aus Shriley, Ines, Renate, Sandra, Valeria und einer anderen Anita als der, neben der Angie saß.

Shirley war schlank, groß und zwei Jahre älter, als ihre Mitschülerinnen, da sie bereits zweimal sitzen geblieben war.

Anita und Valeria waren ein Jahr älter als Angie und sahen wie Shirley aus, als wären sie soeben einem Modemagazin entstiegen.

Ines, Renate und Sandra waren in Angies alter und gehörten der Clique der Schönen, wie Angie sie insgeheim nannte an.

Shirley war schlank, groß und hatte langes, lockiges blondes Haar. Sie war sehr modern gekleidet und trug oft Miniröcke und Schuhe mit Absatz und war immer gut geschminkt.

Valeria und Anita waren genauso gut geschminkt und modern gekleidet. Das pure Gegenteil waren Ines, Renate und Sandra. Sie waren recht einfach gekleidet, hatten aber ein nettes Wesen, welches ihr einfaches Aussehen wieder ausglich.

Angie hatte durch ihren Streich mit den pinkfarbenen Minikleidern großes Aufsehen in der Clique erweckt und immer öfter stand sie mit der Clique der Externen in der Pause zusammen.

„Hast du Lust, mit zur Bladenight zu kommen?“, fragte Shirley.

Angie war erstaunt und erfreut zugleich, dass ausgerechnet Shirley sie fragte, ob sie etwas mit ihnen am Wochenende unternehmen wollte.

Sofort nach der Schule rief sie ihre Mutter an, um sie um Erlaubnis zu bitten.

„Die Bladnight?“, fragte Angies Mutter.

„Ja, bitte! Die ganze Stadt fährt mit ihren Rollerbladern durch ganz München. Sie starten am Hauptbahnhof und fahren über die ganze Leopoldstraße.“

Angies Oma war immer sehr ängstlich und hatte ihre Mutter mit ihrer Angst bereits vollkommen angesteckt und sie dachte an all die vielen Menschen. Die Teenager und Jugendlichen und was alles in der Zeitung geschrieben stand, was den jungen Leuten alles zustieß.

„Nein!“, sagte sie prompt.

„Aber warum denn nicht?“.

„Weil ich dich am Freitag abhole und wir das Wochenende alle zusammen verbringen.“

„Aber Mami!“

„Keine Widerrede! Du wirst nicht dabei sein!“

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass ihre Tochter vor kurzem vierzehn Jahre alt geworden ist und dass es viel zu früh war, dass sie Verabredungen wahrnahm.

Sie wollte, dass Angie ihre Schule beendete. Sie war so sprunghaft und wollte immer überall dabei sein. Sie musste dem einfach Einhalt gebieten. Je früher sie beginnen würde auszugehen, umso früher würde sie die Schule noch mehr vernachlässigen und ihren Kopf bei anderen Dingen haben. Sie musste es hinauszögern so lange sie konnte.

Am nächsten Tag ging Angie zu Shirley und erklärte ihr, dass ihre Mutter ihr nicht erlaubt hatte, mit der Clique zur Bladenight zu gehen.

Sie war sich nun sicher, dass sie nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten, wenn sie so eine spießige Mutter hätte und nichts dürfte.

Die Clique bedauerte, dass Angie nicht mitkonnte, denn sie mochten sie. So blieb es dabei, dass sie sich in den Pausen auf dem Schulhof trafen und montags berichteten sie, was sie an den Wochenenden alles unternommen hatten und unter der Woche trafen sie sich abends in einer Eisdiele, die genau zwischen der Schule und Angies Zuhause lag.

Sie besprachen die News aus den neuesten Modezeitschriften und versorgten Angie damit. Doch als Schwester Adjuta diese Zeitschriften bei Angie fand, konfiszierte sie diese sofort. Das sei kein Lesestoff für junge Mädchen. Sie sollte ein gutes Buch lesen und nicht einen solchen Schund.

Wieder war ein Gespräch zwischen Angies Mutter und Schwester Adjuta überfällig und sie erklärte ihr, dass auch diese Mädchenzeitschriften zu der Entwicklung eines Teenagers gehörten und Angie las die Zeitschriften nun ganz offiziell.

Der Elternsprechtag

Nachdem endlich der Sommer angebrochen war, vergnügten sich die Externen jeden Nachmittag in dem nahegelegenen Freibad. Die Internatsschülerinnen hätten sich auch so sehr eine kleine Erfrischung gewünscht. Aber es blieb ihnen nur der Park des Internats. Der so genannte Kreuzweg.

Da sie bei den hohen Temperaturen des Sommers nicht in dem muffigen Internat herumhängen wollten, besahen sie sich den Park nun ein wenig genauer.

Zu Beginn des Weges war ein Gemüse- und Kräutergarten der Nonnen, der eingezäunt durch hohe Hecken vom restlichen Park abgetrennt waren.

Endlich wusste Angie, warum es dauernd Kartoffeln gab. Die wurden wohl von den Nonnen selbst angepflanzt und in der großen Klosterküche verarbeitet.

Als man um die Ecke bog, gelangte man auf den Sportplatz der Schule. Dort befand sich eine Laufstrecke und ein Sandkasten zum Weitspringen. Daran vorbei führte ein Kiesweg, der um das gesamte Grundstück führte und in regelmäßigen Abstanden befanden sich Kreuze vor einem Bild, auf denen der Leidensweg Christi abgebildet war. Dort mussten die Nonnen immer wieder herumlaufen und an den einzelnen Stationen halt machen und ihre Gebete rauf und runter beten.

Das Grundstück war mit einem hohen Holzzaun umringt, der mindestens drei Meter hoch gewesen sein musste und darüber befanden sich Stacheldrahtrollen, wie Angie sie nur an dem Gefängnis gesehen hatte, das in der Nähe des Friedhofes lag, auf dem ihr Opa beerdigt war, den sie allerdings nie kennen gelernt hatte, da er vor ihrer Geburt gestorben war.

Schon als sie klein war, hatte sie beängstigte Blicke auf diese großen Stacheldrahtrollen geworfen und gehofft, dass sie nie hinter solchen Zäunen leben musste.

Jetzt tat sie es. In einem Knast, den man ganz speziell für Schüler eingerichtet hatte und der sich Internat schimpfte.

Inmitten des Parks befand sich eine große Wiese und an einem Ende grünten die Apfelbäume.

Nach Angies Empfinden hätten sie noch genug Platz für einen Pool für die armen benachteiligten Internatsschülerinnen gehabt. Aber Schwester Adjuta betonte immer wieder, dass sie sich in einer Lernanstalt und keinem Vergnügungspark befänden, was die Schülerinnen im Allgemeinen allerdings sehr bedauerten.

Aufgrund der Temperaturen hatte Frau Peters, die Sportlehrerin sie am nächsten Tag nach draußen gescheucht.

Frau Peters war eine Frau Mitte dreißig mit dunklen langen Locken und ihrem Beruf entsprechend sportlich gekleidet. Angie konnte sie auf den Tod nicht leiden und genoss es, die Mädchen bei den hohen Temperaturen den Kreuzweg, der einen Kilometer lang war zu scheuchen und wenn sie sah, dass Angie langsam wurde, ermahnte sie sie, dass sie sich anstrengen müsse, doch Angie hielt nur ihren Bauch. Doch das interessierte Die Sportlehrerin noch viel weniger.

Angie trug ihren neuen türkisfarbenen Gymnastikanzug, auf den sie sehr stolz war und als sie sich vor Bauchschmerzen auf dem Laufplatz krümmte, als sie sich dort zum Ausruhen hinsetzen durften, machte Babsi Angie auf einen großen roten Fleck in ihrem Schritt aufmerksam.

Gerade, als die Sportlehrerin Angie wieder piesacken wollte, fragte Babsi: „Können sie die Angie nicht einmal in Ruhe lassen? Die hat gerade ihre ersten Tage gekriegt!“

Grimmig schickte Frau Peters Angie zum Umziehen.

Glücklicher Weise gab es bei Schwester Adjuta im Büro einen kleinen Vorratsschrank an Binden für solche Zwischenfälle, denn in diesem Alter waren die Mädchen noch nicht auf das Eintreten ihrer Periode vorbereitet.

„Geh dich waschen!“, sagte Schwester Adjuta streng.

„Kann ich nicht duschen, bitte?“

„Wir haben keine Duschen!“

„Aber ich habe doch welche gesehen, als ich kürzlich im Keller nach Ihnen suchen musste!“

Zähneknirschend gestattete es die Schwester.

Als die anderen Mädchen des Internates nach Angie sehen kamen, haben sie sie gesehen, wie sie im Bademantel und nassen Haaren aus dem Keller kam und haben Schwester Adjuta ebenfalls drangsaliert, dass sie sie duschen ließ.

„Aber nur dieses eine Mal!“, hatte sie gesagt und sich mit dieser Aussage sehr getäuscht.

Angie bat nun jeden Morgen darum, unter die Dusche zu dürfen und als Schwester Adjuta es nicht erlauben wollte, hat sie ihr wieder ihre Mutter auf den Hals gehetzt, bis sie alle duschen durften, wann immer sie wollten.

Was für eine Sauerei das sei, hatte ihre Mutter gefragte.

Wenn sie sich nie duschen würde, wäre das eine Sache, aber sie könne den Mädchen die Körperpflege nicht verweigern.

Dann haben sie gedurft.

Alle.

In der kommenden Woche sollte der Elternsprechtag stattfinden und im Biologieunterricht fragte Frau Fischer scharf: „Wird deine Mutter kommen?“

„Kommen wird sie schon, aber ob sie zu ihnen kommt, das weiß ich nicht!“

„Sei nicht so frech!“, forderte Frau Fischer sie auf.

„Aber ich habe doch nur gesagt, ich weiß nicht, ob sie zu ihnen kommt!“, sagte Angie verständnislos.

Doch Frau Fischer hatte ihre Aussage abwertend auf ihre Person aufgenommen und hatte nun erneut Gründe, gegen Angie im Lehrerkollegium zu wettern.

Sie schien sich inständig zu wünschen, dass Angie das Klassenziel nicht erreichen würde und sie die Schule verließ. Jedenfalls gab sie ihr die Noten so schlecht, wie sie nur konnte und als sie Angie einmal beim Abschreiben erwischt hatte, war sie bei ihr ganz unten durch.

Wie Frau Fischer das bemerken konnte, das war ihr bis heute noch ein Rätsel, zumal Frau Fischer ganz hinten im Klassenzimmer stand und sie ganz vorne saß und sie hatte lediglich ihre Augen verdreht. Diese Frau musste Röntgenaugen haben.

Zum Elternsprechtag freuten sich die Internatsschülerinnen, dass sie vorher und nachher ihre Eltern noch sehen konnten aber waren trotz allem beunruhigt, was die Lehrer über sie berichten würden.

Jedenfalls wollte Angies Mutter der Sportlehrerin eine Abreibung verpassen, da sie Angie immer so piesackte.

Unerwarteter Besuch

Der Elternsprechtag war gut verlaufen und Lehrer konnten den Eltern die Meinung über ihre Schülerinnen und Eltern konnten über die Lehrer gegenseitig an den Kopf werfen. Es war auch für die Schülerinnen ausreichend für Gesprächsthema gesorgt und als sie am nächsten Abend beim Abendessen saßen, sahen sie die Köpfe von ein paar Jungs am Fenster des Speisesaales erscheinen.

Es war den Mädchen ein Rätsel, wie sie sich den Weg durch die Zäune und den Stacheldraht bahnen konnten.

Sie hatten Fotoapparate dabei und machten Fotos von den Mädchen, wie sie beim Essen saßen.

Angie überlegte, ob es sich um eine Mutprobe handelte, die sie zu bestehen hatten, oder ob es Verehrer der älteren Schülerinnen waren.

Die Mädchen kreischten und lachten ausgelassen.

Die Schwestern waren gerade außerhalb des Speisesaales. Doch durch das Kreischen und Lachen wurden sie angelockt und wollten für Ruhe und Ordnung sorgen und noch bevor die Jungen und Mädchen die Schwestern entdecken konnten, robbte sich Schwester Adjuta auf ihrem speckigen Bauch auf dem Boden unter den Fenstern zu dem Fenster vor, vor welchem die Jungs mit ihren Fotoapparaten standen.

Als sie das Fenster erreicht hatte, kniete sie sich hin und sprang in die Höhe und zeigte den Jungs einen Vogel.

Die Jungen haben einen ganz schönen Schrecken bekommen und der Schrecken stand ihnen noch in das Gesicht geschrieben.

Noch während sie versuchten, sich von ihrem Schrecken zu erholen, kamen die drei Küchenschwestern mit Schwester Berta geschlichen und packten die Jungen an ihren Ohrwascheln, noch bevor sie sich aus dem Staub machen konnten.

Trotz der Dunkelheit konnte man die roten Gesichter der Jungen erkennen.

Sie hatten sich einen Spaß machen wollen und nun wurden sie abgeführt von vier Klosterschwestern.

Wehren konnten sie sich nicht, denn die Küchenschwestern waren mindestens genau so dick wie Schwester Adjuta und gegen diese Gewichtsklasse konnten sie einfach nicht ankommen.

Am nächsten Tag erzählten sie von den Erlebnissen des vergangenen Abends in der Schule und wie sich herausstellte, wollen ein paar der Externen für ein wenig Abwechslung in der Einöde des Internates sorgen.

Schließlich sollten die Armen auch einmal etwas erleben.

Den Jungen war zum Glück nichts weiter geschehen, als die dicken Schwestern sich auf sie stürzten. Sie haben sie vor das Schultor geführt und Schwester Berta hatte ihnen eine Predigt gehalten und ihnen mitgeteilt, dass ihr Erscheinen hier nicht erwünscht war.

Noch eine Ewigkeit bis zu den Ferien

Die Zeit vor den Sommerferien schien gar nicht vorüber gehen zu wollen und Frau Richter hatte in der Hitze der Tage beschlossen, die Mädchen noch ein wenig mit Werkzeug und Holz vertraut zu machen. Sie sollten eine Marionette basteln und deren Köpfe aus Pappmaché formen. Die Körper wurden aus Holzstäben geformt und mit Ösen und Haken verbunden.

Das Stück, das Frau Richter zeigte, sah zwar ganz lustig aus, aber wie sollten sie das hinbekommen?

Die anderen Mädchen hatten wenigstens Väter mit Werkbänken, die schon einmal etwas bastelten oder am Haus reparierten. Da konnten sich ihre Töchter etwas von ihnen abschauen.

Angies Mutter und ihre Oma mussten den Handwerker rufen, wenn es etwas in diese Richtung zu tun gab.

Doch bei der Ausführung des Einkleidens waren sie ja schon ein wenig geübt, da sie die Kleidung der Puppen nähen sollten.

Sie begannen mit dem Formen der Köpfe aus Pappmaché. Hierzu vermischten sie altes Zeitungspapier mit Kleister. Das sollte den Kopf der Marionette bilden.

Angie hatte sofort beschlossen, dass sie Schwester Adjutas Ebenbild fertigen würde und diese anschließend mit einer scheußlichen Nonnentracht einkleiden. Eine kleine, dicke, hässliche Marionette. Diese würde sie ihr dann auch schenken, denn so etwas Kleines, dickes, Hässliches wollte sie nicht aufbewahren.

Aus Zeitungspapier hatten sie schließlich die Kopfform gebildet und aus Gips sollte das Gesicht der Puppe geformt werden, doch es gelang ihr nicht, ein so speckiges kleines Gesicht zu modellieren.

Ihr Gesicht wurde klein und hager mit einer spitzen Hakennase.

Wenn sie eine Nonne hätte formen wollen, dann wäre das eher das Ebenbild von Schwester Berta geworden, doch diese mochten Angie zu gerne, als dass sie diese in einer hässlichen kleinen Marionette verewigen wollte.

Lange betrachtete sie ihr Werk und beschloss, dass es doch eher einem Gespenst ähneln würde, als einer Nonne.

So bemalte sie ihren Kopf mit hellblauer Farbe und klebte auf dessen Haupt graue, lange Wollfäden als Haar.

Und als sie in den nächsten Handarbeitsstunden das Skelett für ihre Marionetten fertigten, nähte sie ihrem Gespenst ein weißes Hemd.

Dann verbanden sie die Puppe mit dem Handkreuz mit Perlonfäden und betrachteten ihr Werk.

Angie quälte immer noch die Enttäuschung. So gerne hätte sie die kleine dicke Adjuta an ihren Fäden tanzen lassen. Stattdessen baumelte ein kleines blaues Gespenst mit kantigem Gesicht an ihren Fäden

Dann kam Frau Richter mit ihrem Notenheft durch die Reihen.

Sie war von Angies Gespenst so beeindruckt, dass sie ihr tatsächlich eine Eins verpasste.

Gut, dass sie nicht wusste, was Angie ursprünglich vorhatte, in dieser Puppe zu verkörpern. Da wäre wohl eher ein Verweis wahrscheinlicher gewesen, als die Note eins.

Uschi verliebt sich

Die Sommerferien nahten nun und waren nicht mehr aufzuhalten. Jede Woche sehnten die Schülerinnen sie mehr herbei.

Eines Abends teilte Schwester Adjuta nach dem Abendessen mit, dass es nun nichts mit der Freizeit am Abend würde.

Sie bereiteten einen Besinnungsabend mit viel Mühe vor, den außer ihnen nur sonst keiner der Schüler wollte.

Bei dieser Gelegenheit stellten sie den neuen Kaplan vor, der dem Pfarrer der Gemeinde zur Hand gehen sollte, da er schon sehr alt und gebrechlich war und dass die Schwestern des Klosters sich nicht nach ein paar Jahren schon wieder an einen neuen Pfarrer gewöhnen mussten, der aus Altersgründen irgendwann verstarb, hatte er sich einen ganz jungen an Land gezogen.

Der Kaplan war sehr jung, sehr schlank und sehr gutaussehend, was selbst Angie aufgefallen war. Er hatte dunkles volles Haar und blaue Augen.

Nett war er auch noch und das machte den Besinnungsabend doch noch einigermaßen erträglich.

Abends, als Conny noch etwas von Schwester Adjuta benötigte und diese die Mädchen bereits in ihren Zimmern vermuteten, platzte sie in das Büro von Schwester Adjuta und erwischte sie mit einem Fernglas in der Hand.

Schwester Adjuta schrak zusammen, als Conny ihr Büro betrat.

In diesem Moment kam auch Schwester Berta herein und sah das Fernglas in der Hand der Schwester.

„Schwester Adjuta!“, sagte diese empört.

Conny sah in die Richtung, in welche Schwester Adjuta zuvor ihr Fernglas hielt und sah, dass es genau auf das Gebäude neben der Kirche gezeigt hatte.

Conny hielt es für taktvoll, das Büro zu verlassen und die Schwestern alleine zu lassen.

Eiligen Schrittes lief sie hinauf in den Flur, wo sich ihre Zimmer befanden.

„Schnell, kommt raus!“, rief sie.

„Das müsst ihr hören!“

Eine Zimmertüre öffnete sich nach der anderen und die Schülerinnen steckten ihre Köpfe durch den Spalt.

„Adjuta steht mit dem Fernglas vor dem Fenster und schaut dem Kaplan zu, wie er sich auszieht!“

Die Mädchen lachten schallend und hatten sich immer noch nicht beruhigt, als Schwester Adjuta die Treppe heraufkam, um ihre Schülerinnen in ihre Betten zu stecken. Sie hatte einen hoch roten Kopf. Ihr war klar, dass die Mädchen sich den Mund über sie zerrissen und Schwester Adjuta musste sie auch bereits Rechenschaft ablegen.

Sie hatte ihr erklärt, dass sie ein Geräusch gehört hätte und die Jungen wieder auf dem Gelände vermutet hatte und die gutgläubige Schwester hatte ihr natürlich geglaubt. Doch die Mädchen hatten ihre Meinung vorgefasst und sie wusste aus Erfahrung, dass sie diese auch nicht mehr ändern würden.

Nachdem Schwester Adjuta Babsi, Uschi und Angie mit Weihwasser bespritzt hatte und ihr Zimmer wieder verlassen hatte, flüsterte Uschi: „Warum macht die Adjuta denn so was?“

„Der Kaplan gefällt ihr halt!“, sagte Babsi kühl.

„Der ist ja auch süß! Findet ihr nicht?“

„Oh nein!“, sagte Babsi.

„Unsere Uschi hat sich verliebt!“

Angie kicherte und zog sich die Decke über den Kopf.

Dass Uschi die erste war, die sich verlieben würde, das hätte sie nie gedacht. Und dann auch noch in einen Kaplan. Ein Mann, der später Pfarrer würde. Noch dümmer konnte sie es nun wirklich nicht treffen.

Vorbereitung für das nächste Schuljahr

Nun war der Tag gekommen, an dem sich die Schülerinnen entscheiden mussten, ob sie den hauswirtschaftlichen oder den mathematischen Zweig wählen wollten.

Ein Dasein in Schürze und Kopftuch oder mit unerklärlichen Zahlen.

Angie fiel die Entscheidung, nie mehr Mathe haben zu müssen leicht. Mit dem Gedanken an Schürze und Kopftuch konnte sie sich jedoch nicht anfreunden.

Den Schülerinnen, die gute Noten in Mathe hatten, brauchten diese Entscheidung nicht zu treffen. Sie taten sich leicht mit dem Zahlengewirr, das ihnen ihre Mathematiklehrerin täglich um die Ohren haute. Doch die Mathelehrerin hatte die Befürchtung, dass  Angie dem Stoff spätestens in der neunten Klasse nicht mehr folgen könnte und riet ihr ab, das Fach weiter zu belegen.

Ob sie in der nächsten Klasse als erstes ein Kopftuch zu nähen bekamen?

Die Klassen sollten komplett zerrissen werden. Nicht mehr nur nach externen Schülerinnen und derer, die ihr Dasein im Internat fristeten. Es würden zusätzliche Lager geschaffen unter den Internatsschülerinnen und den Externen, doch sie wollten gerne so zusammenbleiben, wie es auch in diesem Schuljahr der Fall war.

So teilten sie ihre Entscheidungen den Lehrern mit und waren gespannt, was sie im nächsten Jahr erwarten würde.

Uschi und Babsi waren gut in Mathe und kamen um die Kopftuchstunde herum.

Sie würden auch ihre Zimmer wohl nach dieser neuen Struktur aufteilen müssen. Dabei durften sie sich allerdings aussuchen, mit wem sie es teilen würden.

Da Kathrin und Tanja eben so schlecht in Mathe waren wie Angie, haben sie beschlossen, gemeinsam in ein Zimmre zu ziehen.

Ulrike, Conni und Viola blieben zusammen in einem Zimmer, wie gehabt, da sie auch alle Mathe weiter büffeln würden und Andrea nahm den Platz bei Uschi und Babsi ein.

Dann bekamen sie ihre Zeugnisse und durften die Schule schon früh verlassen.

Nur die Schülerinnen des Internats mussten sich noch den halben Nachmittag in ihrem Verlies um die Ohren hauen, bis ihre Eltern sie endlich abholen kamen.

„Tschüss!“, rief Angie, als ihre Mutter auf das Schulgelände fuhr.

„Schöne Ferien!“, riefen ihr die anderen hinterher, die noch auf ihre Eltern warteten.

„Euch auch!“

Und sie ergriff ihren Koffer und ihren Sack mit Bettdecke und Kissen, das sie über die Sommerferien mit nach Hause nehmen mussten und war froh, das Internatsgefängnis für sechs Wochen hinter sich lassen zu dürfen.

Nachdem Angies Mutter ihre Tochter begrüßt hatte fragte sie: „Was möchtest du in den Ferien als erstes tun?“

„Schnell nach Hause!“, sagte sie und ihre Mutter ließ den Motor aufheulen und fuhr schnell mit ihrer Tochter vom Schulgelände herunter und beeilte sich, sie endlich nach Hause zu bringen. Doch insgeheim war Angie doch neugierig, was sie im nächsten Schuljahr alles erleben wird …